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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Luise Auguste Wilhelmine Amalie

Königin von Preußen

* 1776, 10.03.
Hannover

† 1810, 19.07.
Schloss Hohenzieritz bei Neustrelitz

„Du bist der Stern, der voller Pracht erst flimmert,
Wenn er durch finstre Wetterwolken bricht.“

Mit diesen Worten beschreibt der Dichter und preußische Offizier Heinrich von Kleist im Jahre 1810, dem Todesjahr der Königin Luise, seine Landesmutter, und er drückte damit ein weit verbreitetes Gefühl der respektvollen Hinneigung gerade der damals jüngeren Generation für die dann bald, erst 34-jährig, Verstorbene aus, woraus sich in der Folgezeit eine fast schwärmerisch zu nennende Verehrung, wenn nicht gerade ein regelrechter Kult zu entwickeln begann. Königin Luise wurde zur Symbolfigur Preußens, zum Kristallisationspunkt all der Eigenschaften und Charakteristika, die anstelle des groben Umgangstones und der derben Vergnügungen des „Soldatenkönigs“ und als Kontrast zur feinen Kultiviertheit und frankophil geprägten Genialität Friedrichs des Großen traten. Dem 19. Jahrhundert in seiner Verbindung von Romantik und Nationalgefühl, von Bürgerlichkeit und Ordnungssinn waren Luise und ihr Gemahl, der schlichte Friedrich Wilhelm III., allemal näher als die Herrscher des 18. Jahrhunderts, die, wenngleich hoch geachtet, doch einer anderen Welt anzugehören schienen. Sanssouci mag Ort der ehrfürchtigen Erinnerung an Preußens großen König gewesen sein, das fast kaum als „Schloss“ zu bezeichnende Paretz lag der Befindlichkeit des Bildungsbürgertums näher.

Freilich war Luise weniger Akteur und schon gar nicht Gestalter der Epoche, der sie ihren Stempel aufzudrücken schien. Ihr Verdienst bestand darin, einfach da zu sein und diejenigen gewähren zu lassen, die die Geschicke in Händen hielten, dabei treu zu Gatten und Vaterland haltend, die beide aus recht weiter Ferne zu kommen schienen.

Obgleich Tochter des Prinzen Karl Ludwig von Mecklenburg-Strelitz und seiner Gemahlin Friederike, wurde sie nicht in der Heimat des Vaters, sondern in Hannover geboren, wo dieser als Generalmajor in Diensten des dortigen Kurfürsten, in Personalunion König von Großbritannien, stand. Nach dem Tod der Mutter 1782 und dem der Stiefmutter 1785 wurde Luise zur Erziehung an den Hof der Landgrafen von Hessen-Darmstadt geschickt und wuchs unter Aufsicht ihrer Großmutter, der Landgräfin Luise, seit 1787, dem Jahr, in dem er aus bislang ungeklärten Gründen den Dienst quittierte, auch wieder des Vaters, auf. Der Bildungsgang blieb allerdings ein recht rudimentärer, Luise musste sich später das hier versäumte in autodidaktischer Manier und im Umgang mit gebildeten Personen selbständig aneignen. Allerdings war die Atmosphäre in Darm­stadt eine zwar vom lutherischen Protestantismus, freilich dessen eher pietistischer und weniger orthodoxen Spielart, geprägte, aber doch genügend Freiraum gewährende. So wuchsen Luise und ihre zwei Jahre jüngere Lieblingsschwester Friederike ungezwungen auf und konnten sich ihre natürliche Heiterkeit, Direktheit und Offenherzigkeit unverstellt durch höfische Etikette und Manieren erhalten.

Mit Ausbruch des ersten Koalitionskrieges 1792 sollten sich nicht nur in Europa weitreichende Veränderungen ergeben, auch das Leben Luises erfuhr hier eine Weichenstellung. Hatte sie zunächst an den Krönungsfeierlichkeiten für Kaiser Leopold II. in Frankfurt teilgenommen, floh sie infolge des sich an die „Kanonade von Valmy“ im September anschließenden Vor­­stoßes französischer Truppen an den Rhein ins thüringische Hildburgshausen und kehrte erst im Frühjahr 1793 nach Darm­stadt zurück. Auf diesem Rückweg in Frankfurt, damals Haupt­quartier der preußischen Einheiten unter dem persönlichen Befehl König Friedrich Wilhelms II., Station machend, lernte sie am 15. März 1793 auf einem Ball dessen ältesten Sohn, den Kronprinzen Friedrich Wilhelm kennen.

Da der König ohnehin nach geeigneten Kandidatinnen für eine Vermählung seiner Söhne Ausschau hielt, kam ihm die zwischen Luise und Friedrich Wilhelm sich augenblicklich einstellende Hinneigung sehr entgegen, und bereits am 10. April 1793 fand in Darmstadt die Verlobung nicht nur des Kronprinzen mit Luise, sondern auch von deren Schwester Friederike mit Friedrich Wilhelms Bruder Louis statt. Bis zur Hochzeit, die dann am 24. Dezember 1793 in Berlin stattfand, mussten sich die Verlobten freilich zunächst wieder trennen, denn der Kronprinz reiste zur Armee, um sein Kommando, den Oberbefehl über die Belagerungstruppen vor der Festung Landau, zu übernehmen, und Luise bereitete sich mit Unterricht in höfischer Etikette durch ihre Großmutter auf das Leben in der preußischen Residenz vor.

Dort wurde ihr als Oberhofmeisterin die spätere Gräfin Sophie Marie von Voß beigegeben, zu der sie bald ein Herzensfreundschaft mit mütterlicher Anhänglichkeit verbindendes, recht enges Verhältnis pflegte. Trotzdem gestalteten sich die ersten Jahre in Preußen recht schwierig, da Luises ungezwungene Art des Öfteren in Konflikt mit den Vorstellungen von zeremoniellem Verhalten am Hof geriet. Gerade ihre Schwiegermutter, Königin Friederike Luise, im übrigen auch eine Prinzessin aus dem Hause Hessen-Darmstadt, aber auch König Friedrich Wilhelm II., bei aller Lebenslust doch auf seine und seines Hofes Würde bedacht, wiesen Luise das eine über das andere Mal auf ihre Rolle als Gattin des Kronprinzen und ein dementsprechendes Auftreten hin.

Mit ihrem Gatten lebte sie dabei in herzlicher Zuneigung abwechselnd im Kronprinzenpalais „Unter den Linden“ und in Potsdam, immer unterbrochen von dienstlichen Abwesenheiten Friedrich Wilhelms bei der Armee, wie etwa 1794, als der Kronprinz mit der Armee an der Niederschlagung des polnischen Aufstandes mitzuwirken hatte. Zeugnis dieser harmonischen Beziehung ist der mit der Geburt des späteren Königs Friedrich Wilhelm IV. am 15. Oktober 1795 einsetzende Kindersegen des kronprinzlichen Paares, das insgesamt zehn Nach­kommen zählt, von denen freilich drei sehr früh starben.

Im gleichen Jahre 1795 erwarb der Kronprinz auch das Landgut Paretz, das von da an der bevorzugte Aufenthaltsort der Familie werden sollte. In seiner bürgerlichen Idylle inmitten einer Landwirtschaft vor den Toren Berlins wurde Paretz das Symbol des Behaglichkeit mit Gewerbefleiß, Zurückgezogenheit mit Gastlichkeit und Bescheidenheit mit Würde verbindenden neuen, zunehmend auch adeligen Lebensstils in Preußen. Das mitunter, gerade unter Friedrich Wilhelm II., recht frivole, von Aufklärung und Mystizismus, von Frankophilie und einer gewissen „décadence“ geprägte höfische Leben in Berlin und Potsdam sollte sich, nach der Thronbesteigung des Kronprinzen am 16. November 1797, sehr bald nach dem Paretzer Muster wandeln.

Im Jahre 1798 unternahm das Königspaar die obligatorische Huldigungs- und Krönungsreise durch die östlichen Teile der Monarchie, der 1799 eine Reise in den Westen folgte, und es war insbesondere Luise, die durch ihre „Bürgernähe“ groß und klein begeisterte. Das kantige, scheue und auch recht gehemmte Wesen des Königs hätte alleine wenig Sympathie erweckt, da man Zurückhaltung leicht mit Arroganz, Unbeholfenheit leicht mit Weltfremdheit hätte verwechseln können, aber die ungekünstelte Erscheinung der Königin gewann schnell die Herzen der Untertanen. Das einzige größerer, allerdings mittel- und langfristig größere Bedeutung entfaltende politische Ereignisse der sich bis 1804 erstreckenden „stillen Jahre“ des eher privaten Glücks des königlichen Paares stellte ein Treffen mit Zar Alexander I.von Russland 1802 in Memel dar. Dieses allerdings legte in der Freundschaft der beiden Monarchen und insbesondere der hohen Wertschätzung des Zaren für Königin Luise den Grund für die spätere Waffenbrüderschaft Preußens mit Russland, die letztlich als zentrale Achse ausschlaggebend für den Erfolg der Allierten in den Befreiungskriegen werden sollte.

Mit der Kaiserkrönung Napoleons 1804 und bereits ein Jahr zuvor mit den territorialen Umwälzungen in Deutschland durch den Reichsdeputationshauptschluss veränderte sich jedoch auch für Preußen, dem es bis dahin gelungen war, sich im außenpolitischen Windschatten auf die innere Entwicklung des Staates zu konzentrieren, die Situation grundlegend. Napoleon duldete keine Neutralität und drängte Preußen zu einem Bündnis. Am Hof bildeten sich diverse Parteiungen, die alle Friedrich Wilhelm dahin zu überzeugen suchten, allein ihr Konzept sei das richtige. Luise wankte nie in ihrer Abneigung Napoleons, sie suchte die Kräfte zu unterstützen, die in einem Waffengang an der Seite der anderen antirevolutionären Kräfte, allen voran Russland und Großbritannien, der Gefahr, die von Frankreich ausging, so früh wie möglich entschlossen entgegenzutreten trachteten und zugleich eine innere Restrukturierung Preußens anstrebten. In der Regierung drang sie mit dieser Position aber nicht durch, man lavierte und verhandelte nach allen Seiten, bis Preußen 1806 schließlich Frankreich isoliert gegenüberstand und bei Jena und Auerstedt vernichtend geschlagen wurde. Erst nach der Niederlage, der im Frieden zu Tilsit am 9. Juli 1807 Preußen, trotz einer auf Milderung der Bedingungen seitens der Königin hinzielenden, ihr große Über­windung abverlangenden Begegnung mit Napoleon, territorial, machtpolitisch und wirtschaftlich auf den Rang einer Mittelmacht herunterdrückte, be­sann man sich der Position Luises.

Dem Zusammenbruch des „alten Preußen“, während dessen sich insbesondere die völlige Überforderung der führenden Schichten zeigte, folgte nicht nur, nach einer winterlichen Flucht des Hofes über Küstrin und Königsberg bis nach Memel, ein Ortswechsel, da der Hof zunächst hier, später in Königsberg Quartier nahm, sondern auch ein Politikwechsel. Unter dem Freiherrnvon und zum Stein und dann unter Karl August von Hardenberg, Luises besonderem Protegé, kamen die Reformen zustande, die dann Preußen zukunftsfähig machten und seinen Wiederaufstieg zur europäischen Großmacht begründeten.

Von all dem hat Königin Luise nur die Anfänge gesehen. Auf der Flucht im Winter 1806/07 an Typhus und einer Lungeninfektion schwer erkrankt, erholte sie sich nie mehr ganz von den Strapazen, zumal sie sich nicht schonte, sondern ihr ganzes Gewicht zugunsten der Reformpartei in die Waagschale zu werfen sich bestrebte. Am 23. Dezember 1809 erlebte sie noch die triumphale Rückkehr des Hofes nach Berlin, bei einem Besuch von Verwandten im Sommer 1810 verschlechterte sich dann ihr Gesundheitszustand rapide. Im Beisein ihres Gatten sowie der Prinzen Friedrich Wilhelm, des späteren Königs Friedrich Wilhelms IV., und Wilhelm, des späteren Kaisers Wilhelm I., verschied Königin Luise am 19. Juli 1810 um 9.00 Uhr auf Schloss Hohenzieritz und wurde, von der Bevölkerung tief betrauert, in einem Leichenzug nach Berlin überführt, wo sie in einem vom Friedrich Wilhelm III. selbst entworfenen und von Schinkel ausgeführten Mausoleum im Park von Schloss Charlottenburg ihre letzte Ruhe fand.

Lit.: Paul Bailleu, Königin Luise. Ein Lebensbild, 3. Aufl. Berlin 1926. – Jan von Flocken, Luise. Eine Königin in Preußen, Berlin 1989. – Paul Gärtner/ Paul Samuleit (Hrsg.), Luise – Königin von Preußen. Ein Lebensbild in Briefen und Aufzeichnungen, Berlin 1910. – Stefan Gläser, Königin Luise von Preußen, in: Jürgen Bialuch (Hrsg.), Gestalten um Königin Luise. Biographische Skizzen, Band 1 (= Königin Luise in Zeit und Geschichte, Band 1), Reutlingen 1996, S. 6-41. –Heinz Ohff, Ein Stern in Wetterwolken. Königin Luise von Preußen. Eine Biographie, Taschenbuchausgabe 3. Aufl. München/ Zürich 1992.

Bild:Zeichnung von Johann Gottfried Schadow 1802, Stuttgart, Staats­­galerie.

Bernhard Mundt

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