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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Koch, Valeria

Dichterin

* 1949, 22.04.
Surgetin in der Branau

† 1998, 28.02.
Budapest

Der wohl beste Kenner der ungarndeutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg, János Szabó, nennt in seinem Überblick Die ungarndeutsche Gegenwartsliteratur (erschienen im SammelbandUnerkannt und unbekannt, deutsche Literatur in Mittel- und Osteuropa, Hrsg. Carola L. Gottzmann, Tübingen, Francke Verlag1991) Valeria Koch schlicht und ergreifend den “Star der ungarndeutschen Gegenwartsliteratur”. Damit werden Erwartungen geweckt, die das in drei schmalen Lyrikbänden vorliegende Werk Valeria Kochs als repräsentativ für die gesamte ungarndeutsche Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg zu erfüllen hat.

Dabei ist Valeria Kochs Weg alles andere als typisch für ihre Generation unter den ungarndeutschen Autoren. Sie kam als Tochter des Agronomen und Schriftstellers Leo Koch im ungarnschwäbischen Dorf Surgetin/Szederkény in der Branau – der Báránya, dem Hauptsiedlungsgebiet der Ungarnschwaben um Fünfkirchen/Pécs – zur Welt. Ihr besonderes Glück war es, daß auch ihre Eltern (vor allem der schriftstellernde Vater, zu dem sie ein besonders enges Vertrauensverhältnis entwickelte) noch gut Deutsch sprachen und nicht bloß ihre Großeltern, wie dies in den meisten ungarndeutschen Familien der Fall war, weil infolge der Unterdrückung zunächst durch das faschistische Horthy-Regime und dann durch das stalinistische Rákosi-Regime die Elterngeneration kaum noch Deutsch sprechen konnte. In Fünfkirchen/Pécs besuchte Valeria Koch den deutschen Klassenzug des dortigen Klara Leöwey-Gymnasiums, was allerdings eine etwas schönfärberische Bezeichnung war, denn außer Deutsch wurde bloß noch Geschichte und Erdkunde in deutscher Sprache unterrichtet, so daß die eigentliche Unterrichtssprache, wie in allen anderen Schulen ebenfalls, Ungarisch war. Valeria Koch entwickelte Liebe zur ungarischen Literatur, so daß sie als Autorin gleichermaßen im Deutschen wie im Ungarischen ihr sprachliches Zuhause fand. Nach dem Gymnasium studierte sie zunächst in Szegedin/Szeged Deutsch und Ungarisch, dann in Budapest Philosophie und Journalismus. Sie wurde zu einer poeta docta, einer vielseitig gebildeten Autorin, deren literarische Vorbilder schon – János Pilinsky aus der ungarischen und Ingeborg Bachmann aus der deutschen (österreichischen) Literatur – ihre Sensibilität für die Moderne bezeugen. Außerdem war Valeria Koch eine gute Kennerin und auch Verehrerin Martin Heideggers, mit dem sie als Studentin in Szegedin/Szeged brieflich Kontakt aufnahm. Bereits als 20jährige hatte sie Heideggers Schrift Was ist Metaphysik aufUngarisch in die Hände bekommen. Der große Philosophschickte ihr eine deutsche Ausgabe dieses Werkes mit einer persönlich gefaßten Widmung.

Zehn Jahre befaßte sich Valeria Koch intensiv mit Martin Heidegger, den sie auch ins Ungarische übertrug. Sie schrieb schließlich ihre Doktorarbeit über ihn – und zwar auf ungarisch (Deutsch wurde ihr nicht gestattet!). Sie wies sich damit als eine ungarische Spezialistin aus, die für Heideggers eigenwillige Sprache entsprechende ungarische Begriffssprachschöpfungen zuwege bringen mußte. Ihre über 100 Seiten starke DissertationMartin Heidegger und die Wege des Seinsverständnisses (Martin Heidegger és a létmégertés útjai) war somit eine Pionierarbeit für die späteren Heideggerübersetzer.

Valeria Koch wurde zu einer Existenzphilosophin Heideggerscher Prägung, als Angehörige einer nationalen Minderheit, in der sich der Einzelne stärker einordnen muß, mehr Rücksicht auf “Gruppenmeinung”, auf das Man, wie Heidegger es nennt, nehmen muß als gemeinhin. Aber vielleicht hat gerade die Auseinandersetzung mit diesen zusätzlichen gesellschaftlichen Zwängen Valeria Kochs Gespür für die Einmaligkeit des Individuums, für seinen Anspruch auf Selbstachtung und Selbstbestimmung, für seine persönliche Freiheit jedem Kollektiv gegenüber geschärft.

Ihr lyrisches Werk besteht – niemand hat sonst im Nachkriegsungarn drei Bände in deutscher Sprache veröffentlichen können – ausZuversicht – Bizalom 1982, Sub Rosa 1989 und Wandlungen. In ihnen schildert sie mit einer für die ungarndeutsche Nachkriegsliteratur überraschend differenzierten Sensibilität ihren Werdegang.

“Um klar zu sehen” heißt bezeichnenderweise ein Text des Jahres 1992: “Ein fauler Apfel fiel vom Baum / soviel ist geschehen / Glücksritterwahn: das Rad der Welt / eigenhändig drehen.” Das ist, vier Jahre nach dem demokratischen Umbruch in Osteuropa, eine illusionslose Bilanz. Die eigene Fäulnis, das Fehlen von Demokratie, Pluralismus und gesundem Menschenverstand bei der Betrachtung der Wirklichkeit – all das brachte im Ostblock die Wende als die Summe eines Zusammenbruchs, von Mängeln verursacht. Erstickt an der Unfreiheit, an Enge, so könnte man den Untergang der sozialistischen Utopie umschreiben.

Und von der Enge kommt die Angst, wie die Anhängerin der Existenzphilosophie Valeria Koch nur allzugut weiß. Um die Angst zu bannen, ist es der Dichterin in vielen Gedichten zu tun. Im Gedicht “Bloß der Fakten willen” nimmt sie die Ideologie des “real existierenden Sozialismus” im Kontrast zu den Fakten unter die Lupe und stellt nüchtern fest: “Der real / existierende / Sozialismus / war / weder real, / noch existent, / geschweige denn sozialistisch”. Aber gerade die darin liegende Enttäuschung ist der Gewinn der gemeinsamen Erfahrung einer ganzen Generation, einer in den “real existierenden Sozialismus” hineingeborenen Generation. Feierte zu Beginn der 70er Jahre Valeria Kochs ungefähr gleichaltriger Lyrikkollege, der Rumäniendeutsche Richard Wagner, noch enthusiastisch die Tatsache, daß er einer Generation angehörte, die als erste nichts anderes kennengelernt habe als den Sozialismus (im Falle Rumäniens auch noch die schreckliche Ceausescu-Variante), konstatiert Valeria Koch illusionslos in dem Gedicht “Mein Jahrgang”: “Wie die beiden deutschen Staaten / so alt und so gespalten / … / was hält uns zusammen der Wüstensand / vielleicht seit vierzig Jahren / und wer von uns kommt jemals / in das Gelobte Land.”

Die Vereinigungseuphorie ist verflogen, was bleibt, ist das Benennen der Illusionen, denen man erlag. “Verbindung”: “Blut und Glut / des stöhnenden Ostens / verbindet immer noch / dieselbe Sonne / mit der blauen Kühle / des satten Abendlandes /”. Europa ist nun ein Ganzes geworden, in einer Vielfalt, die dem Osten den leidenden aber auch leidenschaftlicheren Part zuweist. So wie im Osten, in Jugoslawien – und nicht nur dort – das Ideal des Völkerfrühlings sich als im wahrsten Sinne des Wortes mörderischer Trug erweist, hat auch der Westen sein Kreuz zu tragen mit der Ausländerfeindlichkeit und dem Fremdenhaß. In “Nofretete in der Berliner Nacht” erlebt Nofretete, die in Berlin nachts spazieren geht zur Geisterstunde, das Los ungeliebter Ausländer. In “Reduktion”, einem nüchternen Liebesgedicht, verzichtet Valeria Koch auf jegliche Symbolik und Sentimentalität, indem sie sich als Geburtstagsgeschenke nichts anderes wünscht als “Bloß ein Glas Wasser / einen Brief / ein gutes Wort am Telefon / und einen zähen Kaktus.”

Am Ende aber aller Ernüchterungen steht dann doch noch ein Gewinn. Ein Gewinn an Erfahrung, an Einsicht, an Desillusioniertheit, wenn auch mitunter um den Preis der Poesie. Dafür gelingt der Autorin aber ein Durchringen zur unvoreingenommenen Komplexität, zur echten Leidenschaft und zur “unprogrammierten” Spontanität jenseits des Redens und Schweigens. In dem Gedicht “Interpersonale Mehrdeutigkeit” erkennt sie: …”Wo alle Sprachen versagen / jagen / rote Tulpen wieder Feuer ins Blut / schon verstumme ich zweisprachig / du kommst und hast Mut.” Und “In Leidenschaft unwiderstehlich” läßt sie alle Erklärungen der vordergründigen Logik hinter sich, wenn sie von dem Geliebten fordert: “Lieb mich im Tod / Lieb mich auch krank / lieb mich in Not / und ohne Dank.” Ein therapeutisches Verhältnis, ein konventioneller Dank wird abgelehnt, die Rückkehr in den Alltag schließt die Abgründigkeit der “höheren” Logik der nicht pragmatisch zu reglementierenden Gefühle zu guter Letzt dann noch ein.

Valeria Koch eine Alltagslyrikerin …? Ja! Aber in ihren besten Texten als eine existentiell Abgründige– über ihren Tod hinaus!

 

  Ingmar Brantsch

 

 

 

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