Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
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Oliver Dix, Trauer um den Anwalt der Vertriebenen

aus: DOD Nr. 26, 27. Juni 1997

Der Ehrenpräsident des Bundes der Vertriebenen, Dr. Herbert Czaja, verstarb am 18. April in Stuttgart. Auf dem Weg zu einer Tagung der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen in Bonn erlitt er kurz vor der Abfahrt auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof den dritten Herzinfarkt, dem er einige Stunden später im Krankenhaus erlag. Am Tag darauf wollte er beim BdV in Dresden sein Buch „Unterwegs zum kleinsten Deutschland“ vorstellen.

Herbert Czaja wurde am 5. November 1914 in Teschen (Österreichisch-Schlesien) als Sohn des Notars Albert Czaja und dessen Ehefrau Luise geboren. Seine Jugend verbrachte er in Skotschau. Nach Besuch der deutschen Volksschule und dem Staatsgymnasium in Bielitz studierte er an den Universitäten Krakau und Wien Germanistik, Geschichte und Philosophie. Im Jahr 1938 promovierte er mit einer Arbeit über den Dichter Stefan George. Leider konnte er seine begonnene Habilitation über Franz Grillparzer wegen der Einberufung zur Wehrmacht nicht fortführen. Er war auch ein exzellenter Kenner der polnischen Sprache, Literatur und Kultur.

Herbert Czaja stammte aus einem gläubigen katholischen Elternhaus. Er war schon in seiner Studienzeit Anhänger der Deutschen Christlichen Volkspartei des Senators Eduard Pant und Gegner des Nationalsozialismus. Weil er sich weigerte, der NSDAP beizutreten, verlor er seine Assistentenstelle an der Universität Krakau. Er konnte lediglich als Hilfslehrer ab 1941 in Zakopane und Przemysl unterrichten. Sein tiefer Glaube half ihm in den Bedrängnissen dieser Zeit.

Von 1943 bis 1945 war Herbert Czaja Soldat und erlitt während des Rußlandfeldzuges eine schwere Verwundung. Nach seiner Genesung wurde er wieder eingesetzt und geriet dann 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Als Gefangener in seine oberschlesische Heimat zurückgeführt, wurde er 1946 vertrieben. Zunächst gelangte er nach Niedersachsen, dann nach Baden-Württemberg, wo er bis 1953 als Studienrat arbeitete. Im Jahr 1948 heiratete er Eva Maria Reinhardt. Aus dieser Ehe stammen zehn Kinder und vierzehn Enkelkinder.

Inzwischen wohnhaft in Stuttgart, kam Herbert Czaja zur Jungen Union, dann zur CDU. Von 1947 bis 1953 war er Mitglied des Stuttgarter Stadtrates, den er selbst als „Volkshochschule der Politik“ bezeichnete, und widmete sich vor allem der Flüchtlingsfürsorge, dem sozialen Wohnungsbau und der Stadtplanung. Er gehörte zu den Mitbegründern der Union der Vertriebenen in seinem Bundesland und wurde 1952 deren Vorsitzender. Dieses Amt hatte er bis zu seinem Tode inne.

Über die CDU-Landesliste Baden-Württemberg wurde Herbert Czaja 1953 erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt, dem er bis 1990 angehörte, über Jahre hinweg war er auch Mitglied des Vorstandes der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Besonders befaßte er sich seit 1953 mit der Lastenausgleichsgesetzgebung und mit den Wohnbau- und Wohngeldgesetzen. Seit 1965 war er Mitglied des Auswärtigen Ausschusses, teilweise als Berichterstatter für Menschenrechte, und er wirkte führend im Unterausschuß für Humanitäre Fragen mit. Herbert Czaja nutzte die Fragestunden im Deutschen Bundestag wie kaum ein anderer Abgeordneter. Er wurde auch vom politischen Gegner wegen seiner aufrechten und konsequenten Haltung geachtet.

Seine landsmannschaftliche Aktivität begann 1949, als er die Kreisgruppe Stuttgart der Landsmannschaft der Oberschlesier mitbegründete. Seit 1969 bis zu seinem Tode war er der Sprecher dieser Landsmannschaft. Im Jahr 1970 wurde Herbert Czaja zum Präsidenten des Bundes der Vertriebenen gewählt, einem Jahr, in dem die „neue Ostpolitik“ der sozial-liberalen Koalition nach und nach sichtbar wurde. Er gehörte zu den wenigen Bundestagsabgeordneten, die 1972 sowohl gegen den Moskauer als auch gegen den Warschauer Vertrag stimmten. Sein Einsatz für ein verlassungskonformes Auslegen der Verträge führte 1973 und 1975 zu Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichtes, in denen festgestellt wurde, daß das Deutschland in seinen Grenzen von 1937 bis zu einer friedensvertraglichen Regelung fortbestehe. Anfang der 90er Jahre kamen die „neuen Ostverträge“.

Die BdV-Bundesversammlung beschloß, daß der Gesamtverband die Verträge von 1991 nicht mittragen kann. Als BdV-Präsident, der ehrenamtlich arbeitet, und als Vorsitzender der Gruppe der Vertriebenen- und Flüchtlingsabgeordneten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion trat er beharrlich ein für das Offenhalten der ganzen deutschen Frage, für das Recht des gesamten deutschen Volkes, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden, für das Recht auf die Heimat im friedlichen Wandel und für Volksgruppenrechte im Rahmen einer gerechten Friedensordnung. Im Jahr 1994 kandidierte Herbert Czaja nach 24jähriger Präsidentschaft im BdV nicht mehr und übergab sein Amt in jüngere Hände.

Herbert Czaja lag stets auch die wissenschaftliche Aufarbeitung von Flucht und Vertreibung und den damit zusammenhängenden völkerrechtlichen Fragen am Herzen. Auf sein Engagement geht die Gründung der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen im Jahr 1974 zurück, deren Kuratoriumsvorsitzender er bis jetzt war. Immer wieder setzte er sich für eine stärkere staatliche Förderung der kulturellen Breitenarbeit im Gesamtverband BdV und geeigneter wissenschaftlicher Einrichtungen ein. Er war auch Vorstandsvorsitzender der Stiftung Haus Oberschlesien.

Über einen langen Zeitraum war Herbert Czaja Mitglied des Zentralkommitees der deutschen Katholiken. Er kämpfte unentwegt für den Schutz des ungeborenen Lebens und für eine gute Familienpolitik. Für die kirchliche Vertriebenenarbeit setzte er entscheidende Impulse und trat für unterdrückte Menschen und Völker ein. Bei einer Wallfahrt am Schönenberg (Diözese Rottenburg-Stuttgart) erlitt er während des Pontifikalamtes mit dem Oppelner Bischof Alfons Nossol, mit dem er freundschaftlich verbunden war, den ersten Herzinfarkt.

Herbert Czaja, der für viele Jahre auch dem Rundfunkrat des Deutschlandfunks, dem Verwaltungsrat der Deutschen Ausgleichsbank und dem Beirat beim Haus der Geschichte in Bonn angehörte, setzte sich für Vertriebene und Einheimische gleichermaßen ein. In seinem Stuttgarter Wahlkreis, den er im ersten Anlauf direkt gewann, schätzten ihn die Menschen wegen seiner gründlichen Unterstützung für ihre sozialen Anliegen.

Seine präzisen Auffassungen und Konzepte hat der Verstorbene in zahlreichen Veröffentlichungen dargelegt. Insbesondere im Deutschen Ostdienst, dem Organ des Bundes der Vertriebenen, kann man sie nachlesen. Aber auch Buchveröffentlichungen zeugen von der Vielfalt seiner Arbeit. Zu nennen sind insbesondere seine Dokumentation über „Verletzungen von Menschenrechten“ (3. Aufl. 1985) und die „Materialien zu Oder-Neiße-Frage“. (2. Aufl. 1982).

Zu seinem 70. Geburtstag erschien das Buch „Frieden durch Menschenrechte“ (1984), zum 75. ein Buch mit dem Titel „Unsere sittliche Pflicht. Leben für Deutschland“ (1989). Hingewiesen sei auch auf sein Taschenbuch „Ausgleich mit Osteuropa. Versuch einer europäischen Friedensordnung“ (2. Aufl. 1970), vor allem aber auf sein im vergangenen Jahr im Knecht-Verlag erschienenes, mehr als 1.000 Seiten umfassendes Werk „Unterwegs zum kleinsten Deutschland“, das sich im In- und Ausland einer großen Beachtung erfreut.

Eigentlich sollte dieses Buch in jeder öffentlichen Bibliothek und in den Universitäten vorhanden sein.

Im September 1996 besuchte Herbert Czaja nach 50 Jahren seine Heimat. Gemeinsam mit seiner Frau und zwei der Söhne stand er am Grab seiner Eltern in Skotschau. Er kam mit alten Krakauer Freunden zusammen und führte Gespräche mit Vertretern der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft. Die polnische Presse und das polnische Fernsehen, die ihn während des Besuches stark beanspruchten, berichteten durchweg wohlwollend über den früher nicht gerade freundlich behandelten BdV-Ehrenpräsidenten.

Herbert Czaja war ein liebenswürdiger und entgegenkommender Mensch, der in der Sache hart kämpfend für Recht und geschichtliche Wahrheit eintrat und der in zutiefst christlicher Verantwortung die Zukunft mitgestaltete. Er war ein großer Freund der Jugend, der er mit Rat und Tat zur Seite stand. Geradlinigkeit und Verantwortungsbewußtsein bestimmten sein Handeln. Der Verfasser dieser Zeilen dankt Herbert Czaja für jahrelange enge Zusammenarbeit und persönliche Verbundenheit, die fehlen werden.