Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
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Leben und Wirken von Dr. Herbert Czaja

Vortrag Dr. Christoph E. Palmer

vom 10. November 2014,

Stuttgart-Bad Cannstadt, Kursaal

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Als Thema wurde mir „Herbert Czaja“ gestellt. Das gab mir Gelegenheit, doch wieder intensiv zu lesen und manches, was in den Hintergrund geraten war, stärker zu be­denken. Es war eine Freude sich mit dem wichtigen und verdienten Politiker und Menschen zu beschäftigen. Das Thema ist indes so umfassend, dass man sich be­schränken muss.

Um Ihnen die Prägung des Menschen und Politikers aufzuzeigen, muss man in die Jugend gehen. Geboren am 5. November 1914 in Teschen, Österreichisch­-Schlesien, als ein behütetes Einzelkind einer bürgerlichen Notarsfamilie der K.u.K. Monarchie, freilich schon in einer Welt aus den Fugen. Der Erste Weltkrieg war kurz zuvor losgebrochen. Stefan Zweig hat in der „Welt von gestern“ das alte Europa vor dem Kriege meisterhaft beschrieben. Die Sicherheit der Donaumonarchie, des Vielvölkerstaats, der übernationalen Staatsidee kommt nostalgisch darin zum Wider­schein. Herbert Czaja wird also in die Endphase der Habsburger-Monarchie hinein­geboren. 1918 geht sie im Weltenbrand sang und klanglos unter. Die Heimat chan­giert nun zwischen dem neuen Staaten Polen und Tschecheslowakei, Teschen wird geteilt. Die Czajas gehören in Skotschau nun zu Polen.

Herbert Czaja besucht die deutsche Volksschule, das Staatsgymnasium in Bielitz. Er spricht perfekt deutsch und polnisch. Die Grenzregion ist von Minderheiten ge­kennzeichnet und von Vielfalt. Das wird ihm zeit Lebens prägen. Ein Drittel der Mit­schüler sind jüdischen, ein Drittel evangelischen, ein Drittel katholischen Glaubens. Es sind Tschechen, Polen, Deutsche miteinander unterwegs.

Nach dem Abitur, seit 1933 – also mit 19 Jahren – war Herbert Czaja Mitglied der „Deutschen Christlichen Volkspartei“ Oberschlesiens. Diese Partei, wenig bekannt, legte 1933 ihren Namen „Deutsche Katholische Volkspartei“ ab und stand – als Vor­läuferin der CDU – beiden Konfessionen offen, auch, wenn natürlich in Oberschlesien weiterhin die Katholiken dominierten.

Sein Mentor war der Parteivorsitzende Dr. Eduard Pant, ein aufrechter Vertreter des Deutschtums und konsequenter Gegner des Nationalsozialismus. Diesen bezeichnet er hellsichtig als „Friedensbedrohung für Europa“ und sah seine Zeitung „Der Deut­sche in Polen“ ais Zentralorgan der NS-Gegnerschaft in Polen. Welch ein Unter­schied etwa zu Konrad Heniein und dessen Gleichschaltungspolitik der Sudeten­deutschen zum Nationalsozialismus! „Der Deutsche in Polen“ wurde bereits 1934 im Deutschen Reich verboten, auch weil sie Enzykliken und Texte der „Bekennenden Kirche“ veröffentlichte. Das Ende der Zeitung kam nach dem Einmarsch der Deut­schen in Oberschlesien.

In der Jugend liegt meines Erachtens der Schlüssel zum tieferen Verständnis von Herbert Czaja: Persönlich tief geprägt vom Christentum, in klassischem „Mischge-biet“ aufgewachsen, sprachkundig, „interkulturell“ bewandert, würde man heute sa­gen, von der zeittypischen bündischen Romantik der christlichen Jugend geprägt, aus bürgerlichem Hause, jedoch offen für alle Schichten, konnte er sein ganzes poli­tisches Leben allen Anfeindungen trotzen, weil er sich nichts zu Schulden hatte kommen lassen, nie mit dem Nationalsozialismus liebäugelte, das Schicksal von Ver­femung, Verfolgung, Unterdrückung erlebt bzw. beobachtet, jedenfalls immer gegenwärtig hatte. Er hat nie viel Aufhebens davon gemacht, umso mehr verdient es heute erwähnt zu werden in einer Zeit, wo die Waffen-SS-Mitgliedschaft von Literaturnobel­preisträger Günter Grass oder die Verstrickungen vieler Intellektueller offenbar ge­worden sind. Herbert Czaja war kein Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Gliederun­gen, alle Anwerbeversuche nach dem deutschen Einmarsch hat er zurückgewiesen, dafür Karriereverzicht in Kauf genommen, viel mehr noch: er half seinen polnischen Professoren, jüdischen Freunden, das Material ist nach der Wende offen gelegt wor­den, nur die Einberufung zur Wehrmacht ersparte ihm Verhaftung und Repressalien. Die letzten Jahre verbrachte er im Kriegsdienst, die schwere Verletzung war das bleibende Ergebnis. Zuvor hatte er nach breitem geisteswissenschaftlichem Studium in Krakau über Stefan George promoviert, er wollte sich habilitieren.

Mein Thema ist jedoch nicht der Weg Czajas durch den Nationalsozialismus, aber. die Reflektion ist wichtig, um ein Bild über den politischen Antrieb, die Motivation von Herbert Czaja zu gewinnen. Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang, dass der Bund der Vertriebenen (BdV) sich der Geschichte seines ersten Vorsitzenden, des aufrech­ten, sudetendeutschen Sozialdemokraten Wenzel Jaksch, des ersten Vertriebenenministers Hans Lukaschek (der zum Kreisauer Kreis gehörte), Herbert Hupkas (der seine jüdische Mutter 1945 aus dem KZ Theresienstadt abholte) oder eben Herbert Czajas erinnert: Daraus kann Selbstbewusstsein und Kraft erwachsen, auch tiefe Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen zu benennen. Leider fehlt vielen dazu die Bereitschaft. Ich möchte an dieser Stelle Herbert Czaja selbst zitieren, was er gegen Ende seines Lebens kritisch festgestellt hat: „dass näm­lich in der Frühzeit der bundesrepublikanischen Vertriebenenverbände eine „extrem deutschnationale und zum Teil nationalsozialistische Grundbeeinflussung keines­wegs auf einen Schlag beseitigt gewesen sei, sondern noch längere Zeit verbands­intern großen Einfluss gehabt habe.“ Diese rechtsextreme Grundströmung rechnete Czaja zu den „aufzuarbeitenden Schwächen bei den Vertriebenen“. Dem kann man nur zustimmen.

1946 erfolgte der Eintritt in die CDU, der jungen Gymnasiallehrer wurde sodann 1947 als einziger Vertriebener in den Stuttgarter Gemeinderat gewählt. Hier in Stuttgart erlernte er sozusagen von der Pike auf die Grundlagen der Politik und hat sich immer gerne seiner sechsjährigen „Ausbildungszeit“ in der Kommunalpolitik erinnert. Seine Themen im Gemeinderat waren: Sozialpolitik, Wohnungsfragen, Vertriebenenfragen, Ausbildung, Schule, Jugendschutz, Arbeitsplatz-Anliegen, Stadtplanung, Gesund­heitsfürsorge. Er war auch Motor des Kreisflüchtlingsausschusses Stuttgart. Die würt­tembergische Hauptstadt war einer der zentralen Orte für Flüchtlinge und Vertriebe­nen, nicht umsonst fand hier die historische Kundgebung am 5.8.1950 mit 150.000 Teilnehmern vor den Ruinen des Neuen Schlosses statt, bei der Herbert Czaja nur unter den Zuhörern war. Hier wurde schon sehr früh jeder Rache und Vergeltung ab­geschworen, die Verabschiedung der „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ war der Kundgebung vorausgegangen.

Der Stuttgarter Gemeinderat lernte Herbert Czaja kennen – wie wir alle ihn später kannten, als unermüdlichen, auf vielen Feldern tätigen, nachhaltigen Politiker, der sich stets auch des Einzelfalls annahm: Ein „personalisierter Petitionsausschuss“, sozusagen für arm und reich, groß und klein, Vertriebenen wie Angestammte. Die Fülle der Aufgaben war ohne seine Frau und sein „Netzwerk“ nicht zu leisten. Zur politischen Konstellation dieser Zeit vielleicht noch ein paar Worte: Die CDU war im Rathaus in absoluter Minderheitenposition, die SPD verfügte fast über die absolute Mehrheit, im bürgerlichen Lager dominierten FDP und UBL, der parteilose OB Dr. Arnulf Klett führte die Stadt. Aber auch der BHE (Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteter) und die Kommunisten spielten noch gewisse Rollen. Herbert Czaja genoss weit über die Parteigrenzen hohes Ansehen und war als unbestechlicher Sach­walter und Interessenvertreter hoch geachtet. Ich habe mich immer über die histori­sche Unkenntnis geärgert, wenn Herbert Czaja in späteren Jahren zum Vertreter des „Stahlhelm-Flügels“ der UNION, sozusagen einem unbelehrbaren Nationalkon­servativem gemacht wurde, das war er nie. Er war Christ-Sozialer aus ganzer Über­zeugung, natürlich heimattreu und traditionsbewusst, aber aus eigener Erfahrung jedem Nationalismus, Chauvinismus von ganzer Seele abhold. Aber die Begriffsver­wirrungen halten ja auch heutzutage an.

In mancher Hinsicht war Herbert Czaia sehr modern:

  • 1950/51 wurde er für 4 Monate für einen USA Aufenthalt ausgewählt und be­reiste neugierig die Staaten.
  • Er war ein „Networker“ von hohen Graden, er wusste dass man Kontakte, Verbindungen braucht, um etwas zu erreichen (seine brieflichen Ansprech­partner sind „Legion“).
  • Interdisziplinär denkend, Philologe und Geisteswissenschaftler von Ausbildung und Berufung, „angelernter Jurist“, gründlicher Betriebswirt, wie er später Lastenausgleichsfragen rechnete und Wohnungsdarlehen auf den Weg brachte.
  • Campaining: Wahlkampf, hier war er immer auf der Höhe der Zeit.
  • Minderheitenpositionen mit so viel Elan und Durchsetzungskraft vertreten, dass sie Relevanz gewinnen(one issue-themes), davon kann man bis heute lernen!

1953 spülte ihn der Erfolg („das deutsche Wahlwunder“) von Adenauers CDU mit 45,2 % (+14%) der Zweitstimmen, überraschend in den Deutschen Bundestag, über die Landesliste Baden-Württemberg nach Bonn. Sage und schreibe acht Mal bis 1980 schaffte er den Sprung über diese ununterbrochen in den Deutschen Bundes­tag.

Die CDU, das verdient festgehalten zu werden, wusste über Jahrzehnte, was sie an ihm hatte, als Zugpferd und Wahllokomotive bei den Vertriebenen, als Experte im Parlament, als bienenfleißiger Abgeordneter. Solch lange Karrieren über die Landes-üsten in Deutschland sind die absoluten Ausnahmen: Das ist nur erklärbar mit gro­ßem Namen, der unverzichtbar geworden war, überragender Präsenz und immenser Tatkraft. Als „home-base“ hat er dabei Stuttgart freilich nur eingeschränkt betrachtet. Er musste, um wieder und wieder Vertrauen zu finden und aufgestellt zu werden, alle Kreise in Nordwürttemberg betreuen, dazu auch Baden-Württemberg und etwas ein­geschränkter Westdeutschland. Folgerichtig gehörte er den Vorständen der CDU in Nordwürttemberg und Baden-Württemberg an, war Vorsitzender der einflussreichen Union der Vertriebenen und Flüchtlinge (UdVF) auf beiden Ebenen („Hausmacht“), Sprecher der Oberschlesier seit 1969 und schließlich 24 Jahre lang Bundesvorsit­zender des Bundes der Vertriebenen ab 1970 bis 1994, was ihm schließlich eine herausgehobene politische (nicht nur symbolische) Bedeutung im Gefüge der CDU/CSU sicherte. Erst Mitte der 70er Jahre setzte sich in der Union der Grundsatz durch, dass auch im Wahlkreis zu kandidieren sei, wenn man auf Listen wolle. Her­bert Czaja hatte dies zu beherzigen. Zwei erfolglose Direktkandidaturen erfolgten 1976 und 1980 und schließlich 1983 und 1987 der Triumph und die zweimalige Di­rektwahl in Stuttgart-Nord.

Nur zu leicht vergessen wird, dass sich Herbert Czaja die ersten Jahrzehnte in Bonn seinen Namen nicht nur als Vertriebenenpolitiker machte, sondern einer der führen­den Wohnungsbaupolitiker des Landes war. Die Bauindustrie, Immobilienwirtschaft würde man heute sagen, war einer der zentralen Pfeiler für das so genannten „Wirt­schaftswunder“.

Familienheimbau, (Familienkomponente waren ihm immer zentral), Eigentumsbil­dung waren dabei seine wichtigen ordnungspolitischen Ansätze (es war die hohe Zeit der „Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand“), die Wohnungsbaugesetze der 50er Jahre tragen auch seine Handschrift, ganz typisch, dass er auch hier nach Vertiefung strebte. In diesem Zusammenhang ist seine Schrift: „Wie kommt man zu einem Eigenheim?“ von 1957 zu erwähnen. Diese erlebte vier Auflagen.

Der Wissenschaftler kam bei ihm auch als handelnder Politiker, stets durch. Herbert Czaja passte mit diesem Einsatz gut nach Schwaben, dem „Häuslesbauerland“, zu­mal Bausparkassen für ihn stets große Bedeutung hatten. Einen „totalen Wohnungs-‚ Versorgungsstaat“ , so in einer Rede 1964 lehnte er ab, zuerst kam Eigenanstren­gung, Hufe zur Selbsthilfe, dann der Staat. Das war und blieb sein Credo.

Mitte der 60er Jahre verlagerte Herbert Czaja sein Wirken im Bundestag mehr und mehr und mehr auf die Außenpolitik. Recht unbekannt ist, dass er dabei zunächst im Unterausschuss für Humanitäre Hilfe des Auswärtigen Ausschusses seine Meriten verdiente. Bis zum Ende seiner Bundestagstätigkeit 1990, also über 25 Jahre hin­weg, befasste er sich mit den weltweiten Fragen der Flüchtlingsströme, den Ursa­chen der Vertreibungen, den Milderungen der Folgen. Ihn befasste das afrikanische Elend wie das asiatische, er suchte durch Förderung der kleinbäuerlichen Strukturen, Selbstversorgung, Aufbau dezentraler Entscheidungsmechanismen zu helfen. In der Asylpolitik vertrat er stets gemäßigte, die Umstände berücksichtigende Positionen: Lassen Sie mich zitieren: „Soforthilfe und Menschenrechte für die Person und ihre Gemeinschaften gehören aufs engste zusammen. Solange wir frei sind, müssen über die Wahrung und Verteidigung der Freiheit durch eine die geschichtliche Erfahrung nutzende Politik, die wirksame Koordinierung rasch, den Umfang der Not gerecht werdende Hilfe für die Opfer um Unrecht, Krieg und Verfolgung treten. Dies zu tun ist kein parteiliches, sondern ein konsensfähiges Anliegen der freien Länder, Menschen und Völker“ (Herbert Czaja, Anwalt für Menschenrechte, S. 129).

Richtig bekannt in der Öffentlichkeit, bis heute präsent bei vielen Verantwortlichen in Politik, Wissenschaft und Publizistik, ist Herbert Czaja für seinen außen- und deutschlandpolitischen Einsatz. Dieser vollzog seh in den Anfangsjahren durchaus irn Konsens mit der Unionsführung, in den 80er und 90er Jahren, das sei offen ange­sprochen, machten sich – auf beiden Seiten – dann aber erhebliche Auffassungsun­terschiede bemerkbar.

Doch der Reihe nach:

Markant in Erscheinung trat Herbert Czaja wie schon erwähnt – seit 1969 als Spre­cher der Oberschlesier – mit seiner 1969 erschienenen Schrift „Ausgleich mit Osteu­ropa – Versuch einer osteuropäischen Friedensordnung“. Hier deutete sich Flexibili­tät in Grenzfragen (freilich kein Vorab-Verzicht auf Gebiete jenseits Oder/Neiße) bei Betonung der elementaren Menschen- und Volksrechtselemente an, ebenso wurde jedoch das Recht auf Heimat betont. Er war dabei in Übereinstimmung mit Bundes­kanzler Kurt Georg Kiesinger und durchaus im Konflikt mit Hardlinern aus den Vertriebenenverbänden.

Mit dem Regierungswechsel zu Bundeskanzler Willy Brandt und der so genannten neuen Ostpolitik wurde Herbert Czaja einer der führenden Vertreter des „Unions-Mainstreams“, jetzt ab 1970 auch als Präsident des Bundes der Vertriebenen, also der Ablehnung der Vertragspolitik mit dem Osten. Er kämpfte für das unbedingte Festhalten an Rechtspositionen und ein Offenhalten der ganzen deutschen Frage. Dabei scheint mir in Vergessenheit geraten zu sein, dass er den „Status Quo ante“, also die Grenzen von 1937 nicht als das Ziel einer gesamteuropäischen Friedens­ordnung ansah, es ging ihm wohl immer mehr darum „so viel wie möglich“ von Deutschland zu sichern. Den „Warschauer“ und den „Moskauer Vertrag“ (Grenzaner­kennung) lehnte er leidenschaftlich ab. Seine Position dazu: Friedensvertragliche Regelungen würden diese Verträge nicht vorweg nehmen können. Vielen Deutschen ist er als wortmächtiger Parlamentarier aus den Debatten zu den Ostverträgen der 70er Jahre in Erinnerung.

Zwischen 1975 und 1990 argumentierte Herbert Czaja mit dem Beschluss des Bun­desverfassungsgerichts von 1975 – an dessen Zustandekommen er maßgeblich mitwirkte sehr juristisch: „Die Gebiete östlich von Oder und Neiße sind mit dem In­krafttreten der Ostverträge nicht aus der rechtlichen Zuständigkeit entlassen und der Souveränität der Sowjetunion und Polens endgültig unterstellt worden.“ Immer stär­ker geriet Herbert Czaja mit diesen Postulaten in Außenseiterpositionen, in der Öf­fentlichkeit, jedoch auch in der eigenen Partei. Selbst im Bundestagswahlkampf 1980 hatte Unions-Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß zu den Ostverträgen das alt­römische „pacta sunt servanda“ verwandt.

Großen Einfluss Herbert Czajas kann man also höchstens bis zum Regierungswech­sel zu der von der Union geführten Bundesregierung 1982/83 festmachen. Gekrönt durch den erstmaligen Wahlsieg im Stuttgarter Wahlkreis Nord – März 1983 – erwar­tete Herbert Czaja eine Veränderung der ost- und deutschlandpolitischen Kurses des Landes. Bundeskanzler Helmut Kohl und Außenminister Hans Dietrich Genscher, wie Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß bekräftigten jedoch die Politik der Vor­gängerregierungen.

Herbert Czaja und die Vertriebenen, man muss da ehrlich sein, gerieten nun eher in Randpositionen, zumal die CDU-Spitze ab Mitte der 80er Jahre durch deren Außen­politiker Volker Rühe von der „politischen Bindungswirkung“ der Ostverträge spre­chen ließ. Den patriotisch gestimmten Kanzler Helmut Kohl suchte Herbert Czaja mit einer „Doppelstrategie aus Lob und Kritik“ zu aufrechter Haltung in den zentralen Fragen der Ost- und Deutschlandpolitik zu drängen. Dessen Regierung wertete die Vertriebenen politisch, finanziell und kulturell auch deutlich auf, vermied jedoch alle Kurskorrekturen in rechtlicher Hinsicht.

Symptomatisch dann die schwierige, letzte Kandidatur 1987 für den Deutschen Bun­destag. Nach zäher innerparteilicher Aufstellung 1986 eroberte Herbert Czaja noch­mals den Wahlkreis Stuttgart-Nord. In den Folgejahren spürte er in seinen Rede-Beiträgen und Schriften durchaus auch den Zusammenbruch des Sowjetimperiums Ende der 80er Jahre, den Wandel in Osteuropa, die friedliche Wende voraus.

Der mit dem Gezeitenwechsel 1989 verbundene Preis: 2+4 Vertrag, endgültige An­erkennung der 1945 geschaffenen Grenzen in Europa schienen ihm jedoch zu hoch und auch nicht zwangsläufig. Nun in seinem letzten Jahr im Deutschen Bundestag 1990 war Herbert Czaja endgültig in die Minderheiten – ja Außenseitersituation in seiner Fraktion – und auch im ganzen Parlament geraten. Nur noch acht CDU/CSU Bundestagsabgeordnete, darunter Herbert Czaja, erhoben Klage gegen den deutsch-deutschen Einigungsvertrag vor dem Bundesverfassungsgericht. Am 18.9.1990 lehnte Karlsruhe die Klage indes mit knapper Begründung ab.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag bis zu seinem Tode 1997 kommen­tierte Herbert Czaja kritisch und mitunter auch verbittert die Politik der vergangenen Jahrzehnte. Seine Lebensbilanz überschrieb er mit dem Wort „Unterwegs zum kleinsten Deutschland?“, im Untertitel Marginalien (es waren alles anderes als sol­che) zu 50 Jahren Ostpolitik. Dort entwarf er im Schlusskapitel (Teil 11) Korrekturmöglichkeiten auf der Basis des Status Quo. Resigniert hat er allerdings nicht. In der Schlusspassage seines schon zitierten Buches heißt es: „(Doch) in der Geschichte gab und gibt es auch den überraschenden Wandel, wie den Fall der Mauer.“ Und mit seiner Union gebrochen hat Herbert Czaja trotz der deutschlandpolitischen Entfrem­dung auch nicht. Als Landesvorsitzender der UdVF wirkte er weiterhin kritisch aber konstruktiv im Landesvorstand der CDU Baden-Württemberg mit. Es freute ihn sehr, dass er 1991 Ehrenmitglied im Stuttgarter CDU-Kreisvorstand wurde, bis kurz vor seinem Tode nahm er am Parteileben intensiv mit Rat und Tat Anteil.

Es bleibt die Erinnerung an einen sehr integren, christlichen, grundsatztreuen Politi­ker, der Anwalt der Menschen und Minderheiten, Interessenvertreter der Heimatver­triebenen in Westdeutschland und deren wichtigster Repräsentant im Bonner Parla­ment über Jahrzehnte hinweg war. Damit leistete er einen unschätzbaren Beitrag zu dauerhafter Integration der Vertriebenen und Flüchtlingen in die junge Republik. Die­se Funktion darf auch im Rückblick als bedeutsam eingeschätzt werden.