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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Goeppert-Mayer, Maria

Atomphysikerin, Nobelpreisträgerin

* 1906, 28.06.
Kattowitz/Oberschlesien

† 1972, 20.02.
San Diego/Kalifornien

Nobelpreisträgerin und Mutter, Hausfrau und Forscherin – mit diesen scheinbar gegensätzlichen Begriffen kann eine der großen Schlesierinnen des 20. Jahrhunderts charakterisiert werden. In Maria Goeppert-Mayer treffen Rollenbilder aufeinander, die zu ihrer Zeit ebenso wenig vereinbar schienen wie heute, und die doch exakt die Frau beschreiben, die in einem Atemzug mit Madame Curie und Albert Einstein genannt wird: Eine Frau, die es in höchst moderner Weise verstanden hat, einer geliebten Berufung auf wissenschaftlichem Gebiet ebenso zu leben wie ihrer Familie. Am 10. Dezember 1963 erfüllte sich der Lebenstraum der Maria Goeppert-Mayer – sie nahm aus der Hand des schwedischen Königs den Nobelpreis für ihre spektakuläre Entdeckung der nuklearen Schalenstruktur der Atomkerne entgegen.

Am 28. Juni 1906 wurde Maria im oberschlesischen Kattowitz geboren als Tochter des Professors für Kinderheilkunde Friedrich Goeppert und seiner Frau Maria, einer Lehrerin. Als Maria drei Jahre alt war, folgte der Vater einem Ruf nach Göttingen, wo Maria eine glückliche Kindheit verlebte. Ihr Vater bemerkte schon bald ihre überdurchschnittliche Intelligenz und förderte sie, wie er nur konnte; stellte sie Universitätsprofessoren aus seinem Bekanntenkreis vor. Maria machte Abitur – außer ihr legten 1924 nur vier andere Mädchen in Göttingen neben Hunderten von männlichen Abiturienten ihre Reifeprüfung ab.

Gleich danach schrieb sie sich für das Fach Mathematik an der Göttinger Universität ein; verlor aber bald das Interesse daran, denn das Lösen von konstruierten Problemen schien ihr zu weltfremd. 1927 brach sie ihr Mathematikstudium ganz ab und wechselte zum Studienfach Physik, das sie in den vergangenen Jahren mehr und mehr interessiert hatte.

Ihr Vater starb unerwartet, was für Maria ein schwerer Schlag war. Vor allem ihm zuliebe wollte sie ihr Studium schnell und erfolgreich abschließen. Ihr Lehrer Max Born, der spätere Physik-Nobelpreisträger, wurde ihr zu einer Art Vaterersatz; bei ihm promovierte sie im Jahre 1930 in theoretischer Physik. Ihre Prüfer im Rigorosum waren hochkarätige Wissenschaftler, unter ihnen der Physik-Nobelpreisträger von 1925, James Franck; im Nebenfach Chemie legte sie die mündliche Prüfung bei Alfred Windaus, dem Chemie-Nobelpreisträger von 1927, ab.

Das Jahr 1930 brachte noch ein anderes großes Ereignis für Maria Goeppert: Sie heiratete den Amerikaner Dr. Joe Mayer, der im Laboratorium von James Franck gearbeitet hatte. Nach einer kurzen Hochzeitsreise nach Berlin bestieg Maria Goeppert-Mayer mit ihrem Mann ein Schiff, das sie in seine Heimat, die Vereinigten Staaten, bringen sollte: Für ihren Mann gab sie ihre gerade begonnene wissenschaftliche Karriere auf.

An der Universität in Baltimore trat Joe eine Stelle als außerordentlicher Professor der Chemie an. Maria dagegen galt in den USA nicht als Wissenschaftlerin, sondern war nichts weiter als die Frau eines Professors. Trotzdem war sie optimistisch, wollte weiter arbeiten – ihre Zuversicht schwand allerdings bald: Akademische Stellen wurden kaum an Frauen vergeben, und sie mußte sich mit der Arbeit als Deutschkorrespondentin eines Physikprofessors an der Universität begnügen. Er stellte ihr einen kleinen Raum für ihre – unbezahlten – Forschungen zur Verfügung. Neun Jahre arbeitete sie dort im Stillen.

Maria bekam zwei Kinder: Ihre Tochter Marianne kam 1933 auf die Welt; fünf Jahre später wurde Peter geboren. Die Forscherin ging völlig in ihrer Rolle als Mutter auf, und die Physik und ihr Dachstübchen an der Universität wurden für sie immer mehr zur Nebensache, was Joe überhaupt nicht gefiel: Er brachte sie dazu, sich wieder mit ihm an den Schreibtisch zu setzen und ein gemeinsames Lehrbuch über statische Mechanik zu verfassen – es wurde ein Klassiker.

1939 folgte Joe einem Ruf der Columbia-Universität in New York; zwei Jahre später übernahm Maria eine Stelle als naturwissenschaftliche Lehrerin an einem Frauencollege. Der Krieg ließ Frauen die Plätze der Männer einnehmen, und bald war Marias Kompetenz auf ihrem Gebiet bekannt. Chemiker der Columbia-Universität baten sie um ihre Mitarbeit bei einem Geheimprojekt, das mit dem Kürzel SAM bezeichnet wurde. Nicht einmal Joe wußte genau, was Maria im Laboratorium tat – sie mußte ihre Forschungen, die in direktem Zusammenhang mit der amerikanischen Atombombe standen, verschweigen. Auch wenn sich Maria bewußt war, daß sie an einer furchtbaren Waffe mitarbeitete, war sie doch fasziniert von der Herausforderung, die die Atombombe an die Wissenschaft stellte.

Durch ihre Mitarbeit am Projekt SAM war Maria in Forscherkreisen bekannt geworden, und plötzlich wurde das Ehepaar Mayer unter anderen Vorzeichen beurteilt: Maria sollte an der Atomforschungsstelle in Chicago arbeiten, und um sicher zu gehen, daß sie auch wirklich käme, wurde Joe von der dortigen Universität eine Professur angeboten: 1946 zog die Familie Mayer nach Chicago. Viele ihrer ehemaligen Göttinger Lehrer und Kollegen arbeiteten jetzt im Atomforschungsinstitut, und sie zollten Maria Anerkennung. Zwar wurde sie für ihre Arbeit noch immer nicht bezahlt, aber zumindest war sie jetzt ganz offiziell Professorin im Fachbereich Physik und konnte im Argonne National Laboratory und im Institut für Kernphysik ungehindert ihre Forschungen betreiben.

1948 begann Maria Goeppert-Mayer, sich mit bestimmten Atomkernen zu beschäftigen, in denen es eine spezielle – „magische“ – Zahl von Protonen und Neutronen gibt. Sie entwickelte und postulierte ihr „Schalenmodell“: Sie hatte die nukleare Schalenstruktur der Atomkerne entdeckt.

Unabhängig von ihr entwickelten zur gleichen Zeit auch Hans Jensen, Otto Haxel und Hans Sueß in Deutschland das Schalenmodell. Maria Goeppert-Mayer hatte fast zu lange gezögert, ihr Ergebnis zu veröffentlichen – wer würde sich für die kernphysikalische Arbeit einer Frau interessieren? Im April 1950 endlich erschien ihre sensationelle Entdeckung in einer Fachzeitschrift, aber schon einen Monat früher hatte Hans Jensen in Deutschland seine Ergebnisse publiziert. Beide Wissenschaftler verhielten sich überaus kulant: Im Sommer 1950 trafen sie sich in Heidelberg und schrieben kurze Zeit später gemeinsam ein Buch über ihr Fachgebiet. Das Werk erschien 1955 unter dem Titel „Elementare Theorie der nuklearen Schalenstruktur“.

1960 zogen Maria und Joe nach San Diego. Zum ersten Mal war beiden eine Stelle angeboten worden, die ihren Interessen und Fähigkeiten entsprach: Maria eine Professur in Physik, Joe eine in Chemie. Am 10. Dezember 1963 durfte sie den Nobelpreis für ihr Schalenstrukturmodell entgegennehmen – mit Hans Jensen teilte sie sich die eine Hälfte des Preises; die andere Hälfte ging an Eugene Wigner.

Ihr Leben nach dem Nobelpreis unterschied sich nur wenig von dem, das sie geführt hatte, bevor sie ins Licht der Weltöffentlichkeit gerückt war: Sie lehrte in San Diego, forschte und publizierte weiter, wenn sie auch von körperlichen Beschwerden manchmal zum Kürzertreten gezwungen wurde. Sie erlitt einen Schlaganfall und mehrere Herzattacken, bis sie sich von einem Herzinfarkt im Dezember 1971 nicht mehr erholte: Sie lag mehrere Wochen im Koma, bis sie am 20. Februar 1972 starb. Begraben wurde sie in San Diego; an ihrem Elternhaus in Göttingen erinnert eine Gedenktafel an die Nobelpreisträgerin.

Lit.: Ulla Fölsing, Nobel-Frauen. Naturwissenschaftlerinnen im Porträt, München 1990. – Rauch, Judith, „Werde nie eine Frau, wenn du groß bist.“ Maria Goeppert-Mayer (1906-1972), Nobelpreis für Physik 1963, in: Charlotte Kerner (Hrsg.), Nicht nur Madame Curie … Frauen, die den Nobelpreis bekamen, Weinheim 1990, S. 156-181. – Eva-Susanna Wodarz, Artikel Marie Goeppert-Mayer, in: Eva-Susanna Wodarz, Ich will wirken in dieser Zeit. Bedeutende Frauen aus den historischen deutschen Ostgebieten. 52 Kurzbiographien, Bonn 2000, S. 275-278.

Bild: Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen.

Eva Wodarz-Eichner 

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