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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Bauer, Felice

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Malerin, Verlobte von Franz Kafka

* 1887, 18.11.
Neustadt/Oberschlesien

† 1960, 15.10.
Rye, New York/USA

Am Abend des 13. August 1912 trafen Franz Kafka und Felice Bauer das erste Mal zusammen. Sie war aus Berlin gekommen – seit 1909 bei der Berliner Carl Lindström A.G. angestellt, einer Firma, die Grammophone und Diktiergeräte produzierte. Binnen weniger Jahre war sie zur Prokuristin aufgestiegen. Die Verbindung hatte sich dadurch ergeben, dass Max Brods Schwester mit einem Vetter von Felice verheiratet war. Sezierend scharf analysierte Kafka die neue Bekannte in seinem Tagebuch: „Knochiges leeres Gesicht, das seine Leere offen trug. Freier Hals. Überworfene Bluse … Fast zerbrochene Nase. Blondes, etwas steifes, reizloses Haar, starkes Kinn.“ Sie erinnert ihn an ein Dienstmädchen, was bei Kafka immer eine erotische Komponente hat. „Zum Seufzen“ gefalle sie ihm, hat er notiert, und die Bemerkung später als „blödsinnig“ zurückgenommen. Das Gespräch muss an diesem Abend vor allem um eine geplante Palästina-Reise gekreist sein, aber auch um Theater, Operette und Revue. Felice gab Kafka auch zu verstehen, dass sie neben ihrer Berufsarbeit in den Abendstunden Manuskripte in die wissenschaftliche Maschine tippe, was ihr Vergnügen bereite. Man trennt sich freundlich, doch wird man sich erst nach sieben Monaten wiedersehen. Immerhin wechselt man Briefe zwischen Prag und Berlin – Kafkas Briefe werden zur Selbstbespiegelung, zu einem zweiten Tagebuch. Nur sie liegen der Nachwelt vor.

Der kenntnisreiche Biograph Peter-André Alt begreift Felice als „erschriebene Geliebte“. Kafka habe sich in dem im Druck mehr als 700 Seiten umfassenden Briefwechsel ein eigenes Ich entworfen, und zugleich damit ein Du, an das er sich adressieren konnte. Elias Canetti sah es in seinem grandiosen Essay anders, und wurde der Person Felice Bauer damit wohl tiefer gerecht: „Das Wichtige an Felice war, dass es sie gab, dass sie nicht erfunden war und dass sie so, wie sie war, nicht von Kafka zu erfinden wäre.“

Wer war Felice Bauer zum Zeitpunkt der Begegnung? Sie hatte drei Schwestern und einen Bruder, Ferdinand, einen eleganten Dandy, aber notorisch unzuverlässig. Fleiß und Talent hoben sie unter ihren Geschwistern heraus. Sie ernährte die Familie, in einer Eigenständigkeit gegenüber den Ihren, zu der es Kafka nie bringen sollte.

Sie schreiben sich fortan täglich. In Kafkas Rhetorik verflechten sich Charme und Liebeswerben mit Abwehr und Stocken zu einem unlösbaren Gemisch. So bezeichnet er sich als einen „Vampir“, der sein Leben aus ihren Briefen sauge.

Felices Familienverhältnisse waren keineswegs harmonisch. Der Vater betrog die Mutter. Die ältere Schwester war eine Liaison mit einem verheirateten Mann eingegangen und von ihm schwanger; der jüngere Bruder war wegen Untreuedelikten angeklagt. Nur andeutend schreibt Felice von „ihrem Unglück“.

Unverkennbar ist, dass Kafka einzig über den Brief mit Felice kommunizieren möchte. Das Telefon, naheliegend bei ihrem Beruf, erschreckte ihn. Er holte in der Folgezeit durch eine Detektei Erkundigungen über Felice ein. Später setzte er auch seinen Freund Ernst Weiß auf ihre Spur: wie einen advocatus diaboli, der das wochenlange Schweigen aufklären soll. Die Beziehung vollzog sich dann in der Folgezeit durch zwei Personen vermittelt, die junge Grete Bloch, eine Freundin Felices, und Ernst Weiß.

Am Ostersonntag 1913 März trifft man sich wieder. Der Vertraulichkeit der Briefe, eine eigentümliche Intimität in der Distanz, kontrastiert nunmehr die Fremdheit im persönlichen körperlichen Gegenüber. Kafka gestand sich in der Folge ein, dass er Felice letztlich nicht anziehend fand; die Liebesillusion erwies sich als brüchig. Nachdem es zu Pfingsten zu einer erneuten Begegnung kommt und Kafka mit der Familie bekannt geworden war (wohl nicht zum wechselseitigen Gefallen), hält er Ende Juli in einem unter Mühen und Qualen abgefassten Brief um ihre Hand an. Am 28. August des Jahres konterkariert er sich selbst und richtet an Felice einen wohlkalkulierten eisigen Brief, der vor allem einen Zweck hat: vor sich selbst zu warnen. In kaltem Gestus hintertrieb Kafka dabei auch den ein Jahr dauernden Briefwechsel am 15. August: „Ein großer Briefverkehr ist ein Zeichen dafür, dass etwas nicht in Ordnung ist. Der Frieden braucht keine Briefe“.

Kafka unternimmt eine Sommerreise, die ihn zum Neunten Zionistischen Weltkongress in die Schweiz führt. Seit Oktober lebt er in einem Sanatorium in Riva am Gardasee, wo es zu einer Liebesbeziehung mit einer jungen Schweizerin gekommen sein muss. Im Verhältnis zu Felice stellt sich wochenlanges Schweigen ein. Die Dinge verkomplizieren sich weiter, als Grete Bloch bei Kafka durch einen Besuch in Prag interveniert und, gleichsam als Dolmetscherin, ihn dazu zu bringen sucht, die persönliche Begegnung und die Ehe zu wagen.

Trotz aller Kalamitäten kommt es am Pfingstsonntag 1914 zur Verlobung. Kafkas Eltern und die Schwester Ottla sind dabei. Er schreibt eine Woche später im Rückblick: „War gebunden wie ein Verbrecher“. Im Sommer 1914, die Kriegsmaschinerie rollt an, kommt es in einem Berliner Hotel zu einer gerichtsähnlichen Situation. So hat es Kafka im Rückblick auch selbst gesehen. Corpus delicti sind Kafkas Briefe an Grete Bloch, die nun nicht als Vermittlerin firmiert, sondern sich mit Felice gegen Kafka verbündet. Die Gewissheit, die in den Briefen an Felice die Oberhand gewonnen hat, wird konterkariert durch fortdauernde Zweifel, aber auch verführerische Annäherungen an die Freundin. Das Tribunal endet mit beidseitiger Lösung der Verlobung.

Felice Bauers Leben ist seit der Begegnung mit Kafka extrem unglücklich verlaufen: Eine Kette privater Desaster, die mit dem Tod des Vaters ihren vorläufigen Höhepunkt findet. Sie sucht die Aussprache mit Kafka, vielleicht auch die Versöhnung. Dazu kommt es im Januar 1915 an der deutsch-österreichischen Grenze. Im Mai verbringt man Pfingsttage in der Sächsischen Schweiz. Die Beziehung scheint sich zu festigen. Auf Vermittler verzichtet man fortan – doch die konstante Nähe kann Kafka nicht ertragen, vor allem nicht während seiner Arbeit. Der Marienbader Sommer 1916 muss beides gebracht haben: erotische Vertrautheit und innere Fremdheit. Felice bringt ihn auf, als sie seine Lesung aus eigenen Manuskripten mit wechselnden Meinungen und banalen Bemerkungen kommentiert. Gleichwohl, nach einem – verlorengegangenen, offensichtlich regen – Briefwechsel zu Beginn des Jahres 1917 kommt es zu einer stillen, fast heimlichen Verlobungsfeier im Juli 1917. Hier ist die bekannte Fotografie entstanden. Felice, die im Krieg ehrenamtlich im „Jüdischen Volksheim“ arbeitet, wird Kafka wohl erneut zur Vermittlerin von Welt, sowohl des Zionismus wie der Kriegserschütterungen. Es gibt Pläne einer baldigen Heirat und dazu, sich gemeinsam in Prag niederzulassen.

Im Sommer 1917 verstärken sich die Vorboten von Kafkas „Krankheit zum Tode“, der schweren Tuberkulose, in bedrohlichem Ausmaß. Er verbringt den Herbst in Zürau, wo seine Schwester Ottla eine kleine Pension betreibt. In den gleichförmig verlaufenden Tagen wird in ihm der Entschluss zur endgültigen Auflösung der Verlobung gereift sein. Dazu kommt es im Dezember 1917. Max Brod erinnert sich, dass das Paar wirkte, als stehe es unter Schock. Am 27. Dezember bringt Kafka Felice zum Bahnhof – man wird sich niemals mehr wiedersehen.

Er empfindet die Trennung freilich als Verrat, zu sühnen nur durch Askese und Reinheit, wozu zunächst das Exerzitium einer äußerst intensiven Kierkegaard-Lektüre gemeinsam mit Max Brod beiträgt. Es mag sein, dass seine raison d’être als Schriftsteller, auch als Sohn, davon abhing, die Ehe letztlich nicht zu realisieren. Felice Bauer tritt für eine dramatische Zeit in den Lichtkegel des Genius. Sie hat ihm standgehalten, ein Leben im Malstrom des 20. Jahrhunderts bestanden, das Respekt abfordert. Obwohl wir ihre Briefe nicht kennen, gewinnt sie in Kafkas Spiegelung Gestalt. Ihre lebensweltliche Erfahrung hat sein Werk inspiriert, fruchtbarste, geradezu eruptive Arbeitswochen stehen unter dem Einfluss ihrer Berichte. Mit äußerster Eifersucht überwachte Kafka ihre vielfältigen Lektüren, etwa von Franz Werfel. Letztlich musste er sich eingestehen, dass sie keinen Zugang zu seinem Werk hatte.

Felice Bauer heiratete im Jahr 1919 den Bankier Moritz Marasse (1873-1950), einen 14 Jahre älteren Mann. Aus der Ehe gehen zwei Kinder hervor, der Sohn Heinz (*1920) und eine Tochter Ursula (1921-1966). 1931 siedelt die Familie in die Schweiz über, 1936 emigriert sie in die Vereinigten Staaten. Felice erkrankt in ihren späten Jahren schwer und gerät in anhaltende Geldschwierigkeiten, weshalb sie in späteren Jahren ihren Briefwechsel mit Kafka an den Verleger Salman Schocken veräußert.

Lit.: Franz Kafka, Briefe an Felice. Herausgegeben von Erich Heller und Jürgen Born. Frankfurt/ Main 1976. – Peter-André Alt, Franz Kafka. Der ewige Sohn. Eine Biographie. München 2005. – Elias Canetti, Der andere Prozess. Kafkas Briefe an Felice. München 1985.

Bild: Verlobungsfoto 12. Juli 1917, Archiv Klaus Wagenbach Berlin, hier nach Alt, S. 449.

Harald Seubert