Kulturportal
Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Storm, Ruth

Dichterin, Schriftstellerin

* 1905, 01.06.
Kattowitz/Oberschlesien

† 1993, 13.12.
Berlin

Wie äußerte sich doch Hugo Hartung über den Roman von Ruth Storm „Das vorletzte Gericht“, der 1953 erschien und sie mit einem Male als eine Dichterin mit einer großen Sprachkraft auswies: „Mit erzählerischem Können hat Ruth Storm ein großes Kapitel aus dem Schicksalsbuch des deutschen Ostens behandelt: das Geschehen in jenem reichen Vorland der Sudetengebirge, das zunächst vom Kampfgeschehen der letzten tragischen Kriegsmonate im schrecklichsten Winter unserer Geschichte verschont blieb, bis mit der russischen und polnischen Besetzung und endlich der Austreibung der deutschen Bevölkerung ein Drama von atemberaubender Wucht und voll apokalyptischer Bilder einsetzte.“ … „Wer wird einmal über unser Leben berichten?“ fragt Marianne Erpach gegen Ende des Romans einen uralten Mann, und dieser, eine fast mythologisch überzeitliche Gestalt, erwidert ihr: „Es ist belanglos, wer es schreibt – wichtig ist nur, daß es geschrieben wird!“ Das hat sich auch Ruth Storm vorgenommen, wenn sie auf ihre Weise ein Vertreibungsschicksal von vielen beschreibt und damit auf die Ungeheuerlichkeit dieses Geschehens hinweist.

Als Tochter das Zeitungsverlegers Carl Siwinna wurde sie am 1. Juni 1905 in Kattowitz geboren. Allein die Atmosphäre eines Verlagshauses mit der täglichen Auseinandersetzung dessen, was die Menschen bewegt, trug zu einer Aufgeschlossenheit bei, die Ruth Storm während ihres Aufwachsens zu einer überwachen Beobachterin der Geschehnisse werden ließ.

Durch den Verlust der oberschlesischen Heimat im Jahre 1921 erfuhr ihr Leben einen ersten bedeutsamen Einschnitt. Sie hatte die ersten Schuljahre noch im Kattowitzer Lyzeum verbracht und beendete ihre Schulzeit in der Höheren Mädchenschule des Internats der Herrenhuter Brüdergemeinde in Gnadenfrei, was für ihre Entwicklung sehr bestimmend war. Das Verlagshaus des Vaters, welches von ihm einst erfolgreich aufgebaut wurde, mußte infolge der Teilung Oberschlesiens an eine deutsche Aktiengesellschaft abgetreten werden, die in den Besitz vom „Deutschen Volksbund“ kam.

Ihre Familie fand Zuflucht in dem sich in ihrem Besitz befindlichen „Haus Rundblick“ in Mittelschreiberhau im Riesengebirge, was ganz in der Nähe des Hauses von Carl Hauptmann lag. Da sich die Verlagsfiliale des Vaters in Berlin befand, erfolgte schließlich die Übersiedlung nach dort, wo Ruth Storm einige Semester an der Landwirtschaftlichen Hochschule studierte und schließlich auf einem Gut in Pommern praktizierte. Das mag ihre Liebe zur Natur vertieft haben und ließ sie auch Anteil nehmen am Geschick der Menschen und der Tiere, die zu betreuen waren.

Im Jahre 1926 erfolgte die Verheiratung mit dem Rektor der TH Berlin, Prof. Dr. Ernst Storm, der im Verlage ihres Vaters auch sein Buch „Geschichte der deutschen Kohlenwirtschaft“ herausbrachte. Das Lehramt verlor Prof. Storm 1943 und danach wurde das Haus in Mittelschreiberhau abermals zur Zufluchtsstätte. Hier mag Ruth Storm nicht zuletzt, wie schon zuvor, die so eigenartige Gebirgswelt des Riesengebirges, zu weiteren Gedichten, Kurzgeschichten und Erzählungen angeregt haben. Bis zur Vertreibung durch die Polen im Juni 1946 fand sie mit ihrer Familie dort ihre Bleibe.

Danach wohnte man zunächst in Peine, wo Ruth Storm einer journalistischen Tätigkeit nachging und u. a. Berichte über reitsportliche Ereignisse verfaßte, was nicht zuletzt von ihrem eigenen starken Interesse an dieser Sportart herrührte. Nachdem der 1936 geborene Sohn 1956 sein Abitur abgelegt hatte, erfolgte die Übersiedlung nach Wangen im Allgäu.

Ein erster schriftstellerischer Erfolg stellte sich mit der Veröffentlichung ihrer Kurzgeschichte „In einer Frühjahrsnacht“ in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ in Berlin ein. Das ermutigte Ruth Storm zu weiteren und auch größeren Arbeiten, wie den St. Hedwigs-Roman „Tausend Jahre – ein Tag.“ Von den Beweggründen dazu spricht sie wie folgt: „… Oft stand ich auf der Burgruine in Lähn; Leubus, Trebnitz, Wahlstatt, Liegnitz und Andechs waren meine Ziele. Ich ging dabei die abseitigen Wege und in der Stille versenkte ich mich in jene Zeit, in der das Land noch unerschlossen war, indes der Himmel, die Berge, die Flüsse und Seen die gleichen geblieben waren wie vor 700 Jahren. Die Glaubensstärke und die Schaffenskraft dieser ungewöhnlichen Frau und Landesmutter haben mich dabei tief beeindruckt. Standhaft in inneren und. äußeren Kämpfen blieb die Herzogin bis an ihr Ende, das ist der leuchtende Kranz, der um das Haupt der Patronin von Schlesien wie ein Glorienschein der Verheißung schwebt. Sie, der nichts im Leben erspart geblieben ist, die aus ihrem eigenen Blut Bruderkampf, Haß, Mord, Irrung und Wirrung entstehen sah, die Schlesien ohnmächtig am Boden liegend erlebte, hätte diese Prüfungen nicht überstanden, wenn in ihr nicht der unerschütterliche Glaube an die ewigen Dinge gelebt hätte. Mir ist, als schwebe der Geist über Schlesiens schwergeprüften Kindern wie einst, um uns in dem Glauben an die unvergänglichen Güter zu trösten und zu stärken …“. Eindrücke aus den ersten Jahren nach der Vertreibung finden ihren Niederschlag in dem Roman „Der Verkleidete“ (1963). Das Schicksal einer Breslauer Familie wird in dem 1979 erschienenen Roman „Odersaga“ beschrieben. Der Roman „Ein-Stückchen Erde“ (1965) ist eine Prosa-Ode auf die schlesischen Berge. In der Erzählung „Und wurden nicht gefragt“ (1972) wird das Zeitgeschehen aus der Perspektive eines Kindes betrachtet. „Ich schrieb es auf – Das letzte Schreiberhauer Jahr“ sei nicht vergessen. Die 1983 erschienenen Gedichte in dem Band „Der Zeitenuhr unentrinnbarer Sand“ – Gesammeltes aus Jahren – haben etwas von jenem inneren Leuchten, was sie die Zeit überdauern läßt und u. a. wie hier in den letzten Zeilen des Gedichtes „Unbeantwortet“ so zum Ausdruck kommt: „Fernes Geliebtes,/ verstummt und weit!/ Was sind Tage?/ Was ist Zeit?/ Unbeantwortete/ Unendlichkeit.“

Die Dichterin war Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande, erhielt 1983 den „Eichendorff-Literaturpreis“ des Wangener Kreises und 1984 den Sonderpreis des Kulturpreises Schlesien. In der letzten Zeit lebte Ruth Storm in der Nähe der Familie ihres Sohnes in Berlin, wo sie am 13. Dezember 1993 verstorben ist.

Lit.: Vierteljahresschrift Schlesien IV, 1993, S. 193-194. – Kulturbeilage „Ruth Storm.

Konrad Werner 

Wünschen Sie Änderungen oder Ergänzungen? Dann schreiben Sie uns dies bitte mit Angabe der betreffenden Person.