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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Klotz, Claus

Schriftsteller

* 1947, 19.05.
Leanyvar

† 1990, 06.07.
Berlin

Claus Klotz’ Leben und Werk war ein einziger konsequent geführter Kampf und Aufschrei für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auch für die ungarndeutsche Minderheit im realexistierenden nationalchauvinistischen Kommunismus Ungarns nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie kein anderer ungarndeutscher Autor brachte er ein vielsprachiges „österreichisch-ungarisches“ Erb- und Gedankengut in sein schmales, aber für die zeitgenössische ungarndeutsche Literatur wichtiges Werk ein. Von Haus aus war Claus Klotz dreisprachig. Ungarisch war nach dem Zweiten Weltkrieg (für die Minderheiten gezwungenermaßen) die Hauptsprache aller in Ungarn Lebenden, insbesondere auch für die deutsche Minderheit. So sprach Claus Klotz von Kindesbeinen an Ungarisch, Deutsch (auch die ungarnschwäbische Mundart des Ofener Landes bei Budapest), und dann kam bei ihm – ein seltsamer Ausnahmefall bei den ungarndeutschen Autoren – auch noch Russisch hinzu, die Muttersprache seiner Großmutter väterlicherseits. So hatte der junge Gymnasiast – er besuchte das Gymnasium in Gran/Esztergom – und dann der junge Student – er studierte Germanistik in Budapest und Leipzig und schloß sein Studium mit einem Lehrerdiplom ab – immer das Ideal einer solidarischen interkulturellen Gemeinschaft vor Augen. Er empfand die schwierige Situation der durch Kriegs- und Nachkriegsschläge heimgesuchten ungarndeutschen Minderheit als besonders bedrückend, da er sich Zeit seines Lebens selber immer offen zu ihr bekannte und aus eigener Erfahrung wußte, wie sehr sie an ihrer angestammten Heimat hing und wie sehr sie die im chauvinistischen Nationalkommunismus forcierte Assimilierung bedrückte. Zusätzlich belastete dies den jungen, idealistisch veranlagten Claus Klotz auch noch dadurch, daß damit seine Heimat Ungarn ärmer wurde, um die Kultur einer lebenstüchtigen und ehemals lebensfrohen Minderheit. Die deutsche Minderheit wurde zudem als angebliche ehemalige Parteigängerin des Dritten Reiches samt und sonders in Sippenhaft genommen – einschließlich der Gegner des Nationalsozialismus, von denen es gerade bei den Ungarndeutschen eine ganze Reihe gab.

Erst Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erhielt die deutsche Minderheit allmählich einige wenige Rechte zugesprochen. Der Demokratische Verband der Ungarndeutschen wurde erst 1955 gegründet, die Neue Zeitung, auch heute noch das einzige, jede Woche erscheinende ungarndeutsche Publikationsorgan, erst 1957. Bis 1983 war Claus Klotz Sekretär des Demokratischen Verbandes der Ungarndeutschen und setzte sich schon damals, als dies noch mit vielen Risiken verbunden war, für mehr Rechte für die deutsche Minderheit ein. Als endlich 1972 auch die literarische Sektion des Demokratischen Verbandes der Ungarndeutschen gegründet wurde, war er deren Sekretär, bis zu seinem Freitod 1990. Viele Jahre war er – da er fließend Deutsch sprach – stellvertretender Direktor des Hauses der ungarischen Kultur in Ost-Berlin und versuchte die Behörden der DDR für die ungarndeutsche Problematik zu interessieren und zu sensibilisieren. Die DDR-Offiziellen vermieden aber sorgfältig jedes „Engagement“ für die Volksdeutschen – egal wie „antifaschistisch“ diese gewesen sein mochten. Sie waren auch für sie die ehemalige Fünfte Kolonne des Dritten Reiches.

Dabei konnte Claus Klotz an Ort und Stelle feststellen, welchen hohen Stellenwert die offizielle DDR-Kulturpolitik den Sorben (auch Wenden genannt), der kleinen slawischen Minderheit der Lausitz und des Spreewaldes, als „kleinstem slawischen Volk der Welt“ (nach offizieller DDR-Lesart waren es 100.000 Menschen, in Wirklichkeit nach bundesdeutschen Berechnungen etwa 60.000) zumaß. Gewissermaßen als Wiedergutmachung der Verfolgung der slawischen Völker durch das Dritte Reich erfreute sich diese kleine slawische Minderheit der DDR einer einmaligen Minderheitenförderung. Außer einer eigenen sorbischen Lehrerbildungsanstalt (in Bautzen), Sorbischunterricht in Schulen und Kindergärten besaß sie einen Verlag (Domowina) und neben einem eigenen Theater sogar eine eigene sorbische Oper in Bautzen – in der sich in der Regel bei Auftritten des Chores mehr Sorben auf der Bühne als im Saal befanden – und sogar ein eigenes Filmstudio. Nach der Wende in der DDR haben der Bund, das Land Brandenburg und der Freistaat Sachsen eine Stiftung für das sorbische Volk mit Sitz in Bautzen/Budysin gegründet.

Daneben nahmen sich die Möglichkeiten der Ungarndeutschen (auch heute können die Ungarndeutschen von einer Stiftung wie der eben angeführten für die Sorben nur träumen) vergleichsweise mehr als bescheiden aus – und das bei einer Größe der Minderheit von 220.000 Menschen, also, gemessen an den offiziellen Angaben, mehr als doppelt so viel wie die Sorben, in Wirklichkeit zahlenmäßig fast viermal so viel. Allerdings waren es tatsächlich, gemessen an der Beherrschung der Muttersprache, infolge jahrzehntelanger Niederhaltung und Benachteiligung nur halb so viel. Nur noch 30.000 bis 40.000 Ungarnschwaben beherrschen heute noch wegen fehlender deutschsprachiger Kindergärten und Schulen ihre Muttersprache. Eine eigene Lehrerbildungsanstalt wie bei den Sorben gibt es für die Ungarndeutschen selbst heute noch nicht. Diese traurigen Erfahrungen, nicht zuletzt der niederschmetternde Vergleich mit der Situation der sorbischen Minderheit in der DDR haben Claus Klotz zum Ankläger der nationalkommunistischen ungarischen Kulturpolitik werden lassen. Schon in seinen ersten Gedichten, veröffentlicht zuerst in der AnthologieJahresringe (1. Aufl. 1984, 2. Aufl. 1986), „Ahnerls Lied“ und „Mein Heimatdorf“ erteilte er dem oberflächlichen parteiamtlichen Optimismus der Kulturfunktionäre eine radikale Absage. In „Ahnerls Lied“ greift Claus Klotz das Thema von Erika Ats berühmtem, in lyrischem Ton gehaltenen Gedicht „Ahnerls Lied“ auf, in dem Erika Ats die Überlieferung der deutschen Sprache und Poesie durch ihr Ahnerl poetisch überhöht feiert. Bei Claus Klotz bricht die harte Wirklichkeit in die Idylle ein. Statt von Rosmarein und Mondenschein zu träumen, wehklagt Claus Klotz’ Ahnerl in der 1. Strophe: „Schlaf, Kindlein, schlaf, / verstehst nicht meine Sprach’ / die Märchen und die Sagen / und meine deutschen Fragen. / Schlaf, Kindchen, schlaf.“

Während die Propaganda der Kulturaktivisten heuchlerisch den Eindruck zu erwecken suchte, alles gehe seinen internationalistischen Gang, wurden brutale Tatsachen der Assimilierung geschaffen. So lautet die 2. Strophe denn auch: „Schlaf Kindchen, schlaf / bleib fleißig und schön brav, / zum Häusle bauen, Auto kaufen / wirst du meine Sprach nicht brauchen / schlaf, Kindchen, schlaf.“ Die traditionellen deutschen Tugenden, Fleiß und Gehorsam, werden auch von den neuen Machthabern in Anspruch genommen und für ihre eigenen Zwecke genutzt. Auch der sozialistische Spießer braucht, total angepaßt, assimiliert, Ahnerls Sprache nicht mehr. Das Ahnerl hat sich überlebt, mit seiner ganzen Kultur, mit der kulturellen Identität der Ungarndeutschen schlechthin: „Schlaf, Kindchen, schlaf / ich sink bald in das Grab, / mit mir die deutsche Mär, das Wort, / sie finden dort den letzten Hort, / schlaf, Kindchen, schlaf.“

Eine solche Schärfe des Tones gab es in der zeitgenössischen ungarndeutschen Literatur bis zu Claus Klotz nicht. In „Mein Heimatdorf“ aus derselben Anthologie steigert sich Claus Klotz noch. Es wird die schon versunkene Welt des ungarnschwäbischen Dorfes, das durch die Aussiedlung und Vertreibung der Ungarnschwaben verkam, beschworen: „Flocken weiß / bitterheiß / tannen / von dannen / dorfrandslums. / – straßen rein / fensterlein / häuschen / ohne mäuschen / menschenlos / – fremde sprach / muttersprach / mir wattezucker / gucker / in die ferne / – weinberge / herberge / stumm sinnen / fischstimmen / übermorgen dahin.“ Die ehemals „heile Welt“ des ungarnschwäbischen Dorfes mit einer festen bäuerlichen Gemeinschaft, in der Nachbarschaftshilfe ein selbstverständliches Gebot war, ist durch die Vertreibung gesprengt worden. Am Rand des Dorfes gibt es jetzt Slums, die Tannen der Dorfstraßen sind abgeholzt, die Häuser menschenleer oder von Neusiedlern bewohnt, die eine dem Autor fremd klingende Muttersprache sprechen. Die Weinberge – die meisten ungarndeutschen Bauern waren auch Winzer – bieten zwar noch eine Herberge, aber mehr den Erinnerungen, denn Fischstimmen, Lautloses also, sinnen, daß übermorgen für sie alles dahin ist. In knappen Zeilen, gebildet aus je zwei Paarreimen und einem fünften reimlosen Vers, werden stichwortartig die Symbole des totalen Verfalls dem Leser vor Augen geführt. Dieser Verfall kommt aus der Vergangenheit, mit der Vertreibung der ursprünglichen Dorfgemeinschaft, und zieht sich bis in die nahe Zukunft „übermorgen dahin“.

In dem Gedicht „Hopsa Liesel“ (geschrieben 1988) aus der AnthologieDas Zweiglein (1989 erschienen) zeigt Claus Klotz, wie trotz einiger – allerdings unwesentlicher Verbesserungen, kosmetischer Veränderungen – die alte Problematik der Chancenlosigkeit für die ungarndeutsche sprachlich kulturelle Identität weiter besteht. „Schreibtischakten / Zahlen, Fakten, / Tanzen, Singen, / Nabelschau. / Schaffe, schaffe Häuslebau. / Nur Mut, ihr Ungarndeutschen! – Alte Weise, / Deutschlandreise, / Stiftungspreise. / Hopsa, Liesel, / D-Mark-Rieseln, / nur Mut, / ihr Ungarndeutschen! – Kluge Reden, / Brötchenfehden, /Kampf um jeden. / Demokratie, / so war sie noch nie. / Nur Mut, / ihr Ungarndeutschen! / – Heimatorte, / Neue Pforte, / Reformworte, / Volkstumskampf. / Schmeckt uns doch die Sauerampf! / Nur Mut, / ihr Ungarndeutschen! – / Deutsche Predigt, / Deutsches Edikt, / Deutsches Verdikt. / deutsches Deutschtum / deutsches Boom-bum. / Nur Mut, / ihr Deutsche in Ungarn!“ Die sprachlich-kulturelle Identität der Ungarndeutschen wurde auf vordergründige Folklore reduziert, die dann von den Kulturfunktionären in Schreibtischakten als Zeugnis mustergültiger Nationalitätenpolitik ausgegeben wird. Einigen Vertretern der deutschen Minderheit werden Deutschlandreisen gewährt – auf Einladung und Kosten der Bundesrepublik allerdings – die auch Stiftungspreise finanziert. Die Metapher „D-Mark Rieseln“ auf das „Hopsa Liesel“ zeigt, wie gut sich diese Kulturpropaganda verkaufen läßt. „Heimatorte / neue Pforte, / Reformworte / Volkstumskampf.“ Die neuen Schlagwörter – die Reformworte – gleichen gefährlich den alten Losungen wie Volkstumskampf und werden nicht mehr ernst genommen. „Schmeckt uns doch die Sauerampf“. Man will hinterm Ofen in Ruhe gelassen werden und die Aufforderung „Nur Mut, / ihr Ungarndeutschen!“ ist unter solchen Bedingungen blanker Hohn. Es lohnt sich noch nicht einmal, in ganzen Sätzen „vernünftig“ zu argumentieren. Alles ist ja doch verpaßt, verplant, vorgegaukelt, im besten Fall eine Illusion. Deshalb ist auch die Sprache von Claus Klotz stichwortartig abgehackt, wobei die Paarreime die Losungshaftigkeit und ihre Monotonie unterstreichen.

Im Gedicht „Der Demagoge“, ebenfalls aus der Anthologie „Das Zweiglein“, (das für das Zweiglein der deutschen Sprache und Kultur steht) heißt es: ‚Seine sonst stumpfen / Schweinsaugen / leuchteten auf bei dem Satz: / „Wir fordern deutsche Messen / in Kackephonien!‘ / Seine Gehirnzellen / registrierten wohlwollend: / Das ist / die wahre Wende / zur Demokratie. /“ Die katholische Kirche hatte die Assimilierungspolitik sowohl vor wie nach dem Zweiten Weltkrieg größtenteils mitgetragen, da für sie das international Katholische vor jedem sprachlich Nationalen traditionell Vorrang hatte. Die katholische Kirche war zwar gegen eine Vertreibung der Ungarndeutschen, aber zu dem hohen Preis einer totalen Assimilierung, einer totalen Preisgabe jeder sprachlichen und kulturellen Identität. Der Fünfkirchener/Pécser Bischof Cserháti, mit seinem ungarnschwäbischen Geburtsnamen Zepf, war ein trauriges Beispiel für eine kirchliche Entnationalisierungspolitik der Ungarndeutschen.

Die Intensität des Zornes und die Tiefe der Verzweiflung von Claus Klotz rührt auch von der bitteren Enttäuschung darüber her, daß entgegen aller Grundprinzipien des Sozialismus im Ostblock kein Völkerfrühling einsetzte, sondern ganz im Gegenteil aus machtpolitischen Gründen mitunter primitiver Nationalitätenhaß toleriert, ja mitunter sogar geschürt wurde, nicht nur in Ungarn, wo die Ungarnschwaben die Zeche auch für die Verbrechen des Horthy-Faschismus durch Vertreibung und Deportation zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion bezahlen mußten, sondern beispielsweise auch im Rumänien Ceausescus, wo die Ungarn die Leidtragenden waren. Dabei war Claus Klotz alles andere als ein bornierter Nationalist, der ein Volk gegen das andere ausspielt. Ganz im Gegenteil, wie aus seinem Gedicht „Mein Deutschtum“ aus der AnthologieDas Zweiglein hervorgeht, versteht er sein spezifisches ungarndeutsches Deutschtum völkerübergreifend nicht nur als das Erbe Klopstocks und Lenaus, sondern auch als das Erbe des russischen Nationaldichters Puschkin (dessen unsterbliche Versmärchen ihm seine russische Großmutter im Original vorgelesen hatte). Auch eine ganze Reihe ungarischer Dichter wie die Nationaldichter Petöfi und Aranyi, aber auch Illyés, der im Laufe seines langen widersprüchlichen Lebens sich auch einige antideutsche und antischwäbische Platitüden geleistet hatte, gehören als Vertreter hoher Menschheitsideale zu den geistigen Vorfahren seines Deutschtums. Claus Klotz kommt es auf die Intensität des Gefühls an, die allgemein menschliche Leidenschaft und deshalb bedeuten auch Joyces und Sartre für ihn letztlich auch „Deutschtum“, wenn er schlußfolgert: „Mein Deutschtum /, hört ihr, / hat einen Weltpaß /“

Bei diesen idealen Vorstellungen im Reich der Phantasie mußte Claus Klotz angesichts der engen Verhältnisse in der Wirklichkeit des engstirnig nationalistischen Ostblocksozialismus scheitern, ja, man muß bitter hinzufügen, würde er wahrscheinlich selbst heute noch scheitern, denn von den großartigen Versprechungen einer ganz neuen, diesmal wirklich mustergültigen Nationalitätenpolitik ist noch immer herzlich wenig verwirklicht worden. Sein tragischer Tod ist aber vielleicht eine Aufforderung an alle seine Landsleute, und nicht nur an diese, wieder zurückzufinden zur alten, fast 1000jährigen ungarischen Gastfreundschaft und Brüderlichkeit allen Bewohnern des Landes gegenüber, zu einer „Völkerfreundschaft“, die erst vor knapp 150 Jahren durch den aufkommenden Nationalismus gesprengt wurde. Im vereinten Europa erhält heute diese Tradition wie auch die des im großen und ganzen doch friedlichen und „brüderlichen“ Zusammenlebens der Völker in der Vielvölkerdonaumonarchie eine neue Chance. Ein wenig auch durch Claus Klotz, dessen Leben und Sterben dann doch nicht ganz umsonst gewesen sind. Tröstlich ist, daß er in der ersten in Deutschland erschienenen ungarndeutschen AnthologieBekenntnisse eines Birkenbaumes (Dortmund 1990) mit fünf seiner insgesamt acht in Anthologien veröffentlichten Gedichte vertreten ist, sowie mit Prosa aus dem BandDas Zweiglein. Ein Hoffnungszweiglein immerhin.

 Ingmar Brantsch

 

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