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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Fath, Georg

Schriftsteller

* 1910, 06.01.
Bischofsmarok/Erdosmárok

† 1999, 12.02.
Fünfkirchen/Pécs

Georg Fath war altersmäßig der Senior der neuen ungarndeutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei könnte sein Geburtsjahr 1910, „getrost“ um ein ganzes Jahrhundert zurückverlegt werden, als die deutsche Romantik noch gang und gäbe war, unverbraucht eine ganze Reihe sich herauskristallisierender Natursymbole für ewiges Sein und Werden in der Natur und im Universum von den Trägern der damals zeitgenössischen romantischen Poesie virtuos gehandhabt wurden. In Freundeskreisen oder in mehr oder minder ähnlich geschlossenen Zirkeln wurden dann diese romantischen „Ergüsse“ häufig begleitet von Geige und Klavier vorgetragen, und es wurde dann meist eine stimmungsvolle, alles umschließende, ins Gemüt dringende Atmosphäre geistiger und seelischer Verwandtschaft erzeugt. Daran wird man immer wieder erinnert, liest man die Gedichte dieses Nestors der neueren ungarndeutschen Dichtung, der selber auch Geige und Klavier (wenn auch bloß das Schifferklavier, die Zieharmonika) spielte, die noch voll und ganz – für einen Außenstehenden fast unfassbar – im Banne der Romantik stehen. Georg Fath fand ebenfalls einen gleichgesinnten Kreis von seelenverwandten Rezipienten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war nur noch die Großelterngeneration der deutschen Sprache mächtig. Ihr Literaturverständnis basierte hauptsächlich auf Klassik und Romantik, wobei beide – besonders aber die Romantik – volkstümlich vereinfacht verstanden wurden. Das oft gesungene „romantische Volkslied“ (auch die zu Volksliedern gewordenen „Kunsttexte“ eines Heine, Uhland, Eichendorff gehörten dazu) stand dabei lyrisches Modell. Eine kritische Hinterfragung oder auch eine bissig-satirische Ergänzung wie dies die schwarze oder dämonische Romantik eines E.T.A. Hoffmanns beispielsweise geleistet hatte, unterblieb, musste unterbleiben, denn die intellektuellen, kritischen Teile des Ungarndeutschtums hatten sich weitgehend verstädtert und dabei assimiliert, und die „übriggebliebene“ deutschsprechende Landbevölkerung bewahrte naturgemäß den „schönen Schein“ der Romantik, die „heile Welt“ altbekannter allgemein menschlicher Wünsche und Sehnsüchte. Es gibt kaum einen Vers Georg Faths, der nicht irgendwie an Lenau (seinen Lieblingsdichter seit seiner frühesten Jugendzeit) oder Heine (ebenfalls seit seinen Jugendjahren ein Vorbild Faths) oder, wenn es noch am „realistischsten“ zugeht, an Chamisso (in seinen balladesken Erzählgedichten) erinnert. Fath gab unumwunden zu, bloß im vergangenen Jahrhundert und dessen Dichtkunst zu Hause zu sein: „Von den Heutigen kann ich nicht viel lernen. Ich verstehe sie einfach nicht.“

Wie sollte er auch. Seine Ausbildung bestand aus den sechs Grundschulklassen seines Heimatdorfes Erdősmárok. Dann war er bis zu seinem 35. Lebensjahr Landwirt. Darauf folgte dasKatastrophenjahr 1945, in dem die Ungarndeutschen zur Hälfte vertrieben und vollkommen entrechtet wurden. Georg Fath hatte Glück im Unglück. Er wurde „bloß“ teilvertrieben. Aus der Landwirtschaft, von ihm mehr oder minder romantisiert, verschlug es ihn für 4 1/2 Jahre nach Fünfkirchen/ Pécs in die Kohlengrube, ins Bergwerk, unter Tage. Obwohl für die Romantiker der Bergbau, die Arbeit untertage, etwas Geheimnisvolles, Weihehaftes an sich hatte, konnte Fath diese romantische Begeisterung in den harten Bedingungen den Minen Nachkriegsungarns nicht nachvollziehen. So kam seine Anstellung im städtischen Elektrizitätswerk und dann später im städtischen Wasserwerk Fünfkirchen/Pécs ihm fast wie eine Erlösung vor und es ermangelt nicht der „romantischen“ Ironie, dass dieser späte Nachfahre der Romantik seine letzten Berufsjahre, gewissermaßen seinen Berufsabend, ausgerechnet im städtischen Wasserwerk verbringen durfte, der „zeitgemäßen“ Fortsetzung der romantischen Mühle am Dorfbach. <p >Er, der erst im Rentenalter aus seiner Heimat Ungarn herauskommen sollte, wurde nun von seinen Erinnerungen aus der Kindheit und Jugendzeit übermannt, und er empfand die „Fremde“ erstmals als das Verlassen seines ungarnschwäbischen Dorfes. Hiermit stimmt er ein Thema an, das dann viele ungarndeutsche Dichter ebenfalls in ihr Repertoire aufnehmen sollten. Sein 1947 verfasstes Gedicht Abschied endet bezeichnenderweise: „So ging ich aus mein‘ Dorfe fort / mit tränenfeuchtem Blick./ Ich sucht, doch fand kein Abschiedswort, / blieb‘ nur so gern zurück/“. <p >Dann jedoch gelang Georg Fath ein großer Sprung, ein qualitativer Sprung nach Hegel. Er erkannte, dass mehr noch als sein Heimatdörflein klein ganz Ungarn seine Heimat war, und der Lokalpatriot wurde zum Landespatrioten schlechthin. Damit kam er dem ungarischen Kulturleben entgegen, das den Ungarnschwaben wieder ihre alte Heimat, in der sie nach dem Zweiten Weltkrieg viel Unrecht erleiden mussten, vertraut machen wollte, ihnen gewissermaßen eine neue Geborgenheit in einem neuen Ungarn versprach. Hier trafen sich nun die ungarischen Erwartungen mit denen der deutschen Freunde und Förderer der Ungarnschwaben, die in Georg Faths echter, keineswegs gekünstelter Heimatverbundenheit für Ungarn die Möglichkeit eines Brückenschlages über Länder und Völker erkannten und ihn deshalb zu fördern versuchten. So erschien Georg Faths einziger Gedichtband Stockbrünnlein 1977 als erster ungarndeutscher belletristischer Eigenband überhaupt – im Lehrbuchverlag Budapest) 1984 auch in der Bundesrepublik Deutschland mit einer programmatischen „Erinnerung“ des Herausgebers.Georg Fath thematisiert darin als erster die Großelterngeneration als Wahrer und Vermittler nicht bloß der deutschen Sprache, sondern auch der ungarndeutschen Folklore und Kultur. Im Gedicht Mein Ahnerl besingt Georg Fath in einfachen, melodisch gefälligen Versen diese Vermittlerrolle seines „Ahnerls“:

„Und später ist es dann geschehen
sie faßte mir die kleine Hand,
es war so schön mit ihr zu gehen
ins wunderschöne Märchenland.

Wie konnte mich die Langweil‘ quälen,
so gern war ich allein bei ihr,
denn sie könnt mir so schön erzählen
– so manches lebt noch heut in mir –

Von Wiesen, Wäldern, hohen Bergen
von Felsen auf den steilen Höh‘n.
Von Drachen, Nixen, Riesen, Zwergen,
und von den schönen Wasserfeen.“

Eine typische Aussage von Georg Fath. Verständlich, glatt gereimt, beschreibend und fast vollendet „schlicht und ergreifend“. Die künstlerischen Mittel sind die sehr allgemeinen schmückenden Beiwörter „klein“ (Hand), „wunderschön“ (Märchenland), „hoch“ (Berge), „steil“ (Höhen) und wiederum „schön“ (Wasserfeen). Dazu kommt die Metapher vom Gang ins Märchenland, um zu veranschaulichen, welchen Eindruck das erzählendeMärchen durch die Großmutter auf den Enkel ausübt, und die Personifikation der Langeweile, die nicht quält. Alles „richtige“ Stilfiguren und trotzdem bleibt die Aussage seltsam allgemein, unpersönlich, löst sich letztlich in unverbindlich Konventionellem auf. Dies heißt aber noch lange nicht, dass diese Aussage – wie auch viele andere Aussagen des Autors Georg Faths – nicht doch auch ihre Bedeutung für die ungarndeutsche Nachkriegsliteratur hat. Literarhistorisch gesehen, ist Georg Faths Ahnerl der Ausgangspunktsowohl von Erika Áts Großmuttergedicht Ahnerls Lied wie auch von Claus Klotz‘ Abrechnung unter dem gleichen Titel Ahnerls Lied. Hier, in diesem Bereich, als Anreger, als Themenaufgreifer, als sich ganz seinen persönlichen Stimmungen überlassenden Sänger seiner Tagträume von einer heilen, friedvollen, brüderlichen Welt, liegt hauptsächlich seine literaturhistorische Bedeutung.

Der Literaturwissenschaftler Andreas Seifert aus der verblichenen DDR sieht in seinem Grundsatzreferat Über das Bedingungsgefüge der neuesten ungarndeutschen Literatur von 1989 sogar poetischen Widerstand in dem Gedicht Vergiß‘, in dem die Vertreibung der Hälfte der Ungarndeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg thematisiert worden sein soll. Dies Gedicht steht in der Anthologie Jahresringe (1. Aufl. 1982, 2. Aufl. 1985).

„Wozu mein Herz das bange Schlagen,
was ist’s, was du so schwer vergißt,
du hast nicht nur allein zu tragen,
vergiß’, was nicht zu ändern ist.

Noch muß einst alles anders werden,
im Lenz wird alles wieder grün,
wenn alles keimt und blüht auf Erden,
wird auch das Weh vorüberziehn.“

Wer so allgemein unverbindlich klagt über das bange Schlagen des Herzens, welches schwer vergisst und gleichzeitig mit dem Allerwelttrost aufwartet „vergiß’ was nicht zu ändern ist“, bleibt unverstanden und somit vollkommen ungefährlich. Vom „gefährlichen Spiel mit der Metapher“, das einige kritische Dichter des Ostblocks selbst in den schlimmsten Zeiten des Personenkultes versuchten, ist bei Fath auch nicht die leiseste Andeutung zu erkennen. Dies ist auch einfach zu viel verlangt von ihm. Er erinnert eher an den österreichisch-ungarischen Operettentrost „Glücklich ist, wer vergisst,/ was nicht mehr zu ändern ist“ und wirkt so ungewollt zynisch. Mit Zynismus aber täte man Georg Fath mehr als nun Unrecht. Zum Zynismus ist er gar nicht fähig.

Auch Georg Faths Balladen Der Wetterdrach am Jakobsberg, Kemender Schlossberg oder Somogyer Elisabethberg sind noch mehr oder minder geglückte gereimte Nacherzählungen von Sagen aus Ungarn, wobei Chammissos Riesenspielzeug oder Die Weiber von Weinsberg hätten Paten stehen können, ohne jedoch deren unnachahmliche historische Aura erzeugen zu können. Aber auch hier hat Fath thematisch Neulanderschlossen, was beispielsweise bei Erika Áts aus der mittleren und Josef Michaelis aus der jungen Generation weiter beschritten. So bleibt Georg Faths Werk dank seiner Anregerfunktion weiterhin von Bedeutung, allerdings mehr in der Geschichte der ungarndeutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg als in der Ästhetik.

Außerdem ist Georg Fath auch kulturhistorisch ein interessanter Fall, wie im tiefsten 20. Jahrhundert dank besonderer Umstände noch einmal das 19. Jahrhundert mit seiner längst vergangen geglaubten Romantik in einer der jüngsten deutschen Literaturen noch einmal (wirklich zum letzten Mal?!) fröhlich Urständ feiert. Dass dabei eine ganze Reihe namhafter Germanisten, die sich durchaus als weltoffen und modern verstanden, wie Oskar Metzler, Helmut Rudolf, Andreas Seifert – allesamt mit Rang und Namen in der Ostblockgermanistik – eingehendst auch die alltäglichsten, ja sogar banalsten Aussagen – wissenschaftlich und gleichzeitig auch immer wie verlangt gesellschaftlich relevant – unter die Lupe nahmen, entbehrt nicht der Ironie, auch der romantischen nicht. Wenn Janos Szabó, einer der wirklich auch kritischen und nicht nur wohlmeinenden Beobachter der ungarndeutschen Literaturszene in seinem Überblick Die ungarndeutsche Gegenwartsliteratur von 1990 meint, manche ungarndeutsche Texte hätten – wären sie ungarisch geschrieben – nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt, hat er sicherlich recht. Aber bei einem fast vollkommen voraussetzungslosen Neubeginn der kulturellen Artikulation einer jahrzehntelang dezimierten und diskreditierten Minderheit muss man „tiefer“ von unten beginnen. Man darf allerdings nicht dabei bleiben, sondern muss versuchen, sich langsam „hochzuarbeiten“, um ein gewisses Niveau, auch sprachlich,erreichen zu können. Schon Georg Faths Generationskollege, der 1911 geborene Franz Zeltner, wird diesen Schritt weiterwagen und teilweise auch „gewinnen“.

Damit wäre auch jede eingehende Beschäftigung mit dem Vorbereiter des nach ihm erfolgenden Aufstieges der ungarndeutschen Literatur vom Versuchen zum allmählichen Gelingen hin nicht bloß gerechtfertigt, sondern gewissermaßen auch das Abstatten einer literarischen „Dankesschuld“.

Bild: Archiv des Autors.

Weblink: http://pilisvorosvar.hu/vorosvariujsag-regi/2009/januar/9.php

Ingmar Brantsch

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