Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1254.

„Eine sich ereignete, unerhörte Begebenheit“

Arno Surminski war bis jetzt hauptsächlich als Schriftsteller bekannt, der in Romanen die Schrecken von Flucht und Vertreibung, den Verlust seiner ostpreußischen Heimat und die oft schwierige Eingliederung der Vertriebenen in Westdeutschland eindrucksvoll beschrieb. Freilich gibt es in seinen früheren Arbeiten auch Hinweise auf die Greuel des Krieges und die Auswirkungen des NS-Terrors auf polnische, russische und jüdische Opfer, aber der Schwerpunkt war immer deutlich Flucht, Vertreibung und Heimatverlust. In seinem vorletzten Roman; „Vaterland ohne Väter“ (2004) allerdings, der im Hintergrund immer noch Heimat und Heimatverlust zum Thema hat, liegt der Schwerpunkt bei der Beschreibung des Krieges im Osten aus der Sicht dreier „einfacher“ deutscher Soldaten, die bei diesem Feldzug umkommen.

In seiner im Februar 2008 erschienenen Novelle „Die Vogelwelt von Auschwitz“ entfernt sich Surminski ganz von seinem bisherigen Hauptthema, indem er – nach Goethes Definition – „eine sich ereignete, unerhörte Begebenheit“ erzählt. Es gab tatsächlich einen 1941/42 in Auschwitz dienenden SS-Mann, Günther Niethammer, der in der Umgebung des Konzentrationslagers ornithologische Studien durchführte, zuerst in seiner Freizeit, dann vom Lagerkommandanten Rudolf Höß zu diesem Zweck freigestellt und mit einem polnischen Häftling als Assistenten versehen. Diese Studien wurden im Jahre 1942 unter dem Titel „Beobachtungen über die Vogelwelt von Auschwitz“ (daher auch der auf den ersten Blick befremdliche Titel von Surminskis Werk) in einer wissenschaftlichen Zeitschrift in Wien veröffentlicht. Nach einer dreijährigen Gefängnisstrafe in Polen machte Niethammer Karriere in der Bundesrepublik als Professor in Bonn und Präsident der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft, während die Spuren des polnischen Häftlings sich 1944 im KZ Neuengamme verlieren.

Surminskis Novelle wird fast vollständig aus der Perspektive dieses politischen Häftlings Marek erzählt, und wie der deutsche SS-Obersturmführer Hans Grote die Vogelwelt von Auschwitz beobachtet, so beobachtet (und beschreibt) Marek den „komischen Vogel“ Hans Grote, der einem Vogel nichts antun kann, aber ohne Widerspruch bereit ist, seinen Dienst im unmenschlichen Vernichtungsapparat der SS und des NS-Staates zu verrichten: „Der Deutsche, mit dem ich die Vogelwelt erforsche, ist im Grunde ein anständiger Mensch, der keinen Vogel töten könnte. Menschen könnte er töten, wenn es ihm befohlen wird.“

Obwohl wir so gut wie nichts von Grotes Gedanken und Einstellungen „erfahren“, lesen wir in einem Brief an seine Frau: „Ich bin nur froh, daß ich bei der schweren Arbeit, die hier zu verrichten ist, nicht selbst mit Hand anlegen muß.“ Wenngleich solche Äußerungen Schutzfunktion gegenüber der Briefzensur haben mögen, paßt diese den Massenmord verharmlosende, ja bejahende Aussage in das Bild eines die NS-Untaten im Prinzip befürwortenden Menschen. Das einzige, was wir über Grote „wirklich“ wissen, ist, daß er ständig versucht, die Wirklichkeit auszublenden und sich in seine „Vogelwelt“ zu versetzen: „Noch immer beschäftige ich mich mit der Vogelwelt. […] Es gibt noch vieles zu erforschen.“

Obwohl Marek als Assistent des „Vogelprofessors“ relativ privilegiert ist und später, als Grotes Forschungstätigkeit beendet ist, auch durch dessen Zutun ins Arbeitslager Monowitz versetzt wird, wodurch sich seine Überlebenschancen deutlich verbessern, gibt es am Ende keine Versöhnung zwischen Herrn und Knecht. Im Gegensatz zu dem historischen Vorbild, dem polnischen Förster Jan Grebacki, der vermutlich in Neuengamme umgekommen ist, überlebt Marek und wandert nach Amerika aus. In einer Art Nachwort erfahren wir, daß er seinen Kindern verbietet, die Orte zu besuchen, an denen ihre Eltern gelebt haben. Er und seine Frau wollen mit der Vergangenheit nichts zu tun haben, die Leiden werden verdrängt, und auch die Kinder sollen nicht daran erinnert werden.

Und Hans Grote? Sein weiterer Lebensweg ähnelt, jedenfalls äußerlich, der historischen Vorlage, er macht Karriere „in der angenehmeren Hälfte des 20. Jahrhunderts am Ufer des Rheins, wo er zu einer Koryphäe der ornithologischen Wissenschaft aufstieg“. Am Ende von Surminskis Novelle besucht er allerdings noch einmal Auschwitz, und zum ersten und einzigen Mal bekommt der Leser durch den jetzt auktorialen Erzähler einen kurzen Einblick in die Gedankenwelt des ehemaligen SS-Mannes. Hans Grote hat jene Zeit fast vollkommen verdrängt, es gibt keine Einsicht oder Selbsterkenntnis: „Dort stand er vor dem Lagertor und fragte sich, ob es ein anderer Mensch gewesen war, der in den Jahren 40 bis 42 das getan hatte, was damals Dienst und Pflicht genannt wurde.“ Dieser SS-Mann bleibt sich selbst und dem Leser bis zuletzt unbegreiflich.

Arno Surminski: Die Vogelwelt von Auschwitz. Novelle. Langen Müller, München 2008. 192 S., 17,90 Euro

Herman Beyersdorf (KK)

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