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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Thomann, Martin Anton

Pädagoge, Autor

* 1926, 11.11.
Kumbaj, Kunbaja/ Komitat Bács-Keskun

† 1992, 03.06.
Budapest

Der ungarndeutsche Pädagoge und Autor Martin Anton Thomann gehörte zu jenen Minderheitenschriftstellern, die, von Hause aus Sprachlehrer und Erzieher, versuchen, auch künstlerisch tätig zu sein. Sie beginnen zu schreiben, um ihre Erfahrungen des Alltags zweier Sprachen und Kulturen festzuhalten, zeitgemäß zu bedenken, um herauszufinden, inwiefern sie eine Bereicherung für das Leben des Einzelnen, aber auch der Gruppengemeinschaft und schließlich ihrer näheren Heimat wie auch des ganzen Landes sein könnten.

Dabei zeichnen sich gerade die Ungarndeutschen durch ihre besonders enge Beziehung zu Ungarn, seiner Sprache und Kultur aus. Viele ungarndeutsche Autoren sind Ungarisch- und Deutschlehrer, wie Engelbert Rittinger, Ludwig Fischer, Valeria Koch, um nur die bekanntesten zu nennen. Sie schreiben zweisprachig und haben eher Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache als mit der ungarischen, was sie aber nicht davon abhält, in bewundernswerter Zielstrebigkeit mit beiden zu arbeiten. Dabei war es nach dem Zweiten Weltkrieg für die in ihrer alten Heimat Ungarn verbliebene, nicht nach Deutschland vertriebene Hälfte der Ungarndeutschen keineswegs leicht, ihre Muttersprache zu pflegen, da sie gleich nach dem Kriegsende,in stalinistische Kollektivschuld genommen, zunächst nur zu Hause – und das nur äußerst eingeschränkt – ihre Mundart gebrauchen konnten.

Als Mitte der fünfziger Jahre eine zunächst noch zaghafte Änderung zum Besseren hin begann, wuchs der Generation Thomanns, die aus Vorkriegs – und Kriegszeiten Sprachkenntnisse herübergerettet hatte, die Aufgabe zu, diese nun in den schwierigen Bedingungen eines Neuanfanges zu nutzen.

Da wurde Thomann 1950 im fünften Studienjahr der Medizin aufgrund fingierter politischer Anschuldigungen viereinhalb Jahre zur "Arbeit an der Basis" als Hilfsarbeiter in ein Röhrenwerk strafversetzt. Das veranlaßte ihn, sich verstärkt der Literatur zuzuwenden. Er studierte nach dieser Unterbrechung an der Universität Budapest Ungarisch und Deutsch, stieg dann vom Grundschullehrer zum Gymnasiallehrer und schließlich zum Direktor des renommierten Kossuth-Gymnasiums in Budapest-Elisabethstadt auf. 15 Jahre (von 1972 bis 1987) stand er diesem bekannten Gymnasium vor. Es gelang ihm, den ungarndeutschen Klassenzug von anfangs 17 Schülern auf über 200 auszubauen, wobei besonders erfreulich ist, daß diese Abteilung nicht nur von Ungarndeutschen, sondern auch von ungarischen Schülern gern besucht wurde und wird.

Außer Thomanns deutschsprachiger Gymnasialabteilung im Kossuth-Gymnasium in Budapest gab es nur noch eine in Fünfkirchen/Pécs und eine in Frankenstadt/Baja. Obwohl Thomann mit unermüdlicher Energie tätig war – er promovierte zwischendurch zum Dr. phil. -, vielleicht aber gerade deshalb, hörte der Ärger mit den Behörden nie ganz auf, so daß er schon 1987 – gegen seinen Willen – in den Ruhestand versetzt wurde. Trotz des administrativen Kommunismus war es ihm gelungen, mit seinem Gymnasium eine der ersten Schulpartnerschaften Ungarns mit der Bundesrepublik, mit dem Saarlouiser Gymnasium am Stadtgarten, einzugehen, so daß er auch in dieser Hinsicht – Schüleraustausch mit dem Westen – bahnbrechend wirkte.

Bei diesem der Sprach- und Literaturerziehung in beiden Sprachen gewidmeten Leben ist es kein Wunder, daß Thomanns Prosa diese Erfahrungen thematisiert. Sein Band Die Glaskugel –er veröffentlichte auch in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien – erschien 1990. In der stimmungsvollen TitelerzählungDie Glaskugel und in der Kurzprosa Der Rohrstock schildert er anschaulich den autoritären Schulalltag seiner Kindheit. Diese Kritik an der damaligen autoritären Pädagogik schloß eine Kritik an der Reglementierung des Schulwesens seiner Zeit mit ein. Er behandelt auch die Vertreibungsproblematik, wenn er in der Kurzprosa der Stuhl einfühlsam macht, wie die alte Heimat als unsichtbares Gepäck mitgebracht wird und der Stuhl nur ein sichtbarer Bruchteil davon ist. Auch in der KurzgeschichteDamals hatte es geschneit geht es um die Vertreibungsproblematik. Aber nicht nur nostalgisch, sondern auch alternativ. Der Hauptheld kehrt zurück nach Ungarn. Das Fazit seines Lebens "Tie Einsamkeit is tie kreschti Armut" wird auch in der Erzählung Der alte Mann thematisiert, in der die Vertreibung innerhalb des Landes stattfindet und die Dorfbewohner am Rande der Hauptstadt sich ansiedeln müssen. Trost bietet die Familie. Die Söhne werden zu Besuch erwartet oder der Freund hilft, die schweren Stunden zu überbrücken. Dies ist auch das Vermächtnis Martin Anton Thomanns, nämlich der Appell, der Arbeit für die Gemeinschaft – sei es in der Familie, im Freundeskreis oder an seiner Arbeitsstätte der Schule, im Beruf – nachzugehen. Dabei bieten Sprache und Kultur, Sitten und Bräuche, Land und Leute feste Bande, die über die Abgründe von Heimatlosigkeit und Entfremdung immer wieder haltbare Brücken der Hoffnung bauen helfen.

 

    Ingmar Brantsch

 

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