Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgabe 1367

„Repatriierung“ in die Fremde

Montag, 25. April 2016

Ein selten aufgeschlagenes Kapitel in der Geschichte der  Russlanddeutschen, düster wie ihr ganzes20. Jahrhundert

Mit dem Vorrücken der Roten Armee auf das Gebiet Polens und der Tschechoslowakei gewann die Frage der Behandlung von Kriegsgefangenen, Ostarbeitern, Zivilinternierten und der volksdeutschen Vertrags- und Administrativumsiedler zunehmend an Bedeutung. Bereits am 31. August 1944 wurde das NKWD der Ukrainischen SSR verpflichtet, in den Grenzgebieten Lwow (Lemberg), Drogobyc (Drohobytz) und Wolhynien die ersten sechs Filtrationslager bzw. Filtrationspunkte für deren Rückführung einzurichten.

Unverdächtige Männer im wehrfähigen Alter, gleich ob kriegsgefangene Rotarmisten oder Ostarbeiter, sollten den Militärbehörden für eine anschließende weitere Verwendung überstellt werden. Verdächtige Kriegsgefangene und Zivilisten sollten in Sonderlager des NKWD übergeben werden. Wehrdienstuntaugliche und nicht wehrpflichtige Männer, Frauen und Kinder wollte man nach der Überprüfung in Filtrationslagern in ihre früheren Wohnorte schicken. Am 22. Mai 1945 wurde in Halle der von Generalleutnant Golubew für die sowjetische Seite und von Generalmajor Barker für die Alliierten ausgehandelte „Plan der Übergabe über die Frontlinie der ehemaligen Kriegsgefangenen und Zivilpersonen, die durch die Rote Armee und die Truppen der Alliierten befreit wurden“, unterzeichnet. Darin war der Beginn der Übergabe in 24 Stunden nach Unterzeichnung des Planes festgelegt. Im Plan waren Übergabepunkte vorgesehen.

Alfred Eisfeld (KK)

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Ein Fetzen Papier von bleierner Konsistenz: Der „Sondersiedlerin“ Katharina, „Tochter des Georg“ Ihlenseher, wird am 30. April 1948 bescheinigt, dass sie als einfache Kolchosarbeiterin in der Kolchose „21. Oktober“ tätig ist und das Gebiet der Siedlung Nr. 4 des Rayons Molotowabad (Tadschikische SSR) nicht verlassen darf
Bilder: Archiv OKR

 

„Deutschland? Aber wo liegt es?“

Montag, 25. April 2016

Wer dazugehören will, muss sich als Individuum erkennen

Wir sind unsicher. Wir wissen nicht, was uns wirklich im Innersten zusammenhält. „Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden, wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.“ Dies hinterließ uns Friedrich Schiller. 1989 riefen die Menschen in Leipzig, Dresden oder Berlin: Wir sind das Volk! Und nachher: Wir sind ein Volk! Heute wird Volk mit völkisch assoziiert und deshalb durch den Begriff Gesellschaft ersetzt. Damit verlieren wir aber das Grundgesetz aus dem Auge. Denn Staat und Nation sind wesentlich für unsere rechtliche Verfasstheit.

Selbstgefälliger Stadtpatriotismus wie „Ich bin Kölner“ oder ein gefühltes Weltbürgertum wie „Europa über alles“ verweigern die Antwort auf die Frage, was deutsche Identität ausmacht. Ein religiöses Bekenntnis beantwortet sie ebenso wenig. Für Muslime beispielsweise sind Clan, Koran und Umma tragende Säulen, nicht aber Staat, Individuum und Recht.

Matthias Buth (KK)

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„Durch so viele Formen geschritten“ ist das Ich bei Gottfried Benn, doch seine „ewige Frage: wozu?“ beantwortet Eckard Alker gelassen: „Gegensätzliches – wie schön“
Bild: s. S. 30

 

Segensreiches Erdenbeben

Montag, 25. April 2016

Tagung zum „Luthereffekt“ im östlichen Europa

Folgende Momentaufnahmen skizzieren die internationale Fachtagung „Der Luthereffekt im östlichen Europa. Geschichte, Kultur, Erinnerung“ in Berlin, die im März vom Deutschen Historischen Museum und Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (Oldenburg) in Kooperation mit der Universität Wrocław/Breslau, der Universität Stuttgart und der Technischen Universität Berlin veranstaltet wurde.

Martin Luthers reformatorischer Geist schlug im östlichen Europa wie ein Blitz ein. Dem „Luthereffekt“ in Polen, Böhmen oder Ungarn vom 16. Jahrhundert bis heute nachzugehen ist demnach ersprießlich: Wissenschaftler bewegen sich auf einem Terrain, das – bei guter Pflege – noch immer satte Früchte hervorzubringen vermag. Auf dieser Fachtagung wurden einige der Früchte präsentiert.

Ingeborg Szöllösi (KK)

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Auch die nüchternen Reformatoren mochten nicht auf Prachtentfaltung verzichten: Der Croy-Teppich (1554) zeigt die pommerschen und sächsischen Herzöge, die mit ihren Familien Martin Luthers Predigt lauschen
Bild: OKR-Ausstellung „Im Dienste der Menschheit“

 

Ehre sei Gott in der Höhe – aus der Höhe

Montag, 25. April 2016

Restaurierung einer kostbaren historischen Decke in Brietzig (Brzesko), Woiwodschaft Westpommern, durch Deutsch-Polnische Stiftung

In Hinterpommern (Woiwodschaft Westpommern) hat sich in dem Dorf Brietzig (Brzesko) eine kostbare historische Decke erhalten, die heute einzigartig ist. Es handelt sich um ein hölzernes Schein-Kreuzrippengewölbe, das die Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt schmückt.

Man weiß, dass dieses in der nachträglich verputzten mittelalterlichen Feldsteinkirche von um 1300 anzutreffende prachtvoll gestaltete Werk 1697 von dem Holzschnitzer Michal Pahl erschaffen wurde. Unbekannt ist hingegen der Künstler, der die Decke so reich ausgemalt hat. Auf hellblauem Grund mit Arabeskenzier sind individualisierte Engel dargestellt, zumeist im Flug und mit verwehter Kleidung. Sie musizieren, von Wolken umwirbelt, mit Posaune, Barocktrompete, Laute, dem Zink mit geradem Rohr (eine historische Grifflochtrompete, die im 17. Jahrhundert ihre Blütezeit hatte und heute in Vergessenheit geraten ist), Kesselpauke, Triangel, Viola da Gamba und Harfe. Andere Engelgestalten sind mit den Leidenswerkzeugen Christi und Spruchbändern mit Zitaten aus der Bibel ausgestattet, wie „Gloria in excelsis Deo – Ehre sei Gott in der Höhe“. Hinzu kommen Attribute, die dort und da nicht zusammenzupassen scheinen und mit Engeln in Verbindung gebracht werden wollen, wie etwa Fackel und Seil, Krummsäbel und Ohr des Malchus, Eisenhandschuh und Kelch.

(KK)

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Eine Decke, die niemandem auf den Kopf fällt, aber in ihrer erneut und erneuert strahlenden Schönheit jeden Kopf anregt
Bilder: Deutsch-Polnische Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz

 

Von der Natur des Widernatürlichen

Montag, 25. April 2016

Die Habsbergtagung der Ackermann-Gemeinde in der Diözese Regensburg widmet sich „Grenzerfahrungen“

Zum fünften Mal fand kürzlich die „Habsbergtagung“ der Ackermann-Gemeinde in der Diözese Regensburg statt: ein Treffen von Deutschen und Tschechen, die sich in der grenzüberschreitenden Begegnung engagieren. „Grenzerfahrungen“ lautete diesmal das Thema, dargestellt am früheren Eisernen Vorhang zwischen Deutschland und Tschechien sowie an den angesichts der aktuellen Flüchtlingsproblematik neu entstehenden Grenzen.

Im Haus am Habsberg konnte Leonhard Fuchs, der Vorsitzende der Ackermann-Gemeinde in der Diözese Regensburg, gut 30 Personen aus dem Bistum Pilsen (Pilsen, Klattau, Spálené Porící) sowie aus Ostbayern begrüßen, darunter fünf neue Interessenten. Ursprünglich als Motivation für den Führungskreis der Regensburger Ackermann-Gemeinde für deutsch-tschechische Partnerschaftsprojekte gedacht, ist die Veranstaltung inzwischen eine Tagung zur Information über aktuelle oder auch allgemein typische Ackermann-Themen. Und da trifft die Frage nach „Grenzerfahrungen“ zugleich Vergangenheit und Gegenwart.

Markus Bauer (KK)

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Reden, selbst über das Beengendste und Bedrängendste, macht frei – das sieht man den Tagungsteilnehmern an
Bilder: der Autor

 

Die Süße des Lebens in Siebenbürgen

Montag, 25. April 2016

Das macht die Arbeit, erzählen Claudia Funks Protagonisten

Nach dem Sturz des Diktators Nicolae Ceausescu 1989 blieben von den etwa 120 000 Siebenbürger Sachsen nur noch etwa 10 000 in ihrer Heimat. Als bald danach noch mehr Siebenbürger ausreisten und alte Leute allein zurückblieben – ohne Verwandte und meist ohne ausreichende Rente –, waren manche von ihnen absolut hilflos. Für diese Notlage wurde in einem Ort eine einzigartige Lösung gefunden, ein Heim der aktiven Alten: In Hetzeldorf/Atel im südlichen Seitental der Großen Kokel zwischen Mediasch und Schäßburg entstand vor 25 Jahren auf Initiative der evangelischen Diakonie ein Gemeinschaftsprojekt, in dem heute ungefähr 30 Siebenbürger Senioren im Alter zwischen 60 und 90 Jahren zusammen leben und arbeiten.

Susanne Habel (KK)

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An Freundlichkeit und Freude dürfen einen weder Alter noch Armut hindern – Krawatten schon gar nicht: zwei Hetzeldorfer Helden in dem Dokumentarfilm von Claudia Funk

 

Östliche Sommerakademie in Berlin

Montag, 25. April 2016
20 Studentinnen und Studenten aus Mittel-, Ost-, Südosteuropa und aus Deutschland treffen sich vom 21. bis zum 26. August 2016 im Europasaal der Deutschen Gesellschaft e. V., Voßstraße 22, Berlin-Mitte

(KK)

 

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Montag, 25. April 2016

Die Dürers aus dem „Dörflein Eytas“

Vor wenigen Monaten ist Adina Nanus Buch „Auf Dürers Spuren“ in deutscher Sprache erschienen, das, neben der kunsthistorischen Zuordnung des Nürnberger Meisters in seiner zeitgeschichtlichen und heutigen Rezeption, auch seine Beziehungen zu Siebenbürgen einer kritischen Betrachtung unterzieht. Diese sind vielfältiger und unmittelbarer, als gemeinhin angenommen wird.

Albrecht Dürer bestätigt in seiner Familienchronik von 1523 die siebenbürgische Wurzel der Familie. „Albrecht Dürer der Älter“, berichtet er dort „ist aus seim Geschlecht geboren im Königreich zu Hungern, nit fern von einem kleinen Städtlein, genannt Jula, acht Meilen wegs weit unter Wardein, aus einem Dörflein zunächst darbei gelegen, mit Namen Eytas“. So genau, wie diese Angaben auf den ersten Blick scheinen, so verwirrend erweisen sie sich bei näherer Betrachtung. In den allerdings spärlichen, wenn nicht gar fehlenden Dokumenten aus dieser Zeit liegen keine Hinweise auf die Familie Dürer vor, und das „Dörflein, zunächst darbei gelegen“, muss wohl in den häufigen Kriegshandlungen jener Tage spurlos untergegangen sein. Auch findige Ableitungen der Ortsbezeichnung sowie des Namens Dürer – sie führen unter anderem bis nach Thorenburg/Torda/Turda in Mittelsiebenbürgen und westwärts bis nach Düren bei Aachen in das angenommene Herkunftsgebiet der Siebenbürger Sachsen – blieben diesbezüglich ergebnislos.

Franz Heinz (KK)

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Montag, 25. April 2016

Europäische Kulturhauptstadt,
zweisprachig kartiert

Dirk Bloch: Stadtplan Breslau 1932 / Wroclaw heute: Altstadt und angrenzende Stadtteile im Maßstab 1:12 000. Bloch Verlag, Berlin 2015, 6,95 Euro

Der Stadtplan „Breslau 1932 – Wrocław heute“ unterscheidet sich von den bereits auf dem Markt befindlichen Breslau-Plänen dadurch, dass er nebeneinander den Vorkriegs- und den aktuellen Zustand in gleichem Maßstab und gleicher Darstellung zeigt und somit einen direkten Vergleich beider Zeitschichten ermöglicht. Im Gegensatz zu Plänen, in denen neben den aktuellen Straßen lediglich die historischen Straßennamen verzeichnet sind, kann man so besser die Unterschiede in der Stadtstruktur sehen, wurde doch in Breslau – wie in jeder anderen europäischen Großstadt – durch Kriegszerstörung und den Bau von Schnellstraßen, aber auch durch Sanierung von als unhygienisch bezeichneten historischen Stadtvierteln vieles verändert. So kann man heute eben nur noch ahnen, dass anstelle der die Altstadt durchschneidenden autogerechten Schnellstraße Kazimierza Wielkiego einst ein ganzes Gewirr von Gassen und Sträßchen den Verlauf der alten Ohle säumte. In vielen Plänen wird behauptet, dass diese für die 70er Jahre typische Straße früher Karlstraße hieß, was nur für einen schmalen Bereich der heutigen Fahrbahn zutrifft. Man sieht aber beim Vergleich beider Pläne auch, was an historischen Gebäuden heute noch vorhanden ist und wie viele der alten Bauten heute ähnlich genutzt werden wie früher.

Michael Ferber (KK)

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Montag, 25. April 2016

Bücher-Breslau

Ursula Bonter, Detlev Haberland, Siegfried Lokatis, Patricia Blume (Hgg.): Verlagsmetropole Breslau 1800–1945. Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg. Schriften des Bundesinstitutes für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 62. De Gruyter Oldenbourg, München 2015, 500 S.

Breslau ist Kulturhauptstadt Europas 2016. Um diese Nominierung hatten sich zuvor in einem innerpolnischen Wettbewerb auch andere Städte beworben, so Danzig, Posen und Kattowitz. Dass Warschau auch zu den Bewerbern gehörte, aber nicht die Hauptstadt siegte, war schon beachtlich. Alle diese Städte waren und sind Zentren der Buchkultur. Ob und wie sich dies im Programm von Breslau manifestiert, wird sich zeigen. Zum Buch in und aus Breslau lässt sich historisch wie aktuell viel sagen. Mancher wird sogleich an einen der bekanntesten schlesischen Traditionsverlage, den lange unangefochtenen Spitzenverlag Korn denken. 25 Jahre ist es her, dass Ulrich Schmilewski „Verlegt bei Korn in Breslau. Kleine Geschichte eines bedeutenden Verlages von 1732 bis heute“ publizierte. Nun also gibt es für einen Kernzeitraum die Darstellung „Verlagsmetropole Breslau 1800–1945“. Da darf man gespannt sein, wie die sachkundigen Herausgeber um Detlef Haberland sich diesem Thema nähern und was sich an Erkenntnisgewinn ergibt.

Stephan Kaiser (KK)

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