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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Stenner, Friedrich Wilhelm

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Stadtarchivar, Lokalhistoriker

* 1851, 26.08.
Kronstadt/Siebenbürgen

† 1924, 07.02.
Kronstadt/Siebenbürgen

Friedrich Wilhelm Stenner, am 26. August 1851 in Kronstadt geboren, hat sich um das Archiv seiner Vaterstadt und um die lokalgeschichtliche Forschung, aber auch um die Kenntnis der Landesgeschichte, bleibende Verdienste erworben. Nach Absolvierung des Honterusgymnasiums widmete er sich 1871–1875 juristischen Studien an den Universitäten in Graz und Budapest und wurde nach seiner Rückkehr zuerst als Sekretär beim Stadt- und Distriktsmagistrat angestellt, im Jahre darauf zum Notar ernannt und rückte 1877 zum Expeditionsleiter der Magistratskanzlei auf.

Eine neue Wendung nahm sein Leben, als er am 29. Juni 1878 Stadtarchivar wurde. In dieser Stellung fand er im Laufe eines Vierteljahrhunderts ein weitreichendes Betätigungsfeld.

Zur Erlangung einer entsprechenden Qualifikation für sein neues Amt besuchte Friedrich Stenner im Jahre 1879 einen Kursus für Paläographie und Diplomatik beim Hermannstädter Archivar Franz Zimmermann (1850–1935). Noch während seines Hermannstädter Aufenthaltes verfaßte Stenner ein Gutachten mit Vorschlägen zur entsprechenden Einrichtung des Kronstädter Stadtarchivs, für deren Verwirklichung er sich einsetzte. Die von Friedrich Stenner eingeführte Ordnung ist auch heute noch in weitem Maße gültig. Er teilte die Archivalien nach formellen Kriterien ein in: I. Urkunden, II. Akten, III. Rechnungen, IV.Protokolle, V. Repertorien, VI. Privatakten, VII. Bibliothek, VIII. Karten und Pläne, IX. Depositakten, X. Urbarialakten.

Aus den ungeordneten Archivalien stellte er die heute noch nach ihm benannte Stenner’sche Urkundensammlung in zwei Serien zusammen. Die lateinisch-ungarisch-deutsche Serie enthält über 1000 Urkunden und Akten aus den Jahren 1380–1820. Die slawisch-rumänische Serie enthält über 700 Urkunden aus der Zeit vom 14. bis zum 18. Jahrhundert. Stenner war der erste, der nach mehreren hundert Jahren der Nichtbeachtung diesen höchst wertvollen Urkunden die gebührende Aufmerksamkeit widmete. Es sind diese Urkunden der Fürsten der Walachei und der Moldau sowie anderer weltlicher und kirchlicher Würdenträger der Donaufürstentümer die wichtigsten Beweise für die ständigen engen Beziehungen Kronstadts zu diesen Ländern im Laufe des Mittelalters und bedeutende Zeugnisse selbst für die Geschichte der Moldau und Walachei. Die berühmteste Urkunde der Stenner-Sammlung ist wohl der Brief des Kaufmanns Neacşul aus Câmpulung (Langenau) aus dem Jahre 1521 an den Kronstädter Stadtrichter Hans Benkner, das älteste bis heute bekannte datierte Schriftstück in rumänischer Sprache. Als Stenner seinen Fund im Jahre 1894 den rumänischen Forschern Ioan Bogdan und Grigore Tocilescu mitteilte und diese die Bedeutung der Urkunde erkannten, wurde ihm der „Rumänische Kronen-Orden“ für seine Verdienste um die rumänische Geschichte verliehen. Stenner hat später auch den großen rumänischen Historiker Nicotae Iorga (1871–1940) wesentlich in seinen Forschungen unterstützt und für die Rumänische Akademie viele Urkunden zur Geschichte der Rumänen abgeschrieben, die dann von Iorga veröffentlicht wurden. Auch ausländische Forscher, wie z.B. Liubomir Miletitsch (Sofia) und Polyhronius Syrku (St. Petersburg), verwerteten mit Stenners Hilfe die Urkunden des Kronstädter Archivs, das auch viele Beiträge zum „Urkundenbuch zur Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen“ von Franz Zimmermann lieferte.

Außer „eigentlichen“ Archivalien hat Stenner auch eine reiche Fotografiensammlung angelegt, die er zu größeren und kleineren Alben binden ließ, die heute von besonderem historischen Wert sind und in den letzten Jahren in mehreren Publikationen über das alte Kronstadt verwendet wurden. Ebenso legte er auch eine schöne Sammlung von Postkarten aus der Zeit bis um die Wende zum 20. Jahrhundert an.

Friedrich Stenner war ständig um die Auswertung des reichen Kronstädter Archivs bemüht. Schon zu Beginn seiner Dienstzeit als Archivar stellte er sich zusammen mit mehreren jungen Geschichtsprofessoren zur Herausgabe der „Quellen zur Geschichte der Stadt Kronstadt“ zur Verfügung. Von den acht Bänden dieses Werkes, die 1886–1926 erschienen sind, hat Stenner besonders an den ersten drei Bänden mitgearbeitet, in denen die alten Stadtrechnungen bis 1550 und die Steuerlisten bis 1500 veröffentlicht wurden. Durch ihre Ausführlichkeit bieten die Stadtrechnungen höchst wertvolle Dokumente nicht nur zur Geschichte der Stadt und der umliegenden Dörfer, sondern auch für die vielschichtigen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu den rumänischen Fürstentümern. Auch an den folgenden Bänden der „Quellen“ mit Chroniken und Tagebüchern war Friedrich Stenner beteiligt.

Eine erste sichtbare Frucht der Arbeit Stenners war seine Mitarbeit an der Dokumentation für das Buch „Zur Geschichte der Sanitätsverhältnisse in Kronstadt“ (1884), dessen Verfasser der Stadtarzt und Medizinhistoriker Dr. Eduard Gusbeth ist.

Stenner war auch Mitarbeiter am „Verzeichnis der Kronstädter Zunfturkunden“, das anläßlich des im August 1886 abgehaltenen Gewerbetages und der Gewerbeausstellung im Kaufhaus als erste derartige Arbeit im Landesmaßstab erschien.

Als Stadtarchivar mußte Stenner verschiedene Dokumentationen für den Magistrat erarbeiten, die in ihrer Art Schmuckstücke der Heimatgeschichtsforschung sind und deshalb auch veröffentlicht wurden. So z.B. 1888 der Bericht „Das Kaufhaus in Kronstadt“, worin die Geschichte dieses gemeinnützigen Bauwerks seit seiner Errichtung im Jahre 1545 beschrieben wird.

Als in Kronstadt die Straßenbahn eingeführt werden sollte, wurden einige bauliche Änderungen notwendig, besonders am unteren Ende der Klostergasse. Die Geschichte des damals dort stehenden neuen sowie des alten Klostergässer Stadttores und die vorgesehenen Regulierungen waren Gegenstand einer weiteren, 1889 veröffentlichten Arbeit Stenners. So zeigte Stenner praktisch, wie die Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens wirkt und wie Archivgut zur Lösung aktueller Fragen beitragen kann. Eine ähnliche Arbeit, „Das Wappen der Stadt Kronstadt“ (1903), entstand gelegentlich der Neugestaltung der amtlichen Ortswappen.

Einen reichen Beitrag leistete Friedrich Stenner auch zum Buche „Geschichte des Waldwesens der kön. freien Stadt Kronstadt/Brassó“, verfaßt vom Stadtforstmeister Eduard Zaminer (1891), der ersten Forstmonographie einer siebenbürgischen Stadt.

Noch unveröffentlicht ist Stenners Arbeit ,,Die Wandlungen der politischen Verwaltung bei der Stadt Kronstadt im 19. Jahrhundert“ (1900), die wertvolle Daten über die Entwicklung der städtischen Behörden in diesem wechselvollen Zeitraum enthält. Mehrere kleinere heimatkundliche Arbeiten von Stenner erschienen im „Korrespondenzblatt des Vereins für Siebenbürgische Landeskunde“ (1887–1901) und in der „Kronstädter Zeitung“ (1886–1922).

Nach 25 Jahren Dienst als Stadtarchivar wurde Friedrich Stenner im Dezember 1903 zum Magistratsrat (Senator) gewählt und rückte im Jahre 1910 bis zum 1. Magistratsrat (Bürgermeisterstellvertreter) auf. Durch seine langjährige Archivarbeit, die er mit viel Liebe zu seiner Vaterstadt versah, war er wie nur wenige für diesen verantwortungsvollen Posten vorbereitet. Nachdem er im April 1914 in den Ruhestand trat, arbeitete er an seinem bedeutendsten Werk „Die Beamten der Stadt Brassó (Kronstadt) von Anfang der städtischen Verwaltung bis auf die Gegenwart“ (1916), ein wichtiges Hilfswerk für alle Heimatkundeforscher und bisher einzig dastehend in der heimischen historischen Literatur.

Neben seiner amtlichen Tätigkeit wirkte Stenner schon seit 1875 als Mitglied des Kronstädter Männergesangvereins und zeichnete sich bei verschiedenen Konzerten und anderen Aufführungen mit seiner warmen Baritonstimme aus. Von 1878 bis 1897 war er Archivar des Vereins und von 1897 bis 1909 zweiter Vorstand.

Im Jahre 1919 wurde Friedrich Stenner ordentliches Mitglied der ,,Vereinigung Kronstädter Sammler“, die 1908 das „Burzenländer Sächsische Museum“ gegründet hatte, und wirkte bis zu seinem Tod als Sekretär dieser Vereinigung.

Im Jahre 1923 konnte er noch erleben, daß sein alter Plan verwirklicht und das städtische Archiv aus dem zu eng gewordenen Rathaus in die adaptierte ehemalige Schmiedbastei am Ende des Roßmarktes überführt wurde, wo es sich auch heute befindet.

Friedrich Stenner starb am 7. Februar 1924. Sein Name lebt aber weiter fort durch die von ihm geordnete Urkundensammlung. Das Findbuch der slawisch-rumänischen Urkundenserie wurde im Jahre 1986 publiziert, dasjenige für die lateinisch-deutsch-ungarische Serie steht vor seiner Veröffentlichung. Der Beitrag Friedrich Stenners zur Erforschung der Heimat- und Landesgeschichte ist auch heute noch wertvoll, und die Archivwissenschaft Rumäniens zählt Friedrich Stenner zu ihren großen Persönlichkeiten, die sich um die Aufbewahrung und Verwertung historischen Quellenmaterials aus den Archiven höchste Verdienste erworben haben. Seine großen Leistungen sind seiner tiefen Heimatliebe zu verdanken, die ihrerseits von der eingehenden Kenntnis der Vergangenheit bestärkt wurde.

Lit.: Friedrich Schuller: Schriftsteller-Lexikon der Siebenbürger Deutschen, IV., Hermannstadt 1902, S. 442–443. – Jahrbuch des Burzenländer Sächsischen Museums, I., Kronstadt 1925, S. 9–10. – Gernot Nussbächer: Der Mann, der Neacşus Brief entdeckte. Als Stadtarchivar erwarb sich Friedrich Wilhelm Stenner bleibende Verdienste, in: Neuer Weg (Bukarest), 28., Nr. 8567 vom 30. November 1976. – Gernot Nussbächer: Friedrich Stenner, in: Revista Arhivelor (Bukarest), Nr. 2/1978, S. 204–206. – Dicţionar al ştiinţelor speciale ale istoriei (Wörterbuch der Hilfswissenschaften der Geschichte), Bukarest 1982, S. 223.

Bild: Festschrift des Kronstädter Männergesangvereins 1859 – 1934, Kornstadt 1934.

Gernot Nussbächer