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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Wiechert, Ernst

Schriftsteller

* 1887, 18.05.
Kleinort, Sensburg/Ostpr.

† 1950, 24.08.
Uerikon/Schweiz

Ernst Wiechert, der große Deuter des Leidens und der Schwermut, aber auch der Künder von der Tapferkeit des Herzens, von dem Reinhold Schneider sagt: „Alles Leiden scheint diesem Dichter entgegenzuströmen – oder ihn an sich zu ziehen; … die Mißhandelten flüchten zu ihm und möchten sich bergen in seinem Wort“; Ernst Wiechert, dem seine ostpreußische Heimat immer Inbild der Gestaltung blieb, wäre am 18.5.1987 hundert Jahre alt geworden. Försterssohn, ab 1911 im höheren Schuldienst, bis 1933 Studienrat in Königsberg, wandte er sich ab da der Schriftstellerei zu. Wiecherts erste Prosa ergießt sich noch in einem Rausch der Worte, bis sie einmündet in den großen Erziehungs- und Bildungsroman von biblischer Strenge. Ernst Wiechert, der Christ ohne Dogma, der Gottsucher bis zur Lebensendlichkeit, der von seiner Ankunft im KZ Buchenwald schrieb: „… wie durch das Bild Gottes ein Sprung hindurch lief, der nicht mehr heilen würde“, war ein zutiefst pädagogischer Schriftsteller, und seine Bücher waren programmatische Anrufe an uns, Bekenntnisschriften bis hin zu „Missa sine nomine“, seinem literarischen, schwer deutbaren Vermächtnis. Die „Unruhe des Gewissens“ war Wiecherts moralischer Kompaß. Sie gab ihm die starke Leidensfähigkeit, die seelischen Beschädigungen der KZ-Haft in Buchenwald zu überstehen, nicht, wie andere, in die Emigration auszuweichen, sondern Deutschlands dunkelste Jahre 1933-1945 auszuleiden. Wiechert kann, wie nur ganz wenige Deutsche während dieser Zeit, für sich in Anspruch nehmen, für alle Bedrängten und Beladenen eine unverrückbare moralische Instanz gewesen zu sein. Denn seine Rede „Der Dichter und die Jugend“ 1933 vor der Münchener Studentenschaft und „Der Dichter und die Zeit“ vor dem gleichen Auditorium 1935 legitimierten ihn als ein deutsches Gewissen. Man redet so oft von dem „anderen Deutschland“: Ernst Wiechert repräsentierte es auf die vornehmste Weise, mit dem Wort des Dichters. – Er zahlte dafür einen bitteren und hohen Preis. 2 Monate KZ-Haft, 1938. Danach lebte der Autor zurückgezogen unter Gestapo-Aufsicht. Das literarische Zeugnis dieser Zeit ist „Der Totenwald“, Bericht aus dem KZ-Lager Buchenwald (1945). Nach dem Zusammenbruch waren die Stimmen der Tröstungen und der Barmherzigkeit gefragt. So verzeichnete Ernst Wiechert bei seinen Lesungs- und Vortragsreisen immer überfüllte Säle. Seine Stimme hatte Gewicht, vor allem bei den jungen Menschen, die durch ein Inferno von Blut und Tränen gegangen waren und doch reinen Herzens geblieben sind. So gab Ernst Wiechert vornehmlich in die Hand der Jungen sein Vermächtnis, die „Missa sine nomine“ (1950). In diesem bei aller Kirchenferne doch zutiefst christlichen Weisheitsbuch der Liebe und der Barmherzigkeit wird des Dichters Confessio eindringlich klar – Lebenshilfe zu geben. Er bekennt es einmal in der ihm eigenen Art: „Kunst war nie etwas anderes als ein Licht für die im Dunklen Gehenden, ein Trost für die Trostlosen.“ So sollten die Romane Wiecherts verstanden werden, der auch Meister der kleinen Form war. So gehören die Erzählungen „Geschichte eines Knaben“ (1928) und „Hirtennovelle“ (1935) zu dem Schönsten überhaupt, was deutsche Dichtung hervorgebracht hat. Wiecherts Lebensleistung wird bleiben, weil sie nicht den Kriterien einer Mode- und Tagesliteratur unterworfen ist. Ihm ging es darum, die ewigen Ordnungen sichtbar zu machen, in die der Mensch eingebettet ist.

Werke: Die Flucht, R. 1916; Der Wald, R. 1922; Der Totenwolf, R. 1924; Die blauen Schwingen, R. 1925; Der silberne Wagen, Nn. 1928 (daraus: Geschichte eines Knaben, 1930, Der Kinderkreuzzug, 1935); Die kleine Passion, R. 1929; Die Flöte des Pan, Nn. 1930; Jedermann, R. 1931; Die Magd des Jürgen Doskocil, R. 1932; Das Spiel vom deutschen Bettelmann, Hörsp. 1933; Der Todeskandidat, Nn. 1934; Die Majorin, R. 1934; Die Hirtennovelle, N. 1935; Der verlorene Sohn, Dr. 1935; Das heilige Jahr, Nn. 1936; Von den treuen Begleitern, Über vier Gedichte von Claudius, Goethe, Hölderlin, Mörike, 1938; Eine Mauer um uns baue, Aufs. 1937; Vom Trost der Welt, Ess. 1938; Atli, der Bestmann, En. 1938; Der brennende Dornbusch, N. 1945; Demetrius, Nn. 1945; Über Kunst und Künstler, Rede, 1946; Der armen Kinder Weihnachten, Sp. 1946; Märchen, zwei Bände, 1946; Die Gebärde, Der Fremde, En. 1947; Rede an die Schweizer Freunde, 1947; Der große Wald, Erinn. 1947; Der Richter, E. 1948; Jahre und Zeiten, Auto. 1949; Die Mutter, E. 1949; Es geht ein Pflüger übers Land, Betr. u. En. 1951; Der ewige Stern, En., 1952; Die letzten Lieder, G. 1952; Am Himmel strahlt ein Stern. Ein Weihnachtsbuch, 1957; Haftung Nr. 7188. Tagebuchnotizen u. Briefe, hg. v. G. Kamin 1966. – Hsp. u. Bühnensp. (1933/35): Das große Totenspiel, Der tote Marschall, Das Weihnachtsspiel, Die goldene Stadt. – Sämtl. Werke, 10 Bde. 1957.

Lit.: H. Ebeling, 1937; ders. 1947 (m. Bibl.); W. v. Stein, 1937; A. Linzenbach, D. Sprache E. W.s, Diss. Mchn. 1947; A. Pollerbeck, Diss. Bonn 1947; H. Ebeling, 1947; Bekenntnis zu E. W., 1947; C. Petersen, 1948; H. Fries, 1949; G. Pachl, Diss. Wien 1953; H. Ollesch, 21961; B. Albrecht, Diss. Wien 1960; H.-M. Plesske, 21969; Mbl.: W. J. Mueller, N. Y. 1940; G. Reiner, Paris 1972. Lexikon der deutschspr. Gegenwartsliteratur, München 1981; dtv-Lexikon der Weltliteratur, hrsg. v. Gero v. Wilpert, München 1971.

Arnfried Thomas

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