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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Scharwenka, Xaver

Pianist, Komponist

* 1850, 06.01.
Samter/Prov. Posen

† 1924, 08.12.
Berlin

Man kann von Franz Xaver Scharwenka kaum allein sprechen, ohne auch seines Bruders Philipp (1847-1917) zu gedenken, ja in Anlehnung an die Gebrüder Grimm muß man bei den Scharwenkas auch von Gebrüdern sprechen, da ihr Leben, Schaffen und Wirken eine „Grimmsche“ Gleichartigkeit aufweist. Es entstand bei beiden ein einander verwandtes kompositorisches Werk, ihr Wirken als Pianisten und als gesuchte Pädagogen entsprach auch gemeinsamer Tätigkeit, auch der Lebensgang und die Orte ihres Wirkens gingen zusammen. Grundsätzlich wäre zu sagen, daß Xaver, der ja ein weltberühmterPianist war, der Bestimmendere und Philipp der Zurückhaltendere war, der etwas im Schatten des Bruders stand. Ihr Werk ist verwandt. Xaver war der Musikantischere, bei Einhaltung strengerer Formprinzipien. Philipp, der Verhaltenere,komponierte freier. Ihr Schaffen steht in der Umgebung von Liszt und Brahms, in Philipps Werk, das auch mehr der Orchestermusik galt, sind Einflüsse Wagners zu erkennen. Chopin und Schumann sind von besonderer Bedeutung gewesen, und es ist anzumerken, daß Xaver sowohl Chopins als auch Schumanns sämtliche Klavierwerke herausgegeben hat, (jene bei Augener in London und diese bei Pohle in Hamburg); vielleicht kann man sagen, daß er damit auch seinen Vorbildern huldigte.

Vater Scharwenka war Architekt. Nach der Kinderzeit der Brüder in Samter zog die Familie 1859 nach Posen, wo sie das Gymnasium besuchten. 1865 kam die Übersiedlung nach Berlin und die Ausbildung an der Kullakschen Akademie der Tonkunst. Es sei angemerkt, daß die Brüder Kullak (Theodor 1818 Krotoschin – 1882 Berlin und Adolph 1823 Meseritz – 1862 Berlin) ebenfalls aus dem Posener Raum stammten und eine Generation früher eine ähnliche Bedeutung für das Berliner Musikleben hatten, wie sie später die Scharwenkas erlangen sollten. Nach dreijähriger Ausbildung bei Theodor Kullak (Klavier) und Richard Würst (Komposition) sowie bei Heinrich Dorn (Partiturspiel) wurde Xaver 1868 selbst Lehrer an der Kullakschen Akademie. 1869 debütierte er als Pianist erfolgreich in Berlin in der Singakademie, machte sich bald über Berlin hinaus einen Namen und konnte 1870 auch in Posen in einem Konzert mit Orchester zeigen, was er in Berlin gelernt hatte. Er konzertierte immer wieder in Posen und zog sich über Jahrzehnte regelmäßig zur Erholung und zur Vorbereitung von Konzertreisen auf die in den Warthe-Wäldern bei Samter gelegene Ruxmühle zurück, die in Familienbesitz war.

Mit seiner ersten Sammlung Polnische Nationaltänze op. 3, welche er „Frau Gräfin Anna v. Kalckreuth in Weimar“ widmete, ist Xaver Scharwenka als Komponist berühmt und populär geworden und zwar mit dem ersten Tanz in es-moll. Der sich nach erstem Hören sofort einprägende Tanz beeindruckte auch Franz Liszt, der den jungen Komponisten daraufhin sofort kennenlernen wollte, woraus sich ein herzliches Verhältnis mit zahlreichen Begegnungen entwickelte. Dieser Tanz, welcher in riesiger Auflage erschien, hat dem Verlag Breitkopf & Härtel viel Geld eingebracht, aber besonders den schwarzen Nachdruckern in den USA. Mit der Familie von Kalckreuth, die ja im Posener Land umfänglich begütert war, stand Xaver Scharwenka in näherer Verbindung, so wohnte er 1870 anläßlich der „Tonkünstlerversammlung des Allgemeinen Deutschen Musikvereins“ in Weimar im Haus des Landschaftsmalers und Direktors der Weimarer Kunstschule, Eduard Stanislaus von Kalckreuth (über diesen siehe OGT 1994, S. 186-188).

1872 machte Scharwenka mit der Sängerin Franziska Wuerst eine Konzertreise, die ihn nach Bromberg, Thorn, Marienburg, Danzig und Königsberg führte. 1873 folgte er einer Einladung der Fürstin Elisabeth von Carolath-Beuthen und verbrachte sechs Wochen konzertierend und komponierend auf dem auf einem Hochufer der Oder gelegenen Schloß Carolath in Schlesien. Nach dem Militärdienst 1874 gab er seine Stelle als Pädagoge auf und bereiste als anerkannter Virtuose fast alle europäischen Länder. In Warschau oder Krakau scheint er jedoch nie konzertiert zu haben. Bei der Sommerfrische 1876 auf Rügen lernte er Johannes Brahms kennen. Heitere Stunden, aber auch Einblicke des Meisters in Scharwenkas kompositorisches Schaffen erhielten die Tage in bleibender Erinnerung. Seine KlavierstückeRomanzero op. 33, die in Saßnitz entstanden waren, bat er, Brahms widmen zu dürfen. Dieser antwortete: „Liegt das Notenheft erst vor mir, soll es keinen dankbareren und aufmerksameren Zuhörer geben können“. 1877 heiratete Scharwenka Zenaide Gouseff, eine in Berlin lebende Russin, die seine Schülerin gewesen war. Die Ehe, der fünf Kinder entsprossen, soll sehr glücklich gewesen sein.

Sein 1. Klavierkonzert op. 32 widmete Scharwenka Liszt. Dieser führte es 1877 auf, und den ersten Satz spielte im selben Jahr übrigens Gustav Mahler in Wien bei seinem einzigen nachweisbaren Auftritt als Solist in einem Klavierkonzert. Das Werk wurde zu einem großen Erfolg. 1878 ging Xaver erstmals nach England. Seitdem konzertierte er immer wieder dort, auch fand er in dem Londoner Verleger Augener einen bedeutenden Freund und Förderer.

Unter den über 40 Musikinstituten in Berlin wurde das von Xaver 1881 gegründete Scharwenka-Konservatorium, an welchem auch Bruder Philipp unterrichtete und mitbeteiligt war, bald zu einer der gefragtesten Lehranstalten. Das Scharwenka-Konservatorium sollte noch bis 1960, bis zum Tod von Walter Scharwenka, einem Sohn Philipps, bestehen. Es gab Zeiten, in denen 62 Lehrer 1000 Studenten unterrichteten.

 1882 schrieb Scharwenka seine Sinfonie c-moll op. 60, die 1883 in Kopenhagen unter seiner Leitung erfolgreich uraufgeführt wurde. 1884 bereiste er Rußland und die baltischen Lande.Nach einer USA-Reise 1890 ging Xaver 1891 für sieben Jahre in die USA, wo er in New York ein nach ihm benanntes Konservatorium gründete, während Philipp ihn in Berlin vertrat, ihm aber auch in New York zwei Jahre beistand, jedoch dann aus Heimweh nach Berlin zurückging. Seine OperMataswintha (nach Felix Dahn: Ein Kampf um Rom), die 1896 in Weimar zur Uraufführung gelangte, kam auch an der Met in New York heraus. 1898 kehrte auch er aus Heimweh nach Berlin zurück und wurde wieder in der Leitung des Berliner Instituts tätig. 1908 komponierte Xaver sein4. Klavierkonzert op. 82, welches er der Königin Elisabeth von Rumänien, einer geborenen Prinzessin zu Wied, widmete, jener unter dem Namen Carmen Sylva eher bekannten Dichterin. Daraufhin erfolgte eine Einladung nach Bukarest. Über seine dort empfangenen Eindrücke hatte er in fröhlicher Stimmung an einen Freund nach Berlin geschrieben, und er wunderte sich, als er auf der Rückreise seinen Bericht imBerliner Lokalanzeiger lesen konnte, den er auf dem Lemberger Bahnhof gekauft hatte. Es folgten wieder Konzertreisen nach den USA und Kanada, insgesamt hat er 28 mal den Ozean überquert, so 1910, als er zweimal unter Gustav Mahlers Leitung in New York auftrat, auch mit seinem 4. Klavierkonzert. Er war in den USA so bekannt, daß sogar ein Schwindler unter seinem Namen auftreten konnte.

Scharwenka stellte seine organisatorischen Fähigkeiten auchdem „Deutschen Musikpädagogischen Verband“ (1900) unddem „Verband der Konzertierenden Künstler Deutschlands“ (1912) zur Verfügung. 1900 wurde er Mitglied der Königlichen Akademie der Künste in Berlin. Xaver Scharwenka verstarb völlig unerwartet 74jährig an Komplikationen einer Blinddarmoperation in Berlin. Er war bis in die letzten Tage seines Lebens von einer seltenen Rüstigkeit des Geistes und des Körpers gewesen, und noch wenige Monate vor seinem Tod hatte er eine längere, arbeitsreiche Amerika-Reise absolviert und war nach Berlin zurückgekehrt, um hier wieder seine täglichen, vielfältigen Aufgaben als Lehrer, Solist, Komponist zu verrichten.

Der Schwerpunkt des kompositorischen Schaffens von Xaver Scharwenka liegt in der Klaviermusik, wobei seine vier Klavierkonzerte besonders zu nennen wären, und in der Kammermusik. Eine besondere Betrachtung im einzelnen wäre notwendig, jenseits summarischer Erwähnung, um der Qualität seiner Werke gerecht zu werden. Einflüsse auf nachfolgende Komponisten wären vielfältig auszumachen; allerdings wurde die von ihm verfolgte Richtung der Musik längst nicht mehr rezipiert. Ein Hinweis sei gegeben: Bereits in seinem 1. Klavierkonzert fand Scharwenka zu jenem „Understatement“, das später bei Rachmaninow besonders auffällt und beispielsweise zu Beginn in dessen 4. Klavierkonzert geradezu eklatant vorgeführt wird.

 „Großzügige Virtuosität, der Glanz und das Feuer seinesSpiels, die sein Publikum allerorten hinrissen. Auch Erscheinung und persönliches Wesen… warben unwiderstehlich für ihn. Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle, ein Urbild männlicher Schönheit slawischen Typs, knickte er Herzen mit Leichtigkeit, bezauberte er durch Frohsinn, die Liebenswürdigkeit und die Vornehmheit seines Wesens“. Mit diesen Worten beschrieb im Nachruf Hugo Leichtentritt seine Erscheinung im Konzertsaal und fand für sein kompositorisches Schaffen diese Worte: „Stilistisch nehmen seine Werke eine Mittelstellung zwischen Liszt und Brahms ein. Von beiden, denen er auch persönlich nahestand, hat Scharwenka viel gelernt. …Formvollendet ist seine Musik immer, gewinnender Klang, melodischer Reiz, rhythmischer Schwung sind ihr eigen… Zum Umsturz und zur Gewaltsamkeit im Gebrauch der Mittel fühlte er sich nie veranlaßt“. Der zuletzt zitierte Satz trifft auch heute noch den Punkt seines Unbekanntseins in Deutschland, jener Punkt, der die noch verbreitete Borniertheit der deutschen Musik- und Kunstwissenschaft gegenüber den wilhelminischen Zeiten speist. Hier sind andere Länder ihren entsprechenden Epochen und auch der Wilhelminischen gegenüber sinnenfreudiger und aufgeschlossener, und dies muß man sein, um die „vollmundige“ Musik Xaver Scharwenkas verstehen und genießen zu können.

Vielleicht tragen die alten Beziehungen noch, sind doch heutzutage die angelsächsischen Länder, besonders England, zu einer Pflegestätte der Werke Xaver Scharwenkas geworden; im Konzert und durch CDs, aber auch im Musikverlagswesen hat sich dort noch manches gehalten, was in Deutschland nicht mehr zu bekommen ist. „Wenn einmal in späteren Zeiten das 19. Jahrhundert einer ähnlich leidenschaftslosen, unparteiischen Sichtung wird unterworfen werden, wie sie gegenwärtig die Musikforschung mit dem 18. Jahrhundert anstellt, dann wird auch Xaver Scharwenka die zutreffende Würdigung finden, die ihm zur Zeit versagt ist“ (Leichtentritt). Leider sind wir heute auch in dieser Beziehung noch nicht weitergekommen. Aber, das CD-Angebot wächst, und bald wird die Pianistin Seta Tanyel das gesamte Klavierwerk bei Collins eingespielt haben. Die Klavierkonzerte und einige Kammermusik sind zum Teil schon mehrfach erhältlich, und so beginnt die Musik Scharwenkas, die im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert so überaus erfolgreich war, bei aller Ignoranz der Musikphilister langsam wieder ihren Weg zu machen, und sie wird mancher heutigen und zukünftigen Seele sehr gut tun. Dazu möchte auch dieses Gedenkblatt beitragen. Vielleicht wird auch eine Entdeckung bei den polnischen Musikfreunden erfolgen, wenngleich sich der evangelische Xaver mit seiner polnischen Mutter und den Polnischen Tänzen immer als Deutscher bezeichnete.

Werke: Zahlreiche Klavierstücke, Polnische Tänze op. 3, 9, 29, 34, 40, 47, 58, 66, zwei Klaviersonaten, vier Klavierkonzerte, Kammermusik mit Klavier, Lieder, Symphonie c-moll op. 60, Oper Mataswintha, (n. Felix Dahn Ein Kampf um Rom), Studienwerke für Klavier.

Lit.: Div. Musiklexika – Xaver Scharwenka: Klänge aus meinem Leben. Erinnerungen eines Musikers, Leipzig 1922. – Hugo Leichtentritt: Xaver Scharwenka (Nachruf), in: Die Musik XVII. Jg. H. 5 Fe bruar 1925. – Ders.: Das Konservatorium Klindworth-Scharwenka,Ber lin 1931 – Div. CD-Beihefte. – Unser „Opus I“. Autobiographischesaus der Feder bekannter Componisten. IV. Xaver Scharwenka, in: Harmonie-Kalender 1903, Jg. III Berlin.

Bild: Die Musik XVII. Jg. H. 5 Februar 1925.

Helmut Scheunchen

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