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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Hupka, Herbert

Journalist, Publizist, Politiker

* 1915, 15.08.
Diyatalawa/Ceylon

† 2006, 24.08.
Bonn

Eigentlich sollte das eine Würdigung des Journalisten und Politikers Dr. Herbert Hupka werden aus Anlaß seines 90. Geburtstages. Nun wird es zugleich eine dankbare Würdigung des so plötzlich noch vor dem Redaktionsschluß dieser Ausgabe der Ostdeutschen Gedenktage für die Jahre 2005 und 2006 von uns Gegangenen.

Als der große Barockdichter Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, Präses des Rates der Stadt Breslau, im Jahre 1679 gestorben war, begann sein Dichterkollege Daniel Casper von Lohenstein, Syndikus der Stadt Breslau, seine „Leichabdankung“, wie man damals in Schlesien den Nekrolog auf eine bedeutende Persönlichkeit nannte, mit dem lapidaren Satz: „Der große Pan ist tot.“ Damit brachte der Dichter mit altrömischer Kürze und Prägnanz zugleich Bedeutung und Eigenart des Mannes wie die Erschütterung über seinen plötzlichen Tod zum Ausdruck. Man spürte: Es bleibt eine Lücke zurück – für immer.

Auch Herbert Hupka war eine Persönlichkeit von unverwechselbarer Prägung. Seine hohe, aufrechte Gestalt war Abbild seines weiten Bildungshorizontes, seiner Überzeugungstreue und seines Durchblicks auf Wesentliches. Es mußte schon gleichsam ein Blitz einschlagen, um diesen tief in seiner schlesischen Heimat und in deutschen Geistestraditionen verwurzelten Baum berstend zu Fall zu bringen. Keine Kuraufenthalte, kein Siechtum, vielmehr Aktivität bei hellwachem Geiste bis zum Schluß.

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte sein Vater, ein habilitierter Physiker, einen Ruf an die deutsch-chinesische Hochschule in Tsingtau erhalten. Mit seiner jungen Frau trat er die Schiffsreise an. In Colombo auf Ceylon wurde des Paar von der britischen Kolonialmacht interniert. In Diyatalawa ist der Sohn Herbert am 15. August 1915 zur Welt gekommen. Auf der Rückreise nach Deutschland 1919 erlag der Vater vor der Küste Südafrikas einer Influenza-Epidemie. So wuchs der Junge unter der Obhut seiner Mutter im heimatlichen Ratibor auf als Schlesier in dem Teil Oberschlesiens, der trotz der neuen Grenzziehung zu Polen und der Abtrennung des Hultschiner Ländchens zugunsten der neugeschaffenen Tschechoslowakei beim Deutschen Reich verblieben war. Da die neue Grenze nach polnischen Aufständen unter Mißachtung des Abstimmungsergebnisses festgelegt worden war, entstand in dem jungen Menschen früh eine Sensibilität für Ungerechtigkeiten und ungebändigte nationalistische Emotionen.

Doch dieses frühe Unrechtserlebnis war begleitet von einer gründlichen Schulbildung. Die wachsende kulturelle Bedeutung von Hupkas Heimatstadt Ratibor in der Zeit zwischen beiden Weltkriegen hat Alois Maria Kosler in der von Helmut Neubach und Hans-Ludwig Abmeier 1985 herausgegebenen Festschrift zum 70. Geburtstag („Für unser Schlesien“) treffend beschrieben. So ging der Abiturient 1934 wohl gerüstet zum Studium zunächst nach Halle und dann nach Leipzig, wo er 1940 zum Dr. phil. promoviert wurde. Sein Hauptfach war die Germanistik mit dem Schwerpunkt in der Altgermanistik. Daneben studierte er Geschichte, Kunstgeschichte und Geographie. Seine Dissertation trägt den Titel „Gratia und misericordia im Mittelhochdeutschen. Zur Geschichte ethisch-religiöser Begriffe im Mittelalter“.

Auf dem Hintergrund einer so breit im Bereich von Sprache, Literatur, bildender Kunst und Geschichte angelegten akademischen Ausbildung, frei von aller zeitbedingten Deutschtümelei, konnte Hupka nach Krieg und Vertreibung auf sicherem Fundament seinen journalistischen Weg gehen: vom Bayerischen Rundfunk bis zur Position eines Programmdirektors bei Radio Bremen.

Daneben war er früh politisch aktiv. Er gehörte schon 1948 zu den Gründern der Landsmannschaft Schlesien, deren Bundesvorsitz er 1968 übernahm und bis 2000, immer mit überwältigender Mehrheit gewählt, innehatte. 1969 wurde er auf der Liste der SPD in den Deutschen Bundestag gewählt. Im Zuge der Diskussionen um die Ostverträge wechselte er 1972 zur CDU, für die er dann bis 1987 ein ebenso würdiger wie mutiger Repräsentant der deutschen Vertriebenen im Bundestag war. Der Abgeordnete Dr. Hupka mußte für sein unbeirrbares Eintreten für die Offenhaltung der deutschen Frage auch im Hinblick auf die endgültige Festlegung der deutsch-polnischen Grenze Beschimpfungen als Revanchist, ja als Faschist und Kriegstreiber über sich ergehen lassen. Das war besonders verletzend für einen Mann, der während der letzten Jahre des NS-Regimes als „jüdischer Mischling“ die „Entlassung“ aus der Deutschen Wehrmacht, einen monatelangen Aufenthalt im Torgauer Militärgefängnis und eine Verpflichtung zu zivilem Kriegsdienst hatte ertragen müssen. Bei Kriegsende ging es ähnlich weiter. Kosler schreibt am bereits genannten Ort darüber mit unüberbietbarer Knappheit: „So erlebte er den Einmarsch der Russen am 30. März 1945 und die Zerstörung der Stadt in den Tagen und Wochen danach. Er konnte seine Mutter aus Theresienstadt herausholen und nach München bringen. Im August 1945 verließ er Ratibor, kehrte aber noch einmal zurück … Er wurde mehrfach von den neuen Diktatoren inhaftiert und geriet in Gefahr, verschleppt zu werden. Am 14. Oktober 1945 mußte er Ratibor endgültig verlassen.“ Der langjährige Fraktionskollege Hupkas, Bundesminister a. D. Heinrich Windelen, hat in seiner Rezension des autobiographischen Werkes „Unruhiges Gewissen“ Hupkas politisches Wirken im Deutschen Bundestag und in der Landsmannschaft Schlesien angemessen gewürdigt (Zeitschrift „Schlesien“, Heft 3, Jahrgang 1996). Entscheidend ist, daß sein Eintreten für das Menschenrecht der Vertriebenen stets neues Unrecht ausdrücklich aus schloß. „Eine Vertreibung ist immer schon eine Vertreibung zuviel.“ Man mag über einzelne seiner politischen Vorstellungen, Urteile und Initiativen unterschiedlich denken, den Respekt und die menschliche Anerkennung hat dieser aufrechte Demokrat auch von seinen Gegnern verdient.

Es entsprach seinem Bildungsfundament, seinem Ideenreichtum und seinem vielfältigen publizistischen Wirken, daß er von 1982 bis 1999 als Präsident der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat seine Kraft auch in den Dienst der Bewahrung, Erforschung, Darstellung und Pflege des großen Beitrags der Deutschen im Osten zur Kultur stellte. Die elfbändige Studienbuchreihe „Vertreibungsgebiete und vertriebene Deutsche“ geht auf seine Anregung zurück. Die Ausstellung „Große Deutsche aus dem Osten“ war seine Idee. Die Städtebuchreihe über Königsberg, Elbing, Frankfurt/Oder, Liegnitz, Lodz, Troppau und Hermannstadt hat er initiiert. Die Krönung aber seiner kulturhistorischen Unternehmungen waren zweifellos die „nachgeholten Wiedergutmachungen“, die vor allem bedeutenden jüdischen Persönlichkeiten galten, die in Wissenschaft, Literatur und bildender Kunst Ehre für ihr deutsches Vaterland eingelegt hatten, das sie in ideologischem Rassenwahn verstieß und oft ermordete. Unvergeßlich ist sein Vortrag, den er im vorigen Jahr im Rahmen der OKR-Tagung über „Die Verfolgung der Juden im Osten vor dem Holocaust“ gehalten hat. Darin würdigte er mehr als dreißig Persönlichkeiten, deren Vertreibung zu einer Verarmung wissenschaftlichen und kulturellen Lebens in Deutschland führte.

Wieviel hat er durch die von ihm herausgegebenen Sammelwerke „Große Deutsche aus Schlesien“, „Leben in Schlesien“, „Meine schlesischen Jahre“, „Schlesisches Panorama“, „Schlesisches Credo“ und „Letzte Tage in Schlesien“ zu einer getreuen Dokumentation der schlesischen Wirklichkeit vor der Vertreibung beigetragen! Ohne seine Anregungen wäre vieles von den Autoren gar nicht ins Bewußtsein zurückgeholt und für die Nachwelt einnehmend und überzeugend zugleich dargestellt worden. Seiner Autobiographie hat er schließlich mit dem erst jüngst erschienenen Sammelband eigener Schriften „Schlesien lebt“ ein neues Bekenntnis zu seiner Heimat in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hinzugefügt.

Mit Rezensionen und Würdigungen aus gegebenem Anlaß hat Herbert Hupka sich von seinen Anfängen beim Bayerischen Rundfunk bis zu seinen Beiträgen zur „Kulturpolitischen Korrespondenz“, die erst mit seinem Todestag enden, als ein Meister des Feuilletonismus erwiesen. Marcel Reich-Ranicki hat das Feuilleton den „bisweilen etwas leichtsinnigen Bruder des Essays“ genannt und als Erfinder dieser Gattung Heinrich Heine in Anspruch genommen. Das darin sich ausdrückende Lob einer gewissen Virtuosität in diesem Genre kann auch auf Hupka bezogen werden. Aber damit nicht genug. Wer die Essays Hupkas z. B. über seine Heimatstadt Ratibor, über den Prälaten Ulitzka oder über den Maler-Poeten Ludwig Meidner gelesen hat, wird zugeben, daß hier mit der Radiernadel gearbeitet wurde, um Grundlagen und Konturen gültig und einprägsam sichtbar werden zu lassen. So hat sich der nun von der Bühne des Lebens Abgetretene als Homme des lettres et des beaux arts mit ehernen Lettern in die Annalen der Kennzeichnung und Weitergabe deutscher Kulturleistungen im Osten eingetragen.

Kulturleistungen verbinden die Völker. Und so ist es geradezu die Vollendung der Lebensleistung dieses tapferen Mannes, daß er die in den letzten anderthalb Jahrzehnten sich bietenden Möglichkeiten der Begegnungen und des Dialogs mit den polnischen Nachbarn bei gleichzeitiger stärkender Belebung der Verbindung mit den in der Heimat verbliebenen deutschen Oberschlesiern unermüdlich und fast immer erfolgreich genutzt hat. Die schönste Frucht dieses versöhnlichen Wirkens war 1998 die Ernennung zum „Verdienten Bürger“ der Stadt Ratibor. Damit war einer der treuesten Söhne Schlesiens in seine oberschlesische Heimatstadt ideell zurückgekehrt. Per aspera ad astra – durch Finsternisse zu den Sternen!

Eberhard Günter Schulz 

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