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Herbert Czajas Vermächtnis – Vortrag beim Bischof-Neumann-Kreis der Ackermann-Gemeinde

Heikel mutet der Versuch allemal an, Leben und Werk des eigenen verstorbenen Vaters zu würdigen, zumal wenn dessen Credo als prominenter Politiker höchst umstritten war und im Prozess der demokratischen Willensbildung ins Hintertreffen geriet. Allzu bereitwillig unterstellt man einem nahen Verwandten kritiklose Idealisierung. Dass aber das Wirken ihres Vaters außerordentlich segensreich und sein Vermächtnis bis heute keineswegs obsolet geworden ist, konnte Herbert Czajas von zehn Kindern älteste Tochter Christine überzeugend vor Augen führen. Ihr Vortrag beim Bischof-Neumann-Kreis der Ackermann-Gemeinde am 15. März 2014 in Schwäbisch Gmünd stieß auf breites Interesse.

czajhe07.jpgWie wohl kaum einem anderen Menschen sind Christine Czaja Lebensweg, Charakter, Glauben, Ziele und Wirken ihres Vaters vertraut, hat sie ihn doch Jahrzehnte lang bis zu seinem Tod zu Hause in Stuttgart und in Bonn tatkräftig unterstützt und viele seiner öffentlichen Auftritte miterlebt. Als vom Vater testamentarisch bestimmte Archiv-Nachlassverwalterin kennt die ehemalige Lehrerin einschlägige Manuskripte, Briefe und Publikationen, Quellen und Archive. Manchem deutschen und polnischen Doktoranden konnte sie daher nützliche Auskünfte erteilen. Sie selbst hat 2003 in dem Band „Herbert Czaja. Anwalt für Menschenrechte“ aufschlussreiche Aufsätze versammelt und damit eine erste Aufarbeitung zu einer noch wenig erforschten Gestalt der Zeitgeschichte von kaum zu überschätzender Wirkungsmacht geliefert. Immer, wenn sie über ihren Vater spricht, holt Christine Czaja eigentlich etwas nach, was dieser konsequent mied: von sich selbst Aufhebens zu machen und eigene Verdienste in den Mittelpunkt zu stellen. Diese Bescheidenheit ist wohl auch der Grund dafür, dass Herbert Czaja zwar keine Memoiren, aber ein Vermächtnis hinterlassen hat.

Herbert Czaja, am 5. November 1914 in Teschen, damals Österreichisch-Schlesien, geboren, wuchs behütet in einem katholischen, sozial engagierten und toleranten Elternhaus auf. Als seine Heimat 1920 Polen zugeschlagen wurde, musste die Deutsche Minderheit um ihre nationale Selbstbehauptung ringen. Dennoch blieb der fließend polnisch sprechende Czaja stets versöhnlich gegenüber anderen Nationen und bewahrte seine Achtung vor den in ihrer Kultur und Geschichte begründeten Lebensrechten. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen weigerte er sich, der NSDAP beizutreten. Der in Krakau 1939 über „Stefan George und sein autonomes Menschentum“ promovierte Germanist war Oberschullehrer, bevor er zum Gegner jeder Art von Atheismus, Chauvinismus und Radikalismus wurde. Seine polnischen und jüdischen Mitbürger unterstützte er couragiert, konspirierte mit nicht gleichgeschalteten Studentengruppen, Professoren und Jesuiten, versteckte einen verfolgten Freund in seiner Bude, wurde zuerst vom polnischen Sicherheitsdienst, dann von der Gestapo überwacht und gesucht, 1942 des Hochverrats angeklagt und ins Gefängnis geworfen, dann zum Wehrdienst einberufen, an der Ostfront verwundet, von den Amerikanern in Hungerlagern interniert und aus seiner Heimat vertrieben.

In Stuttgart, seiner Wahlheimat, gründete er 1948 mit der aus Bad Canstatt stammenden Eva-Maria Reinhardt eine Familie und engagierte sich unermüdlich im Stadtrat der Landeshauptstadt wie auch später im Deutschen Bundestag für die Belange der Flüchtlinge wie Lastenausgleich, Eingliederung, Existenzförderung, Renten, Schul-, Gesundheits- und Familienpolitik. Mit dem Sozialen Wohnungsbau hatte er bis Mitte der 60-er Jahre ein einflussreiches Ressort im Bundestag inne. Diese Ziele verfolgte er u. a. zusammen mit Politikern wie Fritz Bayer, Hermann Götz, Edmund Leukert, Hans Schütz und Josef Stingel. Eine enge Zusammenarbeit pflegte er mit dem sudetendeutschen Augustinerpater Dr. Paulus Sladek und dem schwäbischen Domkapitular Prof. Alfons Hufnagel, die wie er selbst hervorragende Kenner der scholastischen Theologie waren, besonders des Albertus Magnus und Thomas von Aquin. Geprägt von diesen Kirchenlehrern und der christlichen Gesellschaftslehre setzten die Freunde neue sozialpolitische Maßstäbe.

Sein Wirken und das seiner Frau als Fürsorgerin in den Flüchtlingslagern um Stuttgart in der unmittelbaren Nachkriegszeit – Schlotwiese mit 1200 Menschen, Bergheim etc. – ist ein eigenes Kapitel, wurde aber ausführlich dokumentiert, vor allem von der Landsmannschaft der Donauschwaben, dem St. Gerhardswerk und dem Tübinger Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde.

Czaja gehört zum politischen Urgestein der Bundesrepublik Deutschland. Er spielte eine maßgebliche Rolle bei der friedlichen Integration von zwölf Millionen Vertriebenen in Westdeutschland, wie der Organisator der Veranstaltung Karl Sommer in seiner Einführung hervorhob. Am 5. November dieses Jahres würde Czaja seinen 100. Geburtstag feiern. Tochter Christine sei Anfang der 60-er Jahre Mitglied der „Jungen Aktion“ der Ackermann-Gemeinde und 1973-75 ihre Bundessprecherin gewesen. Sommer begrüßte auch Edith und Hedwig Czaja, Enkelinnen des namhaften Großvaters, die musikalisch an Klavier und Trompete mit Menuetten von Bach, Mozart und Daquin die Veranstaltung ins Festliche steigerten.

In seiner Treue zu Verfassung und Völkerrecht hielt der CDU-Politiker Herbert Czaja mehr als vier Jahrzehnte, bis zu seinem Tod 1997, daran fest, über die deutschen Gebiete jenseits von Oder und Neiße nur in einem gerechten Interessenausgleich mit Polen innerhalb einer gesamteuropäischen Friedensordnung zu verhandeln. Mit seinem Kampf für das Recht auf die Heimat, den Schutz von Minderheiten und ihren Menschenrechten wurde er zum Gegner der Ostpolitik von Willy Brandt und geriet zuletzt selbst in den eigenen Reihen – zusammen mit weiteren Vertriebenenpolitikern – in die Isolation. Jedoch hat er niemals die Wiederherstellung der Reichsgrenzen vom 31.12.1937 gefordert, wie ihm viele ohne Kenntnis seiner Argumentation vorwarfen. Manche seiner weitblickenden Intentionen haben sich mittlerweile durch die im europäischen Einigungsprozess gewonnene Freizügigkeit verwirklicht, andere sind Hoffnungszeichen geblieben, so dass sein auf dem Boden christlicher Glaubensüberzeugung gegründetes Lebenswerk in wesentlichen Zügen aus heutiger Sicht als bestandsfähig erscheint.

Herbert Czajas Buch „Ausgleich mit Osteuropa. Versuch einer europäischen Friedensordnung“ erschien 1969 und fand bald auf Umwegen über Wien Verbreitung in den osteuropäischen Ländern, eigenartigerweise finanziert von seinem politischen Gegner Herbert Wehner, der damals Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen war. Vielleicht hatte sich der scharfzüngige SPD-Politiker gesagt, so spekulierte die Referentin: „Die Visionen von heute sind die Realitäten von morgen“, jedenfalls sei der Inhalt dieses Buches immer noch aktuell. Czajas Schrift über „Verletzungen von Menschenrechten“ war an epochemachender Stelle präsent, auch in Übersetzungen: bei den Konferenzen für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE).

Zu seinen größten politischen Erfolgen zählten diejenigen Verfassungsbeschwerden von 1973, durch die verhindert werden konnte, dass seine in der Heimat verbliebenen oberschlesischen Landsleute samt sämtlichen Aussiedlern aus der deutschen Staatsanghörigkeit entlassen wurden, wie es die Ostverträge vorsahen. Trotz vielfacher Bemühungen, führte Christine Czaja aus, sei es durch die „Neue Ostpolitik“ lange nicht zu wesentlichen menschlichen Erleichterungen gekommen, die suspekte Vorgeschichte und zahlreiche Ungereimtheiten müssten wissenschaftlich besser aufgeschlüsselt werden.

„Genau heute vor 44 Jahren“, sagte die Referentin, wurde ihr Vater in Bad Godesberg zum Präsidenten des Bundes der Vertriebenen gewählt, ein Ehrenamt, das eigentlich einen Vollzeitberuf darstellt, nicht zu Karrierezwecken taugt, sondern viel Verschleiß mit sich bringt, wie der Kandidat schon am Wahlabend wusste. Dennoch übte er das Amt in einer schwierigen Zeit voller heftiger Auseinandersetzungen um die sogenannte „Neue Ostpolitik“ und politischer Umwälzungen 24 Jahre lang aus, ganz im Sinne einer engen Zusammenarbeit mit den osteuropäischen Nachbarn, des Friedens durch Menschenrechte, des Ausgleichs durch Verständigung. Da die meisten Vorsitzenden des BdV bis dahin aus der SPD gekommen waren, sah sich Czaja zunächst nur als Übergangspräsident. Aber als Repräsentant der Heimatvertriebenen fiel ihm eine langfristig defensive Aufgabe zu, weil die damalige Regierungskoalition aus SPD und FDP eine in seinen Augen verfehlte Ostpolitik begonnen hatte. Seine unverbrüchliche Solidarität mit den Vertriebenen trug ihm viel Feindschaft ein, im Plenarsaal musste er Spott und Häme über sich ergehen lassen, so etwa von dem Grünen-Realo Joschka Fischer, die linksliberale Presse hetzte, von links- wie auch rechtsextremer Seite kamen zahlreiche anonyme Anrufe und Drohbriefe vor allem ins Bonner Büro, aber auch in die Stuttgarter Privatsphäre. Czajas sonntägliche Spaziergänge mit der Familie wurden selten, denn an den Wochenenden trat er als Redner bei Vertriebenenwallfahrten, Glaubenskundgebungen, Tagen der Heimat auf, ab 1990 auch in der ehemaligen DDR, strapaziöse Bahnfahrten für den schwer Kriegsversehrten. Alle seine Reden hat der unermüdliche Arbeiter selbst konzipiert und oft noch während der Anfahrten ausgearbeitet. Zweifellos ist es vor allem Herbert Czaja zu verdanken, wenn der Bund der Vertriebenen allen Versuchen, ihn zu marginalisieren, widerstanden hat und bis heute eine gesellschaftliche Kraft geblieben ist.

Dieses verantwortungsvolle Amt nahm er neben seinem Mandat als Mitglied des Deutschen Bundestages wahr, das er 1953 bis Ende 1990 ununterbrochen in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ebenso gewissenhaft versah, darüber hinaus behielt er seine Bürgersprechstunden in Stuttgarter Wahlkreis bei. Intensiv kümmerte er sich um jeden einzelnen Menschen, der seinen Rat und seine Hilfe suchte, egal, ob der ihn gewählt hatte oder nicht. Es ging ihm – wie übrigens jedem christlich denkenden Abgeordneten – um das Wohl der Menschen, nicht um seine spätere Wahl. Er engagierte sich als Berichterstatter für Menschenrechte im Humanitären Unterausschuss des Bundestages für die unterdrückten Christen in Biafra. Durch mehrere Vorträge im Bonner Katholischen Büro konnte er eine Welle der Solidarität sowohl bei der evangelischen wie auch der katholischen Kirche in Deutschland auslösen und ein Hilfsprogramm auf den Weg bringen. Ebenso setzte er sich für die Armen in Nicaragua, die vietnamesischen und kambodschanischen Boatpeople, die verfolgten Christen in anderen Ländern ein.

Wegen seines Einsatzes gegen Abtreibung, für Ungeborene und ihre Mütter, musste er sich zusammen mit anderen CDU-Kollegen im Bundestag im Mai 1984 bei einer Plenardebatte gar auslachen lassen, nicht nur von Linken, sondern ausgerechnet auch von Frauen, die lautstark und unverschämt über den Lebensschützer loszogen, war die Debatte doch so spät abends angesetzt, dass keine Medien erschienen. In Bruno Heck etwa, Alfred Dregger, Claus Jaeger und Herbert Werner hatte er auch schon zuvor Mitstreiter. Seine Position verdeutlichte er in Reden, die unter dem Titel „Unsere sittliche Pflicht. Leben für Deutschland“ als Festschriftgabe zu seinem 75. Geburtstag erschienen.

Herbert Czaja nahm im Mai 1993 gerade an einer Vertriebenenwallfahrt auf den Schönenberg teil, als der zu wenig um die eigenen Ressourcen bekümmerte Schaffer einen Herzinfarkt erlitt. Während der zehn Tage, die er im Ellwanger Krankenhaus zubringen musste, konzipierte er – wohl in der Ahnung, dass er nicht mehr lange zu leben habe – ein über tausendseitiges Werk, das 1996 unter dem vom amerikanischen Botschafter in Deutschland Vernon Walters stammenden Titel „Unterwegs zum kleinsten Deutschland. Mangel an Solidarität mit den Vertriebenen. Marginalien zu 50 Jahren Ostpolitik“ im Knecht-Verlag in Frankfurt erschien. Ein Kapitel darin thematisiert den verehrten Konrad Adenauer. Gewidmet ist es seiner Frau, ohne deren Rat und qualifizierten Beistand er seiner Berufung nicht hätte nachkommen können.

Seinen letzten großen Vortrag bei der Ackermann-Gemeinde hielt Herbert Czaja in Rechberg im Oktober 1995 zum Thema „Kirchliche Vertriebenenarbeit: Verdienste und Tragik“. Prof. J. Hans Benirschke kommt das Verdienst zu, diese wertvolle Rede transskribiert und herausgegeben zu haben. Die Hefte kamen am Tag der Beerdigung von Herbert Czaja aus der Druckerei und konnten nach dem Requiem verteilt werden.

Bezeichnenderweise bat der tiefgläubige Christ in seinem Testament seine Mitmenschen um Verzeihung, falls er sie einmal ungerecht behandelt haben sollte. Erst nach Herbert Czajas Tod am 18. April 1997 erfuhr die Familie, dass er 37 Jahre lang bis 1990 vom polnischen Geheimdienst abgehört worden war, und zwar nicht nur erwartungsgemäß im Bonner Büro, sondern auch in den eigenen vier Wänden. Nur gut, meinte Tochter Christine, dass er am Telefon nie jemanden kompromittierte, stets vorsichtig war und häufig Abkürzungen verwendete, um Personen unkenntlich zu machen.

Ausgiebig zitierte die Referentin aus der Predigt, die Kardinal Joachim Meisner, ein schlesischer Landsmann, zum Sechs-Wochen-Amt am 23. Juni 1997 im Bonner Münster hielt und dabei den Verstorbenen treffend charakterisierte. Als in der Heimaterde und im Vaterland Verwurzelter, dem Natürlichsten und Gottgewolltesten der Welt, sei Czaja gleichermaßen fähig gewesen, nationale Interessen zu verfolgen und kosmopolitisch am Schicksal der Völker mitzugestalten. Als „Erdenbürger mit Himmelsperspektive“ sei er ein Prophet der Menschlichkeit und ein Brückenbauer gewesen, der pragmatisch, ohne Ideologie und Nostalgie, die Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn suchte. Freundschaft mit diesem vorbildlichen Christen und Europäer zu pflegen und Orientierung von ihm und seinem Lebenswerk zu übernehmen, sei im Hinblick auf ein geeintes Europa ein Gebot der Stunde, so Meisner.

Ein einziger Vortrag könne nicht ein Leben darstellen, das noch eng mit dem österreichischen Kaiserreich verbunden war und bis zum Ende des 20. Jahrhunderts reichte, schloss Christine Czaja ihre Ausführungen, sie habe lediglich Marksteine setzen können. Eingehende Akten- und Archivstudien seien vonnöten, um ein geschlossenes Bild zu entwerfen. Stoff für selbständige Vorträge hergeben würde beispielsweise seine Tätigkeit als Stuttgarter Stadtrat 1947-53 (Czaja war bis 1951 der einzige Vertriebene in diesem Gremium), als Sprecher der katholischen Vertriebenenorganisationen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart und der Landsmannschaft der Oberschlesier. Intensiv befasste er sich auch mit christlichen Märtyrern in Osteuropa und Gegnern des Nationalsozialismus. Mittlerweile liegen etliche Dissertationen vor – auch in polnischer Sprache –, die sich mit dem BdV und den Landsmannschaften befassen und umfangreiche Kapitel auch dem Wirken von Herbert Czaja widmen.

Manche Anekdote und erhellende Betrachtung konnte Christine Czaja noch einflechten, als Dr. Ernst Gierlich eine Stunde lang Fotos aus Herbert Czajas privatem und öffentlichem Leben an die Wand projizierte. Gierlich, der Geschäftsführer der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen in Bonn, war eigens angereist, um die Mitglieder des Neumann-Kreises kennenzulernen. Die Kulturstiftung hatte bis zum Jahr 2000 über 16 hauptamtliche Mitarbeiter verfügt und ihre für die Identität der ganzen deutschen Nation unverzichtbare Arbeit in einer auf drei Stockwerke verteilten Institution entfaltet. Mit einem Federstrich schaffte es die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder und Kulturstaatsminister Michael Naumann, aus ideologischen Gründen eine Einrichtung und eben auch eine Schöpfung Herbert Czajas von 1974 unwiederbringlich hinwegzufegen, in die manches andere Volk seinen Stolz gesetzt hätte. Auch als Begründer der Kulturstiftung wollte sich Czaja im Sinne des § 96 BVFG um Pflege und Weiterentwicklung der Kultur in den historischen deutschen Siedlungsgebieten Osteuropas kümmern und auf dieser ohne Selbstverleugnung auskommenden Basis grenzübergreifende, brückenschlagende Kulturarbeit leisten. Heute muss Dr. Gierlich – übrigens ein rheinischer Idealist ohne Vertreibungshintergrund – die Arbeit bewältigen, für die vormals ein stattliches Team am Werk war.

Zum Ausklang äußerten sich vier Zeitzeugen aus persönlicher Sicht zu Leben und Wirken Czajas. Mercedes Kröger aus Stuttgart lobte Herbert Czajas Verständnis für die Menschen und seine große Hilfsbereitschaft etwa bei seinen Bürgersprechstunden im Eigenheim in Stuttgart-Roth, die bis in den späten Abend zu dauern pflegten und bei denen sich oft lange Warteschlangen bildeten. Mit seiner Hilfe konnten viele dem tristen Lager- und Bunkerleben nach dem Krieg in der zerstörten Stadt entkommen. „Von seiner Menschenfreundlichkeit könnten wir uns alle ein Stück abschneiden“, meinte Frau Kröger. „Solche Politiker gibt es heute leider nicht mehr.“ Josef Grill aus Wört beschrieb Czaja als Vordenker und lebendiges Lexikon. Er hob sein Rechtsbewusstsein, sein Demokratieverständnis, sein soziales Engagement hervor und bezeichnete ihn als oft verleumdeten, aber weitsichtigen Friedenspolitiker für Deutschland und Europa, der Stalin die Stirn bot, ein „Vorbild und Ansporn für uns alle“. Hans Gangl aus Stuttgart, ehemaliger Diözesan-Vorsitzender der Ackermann-Gemeinde, erinnerte daran, dass durch Czajas Vermittlung bekannte deutsche Politiker wie Adenauer, Kiesinger, Kohl und Otto von Habsburg bei der Ellwanger Wallfahrt gesprochen haben. Czaja habe innerhalb der Ackermann-Gemeinde ein soziales Wohnungsbauunternehmen mit 950 Sozialwohnungen mitbegründet. Durch seinen immensen Fleiß und sein leidenschaftliches Bemühen, die Dinge zurechtzurücken, sei er sicher kein bequemer Mann gewesen. Prof. Hans Benirschke aus Ellwangen betonte, Czaja habe nie Personenschutz verlangt, obwohl er wusste, dass der polnische Sicherheitsdienst ihn im Visier hatte, er habe sich nie von Parteien vereinnahmen lassen, Angriffe auf ihn nie mit gleicher Münze heimgezahlt, jeder Bürger konnte mit seinen Anliegen zu ihm kommen und wurde offenherzig empfangen.

Eine kleine, von der Ackermann-Gemeinde und der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen vorbereitete Bücherausstellung zum Thema rundete die gelungene Veranstaltung ab.

Stefan P. Teppert