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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Honterus (Honter), Johannes

Humanist, Reformator

* 1498
Kronstadt/Siebenbürgen

† 1549, 23.01.
Kronstadt/Siebenbürgen

Johannes Honterus wurde als Sohn eines Lederermeisters geboren. Im Jahre 1520 wurde er an der Wiener Universität immatrikuliert und erwarb dort 1522 den akademischen Grad eines Bakkalaureus und 1525 den Titel eines Magisters der freien Künste. Im Oktober 1529 weilte er in Regensburg bei Johannes Turmair-Aventinus. Am 1. März 1530 wurde Honterus in die Matrikel der Krakauer Universität eingeschrieben. In Krakau veröffentlichte er im Jahre 1530 seine beiden humanistischen Hauptwerke: eine lateinische Grammatik (danach 1532-1562 noch 15mal neu aufgelegt) und eine Weltbeschreibung (in Krakau 1534, 1534-1585 in Basel fünfmal sowie 1599 in Venedig neu aufgelegt).

In den Jahren 1530 bis 1533 weilte Honterus in Basel, damals einem der Mittelpunkte humanistischer Verlagstätigkeit. Er arbeitete als Lektor bei der Herausgabe von Werken antiker Schriftsteller (Claudius Claudianus, Cyrus Prodromus) mit und vervollkommnete sich in der Technik des Holzschnitts.Honterus hatte Beziehungen zu allen sechs damals in Basel tätigen Druckereien. Im Jahre 1532 fertigte er zwei Sternkarten nach Albrecht Dürer an. Sein bedeutendstes Werk aus dieser Zeit war die 1532 in Basel gedruckte Siebenbürgen-Karte, die erste kartographische Darstellung dieser Provinz.

Im Jahre 1533 kehrte Honterus in seine Vaterstadt zurück und erfuhr hier zahlreiche Ehrungen. Er wurde in die Hundertmannschaft (äußerer Rat) und 1536 als Ratsherr in den (inneren) Stadtrat berufen. In Kronstadt widmete sich Honterus besonders der Bildung und der Erziehung der Jugend. Zu diesem Zweck gründete er die erste Kronstädter Druckerei, deren Erzeugnisse ab 1539 erhalten geblieben sind.

In der Honterusdruckerei wurden ab 1539 Schulbücher gedruckt, die ältesten des Landes, die heute erhalten sind, darunter die ersten griechischen Bücher, die hierzulande herausgebracht wurden. Die ältesten erhaltenen lateinischen Druckwerke, die ältesten Ausgaben antiker Schriftsteller sowie das älteste Rechtsbuch des Landes stammen ebenfalls aus dieser Druckerei. Im Jahre 1542 erschien hier als Anhang zur Endfassung der Weltbeschreibung der älteste Atlas minor, 1543 das älteste Druckwerk in deutscher Sprache, das im Lande erhalten ist, 1544 der erste gedruckte Rechtskodex, der im Lande entstand. In der Honterusdruckerei erschienen außerdem die Hauptschriften der Reformation in Siebenbürgen: das Reformationsbüchlein für Kronstadt und das Burzenland (1543) sowie die Kirchenordnung aller Deutschen in Siebenbürgen mit der Agenda (1547). Auch der älteste Musikdruck des Landes, die Odensammlung von 1548, gehört zu den Erzeugnissen der Honterusdruckerei.

In Zusammenhang mit Druckerei und Schule wurde auf Honters Anregung hin im Jahre 1546 die älteste Papiermühle des Landes in Kronstadt errichtet, die Papier für die Druckereien Siebenbürgens und der Walachei sowie für die fürstlichen Kanzleien und andere Verbraucher in Siebenbürgen, der Walachei und der Moldau lieferte.

Die in den Dienst der Schule gestellte Drucktätigkeit war nur ein Teil der von Honterus der Erziehung und Ausbildung der Jugend gewidmeten Arbeit. Sein großes Verdienst liegt in der Umgestaltung der alten Stadtschule in die erste humanistische Lehranstalt Siebenbürgens. Dafür veranlaßte Honterus im Jahre 1541 den Bau eines neuen Schulgebäudes anstelle eines bis dahin leerstehenden Klosters. Die Schüler dieser neuen Anstalt boten 1542 die erste nachweisbare Theateraufführung des Landes.

Mit der „Constitutio Scholae Coronensis“ (Verfassung der Kronstädter Schule) von 1543 ist Honterus auch Urheber der ältesten Schulordnung unseres Landes, die erstmals eine Schülerorganisation – den „Coetus“ – einführte, nach dem Grundsatz der Selbstverwaltung. Auf Anregung von Honterus wurde 1547 für die Schule ein eigenes Bibliotheksgebäude errichtet, der erste Zweckbau dieser Art im Lande, der die berühmte Schulbibliothek beherbergte.

Wegen seiner großen Verdienste und der hohen Wertschätzung, die ihm deswegen allgemein entgegengebracht wurde, beauftragte der Kronstädter Stadtrat Honterus im Frühjahr 1543 mit der Abfassung des Buches über Die Reformation der Kirche in Kronstadt und in der gesamten Burzenländer Provinz. Darin werden die im Zuge der Reformation getroffenen Maßnahmen zusammen gefaßt. Im Mai 1543 verfaßte Honterus dieApologie, eine Verteidigungsschrift der Kronstädter Reformation, die dem siebenbürgischen Landtag in Weißenburg mit Erfolg vorgelegt wurde.

Durch diese Schriften wurde der Humanist Honterus zum Reformator der Siebenbürger Sachsen, denn nach dem Vorbild von Kronstadt wurde auf Empfehlung der Wittenberger Reformatoren die Reformation auch in Hermannstadt eingeführt und schließlich auf dem ganzen Gebiet der Sächsischen Nationsuniversität, des politischen Selbstverwaltungsgebietes der Siebenbürger Sachsen.

Im Jahre 1544 wurde Honterus zum evangelischen Stadtpfarrer von Kronstadt gewählt. Er hatte auch maßgeblichen Einfluß auf die Ausarbeitung der „Kirchenordnung aller Deutschen in Siebenbürgen“, die im Frühjahr 1547 in Hermannstadt beschlossen und 1550 von der Sächsischen Nationsuniversität zur Richtschnur erhoben wurde. Von besonderer Bedeutung ist das zehnte Kapitel, das die Errichtung von Schulen und die Versorgung der Lehrer vorsieht und damit die rechtliche Grundlage für den allgemeinen und kostenlosen Schulbesuch bot. In Kronstadt ist 1544 auch die älteste Mädchenschule des Landes nachweisbar. Die Kirchenordnung von 1547 bildete den Ausgangspunkt für die besondere Entwicklung des Schulwesens bei den Siebenbürger Sachsen in den folgenden Jahrhunderten.

Nach dem Tode von Johannes Honterus schrieb sein Mitarbeiter Hieronymus Ostermayer, Organist an der Pfarrkirche, über ihn: „Dieser Mann war ein Mann, seinem Vaterland zu dienen und was demselbigen nutz, zu fordern und zu fördern“. Freilich endete mit seinem Tode nicht die Wirkung seiner Persönlichkeit und seines Werkes. Das von Honterus in Kronstadt begründete humanistische Gymnasium spielte im 16. Jahrhundert eine bedeutende Rolle im kulturellen Leben Siebenbürgens. Das erklärt sich durch das weitläufige Herkunftsgebiet seiner Schüler als auch durch die breite räumliche Streuung der späteren Wirkungsorte seiner Absolventen. Mit seinem Aufbau, seiner Lehrverfassung, mit seiner Schülerorganisation und der Schulbibliothek war das Honterusgymnasium in Kronstadt beispielgebend für die Schulen in weiten Teilen Siebenbürgens.

Mit dem Jahre 1546 begann die lange Reihe der Nachdrucke von Honters Kosmographie von 1542. In Zürich erschienen bei Christoph Froschauer von 1546 bis 1602 sechzehn Auflagen, in Antwerpen von 1552 bis 1560 fünf Auflagen; weitere Ausgaben wurden bis 1600 in Basel, Rostock, Prag und Köln gedruckt.

Besonders langlebig war das vierte Buch der Weltbeschreibung, eine Zusammenfassung des naturkundlichen Wissens jener Zeit. Wegen seiner großen Brauchbarkeit im Unterricht wurde es zuerst 1572 in den Thesaurus eruditionis scholasticae von Basilius Faber aufgenommen und in 15 Auflagen bis 1692 in Leipzig, Heidelberg, Wittenberg und Frankfurt am Main herausgebracht. Weitere Nachdrucke wurden von Theophilus Golius in Straßburg (1579 bis 1620, zehn Ausgaben), Nathan Chytraeus in Lemgo (1590 und 1596, zwei Ausgaben), Abraham Saurius in Frankfurt am Main (1592 bis 1615, drei Ausgaben) und Albertus Molnar in Hanau (1611 und 1640, zwei Ausgaben) veranstaltet.

Aus dem ersten Buch der Kosmographie wurden 1575 in Augsburg Teile abgedruckt, das zweite und das dritte Buch wurden noch 1618 in Paris nachgedruckt. Ebenso wurden die Karten von Honterus in zahlreichen Auflagen von anderen Büchern verwendet. Gerhard Engelmann schrieb 1982: „Honters Kosmographie und ihre Nachdrucke sowie die Einzelwiedergabe der beiden Karten Dacia und Sarmatia verteilen sich im Zeitraum von 1530 bis 1692 auf folgende Veröffentlichungen: 69 lateinische Ausgaben für die Gelehrtenwelt und den Schulgebrauch der Humanisten, 40 deutsche Ausgaben von Sebastian Münsters Kosmographie und Johannes Stumpfs Schweizerchronik für den deutschen Leserkreis sowie 10 französische und 7 italienische Ausgaben, insgesamt 126 Veröffentlichungen in 162 Jahren. Dies war für Honter ein Erfolg, dessen sich kein (siebenbürgisch-) sächsischer Gelehrter bis zum heutigen Tage zu rühmen vermag“. Inzwischen sind noch mehr Ausgaben bekannt geworden.

Noch einige Urteile von Zeitgenossen: Martin Luther nannte Honterius „Evangelist des Herrn“, dessen Reformationsbüchlein „weislich, rein und treulich geschrieben ist“. Philipp Melanchthon: „Mann von vorzüglicher Gelehrsamkeit und Tugend, der die frommen Studien der Lehre in der Stadt Kronstadt in Siebenbürgen leitet“. Antonius Verantius: „Honterus hat Siebenbürgen bekannter und die Stadt Kronstadt berühmter gemacht, ihm sind die Grundlagen zum Ruhm und Ansehen des Vaterlandes zu verdanken.“

Das 19. Jahrhundert führte – ausgehend von der 300-Jahrfeier des Honterusgymnasiums – zu einer Neubelebung der Honterusverehrung, die im Jahre 1898 anläßlich der 400-Jahrfeier von Honterus’ Geburt einen Höhepunkt erreichte. Damals wurde vor dem Turm der Schwarzen Kirche das eherne Standbild des großen Humanisten und Reformators eingeweiht, es erschienen mehrere Biographien und eine Auswahl von Honterusschriften. Nach wertvollen Honterus-Forschungen zwischen den beiden Weltkriegen, gab Honterus’ 475. Geburtstag im Jahre 1973 einen neuen Anstoß zur Erforschung seines Lebens und Werkes. Im Hinblick auf die bevorstehende 500-Jahrfeier brachte der Bukarester Kriterion-Verlag mit Hilfe des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde (Heidelberg) im Jahre 1996 das Buch von Professor Dr. Ludwig Binder Honterus – Schriften, Briefe, Zeugnisse heraus, das außer einer umfassenden Darstellung seines Lebens und der Vorstellung seines Werkes seine wesentlichsten Schriften in deutscher Übersetzung einem großen Leserkreis zugänglich macht.

Weitere Lit.: Karl Kurt Klein: Der Humanist und Reformator Johannes Honter. Untersuchungen zur siebenbürgischen Geistes- und Reformationsgeschichte (= Schriften der Deutschen Akademie in München, 22), Hermannstadt und München 1935. – Oskar Wittstock: Johannes Honterus, der Siebenbürger Humanist und Reformator. Der Mann, das Werk, die Zeit. Göttingen 1970. – Gernot Nussbächer: Johannes Honterus. Sein Leben und Werk im Bild, Bukarest31978. – Karl Reinerth: Die Gründung der evangelischen Kirchen in Siebenbürgen (= Studia Transylvanica, 5), Köln-Wien 1979. – Gerhard Engelmann: Johannes Honter als Geograph (= Studia Transylvanica, 7), Köln-Wien 1982.

Bild: Johannes Honterus, nach einem alten Holzstich.

 

Gernot Nussbächer

 

 

 

 

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