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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Bleisch, Ernst Günther

Dichter, Essayist, Schriftsteller

* 1914, 14.01.
Breslau

† 2003, 24.09.
München

Am 14. Januar 1914 wurde Ernst Günther Bleisch in Breslau geboren; zusammen mit seiner Mutter kam er 1945 als Heimatvertriebener nach München. Schlesien blieb der Wurzelgrund seines Lebens, aber in München fühlte er sich geradezu genießerisch zu Hause. In Jahrzehnten gerechnet waren ein Drittel dieses Lebens schlesisch geprägt, zwei Drittel münchnerisch, oberbayerisch bestimmt. Man nannte ihn gern einen Schwabinger, und Schwabing ist mehr als nur ein Stadtteil im Norden von München: Dieses Schwabing bezeichnet einen Zustand, etwa in dem Sinn, daß Künstler zu sein und im Kreis von Künstlern sich zu bewegen, existenzielle Aussagen sind und mehr bedeuten als materieller Broterwerb. In einer Laudatio hieß es einmal: „Bleisch gehört zu den seltenen Vögeln, die sich nicht einfangen lassen. Disziplin herrscht bei ihm in seinen Gedichten, nicht aber im Tageslauf“. Hätte er in einem Abfrageverzeichnis die Rubrik „Beruf“ wahrheitsgemäß ausfüllen müssen, hätte er schreiben können, „Ich bin Lyriker“. Geläufig wurde die Nennung als „Kritiker, Journalist und Rundfunkautor“.

Seit 1947 ist Ernst Günther Bleisch, der sich als gelernter Buchhändler und zeitweiliger Student der Zeitungswissenschaft bezeichnen ließ, schreibend tätig, vor allem in Sendungen des Bayerischen Rundfunks. Themen seiner vielgehörten Hörfolgen – der Rundfunk übte in den Jahrzehnten ohne Fernsehen seine suggestive Macht aus – waren vor allem Schlesien als vielgliedrige Landschaft und die an Namen und Werken reiche Literatur Schlesiens. Ein Stück Heimat brachte er den aus der Heimat vertriebenen Landsleuten wieder zurück und machte den Alteingesessenen Schlesien bekannt. Einen festen Schreibtisch und Schreibsessel hat er nie angestrebt. Als sogenannter „Freier Mitarbeiter“ verdiente er sich sein Lebensminimum, weshalb seine Freunde ihn nicht ohne Grund einen Lebenskünstler genannt haben.

Sein Beruf, von ihm zu recht als Berufung verstanden, war das Dichten, das gelungene Gedicht Absicht und Erfolg. Nicht ein Schriftsteller, sondern ein Poet, so verstand er sich und so wurde er auch verstanden. Heinz Piontek, Landsmann, Freund und Schriftsteller, schrieb über ihn: „Wer Bleischs Lyrik nur wenig oder überhaupt nicht kennt, wird überrascht sein, wenn ihm hier ein Dichter begegnet, der offenbar zu der aussterbenden Spielart der Poeten gehört. Die Sache des Poeten ist nicht das Strenge, Gesammelte, Kunstreiche, der hohe Gedankenflug, sondern Spiel, Musik, Farben, Träume“. Und zum Beweis wird dann Ernst Günther Bleisch selbst zitiert: „Noch fürchtet der Frühling/ die Geigen der Gärten,/ Er zupft erst ein Scherzo –/ wie unter Gefährten“.

In zehn Bändchen und Bänden liegt die Lyrik von Ernst Günther Bleisch vor, die letzte Veröffentlichung „Anfällig für Romanzen“ zeigt das Jahr 2002 als das Jahr der Edition. Gleich diesem Titel ist für jedes Buch eine ebenso subjektive wie zutreffende Namensgebung gefunden worden, zugleich Zeugnis für den großartigen, das heißt differenzierenden und ziselierenden Umgang mit unserer deutschen Sprache. Mit 40 Jahren stellte er sich 1954 mit dem Lyrikbändchen „Traumjäger“ vor, und wollte man den Autor liebevoll charakterisieren, kam einem das Wort vom Traumjäger in den Sinn. Dem Erstling folgten 1960 „Frostfeuer“, 1964 „Spiegelschrift“, 1968 „Oboenghetto“, 1973 „Carmina Ammeri“, eine Huldigung dem neuen Zuhause in Oberbayern, 1975 „Salzsuche“, 1983 „Zeit ohne Uhr“, der Sammelband der Gedichte aus drei Jahrzehnten, 1989 „Die kleinen Irritationen“, 2000 „Das verwirrte Herz“.

Zweimal hat Ernst Günther Bleisch seine Geburtsstadt Breslau dichterisch besungen, im Erstling „Traumjäger“ euphorisch, und 1972, nachdem er Breslau wiedergesehen hatte, realistisch und trotzig resignierend, entnommen dem Zyklus von acht Gedichten „West-östliches Lamento“ im Sammelband „Zeit ohne Uhr“. 1954 lesen wir: „War eine Stadt,/ die stak voller Gold/ und zärtlichen Namen,/ die die Erinnerung häuft –/ wenn die Oder vom Ocker des Abends/ träuft. Der Ringbuden/ buntes Gewühle/ ums Rathaus,/ das gotisch berückt –/ wie Sternstaub ists den Gefährten/ von gestern auf heute/ entrückt./Breslau/ Der Schwibbögen/ schwebende Schwere,/ der Staupsäule/ Düstergesicht/ am Schorfe, am scharfen,/ der malenden Jahre/ zerbricht./ War eine Stadt,/ die sank in den Sand,/ ihre Kirchen und Klöster/ verzehrte der Haß –/ doch immer noch lächelt/ im Domgelaß/ die Schöne Madonna –/ ohn’ Unterlaß“. Das andere Gedicht, übrigens in einen in Breslau 1998 erschienenen Sammelband „Lyrisches Breslau“ im deutschen Original und in polnischer Übersetzung aufgenommen, unter der Überschrift „An der Lehmgrubenstraße“ nimmt die unmittelbare, selbst erfahrene Gegenwart zur Kenntnis: „… Vom Süden/ ,erhalten‘/ blieb Asche/ ich stapfe/ durch Gewesenes/ versuche,/ die Asche zu buchstabieren/ da/ dort/ das müßte/ die Lehmgrubenstraße sein –/ wenn auch/ im Traum nur/ Verlaß noch auf Topographie/ Ein Schild sagt/ ,ul. Gliniana‘ –/ … Ich suche Nummer 1/ und finde/ eine Wiese –/ ,Wroclaw – Stadt in Wiesen‘ –/ … Hier/ auf Nummer 1/ kam E.G.B. zur Welt –/ ein ,Luftgeborener‘ also/ stelle ich/ glücklich/ unglücklich/ fest./ Wen wundert es noch/ daß ich/ Gedichte schreibe/ Gedichte schrieb/ Gedichte immer schreiben werde/ Auch wenn die Lehmgrubenstraße/ ihr Kostüm gewechselt hat/Nicht nur ihr Kostüm“.

Dieerzählenden Gedichte und diejenigen mit einem bestimmten Zeitkolorit sind in der Minderheit, es überwiegt das Naturgedicht, man wird an Wilhelm Lehmann, Georg Britting, Georg von der Vring erinnert, aber auch an Bleischs Landsmann Friedrich Bischoff, doch Ernst Günther Bleisch sieht genauer, hört, wacher die Farben und Töne der Natur. Karl Krolow, selbstein begnadeter und zu recht gerühmter Lyriker, schrieb über Ernst Günther Bleisch: „Die poetische Wasserfarbenkunst bringt luftige und leichte Gebilde zustande, schwebende Texte von manchmal fast vegetativem Wesen. Doch das Vegetative wuchert nicht, es bleibt gelichtet und durchsichtig. Die Poesie des Ernst Günther Bleisch ist eine Lyrik der Nuancen geblieben“.

Die Natur ist mein Gedicht, so könnte sich Bleisch selbst erklären, denn er spürt den sich in Farbe, Ton und Gebärde unterscheidenden Monaten und Jahreszeiten nach und versucht in seiner Sprache, die aus einem reichen Sprachschatz kommt, Farbe und Klang auszudrücken. Was der Musiker dank des Reichtums der Noten und Möglichkeiten der Komposition sich und uns schenkt, tut der Poet mit dem zutreffenden und bestimmenden Wort. „Auf der Hirtenflöte“, unter dieser Überschrift wird der Herbst besungen: „Jetzt zieht der Mittag/ die mürben Melonen,/ Die Dahlien dröhnen dazu./ Die Welt will noch immer/ im Goldenen wohnen –/ und nimmt doch an Dunkel zu./ Jetzt hebt der Hirt/ die Holunderflöte/ das Lied ist traurig und alt./ Das Licht hat noch immer/ von Kirschen die Röte –/ und schmeckt doch schon kalt.“ Jede Jahreszeit eröffnet ein neues Spiel der Farben und Tönen, und so heißt es über den Sommer „Das Grüne ist zum Blau gegoren“.

Um der Natur in ihrem Reichtum gewahr zu werden, bedarf es der Stille, des aufmerksamen Hineinhörens und des geradezu rauschhaften Hineinsehens. Hier wird bisweilen der Leser der Gedichte überfordert, denn er soll doch beim Lesen oder beim Zuhören während einer Lesung, und das Geschäft des Vorlesens betrieb Bleisch sehr gern, dem Dichter zustimmen und sein emphatisches „Ja, so ist es“ sagen.

Bis in die 1960er Jahre hinein bevorzugte Bleisch den Reim, aber dann überwog der Strömung der Zeit entsprechend die rhythmisierte Prosazeile, wobei der Bedeutung der Aussage, bewußt der Sprachduktus, der auch graphisch, deutlich akzentuiert wird. Dazu des Dichters Vorliebe für Alliteration und Assoziation. In einem Gedicht, das in Rom 1992 während eines des Dichters Werk anerkennenden Aufenthaltes in der Villa Massimo entstanden ist, „Momente in der Villa Massimo“, heißt es ein wenig selbstkritisch: „Die Zypressen/ sie dicken zu einer frommen Sage ein/ das Environnement ist perfekt –/ die Arena des Abends/ scheint/ über interpretiert“. Allein die Vegetation, die in den Gedichten in einer kaum noch zu übersehenden Vielfalt mit Namen erscheint, derer man sich erst in einem Nachschlagewerk vergewissern muß, verführt zu der hier angesprochenen „Überinterpretation“. Dann aber auch die bildlich ausgedrückte Spruchweisheit in dem Gedicht „Die Stille ernten“: „Wir haben das Ohr nicht mehr/ der Stille zu begegnen –/ und schlüge sie/ mit Paukenschlegeln nach uns/ die Nüsse, die wir ernteten/ sind taub.“

In seinem letzten Gedichtband „Anfällig für Romanzen“ steckt viel Melancholie und vom Bewußtein und der Tragik des Alters, und in dieses einbezogen ist auch die Heimat, das Heimatliche. „Das verlorene Idiom“ heißt das Gedicht: „In den verregneten Nächten/ dem Idiom der Kindheit/ nachtrauern –/ längst/ ist dieser Tonfall/ verblaut/ über Nacht/ verfällt/ auch die Erinnerung/ und/ sackt/ in Staub./ Das Ich/ ist grau geworden/ sein/ Part/ verbraucht …“ In dem Gedicht „Der Galle gewahr werden“ hält der alt gewordene Dichter Selbstkritik: „Die Galle des Alters/ schmeckt/ nach Weisheit/ nach Greisenglück –/ und/ ach/ das Abendrot schwappt über/ schlägt über dem Alten zusammen/ der Weise ertrinkt“.

Lang vergessen das Heitere und Musikalische aus dem Gedichtband „Oboenghetto“, im Gedicht „Oboenspieler“: „Auf meinen Ruf/ als Oboist/ vertrauend/ treibe ich/ die Koloraturen auf die Spitze/ es schneit Koloraturen/ den See/ koloriert/ ein Extra-Monster-Brillantfeuerwerk –/ schnell fertig/ sind die Fingerfertigen/ auch wenn sie/ nie zuendekommen.“ Wie auch hier, vieles lädt zum Nachsinnen, zum Sinnsuchen, zur Reflexion ein.

In vielen Reisen, die ihn nach Paris, das er sehr geliebt hat, in die Türkei und bis in die Karibik, nach Nordamerika und nach Nordafrika entführt haben, hat er sich ein Bild von der Welt geschaffen, gelegentlich mit poetischen Notizen in seinem Werk, aber stets blieb er von der Natur berauscht, zugleich in Schlesien beheimatet und in München zu Hause.

Durch viele Preise ist er geehrt und ausgezeichnet worden, der Eichendorff-Preis und der Gryphius-Preis sowie der Sonderpreis des Kulturpreises Schlesien des Landes Niedersachsen galten dem Schlesier, der Schwabinger Literaturpreis, der Tukanpreis, der Ernst-Hoferichter-Preis, 1990 verliehen, dem Schlesier in München. Aber Ernst Günther Bleisch litt darunter, daß die eigenen Landsleute sich seiner nicht zu vergewissern vermochten, wie es angesichts seines Werkes geboten wäre, und auch, daß seine Gedichte keine Aufnahme in den großen repräsentativen Anthologien gefunden haben. Große Freude bereitete es ihm, daß er wieder in Wangen im Allgäu, im schlesischen Literatenkreis, dem er von 1978 bis 1978 vorgestanden hatte, im September 2003 seine Gedichte vorlesen konnte. Aber nur wenige Tage danach ist er nach einem Riß in der Hauptschlagader am 24. September 2003 in München gestorben, dreieinhalb Monate vor seinem 90. Geburtstag.

Sich selbst hat er einmal als Poet einen Narren genannt: „Sand zeitigt Sand –/ wer weiß noch Terzinen,/ im Öden Oasen –/ dem Sog zu entkommen/ gelingt nur/ dem Narren“. Dies aufgreifend schrieb Albert von Schirnding zu des Dichters 70. Geburtstag 1984: „Bleisch spielt die Narrenrolle des Unzeitgemäßen ohne Lamenti und Getramel, mit einer Grazie, die sich nicht aus dem Rhythmus bringen läßt.“ Ein großer Meister des Wortes, ein schlesischer Sänger der Natur, ein schlesischer Münchner, ein kenntnisreicher Essayist, ein Bürger des 20. Jahrhunderts mit all seinen Schicksalsschlägen, der es verdient, gelesen und gerühmt zu werden.

Bild: Privatarchiv des Autors

Herbert Hupka

 

 

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