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Bischoff, Friedrich

Schriftsteller

* 1896, 26.01.
Neumarkt/Schlesien

† 1976, 21.05.
Großweier/Baden

Der Gegensatz von Mystik und Heimatkunst, den das Werk Will-Erich Peuckerts offenbart, zeigt sich auch im Gesamtwerk Friedrich Bischoffs (1896-1976). Vor allem in der Lyrik überwiegen Landschafts- und Volksschilderungen. Damit verbunden waren Schwankungen im ursprünglichen Bereich theosophischen Fragens. Die dem frühen Roman „Ohnegesicht“ zugrunde liegende mystische Intention ist zwar vereinzelt fortgesetzt, aber von durchaus antithetischem Denken beeinträchtigt. Wie in der Erzählung „Himmel und Hölle“ bedeutet wird, ist es menschliche Schuld, welche das chthonische Unheil herausfordert (das Leiden der Schuldlosen wird als unfragwürdige Folgerung angesehen). Das endgültige Ziel ist die Bewahrung der Integrität Gottes. Zumindest werden Auswege offengelassen. Im Roman „Der Wassermann“ findet sich ein (später von Horst Lange aufgegriffenes) allegorisches Bild tödlicher Sandfurchen, in denen sich die Tiere verfangen. Die Furchen aber bieten einen Ausgang. Auch der späte Versuch einer Klärung – in der Erzählung „Gold über Danae“ (1953) – mündet ins Zwiespältige aus. Der Spielraum östlicher Weite, in der sich Gott als „ein gewalttätig Dämonisches“ offenbart, verweist (im Zusammenhang mit Horst Lange) auf den expressionistischen Archetypus chaotischer Urlandschaft. Im Kultus des Tanzes enthüllt sich der „Abgrund“, „daraus das Göttliche quillt“. Hingegen wird vom moralischen Standpunkt aus Anklage erhoben und das dionysische Gebaren als „närrisch Unwirkliches“ hingestellt.

Im Roman „Der Wassermann“ (1937) lehrt der Sektierer Gräbel die Unterscheidung zwischen Frommen und Verdammten. Sein Wissen, am „Schächerkreuz“ zu hängen, beruht auf der Erfahrung von Not und Qual und der Erkenntnis, dem Bösen machtlos überantwortet zu sein. Ebenso wie in Horst Langes „Schwarzer Weide“ bricht der Fluß blindlings in das Dorf ein und tötet ohne Erbarmen, willkürlich und wahllos. – Dennoch existiert der Maßstab von Recht und Unrecht, Schuld und Sühne. Im Menschen verwirklicht sich Christus: Der Fluß wird gebändigt, die Wasser- und Spinnengottheit fügt sich und wird gütig.

Der Roman „Die goldenen Schlösser“ (1935) blieb in folkloristischen Beschreibungen befangen. Die schlichte Wiedergabe der Parabel vom Christus redivivus, der von menschlicher Böswilligkeit vertrieben wird, ähnelt eher den Erzählungen Joseph Wittigs als Gerhart Hauptmanns „Quint“-Roman. Die Trinität Gottes wird nicht angezweifelt. Dafür ist durch Einblendung von Raumbildern, Schilderungen bäuerlichen Aberglaubens und schlesischer Laboranten-Alchemie und durch spintisierende Diskurse ein mystizistisches Dekor geschaffen.

Auch die Mehrzahl der kürzeren Erzählungen beruft sich auf das Grüblertum des Schlesiers, berichtet von Geisterglauben und Christus-Sehnsucht. Soziale und zeitgeschichtliche Motive sind eingeschaltet. Heimat und Außenwelt stehen zumeist im Widerspruch. Popularromantische Bilder übertreffen die naturalistischen. „Heimat“ wird letztlich als Hort der Werte definiert. Eichendorff tritt auf. Blumenwunder und kristalline Farbenpracht bekunden die göttliche Segenstat. Auch das Tier hat seinen Platz in der Gottesordnung. Der heidnisch-tollwütige Rübezahl wird von der Erde verbannt.

„Gottwandrer“ (1921), „Die Gezeiten“ (1924), „Schlesischer Psalter“ (1936), „Das Füllhorn“ (1939) und „Sei uns Erde wohlgesinnt“ (1955), die Titel der Gedichtbücher, kennzeichnen den Grundakkord der Landschafts- und Naturverbundenheit und das inneliegende Element der Gottesschau. Bischofs Lyrik ist mit der Prosa inhaltlich verknüpft. Manche Gedichte stimmen mit Szenen der Prosa überein (z.B. deckt sich das Gedicht „Fastnacht“ im „Schlesischen Psalter“ mit dem Beginn des ,,Wassermann“-Romans). Darüber hinaus zeigt sich oftmals eine vollkommene Vereinbarung des atmosphärischen Gehalts. Lyrik hatte für Bischoff keine eigene gedankliche Funktion. So etwa findet sich nur selten eine unmittelbare Ich-Aussage. Der Objektivcharakter der Inhalte wird allerdings durch die herzhafte Wärme der Sprache und die Schwingungen idyllischen Gefühls erheblich abgeschwächt. Das Betrachten und das Beschreiben sind von inniger Zuneigung beseelt. Romantische Intonation gewinnt die Oberhand. Auch wenn ein gegenteiliges Wissen vorhanden ist, obsiegt die Heimat, weil sie geliebt wird. Divergenzen werden geschlichtet. Jakob Boehme und Angelus Silesius erhalten eine gleiche Laudatio wie Martin Opitz und Gustav Freytag. Auf die Heimat also kommt es an, sowohl im gegenständlichen wie im archetypischen Sinne. Somit hat die allgegenwärtige Pan-Liebe ihre Grenzen; der Themenkreis ist beschränkt; der Ausbruch ins Konsequente wird vermieden. Nichts Nachhaltiges bleibt zurück, wenn der Wassermann das Dorf überfällt, Schlangengetier den Wald zum Verstummen bringt oder mörderisches Naturgeschehen offenkundig wird.

In den Heimatgedichten lodert die schlesische Kirmes, prunken die Felder und Wiesen, singen die Oderschiffer, prasseln die Johannisfeuer; selbst der arme Weber weiß sich in „Gottes Hut“. Das ist eine einzigartige schlesische Gotteslandschaft. Die Gedichte sind unvergleichlich gut in Absicht und Sprache, wohl das Beste in der schlesischen Landschaftsdichtung. Sofern ein Weniges vom anderen Wissen beteiligt ist, entsteht ein wunderliches Spektrum bäuerlichen Lebens und Sinnens. Alles Zerstörende ist ausgeschlossen. Im Zwielicht des Oben und Unten wird eichendorffisch die verheißene Stadt erschaut. Die Gemeinschaft des „Wir“ überspielt den Zustand der zweiflerischen Einsamkeit. Die Folklore verleiht das Bewußtsein kollektiven Zuhauseseins.

Die Geborgenheit im Ostland bekannte Bischoff in einem seiner seltenen Ich-Gedichte:„Ostländisch bin ich, das heißt: / Verdunkelt und einsam sein; / Im Erbe des Blutes / Tragen die Stimme der Ebene / Und ruhlosen Wolkenzug. / Hier, wo der Vorfahr zur Rodung / Die erste Saat hintrug, / Hier nur bin ich geborgen.“

Bischoff stammt aus Neumarkt, wo sein Vater Kaufmann war. Im nahegelegenen Breslau besuchte er die Höhere Schule. Nach Teilnahme am Ersten Weltkrieg studierte er in Breslau Philosophie und Literaturgeschichte. 1925 übernahm er ein Ressort der schlesischen Rundfunkanstalt („Schlesische Funkstunde AG Breslau“) und förderte maßgeblich die Einrichtung von Hörspielsendungen. Als Intendant (ab 1929) des Breslauer Senders wurde er 1933 verhaftet und sollte 1934 in einem Schauprozeß gegen den weimarischen Rundfunk angeklagt werden. Dazumal zog er sich nach Berlin, in die „innere Emigration“, zurück. Zusammen mit Hermann Stehr, Horst Lange und Gerhart Baron beteiligte er sich an der Zeitschrift „Das Innere Reich“. Unmittelbar nach Kriegsende widmete er sich wieder dem Rundfunkwesen und errichtete (zunächst unter französischer Regie) den Südwestfunk Baden-Baden, den er bis 1964 leitete.

Arno Lubos

: Arno Lubos, Geschichte der Literatur Schlesiens, III. Band, Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn, München (jetzt Sigmaringen) 1974, S. 273-282 (mit Genehmigung des Verfassers gekürzt)

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