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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Mahler, Gustav

Dirigent, Komponist

* 1860, 07.06.
Kalisch/Böhmen

† 1911, 18.05.
Wien

Ein 1956 publiziertes, populäres Nachschlagewerk für Musikinteressierte stellte fest, das Werk des Komponisten Gustav Mahler habe „im Publikum nur in sehr begrenztem Umfang Wurzel geschlagen“, ja ein wesentlicher Teil seiner insgesamt neun vollendeten Sinfonien sei „heute fast vergessen“ (H. Schnoor, Oper, Operette, Konzert. Ein praktisches Nachschlagewerk für Theater- und Konzertbesucher, für Rundfunkhörer und Konzertbesucher, 4. Aufl., Gütersloh: C. Bertelsmann 1956, S. 316). Insgesamt ist Mahler ein knapper Beitrag von nur etwas mehr als zwei Seiten gewidmet. Ein vergleichbares aktuelles Musiklexikon attestiert demgegenüber Mahlers Werk eine „beispiellose, auch kompositorisch wirksame Wiederentdeckung“ und geht zugleich davon aus, dass seine Musik auch weiterhin ihre Aktualität behalten dürfte. Hier rangiert Mahler gemessen am Artikelumfang auf gleicher Höhe mit Johannes Brahms und Anton Bruckner und knapp hinter Ludwig van Beethoven (Komponistenlexikon, hrsg. von H. Weber, 2. überarb. u. erw. Aufl., Stuttgart: J. B. Metzler 2003, S. 355 ff.).

Die große Diskrepanz hinsichtlich der Einschätzung des Stellenwertes Mahlers auf den Konzertspielplänen heute und ehedem, und damit im Bewusstsein einer interessierten Zuhörerschaft jenseits der musikwissenschaftlichen Expertenkreise, erklärt sich sicherlich zum Teil aus den Nachwirkungen der Musikpolitik der nationalsozialistischen Diktatur. Wie andere Komponisten jüdischer Herkunft auch verfiel Mahler dem antisemitisch begründeten Verdikt der NS-“Kulturwächter“, die ihn als „vorwiegend vorderasiatisch bestimmt“ denunzierten – ein gerade im Falle Mahlers besonders absurdes Urteil, da er zeit seines Lebens wichtige Anregungen aus der Volksmusik seiner böhmisch-mährischen Heimat bezog. Jedenfalls verschwanden Mahlers Werke aus den deutschen Konzertsälen und später auch aus denen der besetzten europäischen Länder.

Der Antisemitismus hat Gustav Mahler freilich nicht erst 1933 und damit lange nach seinem Tod eingeholt. Vielmehr sah er sich spätestens damit konfrontiert, als er als 37-Jähriger im Oktober 1897 zum Direktor der kaiserlichen Hofoper in Wien ernannt wurde. Damit war Mahler vermeintlich am Ziel seiner Träume angekommen, denn diese Position galt als die wohl wichtigste im Musikleben der k. u. k.-Monarchie, ja als eine der bedeutendsten Stellen für einen Musiker überhaupt. Fast auf den Tag genau zehn Jahre bestimmte Mahler das musikalische Geschehen an der Wiener Oper. So dürfte ihn ein junger Mann als Dirigent erlebt haben, der von sich später behauptete, ständiger Besucher der Hofoper gewesen zu sein und der sich dort vorzugsweise einer nachgerade hysterischen Wagner-Verehrung hingab – um die Frustration über das eigene künstlerische Scheitern zu verdrängen. Tagsüber saugte jener 18-Jährige sich mit den trüben Stereotypen der in Wien besonders präsenten antisemitischen Agitatoren voll, abends bejubelte er im obersten Rang des Opernhauses Wagners Musikdramen – während tief unter ihm im Orchestergraben der Jude Mahler am Dirigentenpult deren Klangrausch entfachte. Der junge Mann hieß Adolf Hitler.

Ob Hitler sich je bewusst gemacht hat, wer ihm da seine musikalischen Ersatzbefriedigungen bescherte, steht dahin. Jedenfalls überschnitten sich die Lebensläufe der beiden Männer ein kurzes Stück weit. Als sich Hitler im Mai 1906 erstmals für einige Tage in Wien aufhielt, berichtete er seiner Mutter enthusiastisch von einer Aufführung von Wagners „Tristan“, der er beigewohnt habe – das kann nach Ausweis der Spielpläne eigentlich nur eine von Mahler geleitete Vorstellung gewesen sein. Während Hitler, der sich im Herbst 1907 für längere Zeit in der Hauptstadt der k. u. k.-Monarchie niederließ, durch den dort grassierenden Antisemitismus seine dauerhafte ideologische Prägung erfuhr, gab Mahler sein Amt an der Hofoper, zermürbt von unablässigen Angriffen, wenig später auf. Damit trat er in die letzte Phase seiner künstlerischen Existenz ein.

Der Weg auf den Chefposten der Wiener Hofoper war lang gewesen – dass Gustav Mahler ihn überhaupt zurücklegen konnte, bleibt auch in der Rückschau noch erstaunlich. Ein derartig grandioser Aufstieg wurde Mahler nämlich keineswegs in die Wiege gelegt – seine Herkunft verhieß ihm dies jedenfalls nicht: Mahler wurde im Juli 1860 als Kind des jüdischen Gastwirts und Inhabers einer Weinbrennerei Bernhard Mahler in Kalischt geboren; der kleine Ort liegt knapp jenseits der alten Grenze zwischen Böhmen und Mähren noch auf böhmischer Seite. Der Vater stammte aus ärmlichen Verhältnissen, vermochte sich aber zu einem bescheidenen Wohlstand hochzuarbeiten. Marie Mahler, die Mutter des Komponisten, Tochter eines Seifenfabrikanten, brachte außer ihrem Zweitältesten Gustav noch weitere 13 Kinder zur Welt.

Schon als Gustav Mahler erst fünf Jahre alt war, siedelte seine Familie in das mährische Iglau über. Mithin wuchs er inmitten der von Iglau beherrschten deutschen Sprachinsel auf und wurde dort geprägt. Kindheit und Jugend Mahlers verliefen alles andere als unbeschwert: Der zur Gewalttätigkeit neigende Vater misshandelte die Mutter schwer, sechs seiner Geschwister starben noch im Kindesalter. Allerdings war der Vater auch ehrgeizig und wohlhabend genug, um Gustav, der nach dem Tod eines Bruders der Älteste unter seinen Kindern war, eine gute Ausbildung angedeihen zu lassen. Der Wechsel auf ein Iglauer Gymnasium nach dem erfolgreichen Besuch der Grundschule war für ein Kind mit Mahlers familiärem und sozialem Hintergrund damals alles andere als selbstverständlich. Außerdem wurde seine ungewöhnliche musikalische Begabung frühzeitig erkannt und gefördert. Mit vier Jahren erhielt er zunächst Akkordeon-, bald darauf ersten Klavierunterricht.

Die musikalische Klangwelt seiner frühen Jahre hat Mahler nie vergessen, sondern vielmehr später in seinen eigenen Kompositionen verarbeitet und überhöht: Die Musikanten im elterlichen Gasthaus, die Musikzüge der in Iglau stationierten Regimenter der k. u. k.-Armee oder die Gesänge in der Synagoge, all dies blieb dem Jungen im Gedächtnis. Seinen ersten öffentlichen Auftritt als Pianist hatte er mit zehn Jahren, mit 12 meisterte er bereits technisch äußerst anspruchsvolle Stücke. Als Gustav Mahler 15 Jahre alt war, wurde er vom Wiener Konservatorium aufgenommen und wurde damit Schüler einer der elitärsten und besten musikalischen Ausbildungsstätten seiner Zeit. Parallel zum musikalischen Unterricht am Konservatorium legte Mahler 1877 in Iglau das Abitur ab, so dass er im Anschluß daran an der Wiener Universität einige Semester Archäologie, Geschichte und Musikgeschichte studieren konnte. Der erfolgreiche Besuch des Konservatoriums – bereits zuvor hatte Mahler zu komponieren begonnen und verstärkte dies noch seit er nach Wien gekommen war – zeichnete bereits den Weg zum Berufsmusiker vor. In Wien tauchte der junge Künstler in eine damals wohl einzigartige Atmosphäre ein: Dort lebten mit Johannes Brahms und Anton Bruckner zwei der überragenden Komponistenpersönlichkeiten seiner Zeit in einem überaus dichten und fruchtbaren künstlerischen Umfeld. Die Metropole der k. u. k.-Monarchie durfte damals mit Fug und Recht für sich in Anspruch nehmen, eine Art Welthauptstadt der Musik zu sein.

Seine eigene Karriere als Dirigent musste der preisgekrönte Absolvent des Konservatoriums Mahler freilich zunächst in der Provinz beginnen. Im Jahre 1880 – also erst 20 Jahre alt – übernahm er die musikalische Leitung des Sommertheaters in Bad Hall. Nach weiteren kurzen Stationen in der Provinz (Laibach, Olmütz, Kassel) erhielt der gerade 25-jährige eine Kapellmeisterstelle in Prag, nach Wien die wohl bedeutendste Kunststadt der Habsburgermonarchie. Mit 26 Jahren stand Mahler am Pult der Leipziger Oper, im Herbst 1888, längst noch nicht 30 Jahre alt, übernahm er die Stelle des Königlichen Operndirektors in Budapest. Als er 1891 als Erster Kapellmeister an das Hamburger Stadttheater wechselte, war Mahler als Dirigent bereits so bekannt, dass er als Gast auch im Ausland auftrat.

In seinen Hamburger Jahren hatte Mahler längst schon das eine große Ziel vor Augen, nämlich die musikalische Leitung der Wiener Hofoper übernehmen zu können. Diese galt als bedeutendstes Musiktheater ihrer Zeit. Ungeachtet des Rufes als herausragender Dirigent, den er sich inzwischen erarbeitet hatte, stand der Berufung Mahlers an die Hofoper aber noch immer ein entscheidendes Hindernis entgegen: Seine Zugehörigkeit zur jüdischen Religionsgemeinschaft. Als sich die Möglichkeit einer Berufung nach Wien abzeichnete, ließ sich Mahler daher Anfang 1897 in Hamburg taufen und wurde der Form halber Katholik. Der Abschied vom Judentum fiel ihm wohl nicht allzu schwer, seine persönliche eher pantheistische Glaubenshaltung wurde allerdings auch durch den Übertritt zur katholischen Kirche kaum wirklich berührt.

Mahler hat die Wiener Hofoper grundlegend reformiert. Er räumte nicht nur mit dem üblichen musikalischen Schlendrian unerbittlich auf und trat als unnachgiebiger Erzieher von Orchestermusikern und Gesangssolistinnen und -solisten auf. „Korrektheit ist die Seele einer Kunstleistung“ – diesen Satz hatte Mahler schon zu Beginn seiner Dirigentenkarriere zu seinem Motto erhoben. Darüber hinaus war er bestrebt, Musik, Bühnenbild und Inszenierung zu einem Gesamtkunstwerk zu vereinen – zweifellos stark beeinflusst durch das Vorbild Richard Wagners, den Mahler bei seinem ersten Besuch im Bayreuth im Herbst 1883 nicht mehr persönlich kennenlernen konnte, da Wagner wenige Monate zuvor verstorben war. Mit den hohen Maßstäben, die Mahler an die eigene künstlerische Arbeit, aber auch an die anderer anlegte, machte er sich nicht nur beliebt. So waren die Angriffe auf den Hofopern-Direktor Mahler nicht allein antisemitisch motiviert, sondern auch durch persönliche Ressentiments und verletzte Eitelkeiten. Der Abschied von der Hofoper wurde ihm allerdings dadurch erleichtert, dass Mahler ein lukratives Alternativangebot erhalten hatte: Nach seinem Rücktritt von der Leitung des Hauses reiste er im Spätherbst 1907 zum ersten Mal nach New York. Dort dirigierte Mahler bis zum Frühjahr 1911 in der Metropolitan Opera sowie eine Vielzahl von Konzerten des New York Philharmonic Orchestra. Die letzte Konzertreise musste er Ende Februar 1911 krankheitsbedingt abbrechen. Eine auf den Herzmuskel übergreifende Infektion war mit den damaligen medizinischen Mitteln nicht mehr erfolgreich zu behandeln. Als Todgeweihter kehrte Gustav Mahler am 12. Mai 1911 nach Wien zurück – wo der erst 50-Jährige eine Woche später starb.

Gustav Mahler war einer der ersten internationalen Stars am Dirigentenpult. Gleichwohl verstand er sich selbst stets auch als Komponist. Erste eigene Stücke begann bereits der 26-Jährige zu schreiben, allerdings sind fast alle vor 1885 entstandenen Kompositionen verloren gegangen. Größere Aufmerksamkeit als Komponist zog Mahler mit seiner Ersten Symphonie auf sich, die seit 1884 entstanden war und deren Uraufführung Mahler selbst im November 1889 in Budapest dirigierte. Publikum und Musikkritik reagierten mehrheitlich irritiert auf Mahlers Tonschöpfung, die zahlreiche musikalische Konventionen ignoriert. An der allenfalls zwiespältigen, oft ablehnenden Rezeption hat sich für Mahler auch bei seinen folgenden großen Werken kaum etwas geändert. Bis 1910 folgten sieben weitere Symphonien, deren Uraufführungen Mahler alle selbst leitete. Die Aufführung seiner beiden letzten vollendeten großen Werke (Das Lied von der Erde und 9. Symphonie) hat Mahler nicht mehr erlebt. Deren Uraufführungen lagen 1911 und 1912 in den Händen Bruno Walters (1876-1962), den Mahler 1894 als 22-Jährigen zum Chordirektor des Hamburger Theaters gemacht hatte und mit dem ihn bald eine enge Freundschaft verband.

Bruno Walter und der gebürtige Breslauer Otto Klemperer (1885-1973), der seinerseits Mahler persönlich gut kannte, haben beide als Dirigenten von Weltrang dazu beigetragen, dessen Werk zur gebührenden Anerkennung zu verhelfen. Freilich lag beider Tätigkeitsschwerpunkt nach 1938 in den USA, denn beide mussten wie so viele andere deutsche Künstler aufgrund der antisemitisch motivierten Verfolgung durch den NS-Staat emigrieren. So war es kein Zufall, dass die grandiose „Wiederentdeckung“ des Komponisten Mahler nach 1945 wesentlich von den USA ausging. Insbesondere der junge Leonard Bernstein, dessen stürmische Karriere durch Bruno Walter gefördert wurde, hat Mahlers Werke häufig auf seine Konzertprogramme gesetzt. Schon eine oberflächliche Internet-Recherche zeigt, dass heute fast alle international namhaften Dirigenten Werke Mahlers auf Tonträgern eingespielt haben und in ihren Konzerten darbieten.

Gustav Mahler selbst war bei aller Kritik seiner Zeitgenossen an seinem kompositorischen Schaffen überzeugt: „Meine Zeit wird kommen!“. Er hat Recht behalten. Seine Musik ist das vielleicht letzte Zeugnis von Weltgeltung, das die jahrhundertealte deutsch-jüdisch-tschechische Kultursymbiose in den einstigen Ländern der böhmischen Krone hervorgebracht hat. Es hat die endgültige Zerstörung dieser Symbiose durch den Rassen- und Machtwahn des 20. Jahrhunderts überdauert.

Lit.: Theodor W. Adorno, Mahler. Eine musikalische Physiognomik, Frankfurt/ M. 1985. – Jens-Malte Fischer, Gustav Mahler. Der fremde Vertraute, Wien 2003. – Kurt Blaukopf, Gustav Mahler oder Der Zeitgenosse der Zukunft, Kassel 1989. – Constantin Floros, Gustav Mahler – Visionär und Despot, Hamburg 1998. – Ders., Gustav Mahler, München 2010. – Karl-Josef Müller, Mahler. Leben, Werke, Dokumente, 2. Aufl., München 1989. – Alex Ross, The Rest is Noise. Das 20. Jahrhundert hören, 2. Aufl., München 2009. – Wolfgang Schreiber, Gustav Mahler, 17. Aufl., Reinbek bei Hamburg 1994. – Bruno Walter, Gustav Mahler. Ein Porträt, 4. Aufl., Wilhelmshaven 1989.

Bild: Archiv der Kulturstiftung.

Winfrid Halder

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