Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1254.

„Alle Register des Lebens zog er auf“

Das Käthe Kollwitz Museum in Köln gedenkt mit seiner Namenspatronin Max Klingers zu dessen 150. Geburtstag

Zeit seines Lebens hatte der Name des Leipziger Künstlers Max Klinger (1857–1920) einen guten Klang. Alt und jung waren besonders von seiner Druckgrafik angetan, auch über seinen Tod hinaus, als Expressionisten und Kubisten die Ausstellungsstätten eroberten und die Diskussionen über die moderne Kunst begannen. Nach dem Krieg entstand allerdings erst, als die Überschwemmung durch die Kunst und Pseudokunst aus den USA abebbte, wieder eine pluralistische Szene, in der auch Klingers Schaffen gebührend gewürdigt wurde und wird.

Einigermaßen über­raschend stellte ihn nun in Köln allerdings das Museum aus, das der Ostpreußin Käthe Kollwitz gewidmet ist. Stilistisch sind die Werke der Künstlerin aus Königsberg und des Künstlers aus Leipzig recht verschieden, was nicht nur auf die unterschiedlichen Herkunftslandschaften zurückgeht. Blättert man aber in der Biographie der Käthe Kollwitz, so wird man gleich über ihre Beziehungen zu Max Klinger und zu dessen Werk aufgeklärt.

Die erste Begegnung mit einem Werk Klingers hatte Käthe Kollwitz als Neunzehnjährige in einer Ausstellung in Berlin: „Es erregte mich ungeheuer“, so die Künstlerin. In den folgenden Jahren wurde Klinger, der Meister der Grafik, besonders durch seine großen Radierzyklen zum populären Künstler in Deutschland und Vorbild einer ganzen Künstlergeneration. Und 1920 steht Käthe Kollwitz an seinem Grab am Friedhof Großjena und sagt: „Was mir Max Klinger in meiner Jugend gewesen ist, ist schwer in Worte zu fassen. Es war ein ganz großes Erlebnis, als ich seine Radierungen kennenlernte. Und wie mir ging es vielen tausend anderen … Was uns fortriß, was wir liebten an diesen Blättern, war nicht die technische Meisterschaft. Der ungeheuere Lebensdrang, die Energie des Ausdrucks waren es, was uns daran packte … Alle Register der Lebens zog er auf, das gewaltige, herrliche und traurige Leben faßte er und deutete es uns.“

Als sie nach Jahren wegen dieser Rede angesprochen wurde, erinnerte sich Käthe Kollwitz: „Ja, ich habe damals am offenen Grabe gespro­chen … Damals war Klinger dahingegangen, meine Liebe und Verehrung für ihn so fassungslos und unmittelbar, daß ich es direkt begrüßte, als man von der Secession aus mich bat, ihm Abschiedsworte zu sagen. Ich bin überzeugt, daß auch in der allgemeinen Schätzung Klinger bald wieder die Stelle einnehmen wird, die ihm unbedingt gehört.“

Dies beteuerte Käthe Kollwitz vor rund 75 Jahren. Nun stellt das Kölner Museum, das ihren Namen trägt, Max Klinger aus. Mit viel Wissen und ihrem bekannten Engagement hat Hannelore Fischer, die Direktorin des Museums, 130 Exponate aus den Museen Bremen, Berlin, Dresden, Leipzig, Karls­ruhe, dem Klinger-Haus des Stadtmuseums Naumburg sowie Privat­besitz zu einer grandiosen Schau vereint. Eine Parallel-Ausstellung fand im Suermondt-Ludwig-Museum zu Aachen statt. Ein gemeinsamer Katalog (300 Seiten, 220 Abbildungen, 32 Euro) trägt den Titel „Max Klinger – Alle Register des Lebens. Graphische Zyklen und Zeichnungen“. Die kundigen Texte stammen von der Museumsdirek­torin Hannelore Fischer und den Autorinnen Dagmar Preising, Anja Wenn, Gudrun Schmidt, Alexandra von dem Knesebeck. Die Meisterschaft Klingers wird hier in der zyklischen Erzähltruktur seiner Folgen und deren drucktechnischer Realisierung aufgezeigt: „Ein Leben“, „Vom Tod“, „Eva und die Zukunft“, „Dramen“ und „Brahmsphantasie“.

Wie die anderen Künstler seiner Generation ging auch Klinger von der Natur, der erlebten Realität aus. Doch spürt man, wie wichtig für ihn auch die formale Gestaltung ist, wie das später die sogenannten Abstrakten, freilich gelöst von der Wirklichkeit, tun. Hier gleitet eine zarte Linie über die Fläche des Papiers. Dort verdichten sich die Linien so, daß sie malerisch wirken. Im Vordergrund bleiben allerdings die Motive und die erzählenden Momente des phantasiebegabten Künstlers.

Käthe Kollwitz hat zu ihren Lebzeiten – und auch zu seiner Todeszeit – auf Max Klinger aufmerksam gemacht. Nun tut es „ihr“ Museum in Köln, 150 Jahren nach seiner Geburt.

Günther Ott (KK)

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