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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Fussenegger, Gertrud

Schriftstellerin

* 1912, 08.05.
Pilsen

† 2009, 19.03.
Linz/Donau

Die als Tochter eines österreichischen Offiziers Vorarlberger Herkunft und der aus dem Sudetenland stammenden Mutter geborene Gertrud Fussenegger, verbrachte ihre ersten Kindheitsjahre in Galizien, in Böhmen und in Vorarlberg; nach dem Abitur (1930) in Pilsen studierte sie Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie an den Universitäten in Innsbruck und München (1934 Dr. phil.); von 1937 bis 1943 wohnte sie vorwiegend in München, seit 1960 in Leonding bei Linz.

Gertrud Fussenegger begann ihre literarische Laufbahn mit einem „Roman aus deutscher Frühzeit“ und stellte in ihm die Herrschaft der großen sächsischen Könige und Kaiser dar: Geschichte im Advent (1937). Für die Autorin bedeutete Kunst ein Stück Naturereignis – „sehr verwandt der Mutterschaft“. Die im gleichen Jahr veröffentlichte Mohrenlegendedarf man durchaus als eine Antwort auf die nationalsozialistische Rassenideologie ansehen, da in ihr die Verfasserin für eine Verständigung zwischen unterschiedlich gearteten Völkern eintrat. Das Spannungsverhältnis zwischen demOsten und dem Westen im alten österreichischen Vielvölkerstaat hat in seinen tiefen widersprüchlichen Schattierungen entscheidend ihr Werk geprägt: so im Roman Das Haus der dunklen Krüge (1951), die Geschichte einer Brauherrn-Familie in Pilsen – eine Art böhmisch-altösterreichischer „Buddenbrooks“-Chronik mit Glanz und Niedergang. Auch der Roman Das verschüttete Antlitz (1957) reflektiert ein Bild Böhmens im 20. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Hauptfigur ist ein Arzt, in dem sich die deutsche und die slawische Wesensart widerspiegeln und auch zwei Zeitalter überschneiden. In Haß und Liebe verstrickt, wird er zum Mörder seiner lebensuntüchtigen Frau, findet dann aber zur inneren Befreiung, als er „dem Feind Gutes tun, den Widersacher ins Leben zurückführen kann.“ Einen Höhepunkt in Gertrud Fusseneggers Schaffen stellt der Roman Zeit des Raben, Zeit der Taube (1960) dar: eine aus religiöser Sicht gestaltete parallel laufende Darstellung des Lebens von Leon Bloy, des katholischen französischen Dichters, und der Physikerin Marie Curie – ein Versuch, vor allem das Verbindende und Einigende im Leben dieser beiden Persönlichkeiten sichtbar zu machen (Theologie/Naturwissenschaft), bis zu jenem Punkt, „in dem sie sich treffen und berühren“.

Aus christlicher Grundhaltung wurde auch der Roman Die Pulvermühle (1969) geschrieben, die in Tirol spielende Geschichte einer zerbrochenen Ehe, deren Partner sich wieder zusammenfinden, nachdem die bisher verschwiegene Wahrheit über einen weit zurückliegenden Mordfall durch Nachforschungen wieder ein Vertrauensverhältnis ermöglicht. Die in diesem Roman deutlich werdenden neuen Formen zeigen wohl auch Fusseneggers selbstkritische Bedenken am „handfesten realistischen“ Erzählen in der Tradition.

Das umfangreiche Erzähl- und Romanwerk dieser österreichischen Schriftstellerin weist auch bedeutende Essays auf: so Eines langen Stromes Reise (1976), nämlich den Versuch „Linien, Räume, Knotenpunkte“ der Donau von der Quelle bis zur Mündung zu erfassen; im Widerstand gegen Wetterhähne (1975) richtet sie Fragen an den „unbehausten“ Menschen unserer Zeit.

Weitere Werke: Der Brautraub (1939, En.). – Eines Menschen Sohn (1939, En.). – Eggebrecht (1943, En.). – Die Brüder von Lasawa (1948, R.). – … wie gleichst Du dem Wasser (1949, En.). – Die Legende von den drei heiligen Frauen (1952, E.) – Verdacht (1952, Einakter). – Iris und Muschelmund (1955, G.) – Wort im Gebirge, Schrifttum aus Tirol (1956/59, 2 Bände). – Die Nachtwache am Weiher (1963,En.). – Der große Obelisk (Gedanken u. Erfahrungen beim Lesen u. beim Reisen [1977]). – Ein Spiegelbild mit Feuersäule. Ein Lebensbericht. Autobiographie, Stuttgart 1979. – Pilatus. Szenenfolge um den Prozess Jesu. Uraufgeführt 1979, verlegt Freiburg i.B./Heidelberg 1982. – Maria Theresia, Wien/München/Zürich/Innsbruck 1980. – Kaiser, König, Kellerhals. Heitere Erzählungen, Wien/München/Zürich/New York 1981. – Sie waren Zeitgenossen. Roman, Stuttgart 1983. – Uns hebt die Welle. Liebe, Sex und Literatur. Ein Essay, Wien/Freiburg i.B./Basel 1984. – Gegenruf. Gedichte, Salzburg 1986. – Jona. Jugendbuch, Wien/München 1987. – Herrscherinnen. Frauen, die Geschichte machten, Stuttgart 1991. – Jirschi oder die Flucht ins Pianino, Graz/Wien/Köln 1995. – Ein Spiel ums andere. Erzählungen, Stuttgart 1996. – Shakespeares Töchter. Drei Novellen, München 1999. – Bourdanins Kinder. Roman, München 2001. – Gertrud Fussenegger. Ein Gespräch über ihr Leben und Werk mit Rainer Hackel, Wien/Köln/Weimar 2005.

Lit.: Frank-Lothar Kroll (Hrsg.): Grenzüberschreitungen. Festschrift für Gertrud Fussenegger, München 1998.

Bild: Süddeutscher Verlag München, Bilderdienst.

Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Gertrud_Fussenegger

Günter Gerstmann

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