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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Hagen, Johann August von

Komponist

* 1786, 03.04.
Pirna/Sachsen

† 1877, 21.06.
Reval/Estland

Als typischer Vertreter der für ihren Literatenstand bekannten baltischen Geistesgeschichte hat Johann August von Hagen sechs Jahrzehnte das Musikleben Estlands auf vielseitige Art und Weise geprägt. Er war der Sohn des Pirnaer Schneidermeisters und Wollhändlers Johann Hagen und seiner Frau Johanna, geb. Schlag. Sein Vater, der auch Organist war, erteilte ihm den ersten musikalischen Unterricht. Hagens musikalische Begabung führte ihn auf die Kreuzschule nach Dresden und zu deren Kantor Chr. E. Weinling. Als gern gesehener Gast in Musik liebenden Häusern Dresdens hatten sich Hagens musikalische Fähigkeiten herumgesprochen, so im Hause des Apellationsrats Christian Gottfried Körner, Vater Theodor Körners und Freund Schillers. Dort musizierte er mit dem Komponisten Prinz Louis Ferdinand von Preußen. Während seiner Zeit am Dresdner Lehrerseminar verkehrte Hagen auch im Hause des Buchhändlers und Verlegers Johann Friedrich Hartknoch d. J., der nach dem Ende seiner Inhaftierung durch Zar Paul I. seine Tätigkeit von Riga nach Dresden verlegt hatte. 1803 konnte Hagen „12 Lieder“ bei Kühnel in Leipzig herausbringen, die ihn als einen sich an der Berliner Liederschule orientierenden Komponisten ausweisen. Dieses Heft und eine handschriftliche Sonate, welche Hoforganist Dreizig an den Dichter August von Kotzebue schickte, gaben den Ausschlag dafür, daß Hagen 1809 eine Stelle als Hauslehrer auf dem Gut Schwarzen (Estland) des berühmten Dichters erhielt. Die Reise führte über Berlin, wo er die Bekanntschaft K. F. Zelters und Anselm Webers machte. Als Zeichenlehrer kam mit ihm aus Dresden Siegmund Walther, der für die Entwicklung der bildenden Kunst in Estland eine ähnliche Bedeutung erlangen sollte wie Hagen für die Musik. Kotzebue machte bald von Hagens kompositorischem Talent Gebrauch. So entstanden in größerer Zahl Gelegenheitslieder, Singspiele, Possen und Operetten – nicht nur für die Geselligkeiten und Liebhaberaufführungen auf Gut Schwarzen und im Revaler Haus des Dichters, sondern auch fürs Revaler Theater, dessen Direktion Kotzebue übernommen hatte. Den Hauptanteil des Revaler Theaterprogramms machten, wie an fast allen deutschen Theatern dieser Zeit, die Kotzebueschen Stücke aus, und so fand Hagen auch dort eine reiche musikalische Betätigung. Besonders genannt sei die Musik zu „Der blinde Gärtner“. Auch für den dem Revaler Theaterkomitee angehörenden Lustspieldichter und Schwager Kotzebues, Ludwig von Knorring, komponierte er. Bemerkenswert war Hagens Unterrichtstätigkeit auf Gut Schwarzen, welche für die baltische Romantik Bedeutung erlangen sollte. Hier seien die beiden Maler O. F. Ignatius und G. v. Hippius zu nennen. Ignatius, der Vielbegabte, jung Verstorbene, ist nicht nur mit Aufführungen seiner Theaterstücke in Berlin und St. Petersburg hervorgetreten, sondern hat auch als Komponist beachtenswerte Lieder geschaffen. Beide Maler haben 1816 im Umkreis der Nazarener als Mitglieder des „Esthländer Quartetts“ so manches römische Künstlerfest verschönt. Nach dem Weggang Kotzebues aus Estland ging Hagen 1813 als Mentor des jungen, tauben von Bevern auf Bildungsreise. In Wien, wo sie acht Monate lebten, besuchte er mehrmals Ludwig van Beethoven und machte die Bekanntschaft J. N. Hummels.

Die Rückreise mit einem längeren Kuraufenthalt in Karlsbad, von wo aus er auch Jean Paul in Bayreuth besuchte, führte über Berlin 1815 nach Reval zurück. Dort wurde er Lehrer an der Großen Stadt-Töchterschule. Im selben Jahr heiratete er die Revaler Kaufmannstochter und Lehrerin Friederike Frantzen. Der Ehe entsprossen neun Kinder. 1821 wurde Hagen Musiklehrer am Gouvernements-Gymnasium. 12 „Chorgesänge für die baltischen Gymnasiasten und Lieder für die Revaler Kreisschulen“ waren wichtige Beiträge Hagens im schulmusikalischen Bereich. Von 1827 bis 1854 war er Organist an der Olai-Kirche. Zur Einweihung der 1820 durch Blitzschlag stark beschädigten Olai-Kirche führte er 1840 sein Oratorium „Wir haben sie wieder, die teure Stätte“ auf. Als gedrucktes Gelegenheitswerk ist der „Abschiedsgesang zum 16ten August 1832“, zum Abreisetag der drei Nikolajewna-Großfürstinnen Maria, Olga und Alexandra aus Reval, überliefert. Hagens Initiative war auch der Bau der Walcker-Orgel in der Olai-Kirche 1842 zu verdanken, die zu weiteren Aufträgen der Orgelbaufirma in den baltischen Landen beitrug. Diese kulminierten dann 1884 im Bau der Riesenorgel des Rigaer Doms.

Auf seine Bekanntschaft mit C. F. Zelter ging die Gründung seines „Deutschen Singevereins“ 1832 in Reval zurück. Dies war der erste derartige Verein in den baltischen Landen, ein Jahr vor der Gründung der „Rigaer Liedertafel“. Er gründete neben einem Knabenchor in den 1830er Jahren auch einen estnischen Chor und gab so einen wesentlichen Impuls für die Entstehung des estnischen Musiklebens. In diesem Zusammenhang ist seine grundlegende Arbeit für estnische Lehrer, Kantoren und Organisten zu nennen, welchen er mit mehreren Veröffentlichungen Wege wies, zunächst mit „Melodien für die Deutschen u. die Revaler u. Dorpater Esten“ (Reval o. J.), die in zweiter, erweiterter Auflage 1845 in Erfurt erschienen mit dem Titel „Choralbuch zu mehreren Evangelisch-Lutherischen, Deutschen, Estnischen u. Lettischen Gesangbüchern Rußlands“. Zwei Sammlungen, beide auch mit estnischem Text, „Melodienbuch zum Reval-estnischen und Dorpat-estnischen Gesangbuch“ (1844) und das Lehrbuch „Notenheft zum Lehrbuch als Anweisung, wie diejenigen, die in landischen Kirchen Küster oder Orgelspieler werden wollen …“ (1861), haben ihre Bedeutung für die estnische Kirche und ihre Musik gehabt. 1854 machte Hagen eine große Familienreise in das Innere Rußlands, durch den Ural bis Jekaterinburg, wo sein Sohn Eduard lebte.

Für sein vielfältiges, fruchtbares Wirken wurde er 1856 in den Adelsstand erhoben. Gänzlich einstellen mußte er seine Tätigkeiten durch seine Erblindung 1870. 1886, neun Jahre nach seinem Tod, wurde aus Anlaß seines 100. Geburtstags eine Medaille geprägt. Auch heute ist Johann August von Hagen in Estland unvergessen; sein Name hat in der Kulturgeschichte des Landes einen festen Platz. Teile seines Nachlasses, auch seine handschriftliche Autobiographie, werden im „Teatri ja Muusikamuuseum Tallinn“ aufbewahrt.

Lit.: Joh. Gahlenbeck: Johann August Hagen. Ein Beitrag zur baltischen Musikgeschichte, in: Deutsche Monatsschrift für Russland, 57. Jg. (1915), H. 4, S. 165ff. – Alexander v. Pezold: Johann August Hagen 1786–1877, in: Eesti Laul Jate Liidu Muusikaleht [Musikblatt d. estn. Sängerbundes], Tallinn 1928, H. 2. – Alexander v. Pezold: Johann August Hagen. Beitrag zu Gedenktagen baltischen Musiklebens, in: Jahrbuch des balt. Deutschtums in Lettland u. Estland (1930), S. 107–115. – Elmar Arro: Über das Musikleben in Estland im 19. Jahrhundert, Wien (Diss.) 1928. – H. Scheunchen: Die Musikgeschichte der Deutschen in den baltischen Landen, in: Werner Schwarz, Franz Kessler, Helmut Scheunchen: Musikgeschichte Pommerns, Westpreußens, Ostpreußens u. d. balt. Lande, Dülmen 1990, S. 158. – Artikel „Tallinn“, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Kassel 21998, Bd. 9, Sp. 214. – H. Scheunchen: Lexikon deutschbaltischer Musik, Artikel „Johann August v. Hagen“, Wedemark-Elze 2002, S. 97ff.

Bild: Alexander v. Pezold, wie oben, S. 108.

Helmut Scheunchen

 

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