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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Wuthenow, Alwine

Schriftstellerin

* 1820, 16.09.
Neuenkirchen bei Greifswald/Pommern

† 1908, 08.01.
Greifswald

Es war ein Fluch, der über ihrem Leben lastete. Angstzustände und Zwangsvorstellungen haben sie ein Leben lang begleitet, und obwohl sie von vielen geliebt wurde, ist sie niemals richtig glücklich geworden: Alwine Wuthenow, die zur Feder griff und ihren Gefühlen Worte verlieh – und zwar in plattdeutsch -pommerscher Mundart. Die Werke keines anderen Mundartdichters ihrer Heimat wurden so bekannt wie ihre, und so gebührt Alwine Wuthenow ein Ehrenplatz in der niederdeutschen Literaturgeschichte, der ihr lange versagt geblieben ist.

Es war am 16. September 1820, als die Frau des Predigers Balthasar in Neuenkirchen bei Greifswald mit einer Tochter niederkam. Das Kind wurde zu früh geboren: Im Pfarrhaus lebten mehrere Pflegekinder, von denen eines im Sommer beim Spielen im Teich neben dem Pfarrhaus ertrunken war. Als der Vater, ein österreichischer Offizier, den Leichnam seines Sohnes heimholte, verfluchte er das Haus, die Pfarrersfrau und das ungeborene Kind, das sie erwartete – sie erschreckte sich so sehr darüber, dass die Wehen einsetzten und sie vor der Zeit ihre Tochter auf die Welt brachte.

Alwine war noch klein, als ihr Vater als Superintendent nach Gützkow versetzt wurde, wo sie mit drei Schwestern und mehreren Pflegegeschwistern eine unbeschwerte Kindheit verleben durfte. Bald zeigte sich, dass Alwine außerordentliche Begabungen besaß, die der Pastor förderte, wo er nur konnte. Voller Stolz ließ er es zu, dass sie mit großem Eifer las, was immer ihr in die Hände fiel.

Alwine war erst sieben Jahre alt, als ihre Mutter starb. Kurz nach deren Tod zeigten sich zum ersten Mal Angstzustände, und niemand konnte das Mädchen davon befreien. Der Pastor heiratete wieder, und auch der Stiefmutter, die sich in liebevollster Weise des verängstigten Kindes annahm, gelang es nicht, die drohenden Schatten zu vertreiben. Es ist überliefert, dass sie oft an den Fluch gedacht hat, der über Alwines Geburt lastete, undmanchmal schien es ihr, als hätte er sich tatsächlich erfüllt.

Alwine wurde zum Greifswalder Professor Hornschuch in Pflege gegeben, aber als sie nach drei Jahren nach Gützkow zurückkehrte, war sie nicht geheilt. Sie war 16, als sie zum ersten Mal in eine Anstalt gebracht wurde. So unglücklich Alwine dort auch gewesen ist, begann sie doch zu schreiben, wenn sie an manchen Tagen frei war von den quälenden Vorstellungen. Schon jetzt verfasste sie ihre Verse auf plattdeutsch; sie hielt religiöse, aber auch heitere Gedanken oder Naturbetrachtungen in ihren Gedichten fest.

Alwine schien in der Heilanstalt tatsächlich zu genesen: Nach zwei Jahren kehrte sie als gesund nach Hause zurück. Bei einem Fest lernte sie den jungen Gützkower Bürgermeister Ferdinand Wuthenow kennen, der sich auf der Stelle in das auffallend hübsche, anmutige junge Mädchen verliebte und um seine Hand anhielt. Seine Freunde warnten ihn, und sogar der Pastor riet ihm von einer Heirat mit seiner Tochter ab, aber Wuthenow bestand auf seinem Wunsch. Alwine war 22 Jahre alt, als sie Ferdinand Wuthenow ihr Ja-Wort gab.

Die junge Frau war glücklich – die Angstzustände waren nicht mehr aufgetreten, sie liebte und wurde geliebt; und nur noch selten kehrten die Alpträume zurück. Besser, als es jeder von ihr erwartet hatte, erfüllte sie die Pflichten einer Bürgermeistersfrau. Bald bekam Alwine einen Sohn – es schien, als könne nichts ihr Glück trüben.

Im Jahre 1848 schwappte die Welle der Revolution auch nach Pommern. Pastor Balthasar als geistliches Haupt des Städtchens Gützkow wurde wie sein Schwiegersohn, der Bürgermeister Wuthenow, vom rasenden Pöbel bedroht, Wuthenow sogar für abgesetzt erklärt. Er konnte durch sein mutiges, besonnenes Auftreten verhindern, dass ihm und seiner Familie ein Leid zugefügt wurde – seine größte Sorge galt Alwine, die kurz vor einer Niederkunft stand und um das Leben ihres Mannes und ihres Vaters zitterte: Ferdinand hatte zwei Bewaffnete vor ihrem Zimmer postiert, aber auch ihnen gelang es kaum, die junge Frau zu beruhigen. Als sich die Wogen wieder geglättet und weder Pastor noch Bürgermeister ernstlichen Schaden erlitten hatten, schwanden auch Alwines Ängste.

Ein Jahr später wurde Wuthenow ans Greifswalder Kreisgericht versetzt. Hier kamen plötzlich die alten Zwangsvorstellungen in so heftiger Weise wieder, dass Alwine erneut in eine Heilanstalt gebracht werden musste. Gesund ist sie nie wieder geworden. Viele Jahre musste sie in Anstalten verbringen; die Aufenthalte bei ihrem Mann und ihren später fünf Kindern waren nur von kurzer Dauer, aber Ferdinand stand treu zu ihr.

Sobald die schlimmsten Zustände vorüber waren, griff sie zur Feder – das folgende Gedicht ist wie viele andere während eines Anstaltaufenthalts verfasst worden:

„Nu draag ick ‘t nich länger, nu ward ‘t mi tau dull!
Ick kann ‘t nich verlopen, so giern ick uck wull!
Un kann ‘t nich verfleigen, so giern ick uck mücht,
taum Wannern kein Paß nich, taum Fleigen kein Flücht!
Ji Wolken, ji weit ‘t woll, wohen ick giern tög,
ji Vögel, ji weit ‘t woll, wohen ick giern flög.
Ji weit ‘t, wo deit jagen dat mächtige Wuurt,
wo ‘t brennt up den Harten: ‚Ick möt fuurt, ick möt fuurt!‘“

Ferdinands Freund Fritz Reuter gab 1855 sein Unterhaltungsblatt für beide Mecklenburg und Pommernheraus – Ferdinand schickte ihm dafür einige Gedichte seiner Frau. Reuter war begeistert und veröffentlichte in mehreren Ausgaben Alwines plattdeutsche Lyrik. Sie wagte sich, von dem Erfolg bestärkt, jetzt auch an ein Lustspiel und kleinere Weihnachtsstücke für ihre Kinder.

Immer wieder drängte Ferdinand sie, doch ihre Gedichte in einem eigenen Band zu veröffentlichen; vor allem, nachdem Reuters Unterhaltungsblatt nach nur einem Jahr wieder eingegangen war. Zögernd erklärte sich Alwine dazu bereit. Fritz Reuter wollte die Herausgabe der Gedichtsammlung übernehmen, und tatsächlich erschien im Herbst 1857 Alwines erstes Buch unter einem Pseudonym. Der Titel lautete En paar Blomen ut Annmariek Schulten ehren Goahrn von A. W. Der Gedichtband wurde ein Erfolg; die einfachen Worte, in die die kranke Frau so viel von ihrer Seele legte, trafen die Leser ins Herz. Briefe von Bewunderern flatterten in die Heilanstalt, und Alwine war fast glücklich. Schnell war das Buch vergriffen, und 1860 erschien eine zweite Auflage. Im Jahr darauf gab Reuter eine weitere Gedichtsammlung Alwines heraus, die den Titel trug: Nige Blomen ut Annmariek Schulten ehren Goren von A.W. Alwine selbst übernahm 1862 die Herausgabe ihrer hochdeutschen Gedichte, die auch gern gelesen wurden, hinter den plattdeutschen aber zurückstehen. Eine dritte Auflage derBlomen wurde nötig; 1896 erschien eine neue Sammlung, die ihre besten Gedichte und einige noch unveröffentlichte enthielt.

Trotz ihres literarischen Erfolges konnte Alwine jahrelang nur kurz die Anstalt verlassen – erst 1874, sie war 54 Jahre alt, durfte sie für immer nach Hause zurückkehren, ohne ganz geheilt zu sein. Acht glückliche Jahre konnte sie an der Seite ihres Mannes verbringen, bis er 1882 starb. Alwine erholte sich nur langsam von dem schweren Verlust, aber auch diese Situation bewältigte sie, indem sie schrieb. 26 Jahre blieben ihr noch, in denen sie bei ihrer jüngsten Tochter in Greifswald lebte, ihre Kraft im Gebet fand und dichtete.

Als Alwine Wuthenow am 8. Januar 1908 starb, ging sie gern: Hochbetagt und lebenssatt hatte sie auf den Tod gewartet, und er kam als Freund:

„Se segg’n, du büst een schlimmen Mann,
Gevatter Dood, Fründ Klapperbeen,
se zittern all un bäwern so,
wenn du di bloot von fiern lettst sehn;
doch ick weet nix von all so wat;
woto ok dat?

Ick hew an di mien beste Hög,
wenn wi so’n Stünning snackt mitsaam,
is’t door nich oft as Engelsgruuß
dörch ‘t Haart mi bäwt so wunnersaam?
As güng ick dörch een Sommernacht
von stille Pracht?

O! ‘t is een egen schöne Welt,
dei mit di kümmt un mit di geit,
dei von kein Arbeit, Sorg un Noot
un von kein Trennungsquaal mier weit,
kein’ Harwststorm kennt – de still und schön
bliwt eweig grön …“

Lit.: Otto Altenburg, Alwine Wuthenow (1820-1908), in: Adolf Hofmeister u.a. (Hrsg.), Pommersche Lebensbilder, Band 1. Pommern des 19. und 20. Jahrhunderts, Stettin 1934, S. 197-207. – Kurt Gassen, Pommersche Literatur von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Greifswald 1930. – Walter Schröder, Plattdeutsche Lyrik mit besonderer Beziehung auf Pommern, Stettin 1930. Daraus Zitat: „Nu draag ick ‘t nich länger, nu ward ‘t mi tau dull …“, S. 203; sowie Zitat: „Se segg’n, du büst een schlimmen Mann …“, S. 204. – Wolfgang Stammler, Geschichte der niederdeutschen Literatur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart, Leipzig/Berlin 1920. – Wodarz-Eichner, Eva: Ich will wirken in dieser Zeit. Bedeutende Frauen aus acht Jahrhunderten. 52 Kurzbiographien. Bonn 2008. S. 223-227.

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