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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Hauptmann, Carl Ferdinand Max

Dichter

* 1858, 11.05.
Obersalzbrunn/Schlesien

† 1921, 04.02.
Schreiberhau

Das Werk Carl Hauptmanns ist tief im Schlesischen verwurzelt. Will Erich Peuckert sprach von ihm als dem„schlesischen Dichter“. Wenn er auch zeitlebens im Schatten seines zu Weltruhm gelangten jüngeren Bruders Gerhart Hauptmann stand, so ist er doch unbestritten eine eigenständige Erscheinung in der deutschen Literatur.

Carl Hauptmann wurde am 11. Mai 1858 in Salzbrunn geboren, wo sein Vater das Hotel Preußische Krone führte. Nach dem Schulbesuch in Breslau begann er ab 1880 das Studium der Naturwissenschaften bei Prof. Haeckel in Jena. Durch seine Eheschließung mit Martha Thienemann im Jahre 1884 war es ihm möglich, seinen Studien nachzugehen. 1885 siedelte er mit seiner Frau nach Zürich über, was wohl durch seine Freundschaft mit Richard Avenarius zustande kam, und ihn beschäftigte der Gedanke an die Habilitation. Der Gegenstand seiner Doktorarbeit zuvor war in Jena die Keimblättertheorie.

Nach einer vorübergehenden Übersiedlung nach Berlin ergab es sich, dass die Brüder Gerhart und Carl Hauptmann nach einer Reise in das Riesengebirge ihre Übersiedlung nach Mittelschreiberhau ins Auge fassten, zu der es 1890, nach dem Erwerb eines entsprechenden Grundstückes, auch kam. Sein erstes Buch Sonnenwanderer erschien im gleichen Jahr in Berlin. Es sind Erzählungen von Schreiberhauer Einzelgängern und deren Eigentümlichkeiten. Zudem erschien 1893 seine PublikationMetaphysik in der modernen Physiologie. Mit seinem ersten SchauspielMarianne im Jahr 1894 erfolgte schließlich sein Durchbruch zur Literatur. Darauf folgt 1896 das VolksstückWaldleute, das sich in abgelegenen Walddörfern unter Grenzern, Schmugglern und Wilderern abspielt. Weitere BühnenstückeEphraims Breite und Bergschmiedemachen von sich reden. Zu dem letzteren äußerte sich der bekannte Literaturhistoriker Prof. Dr. Dr. Hans Heinrich Borchardt wie folgt:„Noch nie hat das Riesengebirge einen solchen Darsteller gefunden, der es so aus dem Innersten heraus erfasst hätte; keinen wuchtigeren Hintergrund konnte Hauptmann für seine Dichtung finden, als die eigentümliche Natur seiner heimatlichen Berge, über denen immer eine herbe Stimmung liegt, deren kahle Gipfel an die Vergänglichkeit alles Irdischen zu mahnen scheinen und die, vom Sturme umtost, eine ähnliche Leidenschaft zu fühlen scheinen wie der Bergschmied, der an ihren Hängen wohnt. Die Berge selbst scheinen an diesem Drama teilzunehmen.“ Zum eindringlichen Schilderer schlesischer Menschen wurde Carl Hauptmann vollends in seinen zu Unrecht vergessenen Dramen Die lange Jule undDie armseligen Besenbinder, sowie in seinen Gedichten Hütten am Hange und in seinem großen Roman Mathilde, der das ergreifende Schicksal einer Schreiberhauer Arbeiterfrau erzählt. Da liegt der Vergleich zu Gerhart HauptmannsHannele sehr nahe. Dieses Werk erschien nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal als Volksausgabe.

Zu den hervorragenden Inszenierungen seiner Bühnenwerke kam es in Breslau und Berlin, in Dresden und München. Das brachte Carl Hauptmann wohl auch die Auszeichnung mit dem Volks-Schiller-Preis ein. Ansonsten konnte man ihn eher zu den „Stillen im Lande“ zählen, der das Rampenlicht nicht unbedingt suchte oder unversehends hineingeriet, wie sein Bruder Gerhart, von dessen Anfängen Martha Hauptmann zu berichten weiß: „Gerhart ist mit einem Male in aller Munde – bewundert, gehätschelt und umjubelt steht er mit seinem jugendlich-knabenhaften Äußeren im Mittelpunkt der schäumenden, künstlerischen Bewegung.“ … „Seine Arbeiten waren wie aus unserem eigenen Fleisch und Blut geboren, unsere begeisterte Liebe gehörte ihnen und ihr Erfolg und siegreicher Aufgang riß uns taumend mit fort.“

Mit seinem Roman Einhart der Lächler schuf er sein reifstes und tiefstes Werk. Bei aller Intensität, die er aufwandte, die äußeren Lebensumstände der Menschen zu beschreiben, kam es ihm auf die Bloßlegung der „inneren Welt“ an, gemäß seiner Losung „ich fahnde allenthalben nach Seele“. Das Buch war einer der ersten „modernen“ Künstlerromane und gab Aufschluss über den künstlerischen Entwicklungsprozess im allgemeinen und behandelte im besonderen in etwa das Leben eines der bedeutendsten Maler Schlesiens, Otto Müller, der halb zigeunerhafter Abstammung war und ein faszinierender Künstler gewesen ist, mit dem sich Carl Hauptmann stellenweise identifizierte. Mit diesem Werk vollzieht Carl Hauptmann auch seine Wandlung vom Naturalisten zum Expressionisten, und er führt dazu aus: „Der Naturalismus hat recht, sofern er das Milieu ergriff. Aber nicht, weil er damit ins Menschenwesen als Naturwesen, sondern nur als Sozialwesen Einblick gewährt. Der Naturalismus ist die Kunst des Menschen als Sozialwesen. Aber wenn er damit die Naturwesen erklären will, so irrt er. Die tiefsten Verborgenheiten unserer Leidenschaften wurzeln in einer anderen Natur und das Milieu, das sie bilden half, ist lange versunken …“. Er wies unserer Dichtung Wege, die aus der naturalistischen Enge wieder in die Tiefe und Ursprünglichkeit der menschlichen Seele führten. Zuletzt ginge es ihm darum: „Vom Menschen groß zu denken – das ist die Kraft.“

Man kann sagen, dass Carl Hauptmann die mit am tiefsten empfundenen Gedichte vom Riesengebirge geschrieben hat, in denen man etwas von dem geheimen Leuchten und einem großen Atem verspürt, was sie unsterblich machen. Diese beiden vor allem Wenn ich hoch oben geh’ undMeine Berge leuchten wieder sind nahezu allen Schlesiern geläufig und fanden beizeiten Eingang in die Lesebücher.

Mit dem 1915 erschienenenRübezahlbuch wird er zum „Dichter des Riesengebirges“ im wahrsten Sinne, ja seine Identifizierung mit seinen geliebten Bergen und mit ihrem Berggeist geht soweit, dass er in seiner äußeren Erscheinung mit seinem Bart und der Warze im Gesicht, mit seinen gütigen und mitunter auch zornig dreinschauenden Augen, mit dem großen Schlapphut und dem im Winde wehenden Umhang ungefähr dem Rübezahl glich, der auf dem berühmten Bild von Moritz von Schwind zu sehen ist. Dadurch kam es wohl auch zu dem EhrennamenCarl Rübezahl. Er war leutselig und seine zweite Frau Maria wusste zu berichten, wie sehr der„Herr Doktor“ in Schreiberhau Freund und Vertrauter der Leute im Dorfe war, die er mitunter in sein Haus einlud, um ihnen das vorzulesen, was er erst kurz vorher niedergeschrieben hatte.

Es würde zu weit führen, in diesem Zusammenhang alle Werke zu nennen, die in dichter Folge von Carl Hauptmann geschaffen wurden und das vor allem auch in den Jahren, in denen sein Gesundheitszustand nicht mehr der beste war.

Wie sehr aber sein Leben ein Leben im Schatten seines Bruders war, weil die Öffentlichkeit das besorgte, sei am Beispiel der Uraufführung seines Tobias Buntschuh aufgezeigt. So wird einmal davon berichtet:„Der Eindruck im Theater war so mächtig, dass Reinhardt völlig davon betroffen war. Er nannte die Teilnahme einmal ‚beispiellos‘ und sagte dann auch, dass das ‚deutsche Theater‘ eine solche Begeisterung kaum je erlebt habe.“ Dazu Carl Hauptmann selbst: „Das Spiel ist diesmal sonderlich aufgedeckt worden. Seit Jahrzehnten hat man durchschlagende Bühnenerfolge von mir auf Gerharts Konto gebucht, ohne dass eine Berichtigung der Wahrheit geschehen wäre …“Wie berichtete doch auch hierüber der Theaterkritiker im Berliner Tagblatt:„Ein Wendepunkt für Gerhart Hauptmann? … Das Deutsche Theater erlebte einen ganz außergewöhnlich starken Erfolg; es schuf einen Siegesabend für Gerhart Hauptmann …“

Im letzten Jahr seines Lebens gelangte Carl Hauptmann zu seiner größten Verinnerlichung. Die Summe seines Nachdenkens, die Erkenntnis darüber, was im Leben eines Menschen eigentlich zählt, fand vor allem in den Briefen seinen Niederschlag. Wie sagte er selbst: „Ich habe Ahnungen von einem Schlussstein, den ich meinem Werke lege, wenn es sich runden kann.“ Über viele Jahre hinweg hatte er in die flüchtige Zeit seine Träume geritzt, hatte erfahren, mit welchen Nichtigkeiten die Menschen einander ängstigen und war wohl unaufhörlich darum bemüht, die sich immer wieder einstellenden Finsternisse etwas aufzuhellen und wusste gut genug, dass die Wahrheit sich oft Zeit lässt, aber doch noch immer jeden einholte.

Am 4. Februar 1921 kam der Tag in jenem Haus an der böhmischen Furt heran, den Carl Hauptman nicht mehr überleben sollte. Von seinem Krankenlager aus hatte er sich noch angeregt mit seiner Frau Maria und der Tochter Monona unterhalten. Mit dem Arzt Dr. Ripke wechselte er noch einige Worte und war nach einer Weile der Bewusstlosigkeit schließlich verstorben.

Am 8. Februar fand im Bauernhäuschen die Totenfeier statt. Werner Sombart spricht rückschauend über das Leben des Dichters: „Carl Hauptmann hat sich zu seiner Größe und Vollkommenheit, zu seiner eigensten Eigenart in langem Kampfe Schritt für Schritt entfaltet, wie es dem ringenden Menschen auf dieser Erde aufgegeben ist …“. Er schließt mit den Worten: „Carl Hauptmann ist nicht tot; Carl Hauptmann lebt und wird leben in aller Zeitlichkeit und aller Ewigkeit.“Auf dem Friedhof in Niederschreiberhau wurde er begraben. Der von Meister Poelzig geschaffene Grabstein aus Keramik trägt u.a. die Verse des Volksliedes, das Carl Hauptmann einst seinem Sohn Einhart mit auf den Weg gab.

„Wohl unter den Röslein, wohl unter dem Klee,
darunter verderb ich nimmermeh’!“

„Denn jede Träne, die dem Auge entquillt,
macht, dass mein Sarg mit Blute sich füllt.
Doch jedes Mal, wenn Du fröhlich bist,
mein Sarg voll duftender Rosen ist.“

Bild:Holzbüste, Stiftung Ostdeutscher Kulturrat.

 

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