Kulturportal
Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Lewald, Fanny

Schriftstellerin, Frauenrechtlerin

* 1811, 24.03.
Königsberg i.Pr

† 1889, 05.08.
Dresden

Unser Jahrhundert hat drei große Schriftstellerinnen hervorgebracht: George Sand, George Eliot und Fanny Lewald.“ So zitiert Gisela Brinker-Gabler 1980 das 100 Jahre früher – 1889 – geäußerte Urteil des Schriftstellers und Journalisten Karl Frenzel.

Fanny Lewald gehört zu den Großmüttern einer Bewegung, die noch in unseren Tagen eintritt für die gesellschaftliche und gesetzliche Gleichbehandlung von Menschen, die, verkürzt, unter dem Begriff „Frauenemanzipation“ von sich reden gemacht hat. 1811 in Königsberg geboren, sah sich Fanny Lewald einer mehrfach komplizierten Situation gegenüber. Sie war Sproß einer prominenten jüdischen Kaufmannsfamilie, sie war ein Mädchen, und sie besaß den Mut, den Willen und die geistige Kapazität, sich mit den Konventionen ihrer Zeit kritisch auseinanderzusetzen, sich selbst über sie hinwegzusetzen und andere dazu aufzurufen. Die Parallelen zwischen schriftstellerisch bearbeiteten Inhalten und dem eigenen Leben liegen bei Fanny Lewald auf der Hand. Wenn sie in zahlreichen Aufsätzen zur Frauenfrage das Recht der Frau auf Ausbildung und Beruf einfordert, liegt dies in gerader Konsequenz ihrer eigenen Erfahrung. Unüblich im Vergleich zu den Möglichkeiten anderer junger Mädchen im 19. Jahrhundert, bieten ihr die Eltern eine fundierte Erziehung und Ausbildung, zu der u.a. der mehrjährige Besuch einer Königsberger Privatschule und das rationalistisch, auf selbstbeherrschtes Verhalten ausgerichtete Erziehungsklima im Elternhaus gehören. 1837 widersetzt sie sich den Verheiratungsplänen ihres Vaters für sie mit einem ungeliebten Mann und riskiert die gesellschaftliche Schmach, von nun an als „altes Mädchen“ zu gelten. Literarische Thematisierung findet diese Entscheidung und ihre Position zur Frage der Konvenienzehe in ihrem ersten Roman „Clementine“ (erscheint 1843 anonym). Der folgende Roman „Jenny“ (1843) beschäftigt sich mit den Konflikten der Ehe zwischen Christen und Juden (Fanny Markus tritt 1828 zum christlichen Glauben über und trägt fortan den Familiennamen Lewald). 1845 erscheint ihr Roman „Eine Lebensfrage“ als positive Parteinahme für die Möglichkeit zur Ehescheidung, ein eindeutiger Beitrag zu einer zeitgenössisch aktuellen Fragestellung nach der Erleichterung der Ehescheidung und die Vorwegnahme einer Diskussion, die ihr eigenes Schicksal betrifft. Im gleichen Jahr reist die Autorin nach Italien und lernt dort den Schriftsteller und Gelehrten Adolf Stahr kennen, den sie nach zehnjährigen Kämpfen und seiner Scheidung heiratet.

Fanny Lewald war eine ebenso politisch wie sozial denkende Frau. Sie fühlt sich den republikanisch Denkenden verpflichtet, entdeckt aber mit zunehmendem Alter auch die positiven Züge einer Monarchie, speziell dort, wo sie realpolitische Relevanz entwickelt. Vom bürgerlichen Standpunkt aus analysiert sie soziale Fragen, besonders die Situation der weiblichen Dienstangestellten, und veröffentlicht Aufsätze wie „Andeutungen über die Lage der weiblichen Dienstboten“ (1843) und zum Gegenstand der erzwungenen Abhängigkeit der Frauen des Bildungsbürgertums, „Für und wider die Frauen, Die Frauen und das allgemeine Wahlrecht“ (1870). Zahlreiche Reisen führen Fanny Lewald und ihren Ehemann durch Deutschland, nach Frankreich und Italien und finden ihren Niederschlag in Reisetagebüchern und -briefen. Gegen Ende ihres Lebens geht die Schriftstellerin noch einmal thematisch mit dem dreibändigen Roman „Die Familie Darner“ (1887) in ihre ostpreußische Heimat zurück und beschreibt die Situation Königsbergs in den Jahren 1807-1810 zur Besatzungszeit durch die französische und die russische Armee. Doch bereits die sechsbändige Autobiographie “Meine Lebensgeschichte“ (1862) enthält eine Fülle von spannenden Details zum Leben in Königsberg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Man hat die literarische Qualität von Fanny Lewald einzuschränken versucht mit Hinweisen auf fehlende Lebenswärme und Mangel am menschlichen Detail. Bescheinigt wurde ihr dagegen immer wieder eine scharfe, analytische Beobachtungsgabe, Klarheit und Gleichmäßigkeit des Stils und das besondere Verdienst, selbst vorgelebt zu haben, wozu sie andere Frauen aufrufen und ermuntern wollte, nämlich zur Durchsetzung von Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Am 5. August 1889 verstarb Fanny Lewald in Dresden und wurde in Wiesbaden neben Adolf Stahr beigesetzt.

Lit.: Gisela Brinkler-Gabler (Hrsg.), Fanny Lewald. Meine Lebensgeschichte. Frankfurt a.M. 1980. – Helmut Motekat, Ostpreußische Literaturgeschichte mit Danzig und München 1977. S. 283-285. – Heinrich Spiero, Die Familie Lewald, in: Altpreußische Monatsschrift, hg. von A. Seraphim, Jg. 1911, 2 H, S. 318. – Martha Weber, Fanny Lewald. Diss., Rudolstadt 1921.

Wünschen Sie Änderungen oder Ergänzungen? Dann schreiben Sie uns dies bitte mit Angabe der betreffenden Person.