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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Bergengruen, Werner

Schriftsteller

* 1892, 16.09.
Riga/Livland

† 1964, 04.09.
Baden-Baden

Zum 65. Geburtstage Werner Bergengruens rühmte sein Freund Reinhold Schneider an ihm den folgerichtigen Aufbau des Werkes, „ein großer Sieg des Künstlertums und des Geistes und zugleich des Menschen. – Werner Bergengruen hat den innersten Gehalt seiner Epoche: Furcht und Zuversicht, Anfechtung und Glaube, das Verhältnis zwischen Recht, Ordnung, Gnade; Konflikt und Zusammenspiel des Westens mit dem Osten, des Christentums mit uralter Überlieferung, des Menschen mit dem Kosmos in Form gefaßt, bewältigt.“

Der aus dem Baltikum stammende Arztsohn nahm nach Studien der Theologie, Germanistik und Kunstgeschichte an den Universitäten Marburg, München und Berlin als Leutnant am Ersten Weltkrieg teil; er kämpfte als Kornett in der Baltischen Landwehr. Danach wirkte er als Journalist in Berlin. Seine schriftstellerische Laufbahn eröffnete er mit seinem Roman Das Gesetz des Atum (1923). Ein tiefer Einschnitt mit gravierenden Folgen für seine weitere literarische Arbeit bedeutet die von ihm 1936 vollzogene Konversion vom lutherischen Bekenntnis zum Katholizismus – und die damit verbundene Abgrenzung vom Nationalsozialismus, zu dem er in eine immer entschiedenere Opposition trat. Bergengruens Haltung ist durch viele Berichte aus seinem Freundeskreis bezeugt, zu dem neben Reinhold Schneider, Jochen Klepper (der in seinen Tagebüchern davon Kunde gibt), Rudolf Alexander Schröder, Kurt Ihlenfeld und andere Autoren gehörten. Es waren die Jahre der „inneren Emigration“, in denen Bergengruens Sprache zugleich zu einem Ausdruck einer zwar verhüllten, dennoch aber sehr intensiven Opposition gelangte – wohl am stärksten in einem seiner reifsten Werke Der Großtyrann und das Gericht (1935). In diesem Werk sprach Bergengruen von den Verirrungen und den Freveln der Zeit, „von den Versuchungen der Mächtigen und von der Leichtverführbarkeit der Unmächtigen und Bedrohten“, derart, „daß unser Glaube an die menschliche Vollkommenheit eine Einbuße erfahre“. Und es heißt weiter: „Vielleicht, daß an seine Stelle ein Glaube an des Menschen Unvollkommenheit tritt; denn in nichts anderem kann ja unsere Vollkommenheit bestehen als eben in diesem Glauben.“ Geschichte wurde zu einem Medium, um die großen Gefährdungen des Menschen im Gegenwärtigen deutlich zu machen, den Terror und die Rechtsbrüche, den Rassenwahn und die äußersten Verstrickungen eines in Wahnideen verirrten Volkes. Der Dichter, der 1937 aus der „Reichsschrifttumskammer“ ausgeschlossen wurde, hat 1961 im Rückblick zu seinem „Großtyrann“ bekannt, daß er ihn mit „klarem Blick als ein Kampfmittel an der Front des geistigen Widerstandes eingesetzt“ habe. „Denn plötzlich“, so Bergengruen, „hatte die geplante Rahmenhandlung eine unheimliche, eine fürchterliche Aktualität. Jetzt verstand es sich von selbst, daß mein Buch nach der Antwort nicht nur auf immer anpochende Menschheitsfragen, sondern auch auf die konkreten Fragen der deutschen Gegenwart zu suchen hatte … und unter solchem Aspekt will auch der ,Großtyrann‘ betrachtet sein.“

Bergengruens Roman Am Himmel wie auf Erden (1940), der verboten wurde, behandelt die gleiche Thematik – und erweist sich auch heute noch als relevant, da der Mensch ja weitgehend in der polaren Situation zwischen der Transzendenz und der Gebundenheit an die Bedingtheiten und Ansprüche seiner Natur verblieben ist: „Es ist die Konfrontation des Menschen mit seinem Schicksal …“ Im letzten Kriegsjahr gingen Verse aus seinem Gedichtzyklus Dies irae – ähnlich wie Reinhold Schneiders Sonette – von Hand zu Hand – um Leidgeprüfte zu trösten, Gebeugte aufzurichten: „Ich kam als Gefangener, als Tagelöhner,/ verschleppt und verkauft, von der Peitsche zerfetzt,/ Ihr wandtet den Blick von dem struppigen Fröner,/ Nun komm ich als Richter. Erkennt Ihr mich jetzt?“ (Die letzte Epiphanie) Bergengruen war 1936 nach München gezogen und nach dem Verlust seines Hauses in Solln bei München durch Bombentreffer nach Achenkirch in Tirol übergesiedelt. 1946 mit Hilfe von Freunden nach Zürich gekommen, lebte er seit 1958 in Baden-Baden.

Bergengruens Werk ist der Tradition verpflichtet, unauflöslichen Werten eines antik-humanistischen Ethos, einer Mitte, die in Christus gipfelt. Sein umfangreiches, in der Tiefe der Aussage eigentlich bis heute nie recht gewürdigtes und auch verstandenes Werk gehört mit zum Besten, was das deutsche Schrifttum unseres Jahrhunderts auszeichnet. „Bergengruens künstlerische Formen gehören zu den strengsten und klarsten, die in der Gegenwart wie im Ganzen unseres Schrifttums gelungen sind …“ (Reinhold Schneider).

Weitere Werke: Das Kaiserreich in Trümmern (1927). – Capri (1930). – Herzog Karl der Kühne (1930). – Baedeker des Herzens (1932). – Deutsche Reise (1934). – Die Rose von Jericho (1936). – Der ewige Kaiser (1937). – Der Tod von Reval (1939).  – E. T. A. Hoffmann (1939). – Der hohe Sommer (1946). – Römisches Erinnerungsbuch (1949). – Das Feuerzeichen (1949). – Das Geheimnis verbleibt (1952). – Die Flamme im Säulenholz (1953). – Die Rittmeisterin (1954). – Mit tausend Ranken (1956). – Zeit und Ewigkeit (1960). – Schreibtischerinnerungen (1961). – Mündlich gesprochen, Reden (1963). – Dichtergehäuse (1966). – Gesammelte Gedichte, 2 Bände (1969). – Geliebte Siebendinge, Nachlaß (1972). – Briefwechsel mit Reinhold Schneider (1966).

Lit.: T. Kampmann (1952). – P. Baumann: Die Romane W. Bergengruens, Dissertation Zürich 1954. – M. W. Weber: Zur Lyrik Bergengruens, Dissertation Zürich 1958. – E. Sobota, Das Menschenbild bei Bergengruen (1962). – P. Meier, Die Romane W. Bergengruens (1967). – C. J. Burckhardt: Werner Bergengruen (1968).  – A. J. Hofstetter: W. Bergengruen im dritten Reich, Dissertation Freiburg 1968. – Bibliographie: W. Bergengruen: Privilegien des Dichters (2. Aufl. 1957).

Bild: Süddeutscher Verlag, München, Bilderdienst.

Wikipedia:http://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Bergengruen

Günter Gerstmann

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