Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1296.

„Als flöge sie“

Joseph von Eichendorffs Seele mag man an viele Orten suchen, finden muß sie ein jeder an dem seinen

Damals herrschte Begeisterung im Allgäu. Zum 200. Geburtstag des oberschlesischen Dichters wurde 1988 unweit von Frankenried/ Gemeinde Mauerstetten mitten im Grünen ein Eichendorffdenkmal geschaffen. Die deutsche Eichendorffgesellschaft unter Clemens Riedel unterstützte das Vorhaben. Schöne Reden wurden gehalten, ein Schülerchor sang. Gäbe es nicht den pensionierten Vermessungsingenieur Hermann Paulson, wäre dieser so schön inmitten von Allgäuer Wiesen und Wäldern gelegene Erinnerungsort vergessen.

Er sorgt für Blumenschmuck und eilt herbei , wenn – selten genug – Besuchergruppen kommen. Diesmal kam sie vom Münchner Haus des Deutschen Ostens. Hingewiesen auf die Gedenkstätte hatte der Oberschlesier Walter Kaleta, der einst durch Zufall auf das Denkmal gestoßen war.

Den Kopf des Dichters umrahmt der Beginn des Liedes „O Täler weit, o Höhen“. Lubowitz – Neisse – Oberschlesien steht darunter, und dann: „Unvergessen“.

Unter zwei Eichen je eine Bank. Und mit diesen Bäumen hat es eine besondere Bewandtnis, stammt doch die größere aus Eichendorffs Geburtstort Lubowitz , die andere aus Niederbayern. Paulson wäre kein Geodät, hätte er den Standpunkt des Denkmals nicht genau vermessen. Es liegt auf der Achse Frankenried–Lubowitz.

Nur etwa hundert Kilometer sind es zum malerischen Wangen im Allgäu. In seinen Mauern befinden sich gleich zwei kleine Museen, die an oberschlesische Schriftsteller erinnern: Im Heimatmuseum in der Eselsmühle gibt es zwei Eichendorff- und ein Gustav-Freytag-Zimmer. Beide setzen die oberschlesische Tradition fort.

Als die Rote Armee das Neisser Eichendorffmuseum geplündert hatte, gelang es dem Oberschlesier Willibald Köhler, der einst in seiner Heimat das Eichendorff-Archiv aufgebaut hatte, das, was noch übrig war, in die Tschechoslowakei zu bringen. Dort ging in den Nachkriegswirren erneut einiges verloren. So sind es nur noch die Büste, Handschriften, Bücher, Bilder, Photos und etwas Porzellan, das gezeigt werden kann. Das Eichendorffmuseum in Wangen versteht sich als Rechtsnachfolger des Neisser Eichendorffmuseums. Der Wangener Kreis – Gesellschaft für Literatur und Kunst: Der Osten – verleiht im Rahmen der Wangener Gespräche regelmäßig den Eichendorff-Literaturpreis.

Gleich neben den Eichendorff-Zimmern  wird an den Oberschlesier Gustav Freytag (1816–1895) erinnert. Das schon fünf Jahre nach seinem Tode in seinem Geburtstort Kreuzburg errichtete Museum wurde in den letzten Kriegstagen 1945 völlig zerstört. Nichts war ausgelagert worden. Mühsam wurde wieder etwas zusammengetragen: Briefe des Kriegsberichterstatters liegen unter einem Ölgemälde der Schlacht bei Sedan, seine in Latein verfaßte Dissertation und seine in Breslau entstandene Habilitationsschrift. Dazu gibt es Bücher, eine alte Ausgabe des Romans „Soll und Haben“, der seinen Autor mit 28 Auflagen zum Millionär machte, eine Ahnentafel, Gläser und etwas Porzellan. Zu danken ist den früheren Betreuern des Nachlasses von Freytag aus Kreuzburg, Margret und Karl Fleischer, daß sie schon 1951 darangingen, den Grundstock für das neue Museum zu legen.

Norbert Matern (KK)

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