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Jenny Schon: Böhmen nicht am Meer – Eine Spurensuche bis heute

Edition Odertor/ Gerhard-Hess-Verlag
Bad Schussenried 2016,  ISBN  978-3-87336-483-7
ca. 500 Seiten  mit zahlreichen Schwarzweißabbildungen
19,80 €

boehmen_nicht_am_meerSeit Shakespeares Zeiten soll Böhmen am Meer liegen. Ingeborg Bachmann hat das Bild übernommen ebenso wie Franz Fühmann.

Jenny Schon geht den Spuren nach, z.B. das tschechische Begrüßungswort  „ahoj“ könnte noch so eine Spur sein, in Adersbach findet sie an der Seite von Goethe versteinerte Wellen. Auch die Venediger/Walen haben Spuren ihrer Seerepublik hinterlassen. Alles in allem sind die Geschichten von Jenny  Schon aber eher Kinder  des letzten Jahrhunderts.

Sie stellt wenig bekannte und doch große Persönlichkeiten vor, vor allem Künstler, Schriftsteller, Dichter, wie Josef Mühlberger, Fritz Rieger, Franz Metzner, Igo Etrich, Theodor Fontane, aber auch kaum bekannte Frauen wie Eleonore Prochaska, Gertie Faltis, Evelyn Faltis und Božena in dreifacher Gestalt. Also Menschen, die mit Böhmen zu tun haben.

Es gibt auch Geschichten von der Traumatisierung jener Menschen, die 1945 fluchtartig ihre Heimat verlassen mussten. Es ist ein facettenreiches Buch. Als Schmankerl sozusagen hat Jenny Schon die Geschichte eines Berliner Schülers in den Band aufgenommen, Horst Schulze, von der großmütterlichen Seite auch böhmischstämmig, wie er die Kinderlandverschickung von Berlin nach Böhmen im zweiten Weltkrieg erlebt hat. Nach dem Krieg müssen diese Kinder – allein auf sich gestellt – quer durch das ins drohende Chaos sinkende Deutschland wieder nach Berlin zurückfinden.

Jenny Schon hat das Buch ihrer kürzlich verstorbenen Mutter Anni Schon geb. Schwantner aus Trautenau – einer entfernten Verwandten des Bildhauers Emil Schwantner, der in dem Band zu seinem 125. Geburtstag ausführlich gewürdigt wird, und von Krieg bedrohten Müttern und Kindern gewidmet.