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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Hoffmann, Ruth

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Schriftstellerin

* 1893, 19.07.
Breslau

† 1974, 10.05.
Berlin

Die sich ablösenden und sich gegenseitig in Frage stellenden vier Epochen unserer jüngsten Geschichte haben das Leben von Ruth Hoffmann nicht nur geprägt, sondern im Kaiserreich und während der Weimarer Republik wohlgefällig, während der Hitler-Diktatur und dem im Nachkriegsdeutschland auf Westdeutschland und West-Berlin eingegrenzten Existenz auf grausame Weise bestimmt.

Als Tochter eines Fabrikanten (die Fabrik fertigte Flaschenkapseln) in Breslau geboren, gehörte sie zu den Töchtern aus gutem Hause, die es aus freien Stücken unternahmen, sich einen Beruf zu wählen, um selbständig zu werden und sich neben den Männern zu behaupten. Ruth Hoffmann wurde Gebrauchsgrafikerin in Breslau, nachdem sie ein entsprechendes Studium in Weimar abgeschlossen hatte. Später konnte sie mit Stolz darauf verweisen, daß sie nach einem Wettbewerb das Notgeld der oberschlesischen Stadt Kreuzburg entwerfen durfte und den Zuschlag erhalten hatte. Mit Kreuzburg verband sich später ihr erster literarischer Erfolg. Mit 36 Jahren hatte sie den aus dem Posenschen stammenden Bankbeamten Erich Scheye geheiratet, einen Witwer, der einen Sohn in die Ehe mitbrachte, aber auch seinen jüdischen Glauben, und dies war seit Hitlers Machtantritt mit dem Ausschluß aus Staat und Gesellschaft verbunden. Im Konzentrationslager Auschwitz endete des Mannes Leben 1943. Gleich 1933, als die Diktatur mit Intoleranz und Judenverfolgung als Staatsmaxime einsetzte, begann Ruth Hoffmann zu schreiben, denn die Familie mußte ernährt, das idyllische Refugium in der Grafschaft Glatz, unweit von Bad Altheide, sollte gesichert werden. Pauline aus Kreuzburg, mit einer eigenen Grafik auf dem Buchumschlag, erschien 1935 im Paul-List-Verlag in Leipzig und wurde ein großer buchhändlerischer Erfolg. Bevor weitere Arbeiten veröffentlicht werden konnten, schlug das nationalsozialistische Regime zu und verhängte 1936 über die Schriftstellerin ein Schreibverbot, so daß sie erst nach 1945 ihren nicht ganz freiwillig gewählten Beruf einer Schriftstellerin ausüben konnte.

Obwohl viele ihrer Bücher mehrere Auflagen erzielten, obwohl ihre schlesischen Landsleute sie wiederholt auszeichneten, sind Name und Werk von Ruth Hoffmann selbst unter den Schlesiern nicht so bekannt, wie es wünschenswert wäre und wie sie es dank ihres großartigen Werkes auch verdiente, (übrigens geht es schlesischen Schriftstellern wie Max Herrmann-Neisse oder Jochen Klepper nicht anders.) Dies mag seinen Grund vor allem darin haben, daß zum einen der heimatliche Nährboden fremdbestimmt worden ist und zum anderen infolge der Vertreibung mit der Folge der Zerstreuung die ersten Leser, nämlich die eigenen Landsleute, erst gesucht und angesprochen werden müssen. (Gerhart Hauptmann oder Hermann Stehr hatten und haben es, um bekannt zu bleiben, leichter.)

Pauline aus Kreuzburg erzählt die Geschichte der Großmutter Hoffmann, ein Stück Lebensgeschichte der eigenen Familie, zugleich aber auch die Geschichte und Schönheit der Heimat und das Leben in ihr. Wäre der Begriff nicht so abgegriffen und obendrein noch despektierlich gefaßt, bestünde aller Grund, Ruth Hoffmann als Heimatschriftstellerin zu rühmen.

Neben der Pauline aus Kreuzburg – nach 1945 zweimal neuaufgelegt – ist hier vor allem Die schlesische Barmherzigkeit (1950) zu nennen, nach dem Tode der Schriftstellerin gleichfalls in einer Neuauflage erschienen. In diesem Buch schildert sie den Lebensweg eines schlesischen Dienstmädchens, das mit 14 Jahren, wie auch noch bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hinein üblich, in den Haushalt einer Familie eintrat und sich später als Ehefrau, Mutter und vor allem ob ihrer familiären Anhänglichkeit und Treue, den politischen Widrigkeiten zum Trotz, ausgezeichnet hat.

In den Büchern von Ruth Hoffmann finden wir das ehrliche, keineswegs sentimentale Mitleiden mit dem Schicksal der nicht reich mit den Gaben des Glücks und des Wohlstandes gesegneten Menschen. Durch ihr eigenes Schicksal bedingt, gehört dieses Mitleiden vor allem auch den durch den Rassismus und Antisemitismus Geschundenen. Kaum daß die Schriftstellerin wieder über das freie Wort verfügte, veröffentlichte sie bereits 1947 das Buch mit Erzählungen Meine Freunde aus Davids Geschlecht. Breslau, ihrer Geburtsstadt, und in der Grafschaft Glatz, die sie in geradezu berauschenden Sätzen besungen hat, fühlte sich Ruth Hoffmann nicht nur fest verwurzelt, sondern auch dann noch geborgen und beheimatet, als sie sich nach der Vertreibung in die Heimat davontragen ließ, um der Schönheit des Landes, ihrer Wiesen und Blumen, ihrer Gestalten und ihres Duftes durch die Beschwörung aus der Erinnerung persönlich teilhaftig zu werden und anderen, nicht zuletzt den gleich ihr vertriebenen Landsleuten als Gegenwart zu vermitteln. „Niemand soll sagen, daß ich nicht mehr durch Schlesien reisen kann. Täglich, wenn mir der Sinn danach steht, kreuz und quer, wohin immer mich die unstillbare Sehnsucht treibt. Geleitet von den Mächten der Erinnerung, meine Ziele suchend auf einer alten, schönen Landkarte, die vor meinem Arbeitsplatz an der Wand hängt, nordöstliches Licht von dem großen Gartenfenster erhält und mein Vorhaben mit Namen, Farben, Bergschraffierungen, winzigen Kloster- und Stadtbildchen und gekräuselten Waldgebieten bestätigt, erleichtert, beflügelt, so daß ich schneller als jemals in den Zeitläuften schlesischer Wirklichkeit das Land zu durchqueren vermag.“ Mit diesen Sätzen hebt ein Essay über Schlesien aus dem Jahre 1963 an.

Die Heimatdichterin ist, und dies im besten Sinne gemeint, eine Volksschriftstellerin gewesen, denn sie schrieb in einer Sprache, in der sie sowohl ihre eigenen Gefühle als auch zugleich die ihrer Mitmenschen, der gleich ihr von den Schicksalsschlägen hart Getroffenen und aus der Bahn eines geordneten und behüteten Lebens Geworfenen, nicht nur beschrieben, sondern mit- und nacherlebt hat. Die Häuser, in denen ich lebte, 1969 veröffentlichte Erinnerungen, lassen bereits im Titel die Herzenswärme und die sich bis ins Hymnische steigernde Anhänglichkeit an die in die unmittelbare Gegenwart aufgenommene und liebevoll einbezogene Vergangenheit spüren.

Auf dem Berliner Waldfriedhof Zehlendorf, wo auch ihr Landsmann Paul Lobe, wo Ernst Reuter und Jakob Kaiser, die großen Berliner Politiker, beerdigt sind, fand sie ihre letzte Ruhestätte.

Werke: Pauline aus Kreuzburg, Roman, 1935. – Dunkler Engel, Gedichte, 1947. – Das goldene Seil, Gedichte, 1947. – Franziska Lauterbach, Roman, 1947. – Meine Freunde aus Davids Geschlecht, Erzählungen, 1947. – Umgepflanzt in fremde Sommerbeete, Autobiographie, 1948. – Das reiche Tal, Schauspiel, 1949. – Der verlorene Schuh, Roman1949. – Die Zeitenspindel, Erzählungen, 1949. – Die schlesische Barmherzigkeit, Roman, 1950. – Abersee oder Die Wunder der Zuflucht, Roman, 1953. – Ich kam zu Johnny Giovanni, Roman, 1953. – Zwölf Weihnachtsgeschichten, 1954. – Der Zwillingsweg, Lyrik und Prosa, 1954. – Die tanzende Sonne, Erzählungen, 1955. – Der Wolf und die Trappe, Roman, 1963. – Der Mohr und der Stern, Jüdische Nachkriegsschicksale, 1966. – Die Häuser, in denen ich lebte, Erinnerungen, 1969. – Eine Liebende, Roman, 1971. – Kinderbuchreihe: Poosie aus Washington, 1953,  Poosie in Europa, 1954, Poosie feiert Wiedersehen, 1956, Poosie entdeckt Amerika, 1963.

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