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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Passarge, Ludwig

Jurist, Schriftsteller

* 1825, 06.08.
Wolittnick, Kr. Heiligenbeil/Ostpr.

† 1912, 19.08.
Lindenfels/Odenwald

 „Lieber Freund! Die Vorrede zu diesem Buche hättest Du schreiben sollen. Wenn es wünschenswerth schien, über Land und Volk der Littauer zur besseren Orientierung des Lesers etwas vorauszuschicken, so konnte schwerlich Jemand mit mehr Berechtigung das Amt des Führers übernehmen, als der Verfasser des trefflichen Werkes ‚Baltische Studien‘.“

Diese Zeilen stellte im Jahr 1881 Ernst Wichert seinen Littauischen Geschichten voran, die er „seinem lieben Freunde und Collegen Louis Passarge zugeeignet“ hatte. Wie Wichert, der „Richter und Dichter“, war Ludwig Passarge eigentlich Jurist. Geboren wurde er am Frischen Haff als Sohn des Gutsbesitzers Karl Passarge und seiner Frau Dorothea, geb. Braun. Er besuchte das Friedrichscollegium in Königsberg, widmete sich ab 1844 dem Studium der Rechte, zuerst an der Albertina in Königsberg, die letzten zwei Semester in Heidelberg. 1856 wurde er Kreisrichter in Heiligenbeil, 1872 Appellationsgerichtsrat in Insterburg und seit 1879 Oberlandesgerichtsrat in Königsberg.

Bekannt wurde Passarge freilich als Schriftsteller. Dabei lag seine Stärke nicht so sehr im rein Fiktionalen, im „Dichten“ im engeren Sinne also, sondern in der sprachlichen Umsetzung von selbst Erlebtem und Gesehenem. Hatte er schon in seinem ersten BuchAus dem Weichseldelta (1857) eine beachtliche Meisterschaft in der Landschaftsdarstellung bewiesen, so geben besonders die von Wichert angesprochenen Studien und Bilder Aus baltischen Landen, die 1878 erschienen waren, eine der ersten und anschaulichsten Darstellungen von Landschaft und Lebensgewohnheiten auf der Kurischen Nehrung. Die darin enthaltene Schilderung der Dünen hat Rudolf Borchardt noch 1927 für wert gehalten, in seinen SammelbandDer Deutsche in der Landschaft aufgenommen zu werden, neben Texten von Goethe, Kleist, Novalis und Stifter. Seine Baltischen Novellen, die 1884 folgten, bleiben in ihrer erzählerischen Konventionalität dahinter zurück, seine Gedichte Aus fünfzigJahren(1895) sind Gelegenheitsverse ohne besonderen künstlerischen Anspruch. Kulturhistorisch bedeutsam ist sein autobiographisches Werk Ein ostpreußisches Jugendleben(1903), das in zweiter Auflage und erweiterter Fassung 1907 erschien.

Eine Hauptabsicht Passarges war es bei seinen heimatbezogenen Arbeiten gewiß auch, Ostpreußen, jenen etwas abgelegenen Winkel Deutschlands, der Welt bekannter zu machen; denn „welch seltsame Vorstellungen hat man nicht in der Ferne von unserer Provinz!“ schreibt Passarge in seinen Erinnerungen. „Fragte mich doch einmal ein Schweizer, ob bei uns noch Getreide wachse! Ein Italiener in Rom sagte zu mir: So, aus Königsberg?Vicino da Pietroburgo (Nahe bei Petersburg.)“

Daneben stehen bei Passarge zahlreiche Reiseberichte, so aus Spanien und Portugal, Schweden und Lappland, Dalmatien und Montenegro – das Reisen war Passarge ein Herzensbedürfnis, ja eine Lebensform, die in seltsamem Kontrast zu seinem bürgerlichen Beruf steht: „So lebe ich denn als rechter Vagabunde; und im Vertrauen gesagt, ein solches Leben schien mir von jeher das beneidenswertheste und köstlichste auf der Welt“, steht im Kapitel „Strandbriefe“ seiner baltischen Studien und Bilder. „Das Vagabondieren aber ist eine Kunst, die nicht bloß selten gefunden wird, die auch eine bestimmte geistige Anlage voraussetzt […].“

Diese Wanderlust lag übrigens auch seinen Söhnen Anton und Siegfried im Blut; der letztere wurde als Weltreisender und Geographieprofessor schließlich berühmter als sein Vater.

Wenig bekannt ist heute auch, daß Ludwig Passarge in Deutschland einer der ersten war, der sich der nordischen Dichtung zuwandte, Dramen von Henrik Ibsen und Bjørnstjerne Bjørnson ins Deutsche übertrug und so keinen geringen Anteil bei der Vermittlung der Literatur Skandinaviens in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts hatte, deren Rezeption einen so tiefgreifenden Einfluß auf die Entwicklung des deutschen Theaters jener Zeit ausübte.

Eine bleibende Leistung Passarges dürfte darüber hinaus die Neuübersetzung des Gesamtwerks des preußisch-litauischen Pfarrers Christian Donalitius (Kristijonas Donelaitis) sein, das neben der VersdichtungDie Jahreszeiten auch Tierfabeln sowie Fritzens Erzählung von einer littauischen Hochzeit enthält. Der 1894 unter dem Titel Christian Donalitius‘ Littauische Dichtungen in Halle erschienene Band ist nach Ludwig Rhesas (1811) und G. H. F. Nesselmanns (1869) Übertragung die dritte und letzte vor der modernen Fassung Hermann Buddensiegs (1966) – und zumindest von den älteren ganz sicher die beste. Denn was Passarge über seine Vorgänger sagt, trifft sehr genau den Kern: „Was jene Übersetzungen anlangt, so ist die Rhesasche […] zum Teil unrichtig und veraltet, in jedem Falle unvollständig, da fast ein Sechsteil des Ganzen fehlt. Sie […] mildert alles rein Natürliche und Realistische so stark ab, daß es oft Mühe macht, das Original […] wiederzuerkennen. […] Die Nesselmannsche Übersetzung entspricht meist genau dem gegenübergestellten Text, ist aber oft so wörtlich, daß dadurch der poetische Genuß aufgehoben wird; auch fehlte Nesselmann wohl die dichterische Ader […]“. Passarge versucht also eine Übertragung, die dem Original im Inhalt und im Ton möglichst nahe kommt.

So ist es sicher kein Zufall, daß Johannes Bobrowski seinem RomanLitauische Claviere (1966), der ja über weite Strecken geradezu eine Kontrafaktur der Texte des Donelaitis darstellt, die Passargesche Übersetzung zugrunde legte. Die dort verarbeiteten Briefe des preußisch-litauischen Landpfarrers kannte Bobrowski aus dem Anhang dieser Ausgabe.

Nachdem mittlerweile auch schon längst die Übersetzung von Buddensieg vergriffen ist, stellt der kürzlich von Lutz F. W. Wenau im Selbstverlag herausgegebene Neudruck der Passargeschen Übersetzung derzeit die einzige verfügbare deutsche Ausgabe der Dichtungen des Donelaitis dar.

Paul Fechter schrieb über Louis Passarge: „Was war er eigentlich in seinem wesentlichen Kern? Landgerichtsrat in Königsberg, Übersetzer […] oder einer der großen Landschaftsgestalter des deutschen Bereichs, Schöpfer der unvergänglichen Bilder der baltischen Welt, der Frischen, der Kurischen Nehrung, der weiten, holländisch saftigen Ebenen des Weichseldeltas und des riesigen östlichen Stromes? […] Er war zuletzt wohl, und das ist das Entscheidende, Ostpreuße, ein Mann, der dem Land zwischen Weichsel und Memel zutiefst verbunden war […].“

Daran ist sicher etwas Wahres. Richtig ist aber auch, daß die heimatliche Welt seinem vielseitigen und beweglichen Geist nicht immer genügte. „Wären wir Norddeutsche nur nicht gar so spröde, so militärisch geschult und gendarmenbewußtseinsvoll […]“, schrieb er einmal. „Nur mehr improvisirt, mehr von den Eingebungen des Augenblicks erwartet, als vorher berechnet und kalkulirt! Das ist es, was die süddeutschen Volksfeste so unwiderstehlich macht, die Münchener Oktobertage, die Künstlerfeste in der römischen Campagna und die Karnevalstage in Köln.“

Der seit 1887 pensionierte Geheime Justizrat Passarge verlebte seinen Ruhestand jedenfalls zuerst in Südtirol, später in Jena, dann in Wiesbaden, ein gemäßigter „Vagabunde“ auch noch im hohen Alter; mit 87 Jahren starb er, während einer Erholungsreise, im Odenwald.

Lit.: Fechter, Paul: „Louis Passarge“, in: Wir Ostpreußen. Hrsg. von Gunther Ipsen. Frankfurt/M. 1950; Ndr. 1980, S. 252-254. – Fechter, Sabine: „Ein Wanderer in Preußen“, in: Westpreußen-Jahrbuch 15, 1965, S. 15-23. – Guttzeit, Emil Johannes: „Ludwig (Louis) Passarge“, in: ders., Der Kreis Heiligenbeil. Leer 1975, S. 687. – Die Jahreszeiten von Christian Donalitius, nach einer Übersetzung von Ludwig Passarge. Vorw.: Lutz F. W. Wenau; Ill.: V. K. Jonynas und V. Jurkunas. Lilienthal 1999. – Lehnerdt in: Altpreußische Biographie, II, Lfg. 1-3, S. 489. – Motekat, Helmut: Ostpreußische Literaturgeschichte mit Westpreußen und Danzig. München 1977, S. 292-294. – Ostdeutsche Gedenktage 1975, S. 81. – Rankl, Maximilian: Bibliographie zur Literatur Ost- und Westpreußens mit Danzig 1945-1988. Bonn 1990, Bd. 2, S. 719-721. – Selle, Götz von: „Ludwig Passarge“, in: ders., Ostdeutsche Biographien. Würzburg 1955 (Nr. 20). – Steinberg, Silke: „Übersetzer von Henrik Ibsen. Ludwig Passarge“, in: dies., Über die Zeit hinaus. Ostpreußens Beitrag zur abendländischen Kultur II. Hamburg 1976, S. 108.

Maximilian Rankl

 

 

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