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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Wolfgang Schäuble: Erinnerung an Herbert Czaja (1914-1997)

 

Czaha SchreibtischGeboren im November 1914, als das alte Europa, die „Welt von Gestern“, wie Stefan Zweig es genannt hat, bereits begonnen hatte, im Ersten Weltkrieg unterzugehen: Es war Herbert Czaja schon in die Wiege gelegt, dass sein Leben von den europäischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts geprägt sein sollte. Und dies auch deshalb, weil seine Wiege in Teschen stand – im damals österreichischen Teil Schlesiens, der nach dem Ersten Weltkrieg polnisch wurde.

Der Jugendliche und junge Erwachsene war Angehöriger der deutschen Minderheit, zugleich polnischer Staatsbürger und sprach fließend polnisch. Der gläubige Katholik wurde Mitglied in der Christlichen Deutschen Volkspartei, die der deutschen Zentrumspartei nahestand. Auch nach der deutschen Besetzung seiner Heimat trat Czaja nicht in die NSDAP ein. In der Folge verlor er seine Assistentenstelle an der Krakauer Universität. Die Nationalsozialisten verweigerten ihm auch eine feste Anstellung als Lehrer wegen „fehlender nationaler Gesinnung“.

Literatur und Politik

Czaja hatte Geschichte, Germanistik und Philosophie in Krakau und Wien studiert und war mit einer Arbeit über Stefan George und seinen Kreis promoviert worden. Nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft bot ihm sein polnischer Doktorvater 1945 eine Dozentur an der Universität Krakau an, doch sollte er sich dafür mit der polnischen Staatsbürgerschaft erneut und ausdrücklich zum Polentum bekennen. Das wollte Czaja nicht und wurde ausgewiesen. In Stuttgart, seiner neuen Heimat, trat er, inzwischen Gymnasiallehrer, 1946 der CDU bei und war zuerst vor allem Sozialpolitiker. Er engagierte sich in der Flüchtlingsfürsorge, im sozialen Wohnungsbau und in der Stadtplanung, um dann schließlich in seinen fast vier Jahrzehnten im Deutschen Bundestag und dem Vierteljahrhundert an der Spitze des Bundes der Vertriebenen vor allem für die Vertriebenenpolitik zu stehen.

Übernationales Denken

Czajas schlesische Heimat war geprägt vom Zusammenleben von Polen, Tschechen und Deutschen, von Katholiken, Protestanten und Juden – und dieses Zusammenleben hat sein Herangehen an die Vertriebenenfrage stark beeinflusst: Er war Anhänger des Selbstbestimmungsrechts aller Völker und Volks-gruppen; er hat dieses Recht immer in einem Atemzug mit der unbedingten Geltung von Menschenrechten und Völkerrecht genannt. Er dachte übernational und grenzüberschreitend und nahm für sich und den Bund der Vertriebenen in Anspruch, stets Impulse für einen „dauerhaften Ausgleich in einer freiheitlichen und föderalen bündischen Struktur der Staaten, Völker und Volksgruppen in einer europäischen Gesamtordnung“ gegeben zu haben – so hat er es in seiner Rede zum 35. Jahrestag der Charta der deutschen Heimatvertriebenen 1985 formuliert.

Selbst in den politisch frostigsten Phasen des Kalten Krieges hat Czaja seine Kontakte in seine alte Heimat gepflegt. Sein Leitsatz war: Es kann nicht mehr alles so werden, wie es war, aber es darf auch nicht alles so bleiben, wie es ist. Immer wieder forderte er, die „deutsche Frage voll offenzuhalten“, „so viel wie möglich von Deutschland zu retten“. Mitte der siebziger Jahre konnte er seine Rechtspositionen bestätigt sehen, als das Bundesverfassungsgericht in – von ihm und dem BdV mit angestrengten – Urteilen zum Grundlagenvertrag und den Ostverträgen die deutsche Frage als nach wie vor offen beurteilte.

Enttäuschungen

Czaha KohlDass 1990 dann dennoch nicht über Territorien verhandelt wurde, hat ihn tief enttäuscht. Auch mir persönlich hat er die deutsche Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze vorgehalten, weil ich dies Anfang 1990 in Washington gegenüber dem damaligen amerikanischen Außen-minister James Baker signalisiert hatte. Dem Einigungsvertrag und dem Zwei-plus-Vier-Vertrag hat Czaja dann auch im Bundestag nicht zugestimmt. Die dortige Beratung des Einigungsvertrages hat er beim Bundesverfassungsgericht mit dem Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung zu verhindern versucht. Und auch die deutsch-polnischen Verträge von 1990 und 1991 hat er abgelehnt.

Es war klar, dass vom BdV und von Czaja für die politische und historische Entwicklung dieser Jahre in Bezug auf die Herkunftsgebiete der deutschen Vertriebenen kein Beifall zu erwarten war. Wir unterschieden uns in der Beurteilung von politischen Möglichkeiten und Zwängen in diesen Fragen; wir beurteilten das Verhältnis von Recht, Geschichte und Politik verschieden. Trotz alledem war die Zusammenarbeit zwischen uns beiden immer vertrauensvoll und konstruktiv.

Charme und weiter Horizont

Wenn ich an Herbert Czaja denke, habe ich eine Zeit vor Augen, in der manche die Anerkennung der Meinung und Haltung des Anderen in der Demokratie noch mehr Selbstüberwindung kostete als heute – eben weil die Meinungen und Haltungen sich noch stärker unterschieden. Und ich denke an eine Zeit, in der die Charaktere vielleicht noch individueller und ausgeprägter waren – auch aus Gründen, auf deren Ursachen wir heute gern verzichten: Denn das hatte eben vor allem auch mit dem Niederschlag schrecklicher Kapitel europäischer Geschichte im Leben der allermeisten damals zu tun.

Bei Czaja denke ich darüber hinaus an einen Menschen von großer Liebenswürdigkeit, mit viel Charme und weitem Horizont. Der Literaturwissenschaftler wäre in einer friedlicheren Welt wohl Literaturprofessor geworden – die Habilitation über Franz Grillparzer war bereits ins Auge gefasst. Krieg und Vertreibung haben sein Leben in andere Bahnen geworfen.

Schicksal und Leistung

Herbert Czajas hundertster Geburtstag ist eine gute Gelegenheit, sich Schicksal und Leistung der deutschen Vertriebenen in Erinnerung zu rufen. Mit der gemeinnützigen Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ und der Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ gibt es heute weitere Institutionen, die die Geschichte der deutschen und europäischen Vertreibungen auf vielfältige Weise im Gedächtnis halten und dafür arbeiten, dass Vertreibung weltweit als Mittel der Politik geächtet wird. Herbert Czaja hätte das mit Genugtuung erfüllt.

Czaha Schaeuble

 

Abbildungen:

– Dr. Herbert Czaja am Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer

– BdV-Präsident Dr. Herbert Czaja mit Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl

– Dr. Herbert Czaja mit Dr. Wolfgang Schäuble

 

Quelle:

Deutscher Ostdienst (DOD) 04/2014, S. 7f.