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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Dönhoff, Marion Gräfin

Journalistin, Schriftstellerin

* 1909, 02.12.
Schloss Friedrichstein/Samland

† 2002, 11.03.
Schloss Crottorf/Friesenhagen

Wer, wenn nicht ihre engsten Kollegen hätten es besser auf den Punkt bringen können: „Marion Gräfin Dönhoff war eine der großen Journalistinnen des 20. Jahrhunderts. Nur wenige Deutsche sind in der Zunft der international angesehenen Publizisten zu so hohem Ansehen gelangt“, sagen Haug von Kuenheim und Theo Sommer über ihre Kollegin bei der Zeit. Doch die Arbeit bei der Hamburger Wochenzeitung ist nur eine Facette ihres Lebens. Letztlich reicht das, was sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2002 erlebt und leistet, für zwei Leben.

In der Tat sind es zwei Leben, die Dönhoff führt. Das erste spielt in Ostpreußen, dem Landstrich, in dem ihre Familie seit Jahrhunderten beheimatet ist und dem sie in ihrem wohl populärsten Buch Kindheit in Ostpreußen ein literarisches Denkmal setzt. Als Marion Gräfin Dönhoff am 2. Dezember 1909 auf dem Familienschloss Friedrichstein, 20 Kilometer östlich von Königsberg, das Licht der Welt erblickt, ist sie das siebte Kind von Maria Gräfin Dönhoff, geborene von Lepel (1869-1940) und August Graf Dönhoff (1845-1920). Fast wäre nicht nur ihr erstes Leben schon früh zu Ende gewesen. 1924 überlebt Marion Dönhoff einen schweren Unfall als Insassin in einem Auto bei der Rückfahrt von einem Ausflug ins Ostseebad Cranz, bei dem zwei Personen sterben. Fünf Jahre später besteht sie als einziges Mädchen in einer Jungenklasse 1929 das Abitur in Potsdam. Nach Aufenthalten in der Schweiz, den USA und Afrika studiert sie ab 1931 zunächst in Königsberg, dann in Frankfurt, Volkswirtschaft. Ihren Abschluss macht sie 1935 dann mit einer Promotion über die Entstehung und Bewirtschaftung eines ostdeutschen Großbetriebes. Die Friedrichsteiner Güter von der Ordenszeit bis zur Bauernbefreiung bei Edgar Salin in Basel. Zwei Jahre zuvor ist sie nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten aus Deutschland weggegangen, kommt aber schließlich nach verschiedenen Reisen zurück, um ab 1937 nach und nach die Verwaltung der Familiengüter zu übernehmen, bis das Dritte Reich ihr Leben fundamental verändert. Ist ihre Einstellung den Nazis gegenüber bereits in der 1930er Jahren sehr kritisch, schlägt sie sich während des Zweiten Weltkrieges auf die Seite des Kreisauer Kreises und ist indirekt am Anschlag auf Hitler vom 20. Juli 1944 beteiligt. Das Ende ihres ersten Lebens kommt 1945 auf dem Rücken ihres Pferdes Alarich. Vor der anrückenden Roten Armee flieht die 36-Jährige gen Westen. Binnen einer Woche legt sie rund 1200 Kilometer zurück.

Auf dem Wasserschloss in Vinsebeck bei Steinheim beginnt ihr zweites Leben. Ihre Schriften über den Nationalsozialismus erregen die Aufmerksamkeit der Gründungsredaktion der Zeit. 1946 wird sie zur Mitarbeit nach Hamburg eingeladen. Mit ihren ersten Artikeln erschreibt sie sich eine journalistische Karriere bei der Wochenzeitung, die sie sich wohl nie hätte träumen lassen. 1952 wird Marion Gräfin Dönhoff Leiterin des Politik-Ressorts, 1968 Chefredakteurin und schließlich Ende 1972 Herausgeberin.

Das Spektrum ihrer journalistischen Arbeit und den zahlreichen Buchveröffentlichungen ist breit, zu vielen politischen und zeitgeschichtlichen Themen bezieht sie kritisch Position, darunter die öffentliche Rezeption des deutschen Widerstandes im Dritten Reich, die Politik der Adenauer-Zeit, der Bau der Berliner Mauer, die Spiegel-Affäre, der Kapitalismus und die Apartheid in Südafrika. Wie Theo Sommer berichtet, sei sie eine große Schreiberin gewesen: „Ihre Wirkung lag in der Schlichtheit ihres Stils. Sie hat Leitartikel geschrieben, als ob sie ihrer Tante die Weltläufe erklären müsste.“ Ein wichtiges, zentrales Thema ihrer Arbeit ist gerade im Hinblick auf ihre Biografie die Ostpolitik der Bundesrepublik. Ist Dönhoff in den ersten Jahren der BRD eine entschiedene Gegnerin der Oder-Neiße-Grenze, ändert sich das im Lauf der Jahre bis zur Unterstützung der Ostpolitik Willy Brandts. „Das Kreuz auf Preußens Grab [wurde] schon vor 25 Jahren errichtet. Es war Adolf Hitler, dessen Brutalität und Größenwahn 700 Jahre deutscher Geschichte auslöschten“, schreibt sie am 20. November 1970 in der Zeit. Trotz des Untergangs ihrer Heimat gilt ihr ganzes Bemühen der Versöhnung zwischen Ost und West. Dennoch lehnt Dönhoff das Angebot Brandts ab, 1970 mit zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrages nach Polen zu reisen, zu schwer wiegt immer noch der Verlust. Erst 1989 und 1992 besucht sie ihre alte Heimat. Anlass für den zweiten Besuch ist die Enthüllung des Nachbaus des im Krieg verloren gegangenen Kant-Denkmals in Kaliningrad, wofür sich Dönhoff finanziell stark engagiert hat.

Avancen, Politikerin zu werden, hat Dönhoff nie wirklich verfolgt. Als Willy Brandt ihr 1979 den Vorschlag macht, für die SPD als Bundespräsidentin zu kandidieren, lehnt sie zunächst ab. Als sie schließlich doch antreten will, hat man bereits Annemarie Renger nominiert, die jedoch Karl Carstens unterliegt. Dennoch hätte sich wohl so mancher Dönhoff in einem politischen Amt vorstellen können, nicht nur Helmut Schmidt mit seiner Ansicht, dass sie eine „bedeutende Bundespräsidentin geworden [wäre], hätte ihr Lebensweg sie in dieses Amt geführt.“ Dönhoffs Engagement liegt hingegen auf sozialen Aktivitäten, so zum Beispiel 1988 durch die Gründung der Marion Dönhoff Stiftung, die sich unter anderem 2003 an der Einrichtung des Marion-Dönhoff-Preises beteiligt, mit dem Persönlichkeiten ausgezeichnet werden, die sich für internationale Verständigung und für gute Beziehungen zwischen Deutschland und Osteuropa engagieren.

Ihr letzter Artikel, ein beißender Kommentar zur Rüstungspolitik der USA, erscheint am 31. Oktober 2001. Wenige Monate später, am 11. März 2002, stirbt Marion Gräfin Dönhoff auf Schloss Crottorf. Mit ihrem Tod verliert nicht nur die Zeit, sondern die gesamte deutsche intellektuelle Landschaft eine ihrer größten Persönlichkeiten. „Sie wird vermisst“, schreibt der langjährige Redakteur der Wochenzeitung, Dieter Buhl, 2006 über sie, „weil sie Maßstäbe für Unabhängigkeit setzte, und weil allein ihre Präsenz Ermutigung bedeutete.“

Werke: Entstehung und Bewirtschaftung eines ostdeutschen Großbetriebes. Die Friedrichstein-Güter von der Ordenszeit bis zur Bauernbefreiung (Dissertation, Universität Basel 1935). – Namen, die keiner mehr nennt. Ostpreußen – Menschen und Geschichten, Neuausgabe Reinbek 2009. – Deutsche Außenpolitik von Adenauer bis Brandt (1970), Hamburg 1982. – Menschen, die wissen, worum es geht. Politische Schicksale 1916-1976, Hamburg 1976. – Preußen. Maß und Maßlosigkeit (1987), München 2002. – Kindheit in Ostpreußen (1988), München 1998. – Versöhnung: Polen und Deutsche. Die schwierige Versöhnung. Betrachtungen aus drei Jahrzehnten. Hrsg. mit Freimut Duve (1991), München 1998. – Zivilisiert den Kapitalismus. Grenzen der Freiheit (1997), München 1999. – Was mir wichtig war. Letzte Aufzeichnungen und Gespräche, Berlin 2002.

Lit.: Dieter Buhl, Die Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius (Hrsg.), Marion Gräfin Dönhoff – Wie Freunde und Weggefährten sie erlebten, Hamburg 2006. – Klaus Happrecht, Die Gräfin. Marion Dönhoff. Eine Biographie, Reinbek 2008. – Haug von Kuenheim, Marion Dönhoff. Eine Biographie. Mit einem Vorwort von Helmut Schmidt, Reinbek 2002. – Alice Schwarzer, Marion Dönhoff. Ein widerständiges Leben.  Neuausgabe Köln 2008.

Bild: 10-Euro Gedenkmünze der Bundesrepublik Deutschland.

Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Marion_Gr%C3%A4fin_D%C3%B6nhoff

Christoph Meurer

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