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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Czaja, Herbert

Politiker

* 1914, 05.11.
Teschen/Österr. Schlesien

† 1997, 18.04.
Stuttgart

Die Tragödie der Vertreibung, der Verlust der Heimat und der Zwang, in fremder Umgebung mit leeren Händen ein neues Leben zu beginnen, ist nach dem Zweiten das Schicksal von Millionen Deutschen gewesen. Den Opfern der furchtbaren Ereignisse, der Entrechtung, der Vergewaltigungen und des tausendfachen Mordes, wurde später von weiten Teilen der Gesellschaft, der Medien und vielen politischen Verantwortlichen ein immer geringer werdendes menschliches und politisches Verständnis entgegengebracht. Dennoch haben die deutschen Vertriebenen im Unterschied zu Leidensgefährten in anderen Ländern nie den Weg der Gewalt beschritten, sondern sich bereits 1950 in ihrer Charta der Heimatvertriebenen für Frieden und Versöhnung ausgesprochen.

Zu den führenden Repräsentanten der heimatvertriebenen Ostdeutschen gehörte über mehrere Jahrzehnte Herbert Czaja. Er hat ihren Kurs maßgeblich mitbestimmt. Czaja, der immer den friedlichen und gerechten Ausgleich mit den osteuropäischen Nachbarn wollte, gelang es nicht, wie er bis zuletzt gehofft hatte, wenigstens Teile der ostdeutschen Heimat für ein wiedervereinigtes Deutschland zu retten. Er konnte aber dazu beitragen, dass die Vertriebenen ihre kulturelle Identität und ihre Liebe zur alten Heimat bewahrten und ihren oft unterschätzten Anteil beim Wiederaufbau der neuen Heimat leisteten. Sachkundig, oft streng und hartnäckig, stand der im Grunde seines Wesens liebenswürdige Mann für einen verlorengegangenen Teil Deutschlands ein.

I

Das Teschner Ländchen im Kronland Österreichisch-Schlesien war dieHeimat Herbert Czajas. Jahrhundertelang trafen dort unterschiedliche Kulturen, Nationalitäten und religiöse Bekenntnisse zusammen. Deutsche, Tschechen, Polen und Angehörige anderer Volksgruppen lebten über Generationen friedlich neben- und miteinander. Auch wenn nicht die Rede sein kann von einer multikulturellen Idylle, so wurden aufkommende Spannungen doch meist im Alltagsleben schnell überwunden.

Dieses Zusammenleben verschiedener Völker war, wie in weiten Teilen der Donaumonarchie, nie ernsthaft in Frage gestellt. Die Friedensordnung, die nach dem Ersten Weltkrieg geschaffen wurde, hatte auch hier tiefgreifende Folgen. Offiziere der Entente entschieden 1920 ohne Einbeziehung der Bevölkerung, dass die Heimat Czajas zwischen Polen und der Tschechoslowakei geteilt wurde. Herbert Helmut Czaja, so sein vollständiger Name, war damals knapp sechs Jahre alt. Geboren wurde er am 5. November 1914 in Teschen, und in dem beschaulichen Landstädtchen Skotschau wuchs er auf. Die Eltern, der angesehene und wohlhabende k.u.k. Notar Albert Czaja (1860-1949) und seine Ehefrau Luise, geb. Smekal (1876-1948), stammten aus der Region, aus Schwarzwasser bzw. der Stadt Teschen. Sehr bewusst vermittelten sie ihrem einzigen Kind ein Gespür für soziale Verantwortung und menschliche Toleranz, Haltungen, die ihre Begründung in einer tiefen und traditionellen katholischen Religiosität fanden.

Unmittelbar nachdem Skotschau an Polen gefallen war, wurde der Vater als Folge der politischen Veränderungen für kurze Zeit interniert. Im gleichen Jahr kam Herbert Czaja in die deutsche Volksschule. Angesichts vielfaltiger Repressalien der neuen Herren bedeutete dieser früher selbstverständliche Vorgang bereits ein politisches Signal. Im Herbst 1925 wechselte er auf das deutsche Gymnasium in der Kreisstadt Bielitz, das einzige seiner Art in Ostoberschlesien. Die Schülerschaft spiegelte auch die religiösen Unterschiede der Gegend wieder; je ein Drittel war katholisch, evangelisch oder jüdisch. Als erste Fremdsprache wurde Polnisch unterrichtet, das der aus einem polyglotten Elternhaus kommende Schüler bald fließend beherrschte. In Polnisch wurde auch der „nationale“ Geschichtsunterricht von polnischen Lehrern erteilt – im schulischen Alltag ein Auftakt der Polonisierungsmaßnahmen, die bald das Leben der Minderheiten in der Zwischenkriegszeit bestimmten. Kurz vor dem Abitur, das er 1933 mit hervorragenden Noten ablegte, wurde der Vater aus angeblich gesundheitlichen Gründen von dem zuständigen Woiwoden seines Amtes als Notar enthoben. Tatsächlicher Grund war sein Eintreten für die Interessen der deutschen Minderheit, die damals immerhin noch ein Viertel der Teschner Bevölkerung ausmachte. Nennenswerte finanzielle Einnahmen hatte die Familie Czaja damit nicht mehr. Sie musste aus dem Besitz leben.

Der Sohn immatrikulierte sich im selben Jahr an der Universität Krakau, die durchaus noch geprägt war von dem jahrhundertelangen österreichischen Einfluss. Er studierte vorübergehend Jura, wandte sich dann aber der Germanistik, Philosophie und Geschichte zu. Nationalitätenprobleme gab es für die deutschen Studenten weit weniger als für ihre jüdischen Kommilitonen. Das Jahr 1933 bedeutete für ihn über die Studienentscheidung hinaus eine weitergehende biographische Weichenstellung: Er schloss sich politisch Senator Eduard Pant an, der als führender Vertreter der deutschen Minderheit in Polen den in Deutschland an die Macht gekommenen Nationalsozialismus offen ablehnte. Versuche der deutschen Machthaber, ihn „unschädlich“ zu machen, schlugen wiederholt fehl. In Pant, der auch sein Griechisch-Lehrer in Bielitz gewesen war, sah Czaja sein erstes politisches Vorbild. In Krakau übernahm Czaja 1934 die Leitung einer katholischen deutschen Studentengruppe, die unter Mitwirkung Pants regelmäßig religiöse, wissenschaftliche und politische Veranstaltungen durchführte. Unter anderem referierten dort die Jesuitenpatres Johannes Aßmann und Friedrich Muckermann, die als offene Gegner des Nationalsozialismus nur noch im Ausland wirken konnten. Sie trugen zur politischen Immunisierung Czajas und seiner Freunde bei, während die deutschen Studenten auch in Krakau mehrheitlich der nationalsozialistischen Ideologie erlagen.

Im Februar 1937 bestand er nach elf Trimestern das Gymnasiallehrerexamen. Sein polnischer Germanistik-Professor Adam Kleczkowski ermunterte ihn zur Promotion und empfahl ihm ein Auslandsstudium. Er wechselte an die Universität Wien, wo er unter anderem bei den Philosophen Alois Dempf, der aus Deutschland emigriert war, und Dietrich von Hildebrand hörte, den die Nationalsozialisten ausgebürgert hatten. Es konnte daher nicht überraschen, dass er das Humboldt-Stipendium für die Berliner Universität nicht erhielt, obwohl ihn die polnische Regierung vorgeschlagen hatte; Czaja konnte auf keinerlei Referenzen nationalsozialistischer Organisationen verweisen.

II

Im Sommer 1938 kehrte Czaja nach Polen zurück, um für ein Schuljahr als Deutschlehrer am Staatsgymnasium im galizischen Mielec zu arbeiten. Eine feste Anstellung blieb ihm verwehrt, weil er in den einschlägigen Unterlagen die Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit angegeben hatte.

Parallel zu seiner Schultätigkeit arbeitete er weiter an seiner Dissertation über das Thema Stefan Georges Ringen um ein autonomes Menschentum; die Promotion an der Universität Krakau schloss er im Mai 1939 ab. Er begann die Arbeit an einer Habilitationsschrift, aber die weiteren Ereignisse machten eine akademische Laufbahn unmöglich. Seine von der polnischen Universitätsverwaltung bereits länger vorgesehene Ernennung zum Assistenten am dortigen Germanistischen Seminar erfolgte bereits, nachdem der Zweiten Weltkrieg ausgebrochen war und Polen kapituliert hatte; Czaja erhielt die letzte Urkunde dieser Art, die von den polnischen Behörden ausgestellt wurde. Da er ohne Gehalt blieb, musste er seinen Lebensunterhalt durch Deutschunterricht bestreiten, den er u.a. den Kindern seines Doktorvaters und anderen polnischen Familien erteilte. Anfang Oktober 1939 wurden 183 polnische Hochschullehrer von der deutschen Besatzungsmacht interniert. Mit Lebensmitteln konnte Czaja Prof. Kleczkowski und einigen seiner Kollegen helfen und sie so vor dem Schlimmsten bewahren. Gleichzeitig gelang es ihm, Bestände verschiedener Universitätsseminare vor der Zerstörung durch die Besatzungsmacht zu retten und polnischen Kommilitonen bei der Wiederbeschaffung entzogener Dokumente zu helfen, eine riskante Tätigkeit, die ihm von polnischen Wissenschaftlern später dankbar attestiert wurde. Ebenso half Czaja auch jüdischen Mitbürgern. Zweimal wurde er bei der Gestapo angezeigt, und nur durch eine Verkettung glücklicher Umstände entging er der weiteren Verfolgung.

Im Oktober 1940 fand er eine Stelle als Aushilfslehrer in Zakopane, aber erneut bemängelte man sein fehlendes nationalsozialistisches Engagement, und so wurde er nach wenigen Wochen in das galizische Przemischel (Przemysl) versetzt. Weitere Schikanen folgten. Als er Briefe von Skotschauer Juden aus dem Krakauer Ghetto erhielt, setzte die systematische Gestapo-Überwachung ein. Für spätere Generationen kaum nachvollziehbar, empfand er vor diesem Hintergrund die Einberufung zur Wehrmacht im Mai 1942 fast als Erleichterung. Nach Zwischenstationen in Thorn/Westpreußen und den Niederlanden kam Czaja an die Ostfront. Im September 1943 wurde er in Russland schwer verwundet; er verlor ein Auge. Bei Kriegsende geriet er als Gefreiter in amerikanische Gefangenschaft, war u.a. in Remagen und in Südfrankreich interniert und wurde schließlich im September 1945 in die oberschlesische Heimat entlassen.

Über das Schicksal der dortigen Deutschen, von Misshandlungen, Zwangsarbeit und Vertreibung, wusste er – wie auch die anderen Gefangenen – zu diesem Zeitpunkt nichts. Er fand sein Elternhaus ausgeraubt und als „Heimstatt“ zahlreicher deutscher Familien aus Skotschau vor, die in je einem Zimmer hausten. Ein mitleidiger polnischer Bauer nahm ihn als Knecht auf und sicherte so sein Überleben. Die Anstellung an der Universität Krakau, die ihm Kleczkowski für das formale Bekenntnis zum Polentum in Aussicht stellte, lehnte er ab. Damit war auch seine Vertreibung besiegelt. Czaja musste seine Eltern, die wegen des schlechten Gesundheitszustands des Vaters bleiben durften, in Skotschau zurücklassen. Er sollte sie nicht wiedersehen. Mit einem Vertreibungstransport kam er 1946 nach Niedersachsen, von wo ein Kriegskamerad den körperlich völlig Erschöpften noch im gleichen Sommer nach Stuttgart holte. Dort erfuhr er, dass seine 72-jährige Mutter wegen ihres Bekenntnisses zum deutschen Volkstum eine Haftstrafe verbüßen musste. Bald danach starben beide Eltern.

III

Seit September 1946 konnte Czaja an einem Stuttgarter Gymnasium unterrichten, und auch sein politisches Engagement nahm er wieder auf: Der inzwischen 32-Jährige trat der neugegründeten Jungen Union, dann der CDU bei und wurde bereits 1947 in den Stadtrat gewählt, wo er sich als Vertreter der zahlreichen Vertriebenen verstand.

Es war ebenso die Zeit eines privaten Neubeginns. In der katholischen Studentengemeinde lernte er Eva-Maria Reinhardt kennen, Tochter eines früheren christlichen Gewerkschafters und Zentrumsmannes. Als Caritas-Mitarbeiterin erlebte sie täglich die Probleme der Menschen in der zerstörten Stadt, der Einheimischen wie der Vertriebenen, und wurde ihm eine wichtige Ratgeberin. Aus der 1948 geschlossenen Ehe gingen zehn Kinder hervor, von denen eines früh verstarb.

Im Mittelpunkt der Stadtratsarbeit standen die Überwindung der Nachkriegsnot und der Wiederaufbau. Vor allem aber suchte Czaja seinen Schicksalsgenossen bei der Wohnungssuche, der Arbeitsvermittlung und der Familienzusammenführung zu helfen. Die schier unermüdliche Sorge um Einzelschicksale, die in seinem Nachlass viele Dutzend Ordner füllen, beschäftigte ihn bis an sein Lebensende.

Czaja war maßgeblicher Mitbegründer der Union der Heimatvertriebenen, der landsmannschaftlichen Organisationen, des Hilfsverbandes der Heimatvertriebenen und von Unternehmen des sozialen Wohnungsbaus. Bei den Bundestagswahlen 1953 zog er über die Landesliste Baden-Württemberg in den DeutschenBundestag ein; aus dem Stadtrat schied er im selben Jahr aus und ließ sich aus dem Schuldienst beurlauben. Gleich in seiner ersten Legislaturperiode im Bundestag wurde er Mitglied in den damals zentralen und arbeitsintensiven Ausschüssen für Lastenausgleich, Wiederaufbau und Wohnungswesen. Er engagierte sich dort mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit.

Czaja kämpfte für das Bundesvertriebenengesetz und die Familiengesetzgebung, und frühzeitig setzte er sich für die Einführung eines Wohngeldes ein. In der politischen Öffentlichkeit wurde er später vor allem als leidenschaftlicher Verteidiger des Heimatrechtes wahrgenommen. Czaja gehörte freilich von Beginn an zu jenen, die alles ihnen Mögliche taten, um den Vertriebenen das Leben in der neuen Heimat auch geistig und seelisch zu erleichtern und sie zu integrieren. Diese Integration ist umfassend gelungen – eine herausragende Leistung der jungen Bundesrepublik wie der Vertriebenen gleichermaßen.

In der Innen- wie der Außenpolitik stand er fest zur Konzeption Konrad Adenauers. Im Besonderen zu der von ihm betriebenen Westintegration der Bundesrepublik sah Czaja angesichts der sowjetischen Nachkriegspolitik in Osteuropa und vor dem Hintergrund des Ost-West-Konfliktes keine Alternative. Für ihn war die Stabilisierung der Demokratie des Grundgesetzes und der Sozialen Marktwirtschaft im westdeutschen Teilstaat der Weg, der langfristig auch zum Ziel der Wiedervereinigung Deutschlands führen musste. Die Geschichte hat Adenauer und jenen, die ihn unterstützten bzw. ihm folgten, in beeindruckender Weise Recht gegeben. Die zeitgenössischen Adenauer-Kritiker von Rechts und Links konnten Czaja nicht beeindrucken. Als der frühere ostpreußische Zentrumspolitiker Linus Kather ihn Mitte der 50er Jahre aus deutschlandpolitischer Unzufriedenheit zum gemeinsamen Übertritt in den nach rechts tendierenden Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) bewegen wollte, lehnte Czaja das unmissverständlich ab und warnte vor diesem Irrweg.

Nach seiner Wiederwahl in den Deutschen Bundestag wurde er von Kurt Georg Kiesinger vorübergehend in die Gespräche zur Regierungsbildung in Stuttgart (1958) einbezogen, aber ein Wechsel in die Landespolitik kam für ihn nicht in Frage. Czaja sah seine Aufgabe in Bonn, besonders in der Vertriebenen- und der Wohnungsbaupolitik. Hier gewann für ihn die Eigentumsbildung eine neue, auch sozial- und familienpolitische Bedeutung. Aktiv wirkte er in Wohnungsbaugesellschaften mit und unterstützte Wohnungsbauminister Paul Lücke nachdrücklich. Zugleich wandte er sich gegen das „Kollektiveigentum und den Hochhausbau“ (Czaja), eine Politik, für die stellvertretend der gewerkschaftseigene GroßkonzernNeue Heimat stand.

Über seine Arbeitsgebiete hinaus waren Czajas Möglichkeiten in der Fraktion während seiner zweiten Legislaturperiode eher gering; er selbst sah sich ohne nennenswerten Einfluss und Mitstreiter, obwohl damals 32 (der 278) Fraktionsmitglieder der Gruppe der Vertriebenen und Flüchtlinge angehörten. Nachdem er 1961 erneut über die Landesliste in den Bundestag eingezogen war, verfolgte er mit wachsendem Unverständnis die Kritik, die Adenauer in seiner Endphase erfahren musste. Im Rückblick formulierte Czaja, damals sei„durch personale Querelen konzeptionell Richtiges ernsthaft bedroht“ worden.

Czaja bewunderte den ersten Bundeskanzler aufrichtig, und trotz menschlichen Respektes, den er für Ludwig Erhard empfand, teilte er Adenauers kritische Einschätzung für seinen Nachfolger. Nach Czajas Überzeugung vertrat Erhard in der Frage der Oder-Neiße-Linie nicht die gleiche feste Position, die er Adenauer unterstellte. Umso bemerkenswerter ist es, dass 1964 im Zuge einer Kabinettsumbildung auch eine Berufung Czajas diskutiert wurde; so jedenfalls erfuhr er von dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Rainer Barzel.

IV

Mitte der 60er Jahre verlagerte Czaja den Schwerpunkt seiner politischen Tätigkeit auf die Außen- und Deutschlandpolitik; seit 1964 war er Mitglied des Auswärtigen Ausschusses. Zu seinem Verständnis von Außenpolitik gehörte ein unbeirrbares Engagement auf dem Feld der Menschenrechte. Im damaligen Deutschen Bundestag war das eher ungewöhnlich. Während des Bürgerkrieges in Nigeria/Biafra beteiligte er sich an Gesprächs- und Unterstützungskreisen für humanitäre Maßnahmen, reiste selbst in das Konfliktgebiet und bemühte sich um die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem ge­schundenen Land. In ähnlicher Weise engagierte er sich für die Op­fer von Menschenrechtsverletzungen im Nahen Osten, im Sudan, in Zen­tralamerika und Südostasien. Seine Versuche zu helfen galten auch den von Natur- und Hungerkatastrophen Betroffenen, und wie­derholt wies er auf ökologische Ursachen dieser vermeintlichen Naturereignisse hin. Zeitweilig war Czaja stellvertretender Vorsit­zender des Bundestags-Unterausschusses für humanitäre Hilfe. Im Zentrum seiner Arbeit standen das Ringen um Deutschland, wie er es verstand, und die Rechte der Vertriebenen. Bereits in seiner frühen Stuttgarter Zeit gründete er die Landsmannschaft der Oberschlesier, und nach langjähriger Tätigkeit auf regionaler und Lan­desebene wurde er 1964 ihr Bundesvorsitzender, 1969 ihr Sprecher. Bereits in einer seiner ersten Stellungnahmen als Bundesvorsit­zender hatte er deutlich gemacht, die Verwirklichung des Heimat­rechtes müsse „in den großen Rahmen der europäischen Einigung“ gestellt werden, und war für eine Verständigung mit Polen eingetre­ten.

In den frühen 60er Jahren begegnete das politische Deutschland dem Anliegen der Vertriebenen noch in grundsätzlich an­derer Weise, als dies nur wenige Jahre später der Fall sein sollte. Ausgangspunkt und in gewisser Weise Teil der Staatsräson der jungen Bundesrepublik Deutschland war seit 1949 die gemeinsame Überzeugung aller de­mokratischen Parteien, dass Deutschland nicht aufgehört habe, in den Grenzen von 1937 fortzubestehen. Lediglich die Kommunisten vertraten eine an­de­re Position.

Diesen deutschlandpolitischen Grundkonsens stellten kleinere Dis­kussionszirkel innerhalb der FDP erstmals Ende der 50er Jahre in Frage; 1963 wurde in der SPD der Begriff Wandel durch Annähe­rung geprägt. Bis weit in die zweite Hälfte der 60er Jahre hinein waren solche Positionen aber auch im Lager dieser beiden Parteien nicht annähernd mehrheitsfahig. Noch 1965 wurde in der SPD im Hinblick auf die Ostgebiete des Deutschen Reiches eine nationale Sprache gepflegt, die selbst bei der CDU/CSU so kaum üblich war. Unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, der seit 1966 einer Ko­alition von CDU, CSU und SPD vorstand, kam erkennbar Bewe­gung in die Ost- und Deutschlandpolitik. Außenminister Brandt trat seit 1968 für eine Respektierung bzw. Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze ein. Die Vertriebenen reagierten darauf mit Unver­ständnis und Ablehnung. Czaja selbst veröffentlichte eine Schrift Ausgleich mit Osteuropa – Versuch einer europäischen Frieden­sordnung. Er lehnte – ganz im Geist der Charta der deutschen Heimatvertriebenen von 1950 – gewaltsame Grenzänderungen ab und setzte auf eine friedliche Verwirklichung von Menschen- und Gruppenrechten in Osteuropa. Nachdrücklich betonte er das Recht auf Heimat und forderte Volksgruppenrechte für die Minderheiten. Die Stimme der Vertriebenen hatte bereits zu diesem Zeitpunkt sehr an Gewicht verloren. Nach den Bundestagswahlen von Herbst 1969 kam es mit der Bildung der sozial-liberalen Regierung zu einer offe­nen Wende in der Ost- und Deutschlandpolitik, die im Gegensatz zu Erklärungen stand, die von denselben Politikern noch wenige Mona­te zuvor abgegeben worden waren.

V

In dieser für die Vertriebenen und ihre Zusammenschlüsse stürmi­schen Zeit wurde Czaja im März 1970 Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV), einer der größten Organisationen der Bundes­republik mit damals zweieinhalb Millionen Mitgliedern. Er trat die Nachfolge des ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Reinhold Rehs an, der aus Protest gegen die neue Ostpolitik zur CDU überge­treten war, aber kein neues Mandat erhalten hatte. Als Karrierestati­on sah Czaja die neue Funktion nicht, vielmehr habe er eine Stel­lung „zum Verschleiß“ übernommen. Czaja unterschied sich in Denkweise und Auftreten deutlich von seinen Vorgängern. In ersten Stellungnahmen bemühte er sich, keine weitere Polarisierung auf­kommen zu lassen, und betonte, er sei ein Politiker, „der bei aller Unterstreichung der Rechtsprinzipien um eine Lösung im Sinne ei­nes Ausgleichs ringt“.

Die neue Bundesregierung glaubte indes, ihre Politik ohne die Men­schen betreiben zu können, die von ihr am meisten betroffen waren. Entgegen der Zusage, die Brandt als Außenminister gegeben hatte, man werde die Vertriebenen einbeziehen, fanden im Laufe des Jah­res 1970 Geheim-Verhandlungen mit der Sowjetunion und der Volks­republik Polen statt. An ihrem Ende standen die Verträge von Mos­kau und Warschau. Sie enthielten die faktische Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als Ostgrenze Deutschlands. Es bedurfte intensi­ver Bemühungen der CDU/ CSU-Opposition und der Einschaltung des Bundesverfassungs­gerichtes, um klarzustellen, dass die Verträge lediglich den Charakter von Gewaltverzichts-, nicht aber von Grenzaner­ken­nungsverträgen hatten.

Czaja hatte vergeblich gefordert, die Geheimdiplomatie zu beenden und rechtzeitig die sonst so vehement geforderte Transparenz zu praktizieren. Tatsächlich wurden Politiker und Journalisten, die vor­zeitig Teile der Verhandlungsergebnisse veröffentlicht hatten, unter Druck gesetzt. Auch gegen Czaja richteten sich unmäßige Angriffe. Unbekannte Urheber versandten unter seinem Absender gefälschte chauvinistische Texte. Wiederholt wurde er an öffentlichen Reden gehindert.

Für Czaja war es eine tiefe Enttäuschung, dass sich seine Partei bzw. die CDU/CSU-Bundestagsfraktion unter Führung des da­ma­ligen Vorsitzenden Barzel nicht geschlossen zu einer Ablehnung der Ver­träge durchringen konnte. Vergeblich hatte Czaja, der immer wieder humanitäre, historische und völkerrechtliche Argumente vortrug, auch darauf hingewiesen, dass Gegenleistungen von russischer und polnischer Seite ausge­blieben seien.

Im Frühjahr 1973 musste Czaja feststellen, dass für die deutsche Min­derheit im polnischen Herrschaftsbereich trotz oder gerade wegen der Verträge vieles schlechter geworden sei. Antideutsche Propa­ganda und individuelle Verfolgung von Personen, die sich zur deut­schen Kultur bekannten, seien neu aufgekommen. Nachdrücklich warnte er vor der Erfüllung weiterer finanzieller Forderungen Po­lens, die die Warschauer Regierung dann noch im selben Jahr erhob. Als die polnische Seite im Hinblick auf die deutsche Minderheit von lediglich 50.000 Aussiedlungsberechtigten sprach, hielt Czaja ihr die Zahl von 280.000 unerledigten Anträgen entgegen, die zu die­sem Zeitpunkt den Organisationen der Heimatvertriebenen bekannt waren.

Czajas Detailkenntnisse, seine juristische Argumentation und seine Hartnäckigkeit machten ihn zu einem für die kommunistische Re­gierung Polens äußerst unangenehmen Gegner. Sie schreckte vor keinem Mittel zurück, um die Glaubwürdigkeit und Integrität dieses Gegners zu beschädigen. Von der amtlichen polnischen Nachrich­tenagentur PAP wurde Czaja im Frühjahr 1975 beschuldigt, sich an verschiedenen „Verbrechen am polnischen Volk“ beteiligt zu haben, u.a. an der Verschleppung von 183 Professoren der Universität Krakau im November 1939.

Damit wurde die Wahrheit auf den Kopf gestellt. Czaja, der 1939 geholfen und sich damit selbst gefährdet hatte, nahm gegen die bös­artigen Verdrehungen öffentlich Stellung – eine der wenigen Gele­genheiten, bei denen er auf persönliche Angriffe so vehement rea­gierte. Obwohl eindeutige Aussagen polnischer NS-Verfolgter vorlagen, machten sich auch deutsche Stimmen im linken Lager die ehrabschneidenden Unwahrheiten zu Eigen, um Czaja in die Nähe der Nationalsozialisten zu rücken. Gerade unter diesen Anwürfen hat er sehr gelitten.

In seinen Bemühungen um Deutschland und die deutsche Minder­heit jenseits von Oder und Neiße ließ er sich jedoch nicht beirren. Immer wieder stellte er die Bundesregierung im Deutschen Bundes­tag mit bohrenden Fragen und Zusatzfragen. Allein zwischen 1971 und 1975 reichten er und sein Fraktionskollege Herbert Hupka, Vi­zepräsident des BdV, etwa 300 Fragen an die Regierung ein. Wie­derholt forderte Czaja Brandts Nachfolger Schmidt auf, die deut­schen Interessen nachhaltiger zu vertreten. Trotz der Milliardenzahlungen an das kommunistische Regime in Warschau gebe es für die deutsche Minderheit, zu der eine Million Menschen gehörten, so Czaja Ende 1977, „keine einzige deutsche Schule und keinen einzi­gen deutschen Verein“. Deutsche Namen würden weiterhin auf ge­setzlicher Grundlage zwangspolonisiert, deutsche Grabinschriften verboten, Kinder ausgehorcht, ob sie zu Hause Deutsch redeten. Als ein schweres Hindernis für eine wirkliche deutsch-polnische Aussöhnung beklagte Czaja die Tatsache, dass die in der Nach­kriegszeit an Deutschen begangenen Verbrechen selbst Ende der 70er Jahre noch nicht verfolgt wurden. Für Czaja und viele Vertrie­bene stand stellvertretend für diese Verbrechen der Name des To­deslagers Lamsdorf, in dem viele Tausend Menschen wegen ihrer bloßen Zugehörigkeit zum deutschen Volk ermordet worden waren. Unmissverständlich aber wies Czaja Versuche zurück, durch Ver­gleiche die Verbrechen der Nationalsozialisten zu relativieren. Kaum ein Vertriebenenpolitiker hat so oft und so deutlich von der deutschen Schuld gegenüber Polen gesprochen. Czaja ließ aber nicht zu, dass aus dieser Schuld die Rechtfertigung für das den Deutschen zugefügte Unrecht abgeleitet wurde.

Auch die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) hatte für die deutsche Minderheit in den Vertreibungsgebie­ten nicht die erhofften positiven Folgen. Im Zusammenhang mit dem KSZE-Überprüfungstreffen in Bel­grad 1978 rügte Czaja erneut die mangelhafte Vertretung deutscher Interessen durch die sozial­liberale Bundesregierung.

Czaja gehörte zur kleinen Zahl jener, die die Wiedervereinigung und die Ablehnung der Oder-Neiße-Grenze zum Ceterum censeo ihrer Politik machten, bisweilen in einer Weise, die nicht nur die Gegner, sondern manchmal auch politische Freunde enervierte. Das galt besonders für seine rechtliche Argumentationsweise. Die Zeit schien gegen Czaja zu arbeiten. Hatten seine Themen früher viele Leitarti­kel bestimmt, so war er Ende der 70er Jahre außerhalb der Vertriebenenpresse meist darauf angewiesen, seine Positionen in Leserbrie­fen zu vertreten. In oft bestechender Argumentation reagierte er dort selbst auf einzelne Äußerungen führender Regierungspolitiker, etwa die Ansicht des Sozialdemokraten Ehmke, der ebenso töricht wie verfassungsrechtlich bedenklich behauptet hatte, Deutschland sei „ein juristisches Schattenreich“. Für Herbert Czaja blieb die Einheit Deutschlands dagegen eine Realität.

VI

Sehr aufmerksam verfolgte Czaja Ende der 70er Jahre oppositionelle Ansätze im Ostblock. Gleichzeitig beobachtete er mit Sorge, wie sehr man im Auswärtigen Amt diese Ansätze und die sich daraus er­gebenden politischen Möglichkeiten unterschätzte. Seine persönli­che Sympathie galt der Gewerkschaftsbewegung Solidarität in Polen. Zum einen sah er sich durch ihre ersten Erfolge in seiner christlich begründeten Überzeugung bestärkt, dass der Mensch zur Freiheit geboren sei und daher alle freiheitsfeindlichen Systeme langfristig scheitern müssten; zum anderen hoffte er, mit einer freigewählten demokratischen Regierung in Warschau eher zu einem Ausgleich über die Probleme zu kommen, die das Verhältnis beider Länder so schwer belasteten. Zutreffend schätzte er bereits damals das Ausmaß der wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Ostblocks ein – zutreffender jedenfalls als nicht wenige, die den ostpolitischen Kurs maßgeblich beeinflussten. Für ihn schien es zwingend, dass eine deutsche Regierung aus diesen Schwierigkeiten politische Vorteile ziehen müsse.

Tatsächlich aber blieben die erheblichen finanziellen bzw. wirt­schaftlichen Hilfen für die Moskauer Regierung und das inzwischen herrschende polnische Militärregime ohne die Gegenleistungen, die er für möglich hielt: den Abbau der Berliner Mauer und der deut­schen Teilung sowie für alle Deutschen das „Recht auf Heimat in einem freien Europa“. Czaja musste erkennen, dass die sozial-liberale Bundesregierung die europäische Nachkriegsordnung für endgültig hielt und die Freiheitsbestrebungen in Osteuropa als eher irritierend empfand. Vergeblich forderte er die Sozialdemokraten auf, mit der Solidarität in einen ernsthaften Dialog einzutreten. Auf deutscher Seite blieb der Kontakt im Wesentlichen auf Journalisten, kirchliche Kreise und Teile der CDU/CSU-Opposition beschränkt. Für die Union ging im Herbst 1982 mit dem von Helmut Kohl ge­wonnenen konstruktiven Misstrauensvotum die 13-jährige Oppo­si­tionszeit zu Ende. Der Koalitionswechsel der FDP bedeutete freilich nicht den von Czaja für notwendig gehaltenen Kurswechsel in der Ost- und Deutschlandpolitik, blieb doch Hans-Dietrich Genscher, der die Liberalen an die Seite der CDU und CSU geführt hatte, wei­terhin Außenminister. Ihn machte Czaja nicht nur für Fehlentschei­dungen, sondern für eine aus seiner Sicht grundsätzlich falsche Konzeption verantwortlich. Seine Auffassung sah er dagegen seit 1985 durch den amerikanischen Präsidenten Reagan nachhaltig be­stätigt, der auf einen friedlichen Wandel in Moskau setzte, während das Auswärtige Amt immer noch die „friedensstiftende Funktion der Erhaltung des Status quo“ betonte.

Aber auch in der eigenen Partei gab es für Czaja enttäuschende Ent­wicklungen, und obwohl er 1983 seinen Stuttgarter Wahlkreis erst­mals direkt gewonnen hatte, stärkte das seinen innerparteilichen Einfluss kaum. Er geriet in eine Konfrontation mit dem „linken Flü­gel“ der CDU, und selbst Parteifreunde rechneten ihn – einen po­lemischen Begriff der Hamburger Magazinpresse aufnehmend – zu einer angeblichen unionsinternen Stahl­helmfraktion. Sachlich ging es dabei vor allem um die Familien- und die Ostpolitik. Der stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Ruhe attestierte den Ostverträgen eine „politische Bindungswirkung“ auch für ein wiedervereinigtes Deutschland. Für Czaja waren damit Positionen gefährdet, für die er seit Jahrzehnten gekämpft und die er mit dem Bundesverfassungsgerichtsurteil von 1973 dauerhaft bestätigt ge­glaubt hatte.

Die Kette unerfreulicher Auseinandersetzungen riss nicht ab. Durch eine Rede des Bundespräsidenten von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Kriegsendes sah Czaja die Sache der Vertriebenen erneut be­schädigt. Die Form wahrend, aber in der Sache unmissverständlich, attackierte er von Weizsäcker und hielt ihm vor, zu einer konstrukti­ven Friedensordnung müssten beide Sei­ten, Polen und Deutschland, beitragen und nicht nur die Vertriebenen durch Verzicht auf Heimat, Eigentum und Achtung.

Als es im selben Jahr noch zu einer heftigen Auseinandersetzung um das missverständliche Tagungsmotto des Schlesiertages „40 Jahre Vertreibung – Schlesien bleibt unser“ kam, das die Landsmann­schaft Schlesien gewählt hatte, und Czaja kurz darauf nicht mehr in den Landesvorstand seiner Partei in Baden-Württemberg gewählt wurde, schien er in der CDU vor dem politischen Ende. Dennoch wies er ohne Zögern ein Angebot der Republikaner zurück, die ihn „mit offenen Armen“ – so ihr Vorsitzender Schönhuber – aufneh­men wollten. Eine andere Entscheidung des höchsten Repräsentan­ten der Vertriebenen hätte in dieser Situation möglicherweise eine fatale Signalwirkung gehabt und den weiteren Aufschwung der Re­publikaner begünstigt. Czaja entschied sich fernab aller taktischen Überlegungen aus tiefer christlicher Überzeugung gegen den rechten Rand und für die politische Mitte, so sehr er sich durch die eigene Partei enttäuscht sah.

Aufgeben wollte er indes nicht. Obwohl im Wettbewerb um die Bundestagskandidatur ein innerparteilicher Gegenkandidat aus der Stuttgarter Jungen Union antrat, erhielt er Unterstützung gerade auch von jungen Menschen. Der Landesvorstand korrigierte die Ent­scheidung des Parteitages insofern, als er ihn einstimmig und damit überzeugend kooperierte. Auch aus Bonn kam Rückenwind. Czaja gewann die Nominierungsabstimmung und holte im September 1987 den schwierigen Wahlkreis erneut direkt. Seinen politischen Kurs haben diese Erfahrungen nicht verändert, zumal er davon überzeugt war, dass „Fortschritte auf dem Weg zum Abbau“ der europäischen und deutschen Teilung „aktuell erreich­bar“ seien. Er selbst prognostizierte die deutsche Wiedervereinigung – entschlossenes Handeln vorausgesetzt – für das nächste Jahrzehnt. Zu­gleich kritisierte er seine eigene Partei, weil sie nicht über eine deutschlandpolitische Gesamtkonzeption verfüge; Czaja hielt es für nicht ausreichend, die deutsche Frage nur offenhalten zu wollen. Czaja stand mit dieser parteiinternen Kritik keineswegs allein. Ge­rade die Ereignisse des Jahres 1989 machten aber deutlich, dass die deutschlandpolitischen Modelle und „Gesamtkonzeptionen“, die 1987/88 von einzelnen CDU/CSU-Po­li­tikern und -zirkeln vorgelegt wurden, ein sehr kurzes Verfallsdatum hatten: In Osteuropa und in der DDR beschleunigte sich die Entwicklung rapide, und Einwir­kungsmöglichkeiten von außen gab es praktisch nicht. Angesichts dieser Situation konnten vorgefertigte und meist langfristig angeleg­te Konzeptionen kaum hilfreich sein – die notwendigen Entschei­dungen mussten allzu oft vor dem Hintergrund sich überstürzender Ereignisse situationsabhängig getroffen werden. Czaja sah nicht erst in dieser Phase für die Vertriebenen die konkre­te Gefahr, dass sich die Wiedervereinigungsdiskussion auf West­deutschland und das historische Mitteldeutschland beschränken würde; nachdrücklich forderte er die Einbeziehung der Ostgebiete des Deutschen Reiches in alle Erörterungen. Immer wieder verwies er auf die alliierten Festlegungen der Nachkriegszeit, auf die völker­rechtliche Situation und nicht zuletzt die historische Tatsache, dass diese Gebiete seit 700 Jahren von Deutschen besiedelt und geprägt worden waren.

Im Unterschied zu anderen Vertriebenenpolitikern ging er aber seit den 60er Jahren davon aus, dass grenzkorrigierende Kom­promisse notwendig sein würden. Konkrete Vorschläge hat Czaja aus nahelie­genden Gründen nicht vorgelegt. Sie wären, so ist sicher anzuneh­men, von polnischer Seite ebenso zurückgewiesen worden wie von weiten Teilen der Vertriebenen. Vorstellungen, die Czaja im Früh­jahr 1990 für Oberschlesien entwickelte und die auf einen Sonder­status hinausliefen oder aus den umstrittenen Gebieten insgesamt ein „neues europäisches Territorium mit eigener Souveränität“ zu schaffen suchten, hatten auf den Fortgang der Ereignisse keinen Einfluss. Die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als Ostgrenze Deutschlands war 1990 der Preis für die staatliche Wiederver­eini­gung des historischen Mitteldeutschland mit Westdeutschland. Dieser hohe Preis ist außerhalb der Vertriebenengemeinschaft nur noch von einer Minderheit als schmerzlich empfunden worden. Für die Vertreibung, das größte Verbrechen der europäischen Nach­kriegsgeschichte, gab es in der deutschen Gesellschaft über verbale Bekundungen hinaus kaum noch ein moralisches oder historisches Empfinden.

In diesen für die deutsche Einheit entscheidenden Monaten kam aus Vertriebenenkreisen heftige und bisweilen unmäßige Kritik an Bun­deskanzler Helmut Kohl, obwohl gerade er sich um das Verständnis der Vertriebenen stets bemüht hatte. Czaja schloss sich dieser Kritik nicht an, vielmehr war er dankbar dafür, dass Kohl demonstrativ die Vertriebenenveranstaltungen besuchte. Der Kanzler erfuhr dafür ei­ne zum Teil in Schmähungen ausartende Kritik von linker Seite. Als Angehöriger der Erlebnisgeneration wusste Kohl, wie schmerzhaft gerade für die Opfer der Vertreibung der Weg war, den er gehen musste, um wenigstens diese Wiedervereinigung zu erreichen. Die meisten Vertriebenen erkannten nicht, dass Kohl selbst die von Czaja als „zu klein“ empfundene Lösung gegen den anfanglichen Wider­stand nahezu aller Mächte durchsetzen musste, die sich zur Mitspra­che berechtigt fühlten.

Viele Vertriebene, die sich in ihrer Stuttgarter Charta von 1950 zur Gewaltlosigkeit und zum Ausgleich mit den östlichen Nachbarn verpflichtet hatten, die auf das Recht als die Waffe des Schwächeren vertrauten, wie Czaja immer wieder hervorhob, sahen sich durch das Ergebnis des Wiedervereinigungsprozesses und die Regelung des Verhältnisses zu Polen bitter enttäuscht. Zu sehr hatten sie auch ge­glaubt, die Grenzfrage könne maßgeblich von einer deutschen Re­gierung in ihrem Sinne entschieden werden und waren damit einer schwerwiegenden Fehleinschätzung erlegen. Es gab in der entschei­denden Phase keinen führenden ausländischen Politiker, der sich die Sache der deutschen Vertriebenen zu Eigen gemacht oder wenig­stens ihre Position unterstützt hätte.

Das galt im übrigen auch für die Mehrheit der westdeutschen Be­völkerung – die Ostpolitik der sozial-liberalen Koalition hatte hin­sichtlich der Grenzfrage „bewusstseinsbildend“ gewirkt, und wer in­nerhalb oder außerhalb des Vertriebenenlagers unter Hinweis auf Recht und Geschichte andere Auffassungen vertrat, sah sich dem Verdacht ausgesetzt, den Frieden zu gefährden und alte politische Gespenster heraufbeschwören zu wollen. Diese Bewusstseinsverän­derung in ihrer Tragweite nicht erkannt zu haben, gehörte zur per­sönlichen Tragödie vieler Vertriebenenpolitiker, auch der Herbert Czajas.

Im Deutschen Bundestag gehörte er zu einer kleinen Gruppe von Abgeordneten, die der Grenzanerkennung im Juni 1990 ihre Zu­stimmung verweigerten. Czaja betonte, der Ausgleich mit Polen und den übrigen Vertreibungsstaaten sei nicht zu erreichen, wenn eine Seite nichts und die andere Seite alles erhalte. Die Anerkennung des territorialen Totalverlustes von Ostdeutschland könne er nicht als Preis für die staatliche Wiedervereinigung West- und Mitteldeutsch­lands akzeptieren, zu­mal Polen und die Tschechoslowakei nicht be­reit waren, sich zu den moralischen, strafrechtlichen und materiellen Konsequenzen der völkerrechtswidrigen Vertreibung zu bekennen. Vergeblich rief Czaja zusammen mit sieben Fraktionskollegen, von denen keiner zu den führenden Politikern der CDU/CSU gerechnet werden konnte, das Bundesverfassungsgericht an. Die Kläger sahen sich durch das Gesetzgebungsverfahren, das zur endgültigen Aner­kennung der Oder-Neiße-Grenze führte, in ihren Rechten verletzt. Die Klage scheiterte im September 1990. Czajas Position in der Grenzfrage wie zum Deutsch-Pol­nischen Vertrag von 1991 blieb im Lager der Vertriebenen nicht ohne Widerspruch. Im Rückblick musste er einräumen, es habe großer Anstrengungen bedurft, um den Zusammenhalt zu sichern. Gerade jüngere Vertriebenenpolitiker opponierten ge­gen Czajas Kurs, der sich menschlich tief enttäuscht zeigte.

VII

Nach 37-jähriger Zugehörigkeit zum Deutschen Bundestag kandi­dierte Czaja bei den Wahlen im Dezember 1990 nicht mehr. Für sei­ne Überzeugungen und sein politisches Arbeiten ist kennzeichnend, dass seine letzte Initiative als Abgeordneter, die Klage in Karlsruhe, noch einmal eine für ihn ethisch wie rechtlich und politisch zentrale Frage betraf.

Gegenstand der Klage, die er und seine Mitstreiter einreichten, war u.a. die Übernahme des DDR-Abtreibungsrechtes im Einigungsver­trag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Das Engagement für das ungeborene Leben war für den tiefgläubigen Katholiken im Sinne des Wortes die natürlichste Sache überhaupt. In den 70er Jahren widersetzte er sich mit seiner Fraktion vergeblich der sozial-liberalen Koalition, die durch die sog. Reform des Para­graphen 218 StGB den Schutz des ungeborenen Lebens faktisch preisgab. Ihm war bewusst, dass es in dieser Auseinandersetzung nicht nur um eine christliche Grundüberzeugung, sondern um Wer­teüber­zeu­gun­gen ging, die der freiheitlichen Verfassungsordnung der Bundesrepublik Deutschland zugrunde liegen. Für Czaja nicht über­raschend hat das Bundesverfassungsgericht die von der damali­gen Regierungsmehrheit durchgesetzte Fristenlösung als verfas­sungswidrig verworfen. Ihn entsetzten aber die in der veröffentlichten Meinung betriebene Diskussion und die Tatsache, dass in der west­deutschen Wohlstandsgesellschaft nahezu jede dritte Schwanger­schaft meist mit der Begründung einer sozialen Notlage abgebro­chen wurde.

Vor diesem Hintergrund trat Czaja dafür ein, dass nur noch solche Beratungsstellen staatlich gefordert werden sollten, die Frauen in Konfliktsituationen in erster Linie seelische und materielle Hilfe anboten. Zutreffend sah er ein Hauptproblem in dem veränderten Rechtsbewusstsein. Es orientiere sich, so Czaja, mehr an der rechtswidrigen Praxis als am Gesetz. Grund für die schleichende Veränderung des Rechtsbewusstseins sei u.a. die Zurücknahme des Strafanspruchs und die Finanzierung der Abtreibung durch die Krankenkassen. Die faktische Sanktionslosigkeit führe in der Gesellschaft zu der Annahme, die Tötung ungeborenen Lebens sei erlaubt.

Folgerichtig gehörte Czaja 1983 im Deutschen Bundestag zu den Mitinitiatoren eines Antrages, der die Krankenkassenfinanzierung von Abtreibungen beenden sollte. Der Antrag veranlasste den der FDP angehörenden Justizminister Engelhardt, von einer bewussten „Störung des Koalitionsfriedens“ zu sprechen. Erfolg war der Initia­tive angesichts der Mehrheitsverhältnisse nicht beschieden. Trotz dieses Fehlschlages ließ Czaja sich nicht entmutigen, weiter­hin für den Lebensschutz einzutreten. Er half im Hintergrund und äußerte sich dort öffentlich, wo es ihm geboten schien. Als ein bayerisches Krankenhaus von Stellenbewerbern die Bereitschaft verlangte, bei Abtreibungen mitzuwirken, sorgte er dafür, dass die bayerische Staatsregierung dieses rechtswidrige Vorgehen stoppte. Czaja wusste sich in der Abtreibungsproblematik wie in allen Fragen der Glaubens- und Sittenlehre in Übereinstimmung mit seiner Kir­che. Dort, wo Papst und Bischöfe über diesen Bereich hinausgingen, scheute er sich nicht, den Dissens offen zu artikulieren. Das galt et­wa für die vatikanische Ostpolitik der 70er Jahre. Die oppositionelle Rolle der Kirche in Polen würdigte er nachdrück­lich, kritisierte aber auch die Verweigerung deutschsprachiger Got­tesdienste und schwieg nicht zu dem schlimmen Verhalten des Pri­mas Hlond in der Nachkriegszeit. Auch Primas Glemp, der bemerk­te, Mitglieder der deutschen Volksgruppe in Polen würden nicht einmal ihre Sprache beherrschen, hätten aber Anspruch auf die deut­sche Staatsbürgerschaft, erfuhr Czajas Widerspruch. Er hielt dem Kardinal entgegen, er berufe sich auf die Ergebnisse einer „40jähri­gen Zwangspolonisierung und Diskriminierung“ von mehr als einer Million Deutschen, ohne dies als Verletzung von Sitte und Moral zu verurteilen. Dagegen stellte er sich wiederholt vor Papst Johannes Paul II. und nahm ihn gegen den von rechten Kreisen in Deutsch­land erhobenen Vorwurf in Schutz, er vertrete chauvinistische polni­sche Positionen.

Der tieffromme Czaja besaß eine Glaubensstärke, die groß genug war, einzelne Repräsentanten der Kirche nicht mit ihr gleichzuset­zen. In den Laiengremien arbeitete er offen, konstruktiv und kritisch mit. Er gehörte der Ackermann-Gemeinde an und begründete die Arbeitsgemeinschaft der katholischen Vertriebenenorganisationen mit. Seit 1957 war er Leiter des Arbeitskreises Kirche und Hei­mat, von 1967 bis 1987 Vollmitglied des Zentralkomitees der deut­schen Katholiken (ZdK). Auch hier galt sein Bemühen von Beginn an der ostdeutschen Heimat und dem Ausgleich mit Polen. Für ihn bedingte das eine das andere. Es kennzeichnet ihn, dass er in diesem Kreis 1958 kritisierte, die Landsmannschaften seien national-liberal, zum Teil aber auch von Personen bestimmt, die während des „Dritten Reiches“ Einfluss gehabt hätten. Mit ihnen konnte die deutsch-polnische Aussöhnung nicht gelingen, und so setzte sich Czaja dafür ein, sie durch zweifelsfrei demokratische Persönlichkei­ten möglichst mit christlicher Grundüberzeugung zu ersetzen. Das ist in der Folge gelungen, und Czaja hat für den von ihm in den Vertriebenenorganisationen verfolgten Kurs lange Zeit großen Rückhalt im ZdK gehabt.

Im Jahre 1965 kam es zu einem Briefwechsel zwischen der Polni­schen und der Deutschen Bischofskonferenz, in dem beide Seiten sich zu der historischen Schuld ihrer Völker bekannten. Der hoff­nungsvoll begonnene Dialog kam ins Stocken, als die polnischen Bischöfe nur wenig später ihr Schuldbekenntnis in einem Hirten­brief relativierten. Im deutschen Katholizismus löste der Briefwech­sel eine Diskussion aus, die bald stärker von der Politik als von kirchlichem Denken bestimmt wurde.

Der Bensberger Kreis, ein nach seinem Tagungsort benannter linkskatholischer Zirkel, veröffentlichte 1968 ein Memorandum, in dem die Unterzeichner die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze forderten. Die publizistische Wahrnehmung des Kreises, die seine innerkirchliche Bedeutung weit überstieg, zwang Czaja zu einer Entgegnung. Er hielt ihm vor, den Gedanken eines Miteinanders von Polen und Deutschen in den strittigen Gebieten gar nicht erst aufge­nommen und einseitig das Heimatrecht der heute dort Lebenden betont zu haben. Für Czaja stand außer Frage, dass es nicht zu einem neuerlichen „Bevölkerungsaustausch“ kommen dürfe, aber er be­stand ebenso nachdrücklich auf dem Heimatrecht der Vertriebenen. Maßgeblich beteiligte er sich im ZdK an Überlegungen zur Ent­schädigung polnischer NS-Opfer, und eine entsprechende Stellung­nahme von 1974, in der es auch um Aussiedlungsfragen und um Hil­fen für deutsche Heimatvertriebene ging, trug seine Handschrift. Ganz selbstverständlich unterstützte er das Maximilian-Kolbe-Werk, das zur Versöhnung beiträgt und pol­nischen Überlebenden des nationalsozialistischen Terrors hilft.

Aus Altersgründen verzichtete Czaja 1987 auf eine Wiederwahl in das ZdK, stand aber weiterhin als offizieller Berater zur Verfügung. Letztmalig wirkte er an einer Europa-Erklärung von Mai 1989 mit, in der das ZdK den Zusammenhang zwischen der europäischen und der deutschen Teilung betonte. Im August desselben Jahres veröf­fentlichten polnische und deutsche Katholiken, darunter namhafte Persönlichkeiten des ZdK, eine Erklärung zum 50. Jahrestag des Kriegsausbruches von 1939. Darin hieß es, es gebe „noch keine Friedensregelung für Deutschland als Ganzes“, gleichwohl träten die Unterzeichner dafür ein, „dass die Westgrenze Polens dauerhaften Bestand“ haben solle. Czaja sah nur eine Konsequenz. In einer scharfen Erklärung verwahrte er sich gegen die „Ausgrenzung“ der ostdeutschen Katholiken und stellte seine mehr als 30-jährige Tätig­keit für das ZdK ein.

VIII

Herbert Czaja hat auch nach der völkerrechtlichen Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze nicht aufgegeben, sondern für die deutsche Minderheit die Möglichkeiten zu nutzen gesucht, die sich aus dem Deutsch-Polnischen Vertrag von 1991 ergaben. Noch einmal kandi­dierte er 1992 für das Amt des BdV-Prä­sidenten. Trotz der Kritik, die im Vorfeld an seiner Führungsarbeit geübt wurde, erhielt er eine Zweidrittelmehrheit. Entscheidende neue Akzente konnte er nicht mehr setzen, zumal er nur wenige Monate später bei einer Wallfahrt der Vertriebenen in Süddeutschland einen ersten Herzinfarkt erlitt. Als er 1994 endgültig aus dem Amt schied, wurde der aus dem Su­detenland stammende CSU-Bundestagsabgeordnete Fritz Witt­mann sein Nachfolger; Sprecher der Landsmannschaft der Ober­schlesier und Vorstandsvorsitzender der Kulturstiftung der deutschen Ver­triebenen blieb Czaja bis zu seinem Tode. Er widmete sich ganz we­sentlich seinem letzten Buch, das eine Mischung aus Memoiren, völkerrechtlicher und historischer Argumentation sowie kommen­tierter Dokumentation darstellt. In der Ahnung, dass ihm die Zeit für eine Überarbeitung nicht mehr blieb, betrieb er das Erscheinen. Ein Zitat des früheren US-Bot­schafters Vernon Walters’ aufnehmend, stellte er im Titel die beziehungsreiche Frage „Unterwegs zum kleinsten Deutschland?“ – es sollte sein Vermächtnis sein an eine Generation, die mit dem ostdeutschen Erbe besser umzugehen wüsste.

Eine Festschrift für Herbert Czaja trug den Titel Frieden durch Menschenrechte, gleichsam die Leitlinie seines politischen Han­delns. Er, der im Leben so viel Schweres erfahren hatte und fünfzig Jahre für die Sache der Vertriebenen eintrat, wusste, dass Versöhnung und Gerechtigkeit einander bedingen. Dies war auch sein besonde­res Anliegen im Verhältnis zu Polen, und so warnte er vor ober­flächlichen Meinungen und einer wirklichkeitsfernen Polen-Romantik, die er vereinzelt auch bei hohen geistlichen Würdenträ­gern in Deutschland ausmachte. Wie Czaja dachte und fühlte, beleg­ten schon frühe Äußerungen aus den 50er Jahren: Die Annäherung an Polen müsse, so trug er im ZdK vor, „zuerst dem Menschen, dem Volk, der Kultur, der Kirche sehr weit entgegenkommen, sie hoch­achten, ja lieben“. Er forderte zugleich aber auch, Sachkenntnis walten zu lassen und den christlichen Tugenden der Klugheit, Weis­heit und Gerechtigkeit Raum zu geben.

Czaja hat zwischen seinen Bemühungen um die Integration der Ver­triebenen und seinen politischen Forderungen im Hinblick auf die Gebiete jenseits von Oder und Neisse keinen Gegensatz gesehen. Es gehört zu den größten Friedensleistungen dieses Jahrhunderts, dass mehr als zwölf Millionen Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, ohne den Gedanken an Revanche und Gewalt in eine frei­heitliche Gesellschaft und einen demokratischen Staat integriert werden konnten. Dazu hat Czaja wesentlich beigetragen. Er war zugleich ein Repräsentant der aus den Vertreibungsgebieten stammenden Katholiken, die das Schicksal aus dem Ermland, aus Oberschlesien, aus anderen Regionen und nicht zuletzt aus ehemals habsburgisch geprägtem Gebiet nach Westdeutschland verschlagen hatte. Hier haben sie einen bis heute unterschätzten Beitrag zum Aufblühen des Katholizismus in der jungen Bundesrepublik gelei­stet.

Czaja ist ein außerordentlich bescheidener Mann gewesen. Gleich­wohl hat er sich über die Vielzahl der ihm verliehenen Auszeich­nungen gefreut. Er erhielt die höchsten staatlichen und kirchlichen Orden, die Landsmannschaften der Vertriebenen würdigten ihn mit zahlreichen Ehrenerweisen.

Wie es in einem Nachruf hieß, haben Czaja auch Vertreter an­de­rer Auffassungen Respekt und sogar Sympathie entgegengebracht, aber er sah sich ebenso schlimmen Anfeindungen ausgesetzt. Dabei war er im persönlichen Umgang ein Mann von großer Sensibilität, Hilfs­bereitschaft und, wie es die Frankfurter Allgemeine Zeitung formu­lierte, „warmherziger Freundlichkeit“, den nach nichts mehr ver­langte als nach Verständigung. Er scheute aber auch nicht den offe­nen Konflikt, wenn es um die Sache ging, die ihm am Herzen lag. Das war im Besonderen das Schicksal derer, „die den bittersten Teil der Rechnung begleichen mussten, die dem deutschen Volk in die­sem Jahrhundert entstanden ist“.

Herbert Czaja starb am 18. April 1997 in seiner schwäbischen Er­satzheimat Stuttgart.

Bild: Kulturstiftung.

Jürgen Aretz

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