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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Mikonya, Josef

Schriftsteller

* 1928, 23.03.
Tarian

† 2006, 03.09.
Tarian

Nach Kriegsende im Mai 1945 sollte der Leidensweg einiger europäischer Völker noch lange nicht zu Ende sein. Hart getroffen wurden nicht zuletzt auch die Angehörigen der deutschen Siedlungsgemeinschaften Ost- und Ostmitteleuropas, die vielfach noch jahrelang – wenn nicht sogar jahrzehntelang – unter den Folgen des Krieges zu leiden hatten. Die Ungarndeutschen sind ein beredtes Beispiel dafür, wie die Geschichte europäischer Minderheiten über den Rahmen der betroffenen Länder, Vater- und Mutterländer, einen gesamteuropäischen Zug annimmt.

Die Leser dieser Ostdeutschen Gedenktage (OGT) hatten in den vergangenen Ausgaben bereits Bekanntschaft mit dem „Existenzialisten-Vater“ der ungarndeutschen Literatur, Franz Zeltner (OGT 2001/2002), der „Mutter“ der ungarndeutschen Literatur, Erika Ats (OGT 2003/2044), und der berühmtesten, auch international preisgekrönten ungarndeutschen Dichterin Valeria Koch (OGT 1999) machen können. Hier ist nun auf das Lebenswerk von Josef Mikonya zu verweisen, von dessen Prosa und Lyrik eine repräsentative AnthologieKrähen auf dem Essigbaum, endlich vom Vudak Verlag Budapest zur Jahreswende 1994 herausgegeben, Zeugnis gibt. <p >Mikonya wurde geboren am 23. März 1928 in Tarian, wo er auch am 9. Juni 2006 starb. Nach der Grundschule arbeitete er 22 Jahre lang als Bergmann und 13 Jahre lang als Hüttenarbeiter in Tatabanya. Er veröffentlichte in der Neuen Zeitung Budapest und in der landsmannschaftlichen ZeitschriftUnsere Post sowie in mehreren Anthologien. Der Prosaband Krähen auf dem Essigbaum ist sein Hauptwerk.

Zum ersten Mal wird hier in der ungarndeutschen Nachkriegsliteratur, ermöglicht durch den Umbruch im Ostblock, auf das dramatische Schicksal der Ungarndeutschen vor, während und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg eingegangen und in einer dortzulande noch nicht da gewesenen Offenheit „das Kind beim Namen genannt“.

So in der Kurzerzählung Der Scharfschütze, in welcher der bäuerliche Hauptheld und ein deutscher Soldat, der sich ohne Wissen des Bauern in dessen Weinkeller „blutverkrustet“ versteckt hatte, von einem plündernden Russen kurzerhand, ohne auch nur ein Wort zu verlieren, erschossen werden. Auch einer der Männer der Juli B., der Österreicher Viktor, wird von den Russen getötet, als er Juli B. in deren Dorf am Kriegsende besuchen will. In der Komtess wird die doktrinäre stalinistische Sozialpolitik anhand des Schicksals einer Gutsbesitzertochter geschildert, die, körperlich schwer arbeitend, nach wie vor als die Komtess angesehen wird und deren „Umerziehung durch Arbeit“ sich als sinnlose Lösung erweist.

Ebenso kommen die Ereignisse um den Volksaufstand vom Oktober 1956 in der vielleicht gelungensten Arbeit Mikonyas Mensch in der Tiefe ungeschminkt ans Tageslicht. Diese autobiographische Erzählung zeugt von Mikonyas Mutterwitz und urwüchsiger Erzählgabe, einem gewissermaßen „mündlichen“ Erzählstatus. In der Form ereignisreicher Dorfgeschichten von einst berichtet Mikonya hier von seinen Erlebnissen als in die Untertagearbeit verschlagenem Bauernjungen. Hier muss er von der Pike auf im damaligen Ungarn den wegen Normenschinderei, Planerfüllungsdenken und dem sich daraus ergebenden mangelnden Arbeitsschutz lebensgefährlichen Bergmannberuf erlernen.

Die sogenannte Stachanow-Bewegung, ein zwanghafter Planübererfüllungsdruck, nach dem sowjetischen „Best-Arbeiter“ Stachanow genannt – in der DDR analog als „eigenständige“ Adolf Henneck-Bewegung verkauft – führt letztlich auch zum Aufbegehren der Kumpel im Volksaufstand von 1956. Wie es dazu kam und wie es dann nach der Niederschlagung des Volksaufstandes weiterging, schildert Josef Mikonya mit einer solchen prallen Fülle von anschaulichen Einzelheiten und erhellenden Details, mitunter sogar mit einem berufsmäßig zünftigen schwarzen Humor, dass hier die Literatur wahrhaft realistisch zur Chronik eines dramatischen Zeitabschnittes im Schicksal eines Betrogenen wird. In der distanzierten, selbstironischen Reflexion des Autors über seine Abenteuer im dadurch mitunter gar nicht mehr so grauen Alltag wird eine über den Rahmen von Dorfgeschichten hinausgehende Auseinandersetzung mit seiner Welt deutlich.

So verarbeitet er in der herben Humoreske Der Neun-Uhr-Zug war abgefahren sein „Schicksal“ als Vorzeige-Minderheitenliterat, der im Kulturhaus eines Steppendorfes in einer schematischen Dichterlesung regelrecht verplant wird, ohne dass man auf sein eigentliches literarisches Anliegen eingeht, Sprache und kulturelle Tradition als identitätsstiftende Faktoren seiner Minderheitengruppe nicht bloß zu erhalten, sondern auch zeitgemäß fortzuführen.

Hier wird ein übriges Mal deutlich, dass Josef Mikonyas erzählerische Stimmungsbilder aus dem schwäbischen Alltag keineswegs eine heile Welt vorgaukeln, selbst wenn sie von so liebenswerte Gestalten bevölkert werden wie der seines Großvaters in Krähen auf dem Essigbaum, der des „würdigen“ Bettlers Stüwe oder der des sich sogar zur Heldenhaftigkeit aufschwingenden Fuhrmanns der Armen, der einem vor der Deportation flüchtenden Juden weiterhilft. Selbst in der Kolchose, in die viele Ungarnschwaben nach ihrer Enteignung eintreten mussten, werkeln sie geschäftig wie immer und sind somit ein lebender Beweis für die Sinnlosigkeit der Vertreibung der Hälfte von ihnen – etwa einer Viertelmillion, die das Nachkriegsungarn auch unumwunden zugibt. <p >Wie vielfältig nicht nur der Verlust, sondern auch die noch immer vorhandenen Möglichkeiten der in ihrer nun schon seit 300 Jahren angestammten Heimat Verbliebenen sein können, möchten diese Arbeiten Mikonyas ebenfalls andeuten. Seine im heutigen Ungarn lebenden Ungarnschwaben entwickeln trotz aller Schwierigkeiten, denen sie noch immer besonders im unzulänglichen deutschsprachigen Unterricht begegnen, über ihren Lokalpatriotismus hinaus eine sich über das ganze Ungarnland erstreckende Heimatliebe und ziehen somit gleich mit der Heimatliebe der Ungarn selbst – in der Hoffnung allerdings, dass diese ihrerseits auch mehr Verständnis für ihre ungarn-schwäbischen Landsleute aufbringen, was – angesichts der vielen von Mikonya dargestellten sympathischen Einzelgänger und liebenswürdigen Traditionalisten unter ihnen – auch nicht allzu schwer fallen dürfte.

So könnte diese zeitgemäße „Dorfliteratur“, wenn auch erst ein kleiner Schritt, so doch ein richtiger und auch wichtiger Schritt auf dem Wege von einer solidarischen Dorfgemeinschaft zu einer ebenfalls solidarischen Dorf-Stadtgemeinschaft, ja vielleicht eines Tages sogar zu einer „Weltdorfgemeinschaft“ auf noch unbekannter Höhe sein.

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