Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgabe 1365

Wer interessiert sich für Erinnerungskultur?

Donnerstag, 25. Februar 2016

Ungarn. Ausgerechnet in dem derzeit wenig beliebten Staat denkt man ans Gedenken

Ungarn wird in den deutschen Medien überwiegend kritisch gesehen. Die Kritik an diesem Land ist weitgehend vorurteilsgeladen und klischeebehaftet. Nach genauer Überprüfung bleibt meist wenig von dieser Kritik übrig, jedenfalls nicht mehr als das, was man auch an anderen Mitgliedern der Europäischen Union kritisieren könnte. Auf einem Gebiet jedoch ist Ungarn beispielhaft für Mittelost- und auch für Westeuropa: in seiner Erinnerungskultur. Nun ist dieses Thema in der Tat nicht gerade medienwirksam. Wer interessiert sich schon für Erinnerungskultur? Dabei ist sie es, die wie kein anderes Anliegen die historische und kulturelle Identität eines Gemeinwesens ausmacht. Der Blick auf die Erinnerungskultur eines Staates erschließt sein Geschichts- und sein kulturelles Selbstverständnis und damit auch den geistig-politischen Beitrag, den dieser Staat zur Identität seiner Bürger leistet.

Klaus Weigelt (KK)

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Geschichte sieht aus wie versteinertes Leben. Kann dort noch etwas gedeihen? Atlas. Fotografie von Detlef Orlopp
Bild: Kunstforum Ostdeutsche Galerie, s. S. 29

Knotenpunkt nicht nur der Eisenbahn

Donnerstag, 25. Februar 2016

Sondern auch so vieler Lebensbahnen: In Furth im Wald liefen jene mancher Sudetendeutschen gezwungenermaßen zusammen

„Ich bin zutiefst beeindruckt von dem, was unsere Landsleute und die Stadt Furth im Wald geschaffen haben“, stellte Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe und Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, bei der Feier am 24. Januar am Gedenkstein vor dem Further Bahnhof fest. Mit dieser Feier und einem Festakt erinnerten die Sudetendeutsche Landsmannschaft im Landkreis Cham und von Furth im Wald sowie die Stadt Furth im Wald an den ersten Vertriebenentransport, der am 25. Januar 1946 um 14 Uhr die Grenzstadt erreichte.

Markus Bauer (KK)

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Selbst angesichts der Miniaturdarstellung lässt sich die furchtbare Wucht des Geschehens nachempfinden: Karl Hartl erläutert den Gedenksteinu
Bild: der Autor

Rache am Bau

Donnerstag, 25. Februar 2016

Der Besitz „politisch unzuverlässiger Personen“ jeder Nationalität wurde von tschechischen Kommunisten unter „nationale Verwaltung“ gestellt

„Verbrechen wider das Vermögen“ ist ein Kapitel des Beneš-Dekrets Nr. 16 aus dem Jahre 1946/47 benannt, in dem Eingriffe in fremdes unbewegliches Gut und „böswillige Beschädigung fremden Eigentums“, Diebstahl, Veruntreuung, Raub, Hausfriedensbruch etc. in der Zeit der nationalsozialistischen Besetzung der Tschechoslowakei von 1939 bis 1945 behandelt werden. Für diese Verbrechen werden „schwerer Kerker von zehn bis zwanzig Jahren“ und bei „erschwerenden Umständen“ sogar lebenslänglich festgesetzt. Zusätzlich soll das gesamte Vermögen der Täter oder ein Teil ihres Vermögens beschlagnahmt werden. Die bürgerlichen Ehrenrechte werden den Verurteilten zeitweise oder für immer aberkannt. Und um das Maß voll zu machen, verlieren sie alle Ruhe- und Versorgungsbezüge, ja sie dürfen künftig weder Vorträge noch Reden halten.

Rüdiger Goldmann (KK)

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Es gibt nicht nur böhmische Dörfer, sondern auch böhmische Schlösser. Dieses hat Wenzel Hablik imaginiert, die wirklichen hat Wilfried Rogasch dokumentiertt
Bild: KünstlerGilde

Baukunst aus Kunststein

Donnerstag, 25. Februar 2016

Ausstellung der Kulturstiftung der Vertriebenen zur Backsteinarchitektur im neuen Domizil des Westpreußischen Landesmuseums

Der aktuelle Stand der Forschung und die Perspektiven zum Thema „Backsteinarchitektur im Ostseeraum“ sind bis zum 28. März im Westpreußischen Landesmuseum in Warendorf kennenzulernen. Die Ausstellung der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Bonn, zeigt Aspekte des Umgangs mit den historisch wertvollen und ästhetisch ansprechenden mittelalterlichen Backsteinbauten.

Von Lübeck über die mecklenburgische, pommersche, west- und ostpreußische Küste und deren Hinterland bis ins Baltikum erstrecken sich auch heute noch die Zeugnisse sakraler und profaner Architektur. Die monumentalen Bauten wurden ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts aus einem rot bis gelb gebrannten Kunststein geschaffen.

(KK)

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Wo Schutz und Trutz ebenso wie Repräsentanz obsolet geworden sind, bleibt die Schönheit, hier des Hochmeisterpalastes der Marienburg. Während Domenico Quaglio ihm in seinem Gemälde von 1834 (Titelbild) das Blau des Himmels als Begütigung beigab, strahlt er auf dieser Aufnahme geradezu Gemütlichkeit aus
Bild aus der Ausstellung

Der Sammler sammelt sich beim Sammeln

Donnerstag, 25. Februar 2016

Ob Eisenwerke oder Postwerte: Haus Schlesien zeigt zum wiederholten Mal, was Leidenschaft vermag

Das Haus Schlesien in Königswinter-Heisterbacherrott setzt seine im Jahr 2014 gestartete Ausstellungsreihe zum Thema „Sammlungen“ fort. Diesmal sind es die Sammler Gerhard Biadacz und Ingo von Garnier, die dem Publikum bis zum 8. Mai faszinierende Eisenkunstgüsse bzw. Belege der Gleiwitzer Postgeschichte präsentieren. Ganz im Sinne der Idee, dass Sammeln verbindet, äußerte sich der Schirmherr der Ausstellung „Eisern gesammelt“, Hartmut Koschyk, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, in seinem Grußwort anlässlich der Vernissage im Haus Schlesien. Die Eisenkunstguss-Sammlung von Gerhard Biadacz sei vergleichsweise „jung“, trotzdem dokumentiere sie exemplarisch das reiche deutsche Kulturerbe Schlesiens. Sie mache zudem deutlich, wie sehr unser Land gerade auch von den in den 80-er Jahren gekommenen deutschen Aussiedlern bereichert wird.

D. G. (KK)

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Eisern entschlossener Repräsentant des schlesischen Kulturerbes: Gießerstatue von Peter Lipp
Bild:Dieter Göllner

„Der Mensch ist, was er isst“

Donnerstag, 25. Februar 2016

Darf es auch ein bisschen mehr sein? Mehr davon und darüber präsentiert das Oberschlesische Landesmusem Ratingen

Auch wenn es sich beim Hungerstillen und Durstlöschen um lebensnotwendige Grundbedürfnisse des Menschen handelt, ist die Art und Weise, wie er die Nahrung beschafft und zubereitet, wie er sie verteilt und letztendlich verzehrt, sehr unterschiedlich. In der großen Jahresausstellung des Ratinger Oberschlesischen Landesmuseums unter dem Motto „Für Leib und Seele“ werden am Beispiel Schlesiens dokumentierte Aspekte regionaler Eigenarten und Vorlieben sowie verschiedene Ess- und Ernährungskulturen beleuchtet. Bei einem Rundgang durch die Präsentationsräume erkennt der Besucher, dass das Zitat des deutschen Philosophen Ludwig Feuerbach, „Der Mensch ist, was er isst“, heute noch gilt.

(KK)

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Selbst bei der Kartoffelernte hatte man in Schlesien stets die Industrie im Blick oder im Hintergrund (vgl. Vorseite). Maler unbekannt.
Bilder aus der Ausstellung

Kultur hat ihren Preis

Donnerstag, 25. Februar 2016

In Bayern gibt es aber auch einen dafür

Der Bund der Vertriebenen in Bayern und seine in ihm zusammengeschlossenen Landsmannschaften schreiben den Kulturpreis 2016 aus. Der Kulturpreis wird vergeben für künstlerische, literarische oder wissenschaftliche Beiträge oder für solche aus dem Bereich der Brauchtumspflege, die in den letzten drei Jahren in Bayern erstellt oder veröffentlicht wurden, Themen der Vertriebenen oder Spätaussiedler in Deutschland, des deutschen Ostens oder der deutschen Siedlungsgebiete in Ost- und Südosteuropa behandeln, das Verhältnis zwischen den Deutschen und den Völkern und Staaten Ost- und Südosteuropas in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zum Gegenstand haben.

(KK)

 


Residenz im Residenzschloss

Donnerstag, 25. Februar 2016

Deutsches Polen-Institut zieht nach Jahrzehnten von der Mathildenhöhe ins Darmstädter Zentrum

Am 22. Februar 2016 beginnt der Umzug des Deutschen Polen-Instituts Darmstadt in einen Flügel des Residenzschlosses. Nach 36 Jahren (Haus Olbrich) und 20 Jahren (Haus Deiters) verlässt das Institut nun die Mathildenhöhe und freut sich auf einen Neubeginn in der Nachbarschaft der Technischen Universität Darmstadt und der zahlreichen Partner im Zentrum der Stadt.

(KK)

 


Mino-Sisyphos

Donnerstag, 25. Februar 2016

Bei Gert Fabritius gebiert der Schlaf der Vernunft hybride Monster

Dieses Porträt von Gert – und nicht Bernd! – Fabritius haben wir in Heft 1356 umbruchbedingt verkleinert als Illustration zu einem Nachruf auf die Grass-Nachrufe abgedruckt, sodass zum Leidwesen des noch dazu falsch benamsten Künstlers die Gedichtzeilen kaum zu entziffern waren. Der Klarheit halber drucken wir die erste Strophe aus Brechts „Lied von der Moldau“ hier nach:
Am Grunde der Moldau wandern die Steine.
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag..

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Bücher, Medien, Veranstaltungen

Donnerstag, 25. Februar 2016

„Es steht das Wort und nicht die Tat
Im Vordergrund beim Götzzitat“

Jura Soyfer. Ein Lesebuch herausgegeben von Erna Wipplinger, Margit Niederhuber und Christoph Kepplinger. Mit einer CD. mandelbaum Verlag, Wien 2015, 19,90 Euro

Jura Soyfers Gedicht „Das Götzzitat“ steht nicht von ungefähr am Anfang dieses Buches. Die Herausgeber sehen die Antagonismen unterschiedlicher gesellschaftlicher Kräfte damals wie heute am Werk. Lediglich im Fluchen sehen sie den Klassenkampf aufgehoben.

Am 4. Dezember 2012 fand im Rabenhof Theater in Wien eine Gedenkveranstaltung aus Anlass des 100. Geburtstages von Jura Soyfer statt. Der Rabenhof ist mit 1112 Wohneinheiten einer der größten unter den Wiener Gemeindebauten. Errichtet in mehreren Abschnitten von 1927 bis 1932, enthielt er auch ein Kino mit 400 Plätzen, das von1934 bis 1971 genutzt wurde. Danach wurde es zu einem Theater umfunktioniert. Dass die Ehrung Jura Soyfers in diesem Theater stattfand, war in jeder Hinsicht passend. Denn seit einigen Jahren ist in diesem Theater kritischer Geist zuhause, ob nun namhafte Kabarettisten auftreten oder kritische Geister früherer Zeiten geehrt werden.

Ulrich Schmidt (KK)

 
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