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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Kafka, Franz

Schriftsteller

* 1883, 03.07.
Prag

† 1924, 03.06.
Kierling bei Wien

Wer sich fragt, welche zeitgenössischen Schriftsteller der deutschen Literatur zu Weltruf verholfen haben, der denkt an den Lyriker Rainer Maria Rilke aus Prag, an die Erzähler Alfred Döblin aus Stettin und Franz Werfel aus Prag, an den Dramatiker und Erzähler Gerhart Hauptmann aus dem schlesischen Ober-Salzbrunn, an ostdeutsche Dichter also, zu denen, mit gleichem Rang und Namen, sich aus dem Norden nur noch der Lübecker Thomas Mann und aus dem Süden der Augsburger Bertolt Brecht (und die Österreicher Musil und Broch) gesellen. Aber keiner von den erwähnten hat nach dem 2. Weltkrieg eine ähnliche weltweite Wirkung erzielt wie der Prager Franz Kafka, der Dichter der „Angst“ mit seiner formal wie inhaltlich so unverwechselbaren (und doch so zeittypischen), keiner literarischen Strömung oder Schule einzuordnenden Prosa seiner Erzählungen und Romane, seiner Tagebücher und Briefe. Keiner auch hat sich wie er bisher jeder schlüssigen und verbindlichen Deutung hartnackig widersetzt und entzogen, was ganze Heere von Interpreten jeder Provenienz (aus Germanistik, Philosophie, Psychologie, Theologie) in allen Kulturstaaten des Westens (und zuletzt auch der Ostblockstaaten) auf den Plan gerufen und in einen nicht endenden exegetischen Streit verwickelt hat. Den Streit begleiten neue Editionen und Übersetzungen, begleiten Bühnenbearbeitungen (Prozeß, Schloß, Bericht vor einer Akademie), Kinoverfilmungen und Fernsehaufzeichnungen, und Kafka, sein Thema und Stil, haben überall auf der Welt unter Schriftstellern verschiedenster Herkunft und Bildung Schule gemacht – und sie gehen noch und immer wieder in seine Schule.

Franz Kafka, der in der böhmischen Hauptstadt geboren wurde, als erster Sohn des aus Wossek, Böhmen, stammenden jüdischen Kaufmanns Herrmann Kafka; der auf Wunsch seines Vaters eine deutsche Volksschule besuchte, dann das „Altstädter Deutsche Gymnasium“ im Kinsky-Palais, schließlich (seit 1901) die „Deutsche Universität in Prag“, um anfangs Chemie zu studieren und später Jurisprudenz. Vorübergehend hört Kafka auch Germanistik und Kunstgeschichte, bevor er das Jurastudium mit Staatsexamen und Promotion (1909) abschließt. Aber der werdende Jurist war zugleich ein werdender Schriftsteller, der schon 1902 dem ein Jahr jüngeren Max Brod, seinem lebenslangen Freund und umstrittenen Nachlaßverwalter, seine ersten literarischen Versuche („Beschreibung eines Kampfes“) gezeigt hatte, der sich als großes Talent erwies, das sich immer wieder verbarg und bis zu seinem frühen Tode nur von wenigen gelesen und verstanden wurde. Der Jurist Kafka trat nach einer einjährigen „Rechtspraxis“ in die „Assicurazioni Generali“ ein und wurde wenig später (1908) Angestellter der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Änstalt in Prag, und er blieb es bis zu seiner frühen Pensionierung (1922). Ein zwiespältiges Doppelleben, das ein wenig – auch in seiner unheimlichen Phantastik – an das des Königsberger Romantikers Hoffmann erinnert, der akademische Büro-Angestellte und Versicherer und der alle Abgründe menschlicher Existenz aufdeckende, tief verunsichernde Wort-Künstler. Vier Jahre nach Beginn seiner bürgerlichen Laufbahn erschien, im Dezember 1912, seine erste selbständige Buchpublikation „Betrachtung“, der sich in den folgenden Jahren die Bände „Der Heizer“ (1913), „Die Verwandlung“ (1915), „Das Urteil“ (1916), „In der Strafkolonie“ (1919) und die „kleinen Erzählungen“ des Sammelbandes „Ein Landarzt“ (1919) anschließen; Geschichten, in denen persönliches Welterleben (des zwischen Deutschen und Tschechen lebenden einsamen und selbst in der eigenen Familie unverstandenen Juden) und allgemeine Daseinserfahrungen (des einer anonym verwalteten Industrie- und Massengesellschaft ausgelieferten Menschheit) sich zu vieldeutigen Parabeln verbinden, zu Gleichnissen der Gottferne, der menschlichen Vereinsamung, des gestörten Weltverständnisses, der Widersprüchlichkeit des Daseins und einer tiefen religiösen Verzweiflung. Als aussichtslos erweist sich der Kampf des Individuums gegen die verborgenen, aber allgegenwärtigen Mächte (wie gegen den seelenlos autoritären Verwaltungs- und Staatsapparat der stagnierenden Habsburger Doppelmonarchie). Die realistische, glasklare und sehr präzis beschriebene Alltagswirklichkeit wird überall durchlässig für eine traumhaft-phantastische, geheimnisvoll-hintergründige, grotesk-visionäre; die Kunst wird zur parabolischen Gestaltung der aus dem Alltagsleben der modernen Stadtgesellschaft brechenden Existenzangst des einzelnen in ihr verlorenen Menschen; der Schriftsteller wird zum Schöpfer einer neuartigen, magischen Gleichnis- und Bilderwelt, deren Sinn nur schwer und nur aus dem Bezug auf das Ganze (was freilich so rätselhaft ist wie die menschliche Existenz selbst) erschlossen werden kann und je nach Standort des Betrachters für existentialistische Auslegungen ebenso großen Spielraum läßt wie für soziologische, tiefenpsychologische, metaphysische oder theologische. Kafkas Welt ist eine im tiefsten poetischen Sinne unausschöpfliche Welt. Was sich noch stärker und beklemmender dokumentierte in den ausgreifenden, welthaltigeren Romanen, die Fragment blieben und nach dem letzten Willen ihres Schöpfers verbrannt werden sollten, aber gegen dessen Willen von Max Brod aus dem Nachlaß des Frühverstorbenen herausgegeben wurden: „Der Prozeß“ (1925), „Das Schloß“ (1926), „Amerika“ (1927). Kafka war, im vergeblichen Kampf gegen seine Vereinsamung (nach verschiedenen gescheiterten Verlöbnissen und Bindungen) und im ebenso vergeblichen Kampf gegen eine Lungentuberkulose (nach mehreren längeren Kuraufenthalten), erst einundvierzig, im Sanatorium Kierling bei Wien an Kehlkopftuberkulose verstorben.

Werke: Betrachtung, En. 1913; Der Heizer, E.-Fragm. 1913; Die Verwandlung, E. 1916; Das Urteil, E. 1916; In der Strafkolonie, E. 1919; Ein Landarzt, En. 1919; Ein Hungerkünstler, En. 1924; Der Prozeß, R. 1925; Das Schloß R. 1926; Amerika, R.-Fragm. 1927; Beim Bau der Chinesischen Mauer, En. 1931; Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß, 1953. -GS., hg. M. Brod VI 1935-37; GW, X 1946-1954, IX 1950-58; Die Romane, 1965; Sämtliche Erzählungen, 1969; Tagebücher 1910-23, 1951; Briefe an Milena, hg. W. Haas 1952; Briefe 1902-24, hg. M. Brod 1958; Briefe an Felice, hg. E. Heller u. J. Born 1967; Briefe an Ottla u. d. Familie, hg. H. Binder u. K. Wagenbach 1974.

Lit.: A. Flores, The K.-problem, Norfolk 1946 (m. Bibl.); M. Robert, Introduction à la lecture de K., 1946; R. Rochefort, 1948 (d. 1955); M. Brod, F. K.s Glauben und Lehre, 1948; G. Boden, 1948; C. Neider, K., His mind and art, 1949; M. Brod, F. K. als wegweisende Gestalt, 1951; F. Beissner, Der Erzähler F. K., 1952; M. Bense, Die Theorie K.s, 1952; H. S. Reiss, 1952; M. Brod, 31954; R. Gray, K.s Castle, Lond. 1956; F. Weltsch, Religion u. Humor i. Leben u. Werk F. K.s, 1957; K. Wagenbach, 1958; F. Beissner, K. der Dichter. 1958; A. Flores u. H. Swander, F. K. Today, Madison 1958; M. Brod, Verzweiflung und Erlösung im Werk F. K.s, 1959; H. Pongs, 1960; M. Robert, Paris 1960; R. M. Alberesu. P. de Boisdeffre, Paris 1960; F. Baumer, 1960; A. Borchardt, K.s zweites Gesicht, 1960; M. Waiser, Beschreibung e. Form. F. K., 1961; M. Dentan, Humour et création litt. dans l’oeuvre de K., Paris 1961; H. Richter, 1962; K., hg. R. Gray,N. Y. 1962; The K. Problem, hg. A. Flores, N. Y. 1963; K. Weinberg, K.s Dichtungen, 1963; W. H. Sokel, 1964; D. Hasselblatt, Zauber u. Logik, 1964; K. Wagenbach, 1964; K.-Symposion, 1965; H. Politzer, Ithaca 21966 (d. 1965); K. Hermsdorf  21966; M. Brod, Üb. F. K., 1966; H. Binder, Motiv u. Gestaltg. b. K., 1966; F. K. aus Prager Sicht, hg. E. Goldstücker 1966; A. P. Foulkes, The reluctant pessimist, Haag 1967; W. Rohner, 1967; M. Greenberg, The terror of art, N. Y.. 1968; G. Janouch, Gespr. m. K., 21968; G. Loose, F. K. u. Amerika, 1968; W. Kraft, 1968; N. Kassel, D. Groteske b. F. K., 1969; F. K. (üb. s. Dichtgn.), hg. E. Heller u. J. Beug 1969; J. Kobs, 1970; W. Emrich, 71970; E. Frey, K.s Erzählstil 1970; B. Flach, K.s Erzählungen,21972; A. Thorlby, Lond. 1972; G. Anders, 41972; R. Gray, Cambr. 1973; F. K., hg. H. Politzer 1973; H. Hillmann, 21973; Ch. Bezzel, Natur b. K., 21973; D. Krusche, K. u. K.-Deutung, 1973; B. Beutner, D. Bildspr. F. K.s, 1973; B. Nagel, 1974; P. U. Beicken, 1974; Ch. Bezzel, Kafka-Chronik, 1975; H. Binder, Komm, zu sämtl. En. 1975; L. Dietz, 1975; Bibl.: R. Hemmerle, 1958; H. Järv, Malmö 1961.

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