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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Herder, Johann Gottfried

Philosoph, Theologe, Schriftsteller, Aesthetiker

* 1744, 25.08.
Mohrungen/Ostpr.

† 1803, 18.12.
Weimar

Johann Gottfried Herder war ein vielseitiger und geistreicher Schriftsteller, dessen Bedeutung in seiner religiös fundierten und geschichtsphilosophisch orientierten Anthropologie und in den Anregungen besteht, die er seiner Zeit und der Nachwelt vermittelt hat.

Sein Lebensweg führte ihn im 18. Lebensjahr nach intensiver, vor allem literarischer Bildung, die er in seiner Heimatstadt zusätzlich durch den täglichen Umgang mit dem zweiten Prediger in Mohrungen, Sebastian Friedrich Trescho, genoß, 1762 an die Universität Königsberg. Ursprünglich wollte er Medizin studieren, entschloß sich aber, nachdem er bei einer Leichensektion in Ohnmacht gefallen war, zum Studium der Theologie. Bei seinen philosophischen Studien, die damals für Studenten aller Fakultäten üblich waren, hörte er mit Begeisterung die Vorlesungen des Magisters Kant, der damals auf der Grundlage sicherer Erkenntnisse in den aufblühenden Naturwissenschaften auf der Suche nach der Lösung der Probleme war, die in einer mehr als zweitausendjährigen Geschichte der Philosophie aufgeworfen worden waren. Später, als Herder längst zum Gegner Kants als des Urhebers der kritischen Philosophie geworden war, hat er im 79. seiner „Briefe zur Beförderung der Humanität“ dem Magister seiner Königsberger Studienjahre ein treffliches Denkmal gesetzt. „Ich habe das Glück genossen, einen Philosophen zu kennen“, schreibt er, „der mein Lehrer war. … Seine zum Denken gebaute Stirn war ein Sitz unzerstörbarer Heiterkeit und Freude, die gedankenreichste Rede floß von seinen Lippen, Scherz und Witz und Laune standen ihm zu Gebot und sein lehrender Vortrag war der unterhaltendste Umgang …, nichts Wissenswürdiges war ihm gleichgültig; keine Kabale, keine Sekte, kein Vorteil, kein Namenehrgeiz hatte je für ihn den mindesten Reiz gegen die Erweiterung und Aufhellung der Wahrheit. Er munterte auf und zwang angenehm zum Selbstdenken, Despotismus war seinem Gemüt fremde.“

Inhaltlich prägender für Herders Ideen als die anregende geistige Offenheit und Argumentationsfreudigkeit des vorkritischen Kant war jedoch der offenbarungsreligiös geprägte Sonderling im damaligen Königsberg: Johann Georg Hamann (1730–1788), den man durchaus zutreffend „Magus im Norden“ genannt hat. Der Einfluß Hamanns auf Herder war durch beider engen Briefwechsel bis zum Tode Hamanns lebendig und danach weiter wirksam. Mit dem Düsseldorfer Schriftsteller und ebenfalls irrationalistisch ausgerichteten Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi (1743–1819) war Herder ein geistiger Sohn Hamanns.

Für Herders weiteren äußeren Lebensweg bedeutsam wurde der junge Buchhändler und Verleger Johann Friedrich Hartknoch (1740–1789) in Riga, der ebenfalls in Königsberg Theologie studiert hatte. Der erfolgreiche Geschäftsmann vermittelte Herder eine Lebensstelle an der Domschule in Riga, wo er bald auch als Prediger an der Domkirche beliebt wurde. Trotz dieses erfolgreichen Wirkens, zu dem auch erste literarische Versuche gehören („Fragmente über die neuere deutsche Literatur“, 1766, die er auch an Kant schickte), konnte er, wie er im November 1767 an Kant schreibt, „den Wunsch nicht bergen …, die Welt zu sehen“. 1769 gab ihm ebenfalls sein Freund Hartknoch die Mittel zur Erfüllung dieses Wunsches. So fuhr er zunächst mit dem Schiff von Riga nach Nantes und dann über Paris nach Deutschland, wo er in Straßburg dem fünf Jahre jüngeren Goethe begegnete und als anregender Freund die Kraft zur Erlebnisdichtung des Sturm und Drang mit entfachte.

1771 finden wir Herder als Oberprediger an der Stadtkirche in Bückeburg. 1773 heiratete er Karoline Flachsland, die er in Darmstadt kennengelernt hatte und die später die Jahre in Bückeburg „die paradiesischen Jahre unseres Glückes, die goldene Zeit unserer Ehe“ genannt hat. Nachdem er dort 1775 zum Superintendenten des Fürstentums Schaumburg-Lippe ernannt worden war, ging er schon ein Jahr später auf Vermittlung Goethes als Superintendent nach Weimar. Hier erreichte der religiöse Deuter der Humanität den Höhepunkt seines literarischen Wirkens. Nach seinem Tode am 18. Dezember 1803 wurde er in der Weimarer Stadtkirche beigesetzt.

Durch seine „Stimmen der Völker in Liedern“ (so der posthume Titel seiner 1778/79 erschienenen Sammlung von Volksliedern) hat Herder zur Stärkung des Selbstbewußtseins der slawischen Völker im Osten Europas beigetragen. Der Kern seines Denkens und seiner Schriften aber ist in seiner Geschichtsphilosophie und seiner Anthropologie enthalten.

Sein erstes geschichtsphilosophisches Werk hat Herder bereits in Bückeburg auf der Höhe seiner nie ganz zu Ende gekommenen Sturm-und-Drang-Periode geschrieben. 1774 erschien „Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit“. Der Text ist aufgebaut wie eine Predigt: Der Autor kommt immer wieder auf den zentralen Gedanken zurück. An die Stelle erwarteter Gründe treten Wiederholungen. Inhaltlich dient die Vernunft als Organ des Vernehmens einer Wahrheit, die unmittelbar und mittelbar (durch Natur, Sprache und Heilige Schrift) von Gott kommt.

Mit Recht beurteilt Herders bis heute unübertroffener Monograph Rudolf Haym die „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ (1784 ff.) als dessen „größte und durchgearbeitetste schriftstellerische Leistung“, denn sie ziehen „eine Summe seines geistigen Lebens und Strebens“. Die theologische Perspektive seiner früheren geschichtsphilosophischen Schrift ist nun eingebettet in eine gedankenreiche universelle Kulturgeschichte der Menschheit. Eine Parallele zwischen Physiologie und Kultur verläuft vom aufrechten Gang des Menschen bis zur moralischen Humanität. „Moral ist nur eine höhere Physik des Geistes.“ Übrigens sind die ersten Teile der „Ideen“ im Gedankenaustausch mit Goethe entstanden, der in Herders Anwendung des Entwicklungsgedankens auf die Abfolge der freien Handlungen des Menschen die Ergebnisse seiner eigenen Nachforschungen auf dem Felde morphologischer Naturbetrachtung wiederfand.

Die Geschichte der Völker ist nach Herder „eine Schule des Wettlaufs zur Erreichung des schönsten Kranzes der Humanität und Menschenwürde“. Hegels Geschichtsphilosophie profitierte von Herders vergleichender Völkeranthropologie.

Der Mensch in seiner Geschichtlichkeit und die Sprache als Urphänomen menschlichen Daseins stehen im Mittelpunkt seines Denkens bis ans Ende seiner Tage. Sein Glaubensbekenntnis drückt Herder im 25. Humanitätsbrief so aus: „Hebet eure Augen auf und sehet, allenthalben ist die Saat gesäet, hier verwest und keimt, doch wächst sie und reift zu einer neuen Aussaat, dort liegt sie unter Schnee und Eis. Getrost! Das Eis schmilzt, der Schnee wärmt und decket die Saat. Kein Übel, das der Menschheit begegnet, kann und soll ihr anders als ersprießlich werden.“

Lit.: Herder: Sämtliche Werke, hrsg. von Bernhard Suphan. 33 Bde. 1877–1913. Nachdr. 1967/68. – Briefe. Gesamtausgabe, hrsg. von K.-H. Hahn. 8 Bde. 1977–84. – Haym, Rudolf: Herder. 2 Bde., Berlin 1880–85, neue Ausgabe 1978. – Dobbek, Wilhelm: J. G. Herders Humanitätsideal als Ausdruck seines Weltbildes und seiner Persönlichkeit. Braunschweig 1949.

Bild: Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Eberhard G. Schulz
 

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