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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Krebs, Emil

Sinologe, Diplomat und Polyglott

* 1867, 15.11.
Freiburg/Schlesien

† 1930, 31.03.
Berlin

Der Sinologe Emil Krebs gilt auch heute noch als eines der größten, vielleicht sogar als das größte Sprachwunder weltweit. Von damaligen Zeitzeugen (z.B. Prof. Dr. Ferdinand Lessing und Prof. Dr. Eduard Erkes) wurde er mit dem Polyglott Kardinal Mezzofanti auf eine Stufe und darüber gestellt. Krebs beherrschte 68 Sprachen in Wort und Schrift und befasste sich darüber hinaus mit insgesamt über 110 Sprachen (ohne Dialekte!). Seine Bibliothek wurde der amerikanischen Nationalbibliothek (Library of Congress) in Washington D.C. als „Bibliothek Krebs“ (über 5.000 Bücher und Schriften in 111 Sprachen) in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts überstellt. Leider wurde diese einmalige Bibliothek zwischenzeitlich aufgelöst. Besonders wertvolle Schriften (Palastausgaben und Geschenke des damaligen chinesischen Kaiserhauses) aus dem asiatischen Sprachraum werden dort als Rarität gesondert aufbewahrt.

Nach Umzug seiner Eltern von Freiburg nach Esdorf/ Krs. Schweidnitz (1870) verbrachte Emil Krebs dort seine Kindheit und Jugend und schloss seine schulische Laufbahn mit einem hervorragenden Abitur als Primus der Klasse am evangelischen Gymnasium (Schlageter Schule) in Schweidnitz ab. Neben den dort angebotenen und von ihm gewählten Sprachen Latein, Griechisch, Französisch und Hebräisch beschäftigte er sich autodidaktisch zusätzlich mit Neu-Griechisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Polnisch, Arabisch und Türkisch. 1887, als 19-jährigem Abiturient waren ihm bereits zwölf Sprachen geläufig. Auch seine mathematischen Leistungen waren außergewöhnlich.

Nach einem Semester Theologie an der Uni Breslau studierte er ab WS 1887 in Berlin Rechtswissenschaften und gleichzeitig am Seminar für Orientalische Sprachen (SOS) Chinesisch. Beide Studien bewältigte er in kürzester Zeit (Jura drei und Chinesisch zwei Jahre) mit gutem Erfolg. Seine Referendarzeit absolvierte er am Amtsgericht Gottesberg/ Schlesien und Kammergericht Berlin (1891 bis 1893). Während seiner Tätigkeit in Berlin belegte er zusätzlich beim SOS Türkisch mit ebenfalls gutem Erfolg.

Seiner Bewerbung beim Auswärtigen Amt Berlin als Dolmetscher folgte 1893 die Entsendung zur deutschen Kaiserlichen Gesandtschaft in Peking. Von November 1897 bis Juli 1900 wurde er dem Kaiserlichen Gouvernement für das Schutzgebiet Kiautschou zugeteilt. Neben seinen Dolmetscheraufgaben bekleidete er dort das Amt des Vorstandes der chinesischen Kanzlei und das des Bezirksamtmannes. Nach seiner Rückkehr am 1. August 1900 zur Gesandtschaft in Peking wurde er nun im Juli 1901 als Erster Dolmetscher mit dem Titel Secrétaire interpréte bestellt. Bald erwarb er in China den Ruf einer überragenden Autorität auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft. Auch in chinesischen Kreisen fand man in ihm eine erstklassige Kapazität als chinesischen, mandschurischen, mongolischen und tibetischen Sprachkenner, „ein Phänomen“, „eine polyglotte Berühmtheit“, wie ihn der spätere Botschafter Otto von Hentig nennt. Auch die chinesische Kaiserinwitwe Tsü-Tsi empfing ihn des Öfteren als „chinesischen und mandschurischen“ Gesprächspartner. Hohe chinesische und deutsche Auszeichnungen folgten.

Krebs verzichtete auf das Konsulatsexamen und somit auf einen weiteren Aufstieg im diplomatischen Dienst. Ihm waren seine Sprachstudien wichtiger. 1912 ernannte der deutschen Kaiser Emil Krebs wegen seiner Verdienste zum Legationsrat. 1913 heiratete er in Shanghai Frau Amanda Heyne, geb. Glasewald aus Magdeburg. Sie brachte zwei Töchter in die Ehe. Eigene Kinder waren Krebs nicht vergönnt.

Von ihm zu dieser Zeit vorrangig zu Studienzwecken herangezogene umfangreiche chinesische Schriften über das chinesische Reich beinhalten Themen wie Politik, Recht, Staat, Verträge, Fremdländer usw. aber auch klassische Bereiche wie Literatur, Romane, Kunst, Taoismus und Buddhismus, Geschichte, Geographie. Sprachvergleiche zwischen Chinesisch, Mongolisch, Mandschurisch und Tibetisch, auch Chinesisch und Arabisch, waren außerdem Inhalt seiner umfangreichen Sprachstudien.

Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen führte am 25. März 1917nach fast einem Vierteljahrhundert Dienst an der Kaiserlichen Gesandtschaft zur Abreise aus Peking. In Berlin, nun Mitarbeiter im Sprachendienst, bei der Nachrichtenstelle für den Orient und im Chiffrierbüro der japanische Abteilung des Auswärtigen Amts sowie nebenberuflich als Dolmetscher für die finnische Sprache an Gerichten und Standesämtern in Berlin und Potsdam, gab er sich in jeder freien Minute bis tief in die Nacht weiteren Sprachstudien hin, nahm alle europäischen Mundarten von einiger Bedeutung in sich auf. Ergänzend seien an dieser Stelle weitere, noch nicht genannte, von ihm erlernte und beherrschte Sprachen aufgelistet (aus dem vorliegenden Inventarverzeichnis seiner Bibliothek und einer von ihm persönlich angefertigten handschriftlichen Aufzeichnung aus dem Jahr 1914): Ägyptisch, Albanisch, Arabisch, Armenisch, Baskisch, Birmanisch, Georgisch, Hebräisch, Japanisch, Javanisch, Koreanisch, Kroatisch, Lateinisch, Norwegisch, Persisch, Russisch, Sanskrit, Syrisch, Türkisch, Urdu. Auch mit den Keilschriftsprachen Sumerisch, Assyrisch und Babylonisch befasst er sich ausgiebig. Die Personalakte spricht von 45 Sprachen für die Krebs als Übersetzer herangezogen wurde. „Krebs ersetzt uns 30 Außendienstmitarbeiter!“ äußerte einmal der damalige Leiter des Sprachendienstes (Gautier) bewundernd. Auch heute noch gilt Krebs im Auswärtigen Amt, Berlin für den Sprachendienst als der alles überragende Vielsprachler (Polyglott).

Seine zu Sprachstudien hinzugezogenen Schriften und Bücher belegen, dass er nicht allein über Deutsch Fremdsprachen erlernte, sondern z.T. seine bereits beherrschten Sprachen als „Zweitsprache“ einsetzte, teilweise die Muttersprache gar nicht einbezog: Ausschließlich über Englisch studierte er Afghanisch, Birmanisch, Gujarati, Hindi, Irisch, Singhalesisch, Portugiesisch, über Russisch die Sprachen Burjätisch, Finnisch, Tatarisch, Ukrainisch, das schwierige Baskisch erarbeitete er ausschließlich über Spanisch. Als „Zweitsprache“ neben Deutsch verwendete Krebs zum Erlernen und Vertiefen einer neuen Sprache vorwiegend Englisch, Französisch, Russisch, Chinesisch, Griechisch, Italienisch, Türkisch, Latein, Spanisch, Arabisch und Niederländisch. Auch das „Neue Testament“ in 61 verschiedenen Sprachen spielte eine nicht unbedeutende Rolle. Seine in der Bibliothek verzeichneten Bücher und Schriften lassen erkennen, dass Krebs sich bis zu seinem Tode neben den Sprachen schwerpunktmäßig u.a. auch mit Mathematik, Philosophie und anderen Wissenschaften beschäftigte. Er war ein vielseitig gebildeter, wenn auch schwieriger Mensch.

Am 31. März 1930 verstarb Emil Krebs in seiner Dienststelle an einem Gehirnschlag. Sein Gehirn wurde auf Bitten des Hirnspezialisten und Neurologen Professor Oskar Vogt, Direktor des Kaiser-Wilhelm-Institutes für Hirnforschung, Berlin für noch heute angewandte Forschungszwecke (Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf) zur Verfügung gestellt.

Seine Grabstätte auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof (Epiphanien-Gartenblock I-Gartenstelle 81) ist noch erhalten und so wird anlässlich von regelmäßigen, gut besuchten Führungen an seinem Grab über ihn berichtet.

Werke: Krebs war wissenschaftlich, mit Ausnahme kleinerer Aufsätze, nicht tätig. Zu erwähnen bleibt die Übersetzung Chinesische Schattenspiele von Wilhelm Grube und Emil Krebs aus dem Jahr 1915. Herausgeber Berthold Laufer, Verlag der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München.

Quellen und Lit. (Auswahl): Personalakte Emil Krebs im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes. – Biografisches Handbuch 1871-1945 des Auswärtigen Amtes Berlin. – Prof. Ferdinand Lessing, Emil Krebs in „Ostasiatische Rundschau“ 1930 S. 979-982. – Prof. Eduard Erkes, Emil Krebs in „Litterae orientales“ Nr. 46 (Leipzig 1931) S. 13-14. – Heinrich Gutmann, Ein Kopf und hundert Zungen, in „Berliner Illustrierte Zeitung“ Nr. 22, 1930 S. 979-982. – Helmut Ruge, Der Mann der neunzig Sprachen beherrschte …, in „Christ und Welt“ 15. Jahrg., Nr. 23 S. 17-19. – Gerhard Webersinn, in „Schlesien: Kunst, Wissenschaft, Volkskunde“ 1982, Jahrgang XXVII, Heft III. – Werner Otto von Hentig, Mein Leben – Eine Dienstreise S. 32-35 und 44f. – Helmuth von Glasenapp, Meine Lebensreise, Wiesbaden 1964 S. 73f. – Programm des ev. Gymnasiums zu Schweidnitz von 1887 und Nachrichtenblatt des ev. Gymnasiums von 1931. – Wilhelm Matzat, Deutsche Chinagesellschaft in Köln, Mitteilungsblatt, Bulletin of the German China Association 1/2000. – Library of Congress, Washington, Judy S. Lu, Head of Collection Services, Asian Division. – Cecile und Oskar Vogt-Institut für Hirnforschung, Düsseldorf. – Inventurnachweis der „Bibliothek Krebs“ aus dem Jahr 1930.

Bild: Privatarchiv des Autors.

Eckhard Hoffmann

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