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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Runge, Philipp Otto

Maler

* 1777, 23.07.
Wolgast/Pommern

† 1810, 02.12.
Hamburg

Philipp Otto Runge wurde am 23. Juli 1777 in Wolgast in Pommern geboren. Er war deutscher Maler, Zeichner, Aquarellist und Meister des Scherenschnitts. Ferner praktizierte er die Kunst des Dichtens und war Kunsttheoretiker.

Im Jahre 1795 kam Runge nach Hamburg in das Geschäft seines älteren Bruders, wo er sich zum kaufmännischen Lehrling ausbilden ließ. Von 1799 bis 1801 studierte er an der Kunstakademie in Kopenhagen bei Jens Juel und Nikolai Abraham Abildgaard. Vorbildlich wurden für ihn die Werke von William Blake und John Flaxman. Nach seinem Kunststudium wechselte Runge an die Akademie in Dresden und bildete sich bei Anton Graff fort. In dieser Zeit entwickelte er die bedeutendsten seiner romantischen Bildideen. Durch die Bekanntschaft mit Caspar David Friedrich erhielt er entscheidende Impulse für die Gestaltung und Bildgebung seiner Landschaftsmalerei. Einen Wandel in Runges künstlerischem Werdegang und die Hinwendung zum Menschen als bildnerisches Hauptmotiv bewirkte seine Heirat mit der nur 19-jährigen Pauline Bassenge im Jahre 1801. Ende 1803 zog Runge nach Hamburg zurück und setzte dort sein Malereistudium fort. Er nahm auch wieder Zeichenunterricht und konzentrierte sich nun vor allem auf die Kunst der Portraitmalerei. In den Jahren 1809-1810 schuf er ein Selbstbildnis, entwarf jedoch auch diverse Kinder-, Jugend- und Familienbilder. Infolge seines streng protestantisch orientierten Elternhauses zählten auch religiöse Motive zu den künst­lerischen Schwerpunkten in Runges Malerei. Überdies hatte er sich seit seiner Kindheit und Jugend in der Kunst des Scherenschnittzeichnens geübt und sich hierbei insbesondere mit Blumen- und Pflanzenmotiven auseinandergesetzt. Das naturnahe Prinzip dieser Kunstgattung spiegelte sich schließlich in seiner Ölmalerei wider, in der die präzisen Konturen menschlicher Gesichter an die scharfen Umrisse von Scherenschnitten erinnern.

Auch auf dem Gebiet der Kunsttheorie trat Runge hervor und publizierte zahlreiche Briefe und Abhandlungen. In seinen Schriften setzte er sich hauptsächlich mit Fragen zur Landschaftsmalerei und Farbenlehre auseinander. Im Jahre 1810 veröffentlichte Runge das Werk Farbenkugel oder Construk­tion des Verhältnisses aller Mischungen der Farben zueinander.

Philipp Otto Runge starb mit nur 33 Jahren am 2. Dezember des Jahres 1810. Neben Caspar David Friedrich zählt Runge zu den bedeutendsten Künstlern der norddeutschen Frühromantik. Die philosophische Grundlage seiner Kunst bildeten die romantischen, von Mystikern wie Jakob Böhme und Dichtern wie Novalis übernommenen Bildideen, die Runge konsequent in seinen Zeichnungen und Gemälden umzusetzen versuchte. Neben Böhme und Novalis gründete sich das intensive Studium Runges auch auf weitere bedeutende Dichter und Denker seiner Zeit. So zählten etwa die Werke von Wilhelm Wackenroder, Ludwig Tieck, Ernst Moritz Arndt, Johann Joseph Görres, Johann Gottlieb Fichte, Matthias Claudius, Clemens Brentano und schließlich Johann Wolfgang von Goethe zu entscheidenden literarischen Quellen, mit denen er sich intensiv beschäftigte.

Vergeblich versuchte Runge, die deutsche Malerei von den dominanten Einflüssen des akademischen Klassizismus zu befreien. Mit Hilfe neuer Bildimotive in der Landschaftsmalerei, die auf den naturmystischen Vorstellungs- und Ideenwelten Jakob Böhmes gründeten, versuchte Runge, die Einheit der in­neren und äußeren seelischen Verfassung des Menschen im Sinne kindlich naiver Phantasiewelten darzustellen. Vor diesem Hintergrund fertigte er auch regelmäßig Kinderbildnisse an, wie beispielsweise das von 1805-1806 stammende Ölgemälde Die Hülsenbeckschen Kinder oder das etwa gleichzeitig entstandene Werk Die Eltern des Künstlers. So symbolisieren die beiden Kinder in letztgenanntem Ölbild verschiedene Ebenen natürlicher Lebenssysteme wie etwa die Wandlungen der Natur, die Hinwendung der Jugend zum Alter, das Vergehen des Lebens und parallel dazu die Gleichzeitigkeit des Seins. Die Bildkompositionen des Künstlers sind häufig streng symmetrisch ausgerichtet und zeigen intensiven ornamentalen Schmuck. Pflanzen spielen oft eine wesentliche Rolle in der Malerei Runges und imitieren in Wuchs und Gestalt immer wieder die Stimmung der Hauptpersonen auf dem Bild. Diese verkörpern häufig drastischen Realismus, eindringliche Schärfe und präsentieren sich verschlossen und herb.

Die individuelle künstlerische Persönlichkeit Runges trat in seiner Malerei deutlich in Erscheinung, denn er versuchte eindrucksvoll, eine eigene Formensprache für die Präsentation seiner neuen Weltanschauung anzuwenden. Nicht die Darstellung realistischer Naturphänomene bestimmte die Malerei Run­ges, sondern er suchte im Sinne Schellings nach Deutungen zwischen der Seele des Menschen und der Weltseele. So bestimmten ihn hauptsächlich die poetischen Vorstellungen von Verwandlung und Metamorphose des Menschlichen und Natürlichen, des Religiösen und Organischen. Für Runge war ganz im Sinne der „Ethik“ Spinozas „alles Irdische nur ein Gleichnis.“ Das Pflanzliche, das Organische und deren Verwobenheit in die All-Einheit der Natur entwickelten sich folglich zum Hauptthema des Künstlers und wurden in bildhafter Symbolik gedeutet und umgesetzt. Die Landschaften wurden den Menschen somit zeichenhaft in lebensspendenden pflanzlichen, aber auch farbtheoretisch durchstrukturierten Koordinaten zu­ge­teilt. So konzipierte und entwickelte Runge seine Idee des All-Einigen in seiner Malerei nicht nur mit Hilfe des Prinzips der Formgebung, sondern auch der Anwendung und Beschreibung des Phänomens Farbe.

Im Sinne Spinozas und Schellings proklamierte Runge in seiner Malerei die Identität von Geist und Natur, von Realem und Irrealem. Er behandelte auch die Abfolge des zeitlichen Geschehens, deren Gegenüberstellung mit dem Zeitlosen und den unendlichen Wandlungsstufen des Lebendigen, die in der Einheit des Göttlichen gründen. In diesem Sinne steigen in der kosmotheistischen Naturreligion Runges Engel aus Blüten oder schweben auf Wolken. In seiner Malerei verknüpfte Runge Ideen bedeutender zeitgenössischer Philosophen, Schriftsteller, Dichter und Denker.

Direkte künstlerische Nachfolger oder Schüler waren ihm jedoch nicht beschieden. Lediglich die späteren Symbolisten knüpften wieder an den Malstil des namhaften frühromantischen Künstlers aus Nordostdeutschland an.

Lit.: J. Traeger, Philipp Otto Runge und sein Werk, München 1976. – P. Betthausen, Philipp Otto Runge, Leipzig 1980. – C.M. Fontaine, Das romantische Märchen. Eine Synthese aus Kunst und Poesie, München 1985. – T. Leinkauf, Kunst und Reflexion. Untersuchung zum Verhältnis Philipp Otto Runges zur philosophischen Tradition, München 1987.

Bild: Selbstporträt.

Ulrike Gentz

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