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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Crüger, Johann

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Komponist, Kantor

* 1598, 09.04.
Groß Breesen/Niederlausitz

† 1662, 23.02.
Berlin

Als Sohn eines wohlhabenden Gastwirts und einer Pfarrerstochter geboren, besuchte Crüger die Schule im seinem Heimatort benachbarten Guben, bis er mit 15 Jahren eine Schulwanderung begann. Sie führte ihn über Sorau nach Breslau, an das Jesuitenkollegium in Olmütz, an die „Poetenschule“ in Regensburg (dort war ein Schüler G. Gabrielis sein Lehrer), schließlich nach Österreich und Ungarn (Preßburg), über Mähren und Böhmen nach Freiberg (Sachsen), ehe er 1615 eine Stelle als Hauslehrer in Berlin annahm. Gleichzeitig besuchte er das Berliner Gymnasium und bereitete sich auf ein Theologiestudium in Wittenberg vor, für das er in den Jahren 1620 bis 1622 eingeschrieben war. Durch seine beiden ersten Kompositionen,Concentus musicus zu hochzeitlichen Ehren (1619) und den ersten Teil seinerMeditationum musicarum Paradisus primusoder erstes musikalisches Lustgärtlein (1622) wurde er alsKomponist bekannt und daraufhin 1622 zum Kantor an die Berliner Nikolaikirche berufen. Verbunden war damit eine Lehrtätigkeit am Gymnasium zum Grauen Kloster. Vierzig Jahre lang, bis zu seinem Tode, übte er dieses Amt aus. Als Komponist, (Gesangbuch-) Editor, Musiktheoretiker, als Director chori musici, Pädagoge und Organisator prägte er das Musikleben in Berlin und führte es zur Blüte.

1628 heiratete Crüger die Witwe Marie Aschenbrunner († 1636), schließlich 1637 Elisabeth Schmidt. Durch die Nöte des Dreißigjährigen Krieges, Pest und Hunger, verloren sie die meisten ihrer Kinder sehr früh. Auch Crüger erkrankte und litt in den dreißiger Jahren zeitweise an schweren Depressionen. Aus diesen Jahren liegen keine Publikationen vor.

Ein Schüler Crügers beschreibt diesen als einen stillen und den Musikern am Hofe allzu demütigen Mann, „welcher sich vor den Augen der Stolzen nicht stattlich genug halten wollte. Einige am Hofe hielten dafür, daß er gar zu Luthers und der Reformierten Kirche unanständlich wäre, blieb dannenhero… in seinem pulvero scholastico sitzen und starb darüber in gloriis dahin…“ (nach Fischer-Krückeberg). Obwohl eine Berufung an den Hof als Domkapellmeister nicht zustande kam, stand Crüger beim Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg und seiner Frau Luise Henriette in hohem Ansehen. Seine eigene überkonfessionelle Einstellung traf sich mit der Vermittlungspolitik des Kurfürsten zwischen Lutheranern und Reformierten. Dieser beauftragte ihn mit einer Bearbeitung des gesamten Lobwasser-Psalters (deutsche Übersetzung des französischen Goudimelschen Psalters der Reformierten), der Psalmodia sacra (1657/58). Die Besetzung mit vier Vokal- und drei ad libitum konzertierenden Instrumentalstimmen entsprach der, die Crüger auch für die Geistlichen Kirchenmelodien (1649) gewählt hatte. Sein Nachfolger im Amt, J.G. Ebeling, übernahm diese beliebt gewordene Besetzungsform, die „zur verbreitetsten Art des Choralsatzes in der späteren Figuralmusik“ (Krummacher) wurde.

Aus Crügers Arbeit als Pädagoge und für diese Aufgabe entstanden seine musiktheoretischen Schriften, Elementarlehren für den Schulunterricht und Kompositionslehren(Synopsis musica 1630, 2. Aufl. 1654). Wie auch in den anderen Bereichen verband er dabei Traditionelles mit Neuem, so daß es zur Zusammenfassung älterer wichtiger Lehrbücher, aber auch zur Weiterführung ihrer Inhalte kam. Rezipiert wurden seine Werke von bedeutenden deutschen Musiktheoretikern bis hin zur Zeit Bachs. Die Dreiklangsharmonik und damit auch die barocke Affektenlehre gewannen für Crüger an Bedeutung, daraus folgt ein Abrücken von den Kirchentonarten. Übernahm er reformatorische Choräle, versah er sie mit Vorzeichen, bildete also Leittöne und wies sie damit entweder als Dur- oder Mollweise aus.

Für die Verwendung in der Schule, insbesondere zur musikalischen Gestaltung der Metten- und Vespergottesdienste komponierte Crüger dieLaudes vespertinae (1645), 6 stimmige Magnificat-Kompositionen, in denen er ungewöhnliche Tonarten verwendete, und die Hymni selecti (erschienen 1680) im schlichten vierstimmigen Kantionalstil. In den Magnificatvertonungen auf die acht ursprünglichen Kirchentöne (Meditationum musicarum Paradisus secundus, 1626) zu 2-8 Stimmen setzte Crüger neue Stilmittel wie doppelchöriges und solistisches Konzertieren über dem Generalbaß ein. Die Entwicklung vom Geistlichen Konzert hin zur Kantate wird spürbar.

Heute ist uns Crüger hauptsächlich als evangelischer Kirchenliedkomponist ein Begriff. Seine „Entdeckung“ der Gedichte Paul Gerhardts, der 1657 bis 1666 Diakonus an der Nikolaikirche war, sich aber auch schon seit 1643 einige Jahre in Berlin aufgehalten hatte, war besonders fruchtbar. Erst Crügers Vertonungen und Edition machten die Gerhardt-Lieder zu den bedeutendsten Kirchenliedern bis in die heutige Zeit. Wichtig sind ebenso die Vertonungen von Texten Johann Heermanns und des Gubener Bürgermeisters Johann Franck. Dabei gelang es Crüger, kleine „Kunstwerke“ zu schaffen und den für die Gemeinde angemessenen Ton zu finden. Wichtigen Worten des Textes verlieh er durch die Melodieführung Bedeutung, manchmal setzte er Tonmalereien und Affekte ein. Nicht alle Melodien sind völlige Neuschöpfungen. Gerne griff Crüger bei Bearbeitungen auf Melodien des Goudimelschen Psalters zurück, die sich wegen ihrer eingänglichen, beschwingten Melodik und Rhythmik ohnehin großer Beliebtheit erfreuten. Rund 75 Weisen sind von ihm selbst geschaffen, fast dreißig umgearbeitet, bald zwanzig sind als Erstpublikation ohne Quellenangabe erschienen. Im 18. Jahrhundert ging die Verwendung der Crüger-Melodien zurück, selbst in der Praxis Pietatis Melica waren sie kaum noch zu finden. Seit dem 19. Jahrhundert wurden sie wieder bekannter. Nicht nur imEvangelischenGesangbuch, sondern auch im Gotteslob sind Crügers Melodien mit den von ihmausgewählten dazugehörigen Texten heute zu finden. Als Beispiel sei hier nur genannt: Lobet den Herren alle, die ihn Ehren (EG 447 mit Satz, Gl 671).

Besonders erfolgreich und damit wirkungsgeschichtlich bedeutend war die Herausgabe eines Gesangbuches mit dem Titel Praxis Pietatis melica. Schon 1640 erschien, wenn auch unter anderem Titel, die erste, bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts allein in Berlin die 45. Auflage, immer wieder jedoch erweitert und verändert. Weitere „Raubdrucke“ kamen beispielsweise in Frankfurt a.M. heraus; es ist damit das am meisten aufgelegte Gesangbuch. Praxis pietatis melica. Das ist: Ubung der Gottseligkeit in Christlichen und trostreichen Gesängen/ Herrn D. Martini Lutheri fürnemlich/ wie auch anderer vornehmer und gelehrter Leute: Ordentlich zusammen gebracht/ Vnd über vorige Edition mit gar vielen schönen/ neuen Gesängen (derer insgesamt 500) vermehret: Auch zur Beforderung des so wol Kirchen- als Privat=Gottesdienstes/ mit beygesetzten Melodeyen/ nebst dazu gehörigem Fundament/ verfertiget Von Johann Crügern Gub. Lus. Direct. Mus. in Berlin/ […] Gedruckt zu Berlin/ und verleget von Christoff Runge/ Anno1653. So lautet der Titel. In der Kirche mit liturgischer Funktion und zu Hause zur privaten Erbauung und Lehre sollten die Lieder gesungen werden. Das war zwar schon ein Anliegen der Reformatoren gewesen, im Frühpietismus und in der Reformorthodoxie gewann diese Praxis aber als Ausdruck der persönlichen Andachtsfrömmigkeit an Bedeutung. Neu an diesem Gesangbuch war die inhaltliche Zusammenstellung: Sowohl der Stamm der „alten“ protestantischen Lieder als auch zeitgenössische geistliche Dichtung, vertont von Crüger, die so mit der Zeit zu „Kirchenliedern“ wurden, waren darin enthalten. Geistliches Singen ist für Crüger Liebesgespräch zwischen Christus und der Kirche, hier wird die Liebe „praktisch“ und gewinnt Gestalt – „Übung der Gottseligkeit“. In die Vorrede von 1640 fügte Crüger später ein: Zum Lobgesang „dann wir von Gott Vatern erschaffen: Von Gott Sohn unserm Heyland so teuer erlöset: Vom heiligen Geist geheiliget: Auch endlichen vom tode zum Ewigen leben aufferwecket werden/ daß wir nebest den Heiligen Himmel-Musicanten im höhern Chor die göttliche Majestät loben und preisen sollen.“

Lit.: Blankenburg, Walter, Art. Crüger. In: Musik in Geschichte und Gegenwart, Bd. 2, Kassel 1952, Sp. 1799-1814. – Biographisch-bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 1, Herzberg1970, Sp. 1172-1174. – Bunners, Christian, Art. Crüger. In: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 8, Berlin/New York 1981, S. 241f. (in diesen Artikeln Werke und weitere Lit.).

Bild: Gemälde von Michael Conrad Hirt, 1663. Evangelisches Konsistorium Berlin-Brandenburg; Repr. nach Musik in Geschichte und Gegenwart, Bd. 2, Kassel 1952, Tafel 61, Abb. 1.

Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Cr%C3%BCger

Heike Wennemuth

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