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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Winder, Ludwig

Redakteur, Schriftsteller

* 1889, 07.02.
Schaffa/Südmähren

† 1946, 16.06.
Baldock/England

Ludwig Winder kam mit seiner Familie aus seinem mährischen Geburtsort Schaffa schon früh nach dem ebenfalls mährischen Holleschau, besuchte bis 1907 die Handelsakademie in Olmütz und kam über Wien, Bielitz, Teplitz und Pilsen 1914 als Redakteur an die „Bohemia" in Prag, die dritte große Zeitung Prags, die die nationalen Interessen der Sudetendeutschen vertrat. Im Gegensatz zu Franz Werfel und Ernst Weiß trat bei ihm das Jüdische als Problem und Thema in den Vordergrund, vor allem in seinen ersten Romanen. Ludwig Winder hatte das Judentum in Gestalt seines Vaters in einer extrem orthodoxen Form erlebt, zudem war er in einer geschlossenen jüdischen Gemeinde aufgewachsen, die erst 1919 ihre Selbständigkeit aufgab und sich der Gesamtverwaltung von Holleschau (Holešov bei Kremsier) anschloß. Er kam also noch aus einem Getto. Der absolut gesetzestreue Vater unterdrückte das Selbstgefühl des Sohnes von Kindheit an. Den Roman „„Die rasende Rotationsmaschine" nannte er selber einen jüdischen Roman. Die Triebfeder im Leben und Handeln Theodor Glasers, des als Jude diskreditierten und diskriminierten Kantorsohnes aus Brody, ist Machtgier und Menschenverachtung, die sich zum Haß gegen sich selbst steigert. Seine Geliebte Olga, eine Frau demütigen Mitleidens, kann nicht helfen, die Liebesunfähigkeit Theodor Glasers zu überwinden. Weil er zu tief verachtet wurde, findet Theodor Glaser aus seiner Menschenverachtung nicht heraus.

In dem Roman „Kasai" (1920) ist das Motiv der Handlung der Protest des Sohnes gegen die Welt des Vaters, der als Fabrikant aus den von ihm unterdrückten und ausgebeuteten Menschen Maschinen macht. Hier klingt das Motiv auf, das später bei Ludwig Winder in den Vordergrund tritt, die Ablehnung von Zivilisation und Technik, die den Menschen entseelen und versklaven. Bis zum bittersten Ende gestaltet der Roman „Die jüdische Orgel" (1922) das Verhängnis der Erziehung durch einen übertrieben gesetzestreuen jüdischen Vater. Der Roman beginnt im Getto einer mährischen Kleinstadt um die Jahrhundertwende. Die Hauptgestalt ist Albert Wolf, der „Killejüngels Albert", der Sohn eines fanatisch religiösen Vaters. Sich dem Gesetzeszwang unterordnend, fürchtet Albert ständig die Strafe des Vaters, aber auch die Strafe Gottes wegen ungenügender Befolgung der Gebote. Am Ende ist Albert Wolf nicht ein Verstörter, sondern ein Zerstörter. Den tyrannischen Vater hatte er den „Strick Gottes" genannt, mit dem er an das Gesetz der Väter gebunden und vom Leben „draußen " ausgeschlossen worden war.

Mutet „Die jüdische Orgel" schon östlich, russisch an, an Dostojewskijs Aljoscha und „Erniedrigte und Beleidigte" erinnernd, so auch Ludwig Winders Roman „Hugo, die Tragödie eines Knaben" (1924). Hugo wird nicht das Opfer der religiösen Exzesse seines Vaters, sondern des antisemitischen Gruppenhasses, der ihn zu einem Erniedrigten und Ausgestoßenen macht, dessen Geltungsdrang und Liebesbedürfnis sich nicht erfüllen können. Zwischen den Romanen, die das Judentum mehr als Fluch denn als Segen gestalten, und den folgenden Romanen der politischen Umwälzung und den sich damit verändernden gesellschaftlichen Formen entstand das erfolgreiche Drama „Doktor Guillotin" (1924). Doktor Guillotin richtete sich in der Wahnvorstellung einer Verschuldung freiwillig in der von ihm gebauten Maschine hin. „Wer liebt, soll leben, wer nicht lieben kann, soll sterben." Dieses Wort, das ein Bekenntnis fast aller deutschsprachigen Dichter Prags berührt, ist auch das Motto zu dem folgenden Roman Ludwig Winders „Die nachgeholten Freuden" (1927). Er handelt in den verworrenen Jahren nach 1918. Adam Dupic ist der Sohn eines kroatischen Bauern, ein mächtiger, nach Ansehen, Macht und Geld gieriger Mann, der an Jakob Julius Davids mährische Bauerngestalten erinnert. Peter, der Sohn des Adam Dupic, sucht den Vater aus dem Machtrausch und aus der Geldgier zu lösen; es gelingt ihm nicht.

In den Dupic-Fabriken unter dem Schloß wird ein Heer von Arbeitern versklavt und in eine neue Art Leibeigenschaft zurückgezwungen. Das Muster für diesen Konzern und die Art, darin zu herrschen, sind die Schuhfabriken, die Thomàš Bat’a in jener Zeit im mährischen Zlín begründet hatte.

Wegen der Nachzeichnung dieses umfassenden Konzerns gewann Ludwig Winders Roman Aktualität. Auch von den Sudetendeutschen, die nur geringe Beziehungen zur Prager Literatur hatten, wurde er gewürdigt. Leo Hans Mally schrieb in der „Deutschen Heimat": „Ein aufwühlendes, eigenartiges Buch des jungen südmährischen Dichters. Ein Buch unserer Tage. Man hat noch kein ähnliches gelesen, weil den meisten Versuchen dieser Art die Kraft der Gestaltung und Darstellung fehlt. Ludwig Winder ist es gelungen. Er hat das Buch der letzten zehn Jahre geschrieben." Ludwig Winder hat von dem überspitzt expressiven Stil seiner ersten Romane zu einer ruhigen, breiten und prallen Form epischer Darstellung gefunden, in der er Schicksale von Menschen in einer aufgewühlten Zeit gestaltet.

In dem Roman „Dr. Muff" (1931) bittet der ehemalige Leutnant Muff seinen früheren Unteroffizier, der in Kirstadt ein vermögender Stahlmöbelfabrikant geworden ist, um Hilfe und wird gedemütigt. In einer Welt herzloser Profitgier unterliegt der bescheidene Gerechte.

René Schickele hat Ludwig Winders Roman „Dr. Muff" als den schönsten Roman des Jahres gelobt.

Ludwig Winders Weltsicht und Menschengestaltung erscheinen unverändert in dem im Offiziers-Milieu handelnden Roman „Die Reitpeitsche" (1929). Mehr als eine Peitsche, schon eine Geißel ist es, mit der der sadistische Rittmeister von Montlong seinen 16jährigen Sohn traktiert. Dieser geht, auf Umwegen, geläutert aus den ihm angetanen Leiden und Schmerzen hervor, während der Vater sich das Leben nimmt.

1937 erschien Ludwig Winders Roman um den in Sarajewo ermordeten Erzherzog Ferdinand „Der Thronfolger", der schon die Hauptgestalt in Bruno Brehms Roman „Apis und Este" (1931) war. Ludwig Winders Gestaltung ist anderer Art. „Der Roman ist mit viel Spürsinn für politische Zusammenhänge psychologische Vorgänge ausgestattet. Ludwig Winder bezieht sich in seinen Romanen am stärksten von allen Pragern aufs Gegenwärtige, Aktuelle. Sie zeigen, wie sicher er von der individuellen menschlichen Problematik auf gesellschaftliche Zustände schloß und sie zu analysieren und darzustellen verstand. In dem schon im Londoner Exil entstandenen Roman „Die Pflicht" (1944) schildert Ludwig Winder die düsteren und verworrenen Verhältnisse und Ereignisse unter Tschechen im Protektorat Böhmen-Mähren unter Reinhard Heydrich. Es gibt keinen deutschen, auch keinen tschechischen Roman, in dem jene Zeit so sachlich, eindringlich und tragisch festgehalten wird.

Von den dichterischen Arbeiten Ludwig Winders, die im englischen Exil geschrieben wurden, sei nur auf den Roman „Der Kammerdiener" (1944) hingewiesen. Es handelt sich um Anton Toman, der „mit lustvoll unterwürfiger Miene" seinem Grafen dient. Die Mutter erklärt dem Sohn Edmund: „Dein Vater ist kein Vater. Dein Vater ist kein Mensch. Dein Vater ist ein Kammerdiener." Edmund stellt sich gegen dieses Kammerdienertum: „Die Treue eines solchen Menschen ist ein Laster, das vor keinem Verbrechen zurückschreckt … Es kann sehr leicht einmal geschehen, daß ein ganzes Volk unter dem Einfluß der Kammerdienernatur, die in jedem Menschen steckt, verdorben und vernichtet wird und sich zu den schändlichsten Verbrechen verleiten läßt, ohne zu ahnen, was diesen Verfall verursacht hat."

Es ist ein Vorurteil, zu meinen, der Jude habe kein Heimatgefühl. Die deutschsprachigen jüdischen Schriftsteller hatten in der Emigration Heimweh nach ihrer Heimat. Ludwig Winder, und nicht nur er, kannte als Emigrant keinen kollektiven Haß auf die Deutschen; er plante in London, im Sinn der „Aufgabe des deutschen Schriftstellers", wenn er nach Prag zurückgekehrt sein würde, die „gegenseitige Befruchtung der deutschen und tschechischen Kulturkreise" wieder aufzunehmen und fortzusetzen.

Werke: Gedichte. Dresden: Verlag E. Pierson, 1906. Das Tal der Tänze: Gedichte. Bielitz: Druck und Verlag von Richard Schmeer, 1910. Die rasende Rotationsmaschine: Roman. Berlin-Leipzig: Schuster und Loeffler, 1917. Kasai: Roman. Berlin: Ernst Rowohlt, 1920. Die jüdische Orgel: Roman. Wien: Rikola Verlag, 1922; Walter-Verlag, 1983. Hugo. Tragödie eines Knaben. Wien: Rikola Verlag, 1924. Dr. Guillotin: Schauspiel. Wien: Rikola Verlag, 1924. Die nachgeholten Freuden: Roman. Berlin: Ullstein, 1927; Zsolnay-Verlag, 1987. Die Reitpeitsche: Roman. Berlin: Ullstein, 1928. Dr. Muff: Roman. Berlin: Bruno Cassier Verlag, 1931. Steffi oder Familie Dörre überwindet die Krise: Roman. Mährisch-Ostrau: Verlag Julius Kittls Nachf.1935. Der Thronfolger: Ein Franz-Ferdinand-Roman. Zürich: Humanitas, 1938. One Man’s Answer: A novel. Translated by Basil Creighton.London: George G. Harrap and Company, 1944; erste deutschsprachige Ausgabe: Die Pflicht: Roman. Zürich: Steinberg-Verlag, 1949. Auch Verlag Volk und Welt, Berlin, 1949.

Lit.: Krolop, Kurt: Ludwig Winder. Sein Leben und sein erzählerisches Frühwerk. Dissertation: Halle, 1967.

Quelle: Josef Mühlberger, Geschichte der deutschen Literatur in Böhmen 1900 bis 1939, München 1981, S. 302-311 (gekürzt). Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Albert Längen-Georg Müller Verlags GmbH München, Wien.

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