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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Schinkel, Karl Friedrich

Maler, Architekt

* 1781, 13.03.
Neu-Ruppin/Mark Brandenburg

† 1841, 09.10.
Berlin

Kein anderer deutscher Künstler nach Dürer hat so tiefgreifend und so nachhaltig auf seine Zeit und seine Umgebung gewirkt wie Schinkel. So kann man für Preußen von der Schinkel-Zeit sprechen, wie man von einer Goethe-Zeit spricht. Die Ursache für seine Bedeutung liegt in der einzigartigen Universalität seiner Begabung und dem reformerischen Willen, der über das Ästhetische hinaus ins Moralische und Politische zielte, hier freilich nach 1815 auf dem Boden der Restauration. Grundlage war eine klare Anschauung vom Zusammenhang von Natur und Kultur sowie ihrer Geschichte. Das Preußische fand in Schinkels Werk seine edelste Ausprägung. Geboren wurde er am 13. März 1781 als Sohn eines Archidiakonus und Inspektors der Kirchen und Schulen in Neu-Ruppin, der 1787 nach dem Brand der Stadt an den Folgen einer Krankheit starb, die er sich bei den Löscharbeiten zugezogen hatte. Die Witwe zog mit den Kindern nach Berlin. Hier geriet der junge Schinkel 1797 in den Bann des genialen Friedrich Gilly, der ihm den Weg zum Künstlerberuf wies. Für Malerei und Architektur nahezu gleich begabt, legte Schinkel nun das Gewicht auf die Ausbildung zum Architekten und studierte an der Berliner Bauakademie. Nach Gillys frühem Tod 1800 vollendete er dessen Bauten und trat seitdem auch mit eigenen hervor. 1803 reiste er nach Italien, wo das Erlebnis von Landschaft und Kultur seine zeichnerischen Fähigkeiten entwickelte und seinen Horizont weitete. Nach seiner Rückkehr über Paris 1805 gestatteten die politischen Verhältnisse kaum eine Betätigung als Baumeister. Stattdessen schuf er seit 1807 Ölgemälde und Dioramen, große Darstellungen von Landschaften und Bauwerken, um damit ein breites Publikum kunstgeschichtlich zu bilden. Erst mit dem Ende der Freiheitskriege ergab sich die Möglichkeit, in ausgedehnterem Maß als Architekt zu wirken, und er hat seitdem vor allem Berlin ein neues Gesicht gegeben, indem er überall, wo sich Gelegenheit dazu bot, aus der Stadt einen mit Sinn erfüllten Raum zu machen suchte. Mit dem Schauspielhaus auf dem Gendarmenmarkt entstand 1818-1821 das erste Hauptwerk, in dem Schinkel seine Vorstellung vom Theater formulierte. In diese Zeit fällt auch der Höhepunkt seiner von 1815 bis 1828 reichenden Tätigkeit als Entwerfer von Bühnenbildern. Das Museum am Lustgarten (1824-1830) war sein zweiter der Kunst gewidmeter Großbau, mit dem er seine Bildungsideale an ausgezeichneter Stelle gegenüber vom Schloß und neben dem Dom demonstrierte. Mit der 1831-1835 errichteten Bauakademie, die einer typisch preußischen Backsteinarchitektur den Weg wies, setzte er einen dritten gewichtigen Akzent in der Innenstadt. Große romantische Projekte auf dem Gebiet des Kirchenbaues wurden nicht verwirklicht, zur Ausführung kamen in Berlin nur die neugotische Friedrich-Werdersche Kirche (1824-1830) und vier Vorstadtkirchen. Die 1830-1837 gebaute Nikolaikirche in Potsdam ist sein größter Kirchenbau. Die Kuppel entstand erst 1843-1849 auf Veranlassung Friedrich Wilhelms IV., der bestrebt war, Planungen Schinkels zu Ende zu führen und der als Kronprinz dessen Projekte gefördert hatte. Zahlreiche kleinere Kirchenbauten führte Schinkel in den Provinzen aus. Vor allem durch sie verbreitete er seine Stilgesinnung bis in die entlegensten Orte des Landes.

Auch im Schloßbau blieben die großartigsten Entwürfe unausgeführt und waren in der Spätzeit auch nicht mehr für die Realisierung bestimmt, so die Pläne für die Bebauung der Akropolis in Athen (1834), für eine fürstliche Residenz (1835) und für das Schloß Orianda auf der Krim (1838). In der vielleicht glücklichsten Phase seines Schaffens, der ersten Hälfte der zwanziger Jahre, entstanden die kleinen Schloßbauten Tegel (1820-1824), Charlottenhof im Park von Sanssouci (1826), Glienicke (1824-1828) sowie der Schinkel-Pavillon beim Schloß Charlottenburg (1825). Zu diesen klassizistischen Bauten gesellten sich später die neugotischen Schlösser Babelsberg (1834-1835) und Kamenz (1838). Hinzu kamen Wohnhäuser und Palais, insbesondere für die Prinzen. Interieurs, Außenbau und Einordnung des Baues in die Umgebung, sei es das städtische Ambiente oder die Landschaft, zeigen bei Schinkel eine vollkommene Harmonie, die den Einklang des Bewohners mit seiner Welt herstellen und spiegeln soll. Das bedeutete, daß Schinkel auch alle Details der Inneneinrichtung bis zu den Möbeln, Wanddekorationen, Gardinen und Beleuchtungskörpern gestaltete und hierbei sich in die Person des Auftraggebers einfühlte. Sein Gespür für die Angemessenheit des Ornamentes, seine Erfindungsgabe auf diesem Gebiet, schließlich aber auch die Schnelligkeit beim Arbeiten sowie die Bereitschaft, sich restlos für die Gestaltung seiner Umwelt einzusetzen, führte dazu, daß ihm vielerlei Aufgaben übertragen wurden und er die Rolle einer obersten Instanz in Geschmacksfragen übernahm. So entwarf er Denkmäler, Grabmäler, Sockel für Statuen, Bilderrahmen, Porzellane und andere kunstgewerbliche Gegenstände, Denkmünzen, Festdekorationen bis hin zu lebenden Bildern. Auf all diesen Gebieten war er bestrebt, Muster für eine allgemeine Verbesserung des Geschmacks zu schaffen. Die rastlose Tätigkeit erschöpfte mit der Zeit seine Gesundheit. 1824 trat er eine zweite Reise nach Italien an, um sich zu erholen. Eine Reise über Paris nach England 1826 vermittelte ihm in diesem am weitesten industrialisierten Land wichtige Einsichten über die Zukunft Preußens und Berlins, beendete aber auch die Phase des heitersten Klassizismus. In den dreißiger Jahren mehrten sich die Zeichen einer durch Überarbeitung verursachten Kränklichkeit. 1840 erfolgte ein physischer und geistiger Zusammenbruch, aus dem ihn der Tod am 9. Oktober 1841 erlöste.

Schinkels Kunst war, wie auch seine 1819-1840 erschienene Sammlung Architektonischer Entwürfe zeigen, auf Lehrbarkeit hin angelegt, und so wirkte er in zahlreichen Schülern über seinen Tod hinaus weiter, vor allem in der Baukunst. Erst seit der Gründerzeit galt sein nobler Klassizismus als zu ärmlich für ein starkes Preußen, jedoch blieb die Größe seiner historischen Leistung stets unbestritten. In unserem Jahrhundert erlebte er eine neue Wertschätzung bei den Architekten in der Bewegung des Neuen Bauens. Das „Dritte Reich“ mit seinem megalomanen Klassizismus vereinnahmte ihn, mißverstand ihn jedoch ebenso, wie eine affektierte Postmoderne es heute tut. Auch im Großartigsten, was Schinkel entworfen hat, ist Demut und Bescheidenheit als innerster menschlicher Kern zu spüren.

Lit.: Karl Friedrich Schinkel, Lebenswerk, Berlin, München 1931 ff. – Alfred von Wolzogen (Hrsg.): Aus Schinkels Nachlaß, 4 Bde, Berlin 1862-1864. – Karl Friedrich Schinkel. Architektur, Malerei, Kunstgewerbe. Ausstellungskatalog Schloß Charlottenbürg 1981. – Karl Friedrich Schinkel 1781 -1841. Ausstellungskatalog Staatliche Museen zu Berlin 1981. – Paul Ortwin Rave: Schinkel-Schrifttum (Schrifttum der deutschen Kunst, Beiheft). Berlin 1935. – Christoph von Wolzogen, Karl Friedrich Schinkel – Unter den bestirnten Himmel. Biographie, Frankfurt am Main, Edition Fichter, 2016.

Bild: Carl Begas, 1826. Staatliche Schlösser und Gärten Berlin, Schloß Charlottenburg.

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