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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Wittmann, Georg

Schriftsteller

* 1930, 26.08.
Promontor

† 1991, 19.04.
Budapest

Durch den Tod von Georg Wittmann im Alter von 60 Jahren liegt uns sein Werk viel zu früh „abgeschlossen“ vor und wir können daraus ermessen, welch bedeutenden Stellenwert er vor allem auch in literaturhistorischer Hin­sicht, in der Entwicklungsgeschichte der ungarndeut­schen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg einnimmt. Vor allem die Holzpuppe erhält einen Ehrenplatz, ist sie jedoch schon in ihrem ersten Teil aus den 1970er Jahren (1977 veröffentlicht) die erste großangelegte Erzählung in deutscher Sprache, die nicht demütigende Zugeständnisse an die Doktrin des „sozialistischen Realismus“ macht. „Sozialistisch“ wurde diese Art Realismus nicht zuletzt deshalb genannt, weil eben nicht realistisch die Wider­sprüche der Wirklichkeit geschildert werden durften, sondern alle Gegensätze gewissermaßen „sozialistisch“ gleichgeschaltet werden mussten als nicht antagonistisch. Das heißt also, als sich nicht ausschließende Gegenpositionen im realexistierenden Sozi­a­lismus. Damit wurden Gegensätze als bloß vorübergehende Mangelerscheinungen verniedlicht und die tiefgreifenden Veränderungen in der Gesellschaft und im einzelnen Menschen buchstäblich rosa­rot „sozialistisch“ schöngefärbt. Wittmann ist jedoch in seinem Werk, das ausschließlich in Prosa geschaffen wurde, hier aber eine breite Palette aufweist, von der Skizze und dem Artikel über den Essay bis hin zur umfangreichen Erzählung, immer um realistische Darstellung bemüht, wenn dies auch oft seine künst­lerischen Mittel – vor allem verwendet er fast keine Figurensprache – überfordert. Doch sind alle seine Bemühungen vom Essay wie z.B. In eigener gemeinsamer literarischer Angelegenheit, zuerst erschienen in der Neuen Zeitung Nr. 12, 1982, bis hin zu seiner Kinderliteratur, seinen Märchen (z.B. der Weinbergkönig) und nicht zuletzt auch seinen Lausbubenge­schichten Aus Wuzis Tagebuch von großem Einfluss auf die weitere Entwicklung der ungarndeutschen Literatur gewesen.

In dem erwähnten Essay In eigener gemeinsamer literarischer An­gelegenheit zeigt Wittmann anschaulich, dass die schwie­rige Situation, der Kollektivschuldvorwurf gegenüber allen Un­garn­­deutschen, es gar nicht zugelassen hat, sich mit der eigenen jahrhundertelangen literarischen Tradition zu befassen, da die Autoren vor dem Zweiten Weltkrieg nicht veröffentlicht, z.T. gar nicht erwähnt wurden, und somit auch noch der mittleren Gene­ration, der Georg Wittmann angehört, vorenthalten wurden. So mussten diese Autoren „notgedrungen“ eine sogenannte „fortschritt­liche“ neue ungarndeutsche Literatur buchstäblich aus dem Boden stampfen – und dies auch noch aus dem Boden des „realexistierenden Sozialismus“ osteuropäischer Prägung, der alles Deutsche zunächst im gesamten Ostblock (in Ungarn auch über ein Jahrzehnt lang) hart und raffiniert verfolgte.

Janos Szabo, einer der wenigen auch „kritischen“ und nicht nur „wohlmeinenden“ Kritiker der neuen ungarndeutschen Literatur, hat in seinem Nachwort zu Mir ungrische Schwowe (1983) von Engelbert Rittinger (einem 1929 geborenen Generationskollegen von Wittmann) gezeigt, dass dieser Autor sich der Auffassung des größten ungarischen Lyrikers dieses Jahrhunderts, Jozef Attila (1905-1937), verpflichtet fühlt, ein wahrer Dichter seiner Nation sei gleichzeitig auch ein Pädagoge, ihr Erzieher. Dieser Aus­spruch trifft wie voll und ganz zu auf die gesamte „mittlere“ Generation ungarndeutscher Autoren nach dem Zweiten Weltkrieg – dem heutigen „Fundament“ der ungarndeutschen Literatur der Nachkriegszeit – und hier wiederum in ganz be­sonderer Weise auf Wittmann.

Nicht zufällig wollte Wittmann, wie auch seine Generationskollegen Ludwig Fischer (1929 geboren) und der schon erwähnte Engelbert Rittlinger Lehrer werden. Da Wittmann Deutsch und Latein studieren wollte, wurde ihm, dem Deutschen, das Deutschstudium abgelehnt, während seine zwei Schicksalsgefährten Fischer und Rittlinger, die Ungarisch studie­ren wollten, ihren Wunsch verwirklichen durften.

Wittmann absolvierte nach dem Abitur in Budapest eine Lehre für Buchhal­tung, Stenographie und Maschinenschreiben. Jahrzehntelang, bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung wegen ei­nes Unfalls (Gefahr der Erblindung), arbeitete er dann als Angestellter und Fremdsprachenkorrespondent in der Maschinenfabrik Ganz-Mávag in Budapest. Hier erhielt er von seinem aufgeschlossenen und verständnisvollen ungarischen Vorgesetzten eine Gehaltszulage, die seine in die Praxis umgesetzte Zweisprachigkeit honorierte. Die tägliche Beschäftigung mit der deutschen Sprache half ihm dann auch in sei­ner schrift­stellerischen „Nebentätigkeit“ in deutscher Sprache.

In dieser Tätigkeit jedoch sah Wittmann die Hauptauf­gabe seines Lebens. So fand er schon früh, 1967, zur Neuen Zeitung in Budapest und zum Verband der Ungarndeutschen. Hier gewann er Freunde und Förderer für sein Hauptanliegen, den Ungarndeut­schen ihre Zweisprachigkeit zu erhalten, gewissermaßen sie ihnen wieder „beizubringen“, besonders auch mit Hilfe der Literatur und der Weiterführung und Vermittlung ihrer jahrhundertelangen Sitten und Bräuche, wobei ihm besonders das Ofener Bergland und hier wiederum besonders seine Heimatgemeinde Promontor, heute ein Vorort Budapests, am Herzen lag.

wittge11In seinem Lebenswerk Holzpuppe, erschienen 1977 in der Anthologie Die Holzpuppe und ebenfalls enthalten auch in Wittmanns einzigem Sammel­band Am Burghügel 1989, ist Promontor auch der nähere Haupt­schauplatz des Geschehens. Hierher kamen vor mehr als 200 Jahren Vorfahren der Ungarndeutschen aus dem Schwarzwald, aus der Umge­bung von Freiburg i.Br. Sie brachten eine kleine Holzpuppe mit, eine Anziehpuppe, auf deren Rücken ihr Geburtsjahr, beginnend mit der Zahl 17 (also 1700) eingraviert war. Die restlichen beiden Zahlen waren nicht zu entziffern, so dass diese Erzählung Anfang des 18. Jahrhunderts im Schwarzwald beginnt, als der Holzfäller Andreas, ein „urwüchsiges Schnitzertalent“ diese Holzpuppe aus dem Holz eines Schwarzwaldbaumes für seine Braut anfertigt. Im zweiten Teil der Holzpuppe, Das Jahr der Flut, erschienen 1979 in der Anthologie Bekenntnisse – Er­kennt­nisse, herausgegeben von Szende Béla im Lehrbuchverlag Budapest, wird die weitere Entwicklung Promontors durch immer neue deutscher Ansied­ler eingangs erwähnt, um dann einen Sprung über 100 Jahre zu riskieren. Dadurch wird die Holzpuppe aus ihrem 100jährigen Dorn­röschenschlaf gerissen. Im dritten und letzten Teil Dunkle Wolken, dessen Veröffent­lichung Wittmann nicht mehr erlebte, sieht man ab von einem kleinen Fragment, das Unsere Post, die Monatszeitschrift der ungarndeutschen Landsmannschaft, anlässlich seines 60. Geburts­tages 1990 brachte, nimmt die angedeutete Dramatik zu und endet schließlich tragisch mit der Vertreibung eines Großteils der Promontoner Schwaben, die hier symbolisch für das gesamte Ungarn­deutschtum stehen. Die Weihnachtsfeier im Jahr 1940 – dem Jahr der Volkszählung, wo nach Muttersprache und Nationalität gefragt wurde –, findet unter „dunklen Wolken“ statt, die dann 1947 im Ausklang ihr Unheil offenbaren, als die Schwabenlisten im Promontorer Ratshaus angesteckt werden. Da wird die Rechnung denjenigen präsentiert, die trotz der geförderten Deutschfeindlichkeit der jüngsten Jahr­zehnte im Jahre 1941 noch immer „unverbesserlich“ waren und sich zur deutschen Muttersprache und Nationalität bekannten, diese damals nicht verleugneten. Diese trotzige Würdigung der „Unver­besserlichen“, die auf einem elementaren Menschenrecht, dem Ge­brauch der Muttersprache, bestanden haben, gibt den traurigen Aus­gang dieser mit der Vertreibung der Ungarnschwaben aus ihrer in­zwischen fast drei Jahrhunderten angestammten Heimat Ungarn enden­den Erzählung doch auch einen Hoffnungsschimmer. Die verbliebene Hälfte kann eines Tages „unverbesserlich“ unter günstigeren Bedingungen, wenn auch in viel bescheidenerem Maße, auf ihrem elemen­taren Menschenrecht bestehen und dies evtl. auch erhalten. Zukunftsträume, wie sie gerade im heutigen demokratischen Ungarn doch nicht ganz aussichtslos scheinen. Dies könnte das Vermächtnis Wittmanns sein, trotz des Verbrennens seiner Holzpuppe bei einem Bombenangriff 1944.

Auch in den meisten seiner Erzählungen bleibt sich Wittmann im „Guten“ wie im „Bösen“ treu. Schon in der ersten ungarn­deutschen Anthologie nach dem Zweiten Weltkrieg Tiefe Wurzeln von 1974 ist Wittmann mit für ihn zwei typischen Texten vertreten: Mit Du frugst mich danach, in der er schildert, unter welchen schwierigen Umständen der Hauptheld seine Deutschkenntnisse er­langte und mit Musikanten spielt auf (beide später auch in seinem Sammelband Am Burghügel 1989 aufgenommen), in der er die Bedeutung der Volksmusik für das kulturelle Leben der Ungarnschwaben, für das Bewahren ihrer Identität hervorhebt, ver­bunden mit der Hoffnung, dass der demokratische Verband der Ungarndeutschen sie fördern bzw. wiederbeleben werde. Nach der geistigen Beziehung zu dem ungarischen Lyriker Jozef Attila kann man hier nun eine seelische Beziehung zu dem weltberühmten ungarischen Prosaautor Mó­ricz Zsigmond (1879-1942) sehen. Móricz veröffentlichte 1910 ein Buch Ohne Musik kann ich nicht leben. Bei Wittmann kann der kollektive Held, kann das gesamte Ungarnschwa­bentum nicht überleben ohne Musik, seine Dorfmusik und ihre Musikanten. Wie weitreichend der Zauber dieser Musik wirkt, schil­dert Wittmann in seiner Erzählung Wie lange lebt der Mensch, aufgenommen in die Anthologie Bekenntnisse – Erkenntnisse.

Die zweite ungarndeutsche Anthologie Die Holzpuppe von 1979 ent­lieh ihren Titel seinem Lebenswerk, dessen ersten Teil sie veröffentlicht. Außerdem enthält sie von Wittmann noch die Erzählung Mariechen du Sonnenstrahl, in der „bezeichnenderweise“ ein Glückssymbol, eine Glücksmünze, auf der einen Seite mit einem Rauchfangkehrer und auf der Rückseite mit einem vierblättrigen Kleeblatt geschmückt, also gewissermaßen ein doppelter Glücksbringer, ihrem Besitzer doch nicht das Erwünschte, die geliebte Marie, bringt. Zu seinem Glück vielleicht?! Außerdem enthält diese Anthologie noch ein Märchen Der Weinbergkönig, das auch Valeria Koch in ihre Anthologie Igele Bigele 1980 aufnahm und der zudem im Sammelband Am Burghügel zu finden ist. Wittmann lokalisiert den Wirkungsbereich des Weinberg­königs in sein Promontorer Heimatgebiet, aber sehr lehrerhaft. Ebenfalls in dieser Anthologie ist auch die Erzählung Leni Base (wie auch im Sammelband Am Burghügel) zu finden. Béla Szende interpretiert im Nachwort diese Erzählung, in der nach einem Unfall Opfer und Täter sich näher rücken, als Symbol für die harte Lebenserfahrung, dass für gute zwischenmensch­liche Beziehungen Opfer gebracht werden müssen.

Auch in der dritten ungarndeutschen Anthologie Bekenntnisse – Erkenntnisse 1979, ist Wittmann gut vertreten. Das Jahr der Flut bringt dort den zweiten Teil der Holzpuppe, sowie die Erzählung Im Wolkenkratzer (ebenfalls im Sammelband Am Burghügel enthalten), die den schmerzhaften Umzug vom Lande in die Gruft des Wolkenkratzers mitsamt Identitätsverlust behandelt – bei Minderheiten, die noch viel tiefer in ihrer ländlichen Umgebung verwurzelt sind, besonders schmerzlich.

Die ausschließlich Mundart­texte enthaltende Anthologie Ti Sproch wiedergfunde von 1989 bringt neue Texte von Wittmann, sowie erneut den Teiflischen Hund. Die 1990 in der Bundesrepublik herausgebrachte ungarndeutsche Anthologie Bekenntnisse eines Birkenbaumes publiziert ebenfalls erneut die Erzählung Im Wolkenkratzer aus der Anthologie Jahresringe von 1983/84. Der Text Der Nikolaus kommt heuer nicht mehr zeigt sym­bolisch den Tod des Nikolausdarstellers durch einen „wirklichen Verkehrsunfall“, und die beiden Lausbubengeschichten Aus Wuzis Tagebuch treffen gut die Vorstellungswelt eines Pubertierenden, der sich an den ihn nicht verstehenden Personen seiner Umwelt zu rächen weiß. Hier wird man leicht, wenn auch in gebührender Verhältnismäßigkeit, stellenweise an Móricz Zsigmonds Roman meines Lebens erinnert, wo Móricz über seine Jugenderlebnisse berichtet.

Wittmanns einziger Eigenband, der Prosaband Am Burghügel, 1989 zusammengestellt von Johann Schuth und im Lehrer­buchverlag Budapest erschienen, enthält außer den hier schon erwähnten Erzählungen die Erzählung Am Burghügel, wo ein durch den Krieg getrenntes Liebespaar sich nach langer schicksalsschwerer Trennung in der alten Heimat Ungarn auf dem Burghügel, dem Lieblings­platz ihrer Kindheit, wiederfindet. Ein Symbol auch der Ost-West-Beziehung, die das Erscheinen dieser ansonsten recht biederen Erzählung beträchtlich verzögert haben soll. Am Ende des Sammelbandes steht noch die Mundarthumoreske Im Kupee, die symbolisch, wie es symbolischer kaum noch geht, die Situation Wittmanns als ungarndeutscher Autor beleuchtet: Im Dia­lekt kommt er mit Mitreisenden Ungarnschwäbinnen ins Gespräch. Er hat die Anthologie Die Holzpuppe dabei und kann sich damit als ungarnschwäbischer Autor ausweisen. Eine der rüstigen Schwä­binnen will sein Buch als Andenken behalten. Inständig muss der Autor seine resolute Landsmännin bitten, es ihm zurückzugeben, da er kein anderes Exemplar mehr besitze und die ganze (geringe) Auflage vergriffen sei. Besser hätte man die mitunter tragisch-komische Situation der ungarndeutschen Literatur in der Planwirt­schaft des realexistierenden Sozialismus gar nicht darstellen können. Statt zu verkaufen und den Leser mit Büchern einzudecken, muss der Autor sein veröffentlichtes Werk von potentiellen Lesern zurückverlangen, um sich damit weiterhin als Nationalitätenautor ausweisen zu können. Dies alles zu brin­gen gelingt Wittmann in einer anschaulichen, lebendigen, von Situationskomik strotzenden Sprache – in der Mundart, die ja für die meisten Ungarndeutschen noch die eigent­liche Umgangssprache in der Familie und im Freundeskreis ist. Auch die Figurensprache ist hier ohne jede künstliche Stilisierung und dies zeigt erneut, dass Georg Wittmann für den Zeitabschnitt der 1970er und 80er Jahre der ungarndeutschen Literatur noch lange – und nicht bloß literar­historisch – lebendig bleiben wird.

Abb.: http://vorosvariujsag.pilisvorosvar.hu/2013/augusztus/images/vorosvariujsag_083.jpg

Ingmar Brantsch

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