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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Stein, Edith

Philosophin, Karmelitin

* 1891, 12.10.
Breslau

† 1942, 09.08.
Auschwitz

Einen Höhepunkt während der Reise Johannes Pauls II. im April/ Mai 1987 nach Deutschland stellte die Seligsprechung von zwei Zeugen des christlichen Glaubens und des Widerstandes gegen das nationalsozialistische Terrorregime dar: Pater Rupert Mayers (1876-1945) und Edith Steins. Als der Papst im Köln-Müngersdorfer Stadion am 1. Mai unter dem Beifall von etwa 70000 Menschen Edith Stein seligsprach, war dies ein Zeichen dafür, daß die katholische Kirche die Bereitschaft bekundete, mit dem jüdischen Volk enger zusammenzuarbeiten, in der Märtyrerin eine „Fürsprecherin für die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen“ zu sehen, wie Kardinal Joseph Höffner diese Ehrung bezeichnete, denn diese herausragende katholische Ordensfrau sei nicht nur eine Tochter Israels, sondern zugleich auch eine vom Karmel gewesen, und der Papst erklärte: Durch die Taufe habe Edith Stein mit ihrem jüdischen Volk keineswegs gebrochen. Die als Tochter strenggläubiger jüdischer Eltern am Abend des Versöhnungstages, des Sühne- und Fastentages der Juden (12. Oktober), geborene Edith Stein erklärte sich mit vierzehn Jahren als Atheistin. Nach dem Abitur (1911) begann sie an der Breslauer Universität Germanistik und Geschichte zu studieren, ging 1913 nach Göttingen, dem damaligen Zentrum der Phänomenologie, die eine Hauptrichtung in der Philosophie seinerzeit darstellte und vonEdmund Husserl (1859 bis 1938) vertreten wurde. Edith Stein wurde seine herausragende Schülerin, sie hielt Husserl, wie sie in ihrer Autobiographie schreibt, für „den Philosophen unserer Zeit“, da er mit seiner klaren Forderung „Zurück zu den Sachen“, „streng sachlich“, „auf unbestechliche Wahrheitsforschung ausgerichtet“, einem Grundbedürfnis nicht nur der philosophischen Forschung entsprochen habe.

Edmund Husserl knüpfte an die Phänomene an und war der Überzeugung, daß „das Seiende sich in seinem Wesen, Sinn und Sein zu erkennen gibt“ und der menschliche Verstand daher sich öffnen möge „für das Empfangen der Wahrheit aus den Dingen“ – eine Forderung, die weitgehend dem Streben Edith Steins nach Präzision, Perfektion, klaren Definitionen entgegenkam – und die Voraussetzungen schuf für ein aufzubauendes Weiterfragen in den Phänomenen.

War auch in dieser neuen Denkrichtung der „neuzeitliche Fluch des Subjektivismus“ (Peter Wust) nie ganz ausgeräumt, so trieb die ursprüngliche Intention von Husserls Denkschule die in ihr innewohnende eigene Objektgeöffnetheit weiter auf dem Wege zu den Dingen – zum eigentlichen Sein, zur Mitte hin (wie später auch Alfred Delp in der Kritik zu Heideggers Sein und Zeit nach der fehlenden Mitte“ fragte). Max Scheler (1874 bis 1928) vermittelte Edith Stein weitere wesentliche Anstöße, indem er aus den engen Grenzen von Husserls Immanenzphilosophie heraustrat und sie an die großen Themen wie Mensch, Welt und Gott heranführte – sie in eine „erste Berührung mit dieser bis dahin unbekannten Welt“ brachte. Es war, wie Edith Stein schreibt, „die Zeit, in der er [Scheler] ganz erfüllt war von katholischen Ideen und mit allem Glanz seines Geistes und seiner Sprachgewalt für sie zu werben verstand.“

Edith Stein, die 1915 für kurze Zeit als freiwillige Rot-Kreuz-Helferin in Mährisch-Weißkirchen tätig war, promovierte 1917 bei Husserl („Zum Problem der Einfühlung“), war bis 1918 seine Assistentin und bis 1922 vergeblich bemüht, sich an einer deutschen Universität zu habilitieren. Im Herbst 1921 hatte sie im Haus eines befreundeten Ehepaares in Bergzabern das entscheidende, folgenschwere Erlebnis, das fortan ihr weiteres Leben grundlegend veränderte: sie las das Buch Das Leben der hl. Theresia von Avila, von ihr selbst geschrieben und erklärte nach der Lektüre: „Ich … war sofort gefangen; als ich das Buch schloß, sagte ich mir: ,Das ist die Wahrheit.‘“ Einige Monate später, am 1. Januar 1922, empfing sie in der katholischen Kirche zu Bergzabern die Taufe. Es folgten zehn Jahre pädagogischer Lehrtätigkeit (am Gymnasium St. Magdalena der Dominikanerinnen zu Speyer, bis 1931; dann, bis 1933, am Deutschen Institut in Münster). In diesen Jahren hielt sie auch Vorträge auf pädagogischen Studientagungen und Kongressen im In- und Ausland. In ihren philosophischen Studien vollzog sich die Wende von der Phänomenologie zur Gedankenwelt des Thomas von Aquin, was seinen Niederschlag in dem Werk Endliches und ewiges Sein. Versuch eines Aufstiegs zum Sinn des Seins fand. Zugleich drängte das innere Erlebnis auch zu weiteren äußeren Konsequenzen: Am 14. Oktober 1933 trat sie als Novizin in den Kölner Karmel ein (15. April 1934: Einkleidung, bei der sie den Namen Teresia Benedicta a cruce wählte; 21. April 1935: Profeß: die zeitlichen Gelübde für drei Jahre; 21. April 1938: ewige Profeß). Mit ihrer Entscheidung, in den Kölner Karmel einzutreten, konnte sie ihr Anliegen verwirklichen, sich ganz Gott und dem Gebet zu widmen. „Jetzt bin ich an dem Ort, wo ich hingehöre“, heißt es in einem Brief. „Meine Betrachtungen sind keine hohen Geistesflüge, sondern meist sehr bescheiden und einfach. Das Beste daran ist die Dankbarkeit dafür, daß mir dieser Platz als irdische Heimat und Stufe zur ewigen Heimat geschenkt ist.“ (Briefe II, S. 18).

Die intensive Beschäftigung und Auseinandersetzung mit den zentralen Gestalten der spanischen Mystik (Teresa von Avila, 1515 bis 1582, und Johannes vom Kreuz, 1542 bis 1591) – der Weg in Stufen zum Innern – enthüllte in einer faszinierenden Betrachtung das Innerste der Seele als dem wahren Mittelpunkt des leiblich-seelisch-geistigen Seins. Das Wissen darüber schlug sich in den Schriften nieder: in Welt und Person und in der Kreuzeswissenschaft, einer Studie über Johannes a Cruce. Das Kreuz und die Kreuzeswissenschaft lähmen nach Edith Stein keineswegs das Leben; vielmehr sind sie Vorstufen des ewigen Lebens, sie stellen eine Einladung dar, „zu hoffen gegen alle Hoffnungen“. Kreuz und Kreuzeswissenschaft sind primär und vor allem eine Botschaft der Liebe, deren einzigartiges Vorbild Gott in Jesus Christus ist: „Die einzig absolut vollkommene Verwirklichung der Liebe ist das göttliche Leben selbst, die Wechselhingabe der göttlichen Personen.“ (Endliches und ewiges Sein). Reinhold Schneider hat einmal über Johannes vom Kreuz festgestellt: „… es gehört zum Wesen der Mystik, daß sie auf der höchsten Stufe der Abkehr von der Welt sich dieser wieder zuneigt und ihre Bilder in sich aufnimmt …“ Und das traf voll für Edith Stein zu, nachdem sie ihr Leben dem Karmel verschrieben hatte.

Die nationalsozialistische Judenverfolgung machte auch vor dem Kölner Karmel nicht halt; man beschloß hier, Sr. Teresia Benedicta nach Holland, in den Karmel zu Echt, zu bringen (31. Dezember 1938), wo ihr aber kein langer Aufenthalt beschieden war: Nach dem Einfall der deutschen Wehrmacht im Mai 1940, während des Westfeldzuges, wuchs auch dort die Bedrohung ständig, und am 2. August 1942 wurde Edith Stein – zusammen mit ihrer Schwester Rosa (die nach dem Tode der Mutter 1936 ebenfalls in den Kölner Karmel aufgenommen worden war und dann ihre Schwester nach Echt begleitet hatte) –festgenommen; am 7. August deportierte man sie nach Polen, am 9. wurde sie im Vernichtungslager Auschwitz inhaftiert, und mit ziemlicher Sicherheit muß – da sich keine weiteren Spuren auffinden lassen – angenommen werden, daß sie noch an diesem Tage oder bald danach umgebracht worden ist. Wie ein persönliches Vermächtnis stellte sich ihre Arbeit an der Kreuzeswissenschaft dar, an der sie bis zu ihrer Verhaftung gearbeitet hat und die ein Fragment blieb – und ein „Anschreiben gegen den eigenen Tod“ war. Auf dem Todesmarsch nach Auschwitz sagte Edith Stein zu ihrer Schwester: „Komm, wir gehen für unser Volk!“

Werke: Das ,Archivum Carmelitanum Edith Stein‘ in Brüssel hat unter Leitung von P. Romaeus Leuven und Frau Dr. L. Gelber bisher 10 Bände aus dem Nachlaß von Edith Stein und aus noch zu Lebzeiten gedruckten Werken veröffentlicht. – Kreuzeswissenschaft. Studie über Johannes a Cruce. Nauwelaerts Louvain/Herder, Freiburg 1950 (21954) (Bd. I). – Endliches und Ewiges Sein: Versuch eines Aufstiegs zum Sinn des Seins. Nauwelaerts Louvain/Herder, Freiburg 1950 (31986) (Bd. II). – Des heiligen Thomas von Aquino Untersuchungen über die Wahrheit (Teil I), gl. Verlag (1952) (Bd. III); ein 2. Teil davon erschien 1959 als Bd. IV. – Die Frau: ihre Aufgabe nach Natur und Gnade, (gl. Verlag 1959) (Bd. V). – Welt und Person. Beitrag zum christlichen Wahrheitsstreben (gl. Verlag 1962) (Bd. VI). – Aus dem Leben einer jüdischen Familie. Das Leben Edith Steins: Kindheit und Jugend (gl. Verlag 1985) (Bd. VII). – Selbstbildnis in Briefen. I. Teil: 1916-1934 (gl. Verlag 1976). – II. Teil: 1934-1942 (gl. Verlag 1977) (Bde. VIII u. IX). Als Band X der Gesamtausgabe erschien 1983 von R. Leuven: Heil im Unheil: Das Leben Edith Steins. Reife und Vollendung (gl. Verlag 1983).

Lit.: Edith Stein. Ein neues Lebensbild in Zeugnissen und Selbstzeugnissen. Herderbücherei Bd. 1035. Freiburg 1983. – W. Herbstrith: Edith Stein – Zeichen der Versöhnung (Kaffke) München 1979. – E. V. Schmitt: Gebet als Lebensprozeß. Teresa von Avila – Edith Stein. München 1982. – B. Reifenrath: Erziehung im Lichte des Ewigen. Die Pädagogik Edith Steins. Frankfurt a.M. 1985.

Bild: Süddeutscher Verlag München, Bilderdienst.

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