Kulturportal
Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Katz, Leo

katzle92.jpg

Schriftsteller

* 1892, 22.01.
Sereth/Bukowina

† 1954, 09.08.
Wien

Leo Katz hat sämtliche Bedrohungen und Beschwerlichkeiten durchleiden müssen, die ein Minderheitenschicksal in unserem Jahrhundert zu bieten hatte. Als Jude war er in der österreichischen Bukowina zunächst problemlos in den deutschen Kulturkreis integriert worden, hatte seine Geschichtsstudien 1920 an der Universität Wien mit einer Dissertation über die Geschichte der Juden im Mittelalter abgeschlossen. 1918 war die Bukowina Rumänien zugesprochen worden, und viele Bukowiner Juden befürchteten Diskriminierungen. Aus diesem Grund suchten sie in der Aussiedlung ihr Heil: Leo Katz gehörte zu diesen Emigranten, die in New York eine Bleibe zu finden hofften. 1920 war Katz als Fabrikarbeiter in den USA, 1922 kehrte er nach Europa zurück und betätigte sich in Wien als Journalist; Mitarbeit an KP-Zeitungen in Österreich und Moskau gingen einer Übersiedlung nach Berlin (1930) voraus. In Berlin war Katz Redakteur der Roten Fahne und Mitglied der KPD. 1933 emigrierte er nach Paris, war von dort aus unterwegs nach Spanien, wo er Waffenkäufe für die Franco-Gegner tätigte. 1938 sah sich Katz gezwungen, Europa zum zweiten Mal zu verlassen.

In Mexiko fand Katz ein Betätigungsfeld, weil dort eine beträchtliche Gruppe deutscher Kommunisten kulturell tätig war. Zusammen mit Ludwig Renn, Otto Katz, Andre Simone trug Katz zur Schaffung des Verlags Alemania libre bei, der antifaschistische Literatur förderte sowie ein Schwarzbuch gegen den Nationalsozialismus edierte. Neben den Romanen von Anna Seghers (Das siebte Kreuz, 1943) und Franz Carl Weiskopf, Lion Feuchtwanger erschien 1944 der erste Roman von Katz, Totenjäger,der von der Kritik in den Exilländern mit viel Anerkennung aufgenommen wurde. Das hat den Autor wohl in seiner Absicht bestärkt, ebenso wie in den Totenjägern ein weiteres Fresko von Ereignissen aus der Südbukowina zu schaffen. Zunächst sollte der neue Roman Brennende Dörfer heißen, dann kam es zu einer amerikanischen Erstauflage unter dem Titel Seedtime, schließlich liegt ein bisher nicht veröffentlichtes Typoskript, die Fassung letzter Hand, vor, das Sturmsaat heißt. Es geht Katz um ein Thema, das schon zu Jahrhundertbeginn von einem seiner Landsleute, Marco Brociner, behandelt worden war: den rumänischen Bauernaufstand des Jahres 1907. Wenn die Totenjäger zu zeigen bemüht waren, wie sich in Rumänien ein Widerstand von Bauern und jüdischen Gemeinden gegen den Faschismus herausbildete, wie dieser Widerstand dazu führte, Terror und Unduldsamkeit zu beseitigen (dieser Geschichtsoptimismus gehörte mit zum Programm der Alemania-libre-Gruppe), so sollte der Roman Sturmsaatzeigen, daß ein von Wien aus inszenierter Antisemitismus auch die Bauernrevolte des Jahres 1907 beeinflußt hatte.

Leo Katz, der in Mexiko unter dem Pseudonym Joel Amos politische Artikel publizierte, sich in den Zeitschriften Freies Deutschland und Austria libre häufig zu Wort meldete, die Theatertätigkeit der Exilschriftsteller unterstützte, politische Tätigkeiten im Untergrund mitorganisierte, war aus gesundheitlichen Rücksichten bis 1948 im Exil. Dann kehrte er nach Wien zurück, wo er sich einen ruhigen Lebensabend erhoffte. Seine weiterhin linkslastigen Publikationen sind zum Teil in der DDR erschienen, z.B. der Jugendroman über Spartakus. Von seinen späteren Romanen ging auf das Lesepublikum kaum mehr eine Wirkung aus, was wohl ein Grund dafür war, daß die Exilbücher von Katz nicht neuaufgelegt wurden. Auch eine Sammlung seiner zahlreichen politischen und kulturgeschichtlichen Aufsätze ist bisher nicht erfolgt. Die Schwierigkeit, die Exilprobleme einer neuen Generation verständlich zu machen, mögen den Hintergrund für die geringe Resonanz abgegeben haben. Wo Katz jedoch der Kritik auffiel, gab es durchwegs Zustimmung und Anerkennung.

Die Bedeutung des Gesamtwerks von Leo Katz liegt jenseits seiner politischen Bekenntnisse. Sie hat damit zu tun, daß er eine heute weitgehend verschwundene Welt von Originalen, die eine naturnahe Unmittelbarkeit auszeichnete, gestaltete, daß er mit Humor und Satire die zahlreichen Facetten dieser südöstlichen Buntheit erfaßte, daß er die verheerenden Folgen einer gezielten Fanatisierung der ethnischen, konfessionellen Klein- und Kleinstgruppen in Südosteuropa präzise darstellte und damit Zeitbilder schuf, die auch in ihren Fehldeutungen symptomatisch, in ihren Wunschbildern verständnisfördernd sind. Zeitgeschichte als Fiktion und Wirklichkeit ist in allen Erzählungen von Katz in untrennbarem Ineinanderverwobensein mitgestaltet worden.

Werke: Totenjäger, Roman, 1944. – Seedtime (Sturmsaat), Roman, 1947. – Die Grenzbuben, Erzählung, 1951. – Tamar. Erlebnisse aus den Tagen des Spartacus-Aufstandes, 1952. – Die Welt des Columbus, Roman, 1954. – Der Schmied von Galiläa, Roman, 1955.

Lit.: Wolfgang Kießling: Alemania libre in Mexiko, 1974. – Horst Fassel: Mythos und Pamphlet. Die Distanz zur Wirklichkeit in der Exilliteratur, in: Exil, II (1982), Nr. 2, S. 48-59. – Horst Fassel: Die Einsamkeit des Leo Katz oder Die Standhaftigkeit eines Wunschdenkens, in: Die Bukowina. Studien zu einer versunkenen Literaturlandschaft. Hg. von D. Goltschnigg u. A. Schwob, Tübingen, 1990, S. 199-214.

Wünschen Sie Änderungen oder Ergänzungen? Dann schreiben Sie uns dies bitte mit Angabe der betreffenden Person.