Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1384.

Alte Rechnungen bleiben jung

Manche Völker produzieren mehr Geschichte, als sie brauchen können

Präpotentes Gehabe ist nicht nur ein Ritual ungarischer Folklore wie auf diesem Bild aus der Touristikwerbung, sondern zieht sich bis in die Geschichtsbetrachtung und in die gegenwärtige Politik

In seinen „Anmerkungen zu Hitler“ listete der brillante Essayist Sebastian Haffner 1978 dessen „Leistungen“ (Beseitigung der Arbeitslosigkeit) und „Erfolge“ (Anschluss Österreichs, März 1938; Münchner Abkommen, September 1938; erster Wiener Schiedsspruch, November 1938, der Ungarn den ganzen Südteil der Slowakei annektierte) auf. Bis 1941 bemaß Haffner die Erfolgsphase Hitlers, der mit „der Witterung des Geiers“ schwache, blinde, zerfahrene Gegner ausmachte und beraubte.

Haffner übersah die Tatsache, dass Hitlers „Verträge“, „Schiedssprüche“ etc. das alte „Groß-Ungarn“ partiell wiederbelebten, das sich im Viereck Krakau–Lemberg–Temeswar–Split über 282 000 Quadratkilometer erstreckte und wo die Ungarn die Minderheit bildeten. Darum hat es auch niemand bedauert, dass im Juni 1920 der Vertrag zu Trianon dieses Völkergefängnis auf 93 000 Quadratkilometer minderte und seine abgetrennten Trümmerstücke den Nachfolgestaaten Polen, Ukraine, Rumänien, Jugoslawien zufielen.

In Osteuropa gibt es etliche Völker – Polen, Balten, Ukrainer, Serben –, die sich mit einigem Recht als Opfer der Geschichte empfinden. Das lauteste Wehgeschrei erheben die Ungarn, die bis zum Ersten Weltkrieg die Schlacht von Mohács, die sie 1526 vernichtend gegen die Osmanen verloren, als Tiefpunkt ihrer Historie angesehen hatten, diesen aber seit 1920 auf das in Trianon besiegelte Ende des „tausendjährigen Ungarn-Staats“ verlagern, und das in einer kollektiven Wehleidigkeit, die ihnen den Hohn der Nicht-Magyaren sichert. Ihr rechtsnationaler Regierungschef Viktor Orbán hat im Mai 2010 den Jahrestag von Trianon zum „Tag des nationalen Zusammenhalts“ erklärt, an dem alljährlich das eigene „Unglück“ von Historikern und Politikern so erklärt wird, dass Raum für jede Beschuldigung oder Rechtfertigung bleibt. 2016 lautete das Generalthema „Die heutige Auswirkung von Trianon auf die Nationalitätenpolitik der Staaten im Karpatenbecken“.

Wenn es diese „Auswirkung“ überhaupt gibt, dann sind es die bösen Erinnerungen an den ungarischen „Revisionismus“, also das Bestreben Budapests, die Trianon-Grenzen rückgängig zu machen. Das gelang ihm größtenteils in der Komplizenschaft mit Hitler, dessen „Schiedssprüche“ Ungarn slowakische und rumänische Territorien zuschanzten. Damit war es ab dem 5. April 1945 vorbei, als die Rote Armee und ihre slowakischen Partner im ostslowakischen Kaschau (Kosice) ein „Regierungsprogramm“ erließen, das die Tschechoslowakei fast komplett den Sowjets auslieferte und eine Million Ungarn und 3,5 Millionen Deutsche der tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft entblößte, sie also der Vertreibung preisgab.

Ab dem 19. Mai 1945 folgten bis 1949 die berüchtigten 143 „Benesch-Dekrete“, die Deutschen und Ungarn kriegerische Kollektivschuld, Enteignung, Zwangsarbeit etc. auferlegten. Davon wollten Slowaken nie abrücken, weswegen das slowakische Parlament noch am 20. September 2007 die „Unantastbarkeit der Nachkriegsdokumente zur Regelung der Verhältnisse“ bestätigte.

Benesch plante, alle Deutschen und Ungarn aus der Tschechoslowakei zu entfernen, aber das ließ Moskau bei Letzteren nicht zu: Ungarn, Hitlers letzter Verbündeter, war sowjetische Besatzungszone, formal von der Alliierten Kontrollkommission verwaltet, in der Sowjets den Ton angaben. Hinzu kam, dass über die „Reslowakisierung“ sich ein Schlupfloch öffnete, ähnlich wie in Polen die „Repolonizacja“, durch das 326 679 zwangsmagyarisierte Slowaken der Vertreibung entgingen.

Die „Reslowakisierung“ scheint nur kurzfristige „Erfolge“ gehabt zu haben: Bis 1950 fiel die Zahl der Ungarn in der Slowakei auf 354 532, um bis zum Jahr 1991 wieder auf 567 296, fast die Stärke der Vorkriegszeit, zu wachsen. Umgekehrt ist es mit den Ungarn in Rumänien, wo sie in rückläufiger Zahl im Nordwesten und Zentrum des Karpatenbogens leben: 1992 1,6, 2002 1,4, 2011 1,2 Millionen. Von diesen Angaben müsste man noch 450 000 Szekler abziehen, ein in den Grenzregionen Transsilvaniens siedelndes para-magyarisches Ethnikum, das einen stark mit türkischen Elementen vermischten ungarischen Dialekt spricht. Rumänien ist an ihnen völlig „desinteressiert“, Ungarn, das die Szekler als reine Ungarn betrachtet, hingegen „superinteressiert“ (rumänisch: „România dezinteresata si Ungaria superinteresata“).

Dieses ironische Diktum ist charakteristisch für die „ungarische Frage“, die außerhalb Ungarns so gut wie niemand ganz ernst nimmt. Wie soll man es auch anders halten, wenn die Ungarn schon mit eigensinniger Namensgebung aufwarten, die an alte Witze über „ungoorischen Gloobus“ erinnern: für Slowakei Felvidék (Oberland), für Fünfkirchen Pécs, für Wien Bécs usw. Ungarische Agitatoren wie der ehemalige Diplomat György Csóti, Direktor eines Instituts für den Schutz von Minderheitenrechten, beklagen dafür den „rumänischen Amoklauf von Chauvinismus“, selbst wenn es nur um Biermarken geht. Der ungarische Historiker Krisztián Ungváry erntet bei deutschen Interviewern höhnisches Unverständnis, wenn er Ungarn als „Opfer von Vertreibungen aus der Tschechoslowakei und aus Rumänien“ beklagt.

Ex-Diplomat Csóti bemängelte noch Ende März 2017, dass „sich die Slowakei noch nicht für die Vertreibung entschuldigt“ habe, wo doch „jeder geschädigte Ungar eine minimale moralische und möglichst materielle Entschädigung“ verdiene. So etwas wird in der slowakischen Presse als Beweis ungarischer Arroganz zitiert und mit dem Rat garniert, die Ungarn sollten ihre Wiedergutmachungsforderungen auch auf deutsche Leidensgenossen ausdehnen. Die Ungarn ziehen es vor, gegen das slowakische Gesetz 503 vom 24. Oktober 2003 zu polemisieren. Dieses verfügte die Rückgabe von Grundbesitz, der zwischen dem 25. Februar 1948 und dem 1. Januar 1990 enteignet wurde, und zwar an „Bürger der Slowakischen Republik, die ständigen Wohnsitz auf deren Territorium haben“. Das ist eine gezielte Abweisung an Ungarn, wogegen Csótis Institut bei Ungarn Entschädigungsansprüche sammelt. Der Erfolg ist mäßig.

Die Faszination, die balkanische Völker für Territorium und Volk aufbringen, ist selbstschädigend, wie man am serbischen Vorgehen im Kosovo und in der Wojwodina erkennen kann.

Die kaltschnäuzige Souveränität der Slowaken kontrastiert mit dem tschechischen Kleingeist. Da hat Benesch 1945 die Fürsten von Liechtenstein als Kollaborateure gebrandmarkt, obwohl sie wie alle ihre Untertanen keine Deutschen waren, geschweige denn Sudetendeutsche, sondern „von Liechtensteinischer Nationalität und deutscher Sprache“. In Böhmen gehörten Liechtenstein 600 Hektar Wald sowie Hunderte Grundstücke, dazu in Mähren bei Brünn die Schlösser Valtice und Lednice, beide seit 1996 auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes. Vaduz konnte seinen Besitzstand seit dem Jahre 1236 nachweisen und wandte sich 1947 an das Oberste Verwaltungsgericht in Prag, das den Fall unter Richter Pilik sehr korrekt untersuchte. Es kam zu dem einzig möglichen Schluss, „dass die Liechtensteiner nicht unter die Benesch-Dekrete“ fallen und dass „die Konfiskationen rückgängig zu machen“ seien.

Bevor etwas in dieser Sache geschehen konnte, beseitigte im Februar 1948 der kommunistische „Putsch von Prag“ letzte Reste tschechoslowakischer Demokratie und Rechtssicherheit. Richter Pilík, eben noch korrekter Rechtswahrer, wurde 1951 zusammen mit seinen Kollegen gezwungen, den Spruch von 1947 zurücknehmen. Kurz darauf musste Pilík aus dem Justizdienst ausscheiden. Dr. Emil Sobicka, Rechtsver-treter des Liechtensteiner Fürstenhauses, wurde inhaftiert und in die Urangruben von Jáchymov zur Zwangsarbeit geschickt. Constantin von Liechtenstein, dritter Sohn von Fürst Hans-Adam II., erinnert sich an Prager Rechtsbeugungen: Bis 1951 wurden die Benesch-Dekrete rücksichtslos auf seine Familie angewendet. Diese legte immer neue Beweise vor, die übersehen oder verschwiegen wurden, sie bot der tschechischen Seite eigene Recherchen im fürstlichen Archiv an, offerierte Gemäldeausstellungen aus eigenen Sammlungen. Alles zwecklos, worauf Vaduz härter agierte: Bis Anfang September 2009 war das kleine Fürstentum (160 Quadratkilometer, 38 000 Einwohner) der einzige Staat der Welt, der den Staat Tschechische Republik nicht diplomatisch anerkannte. Jetzt unterzeichneten die beiden Außenminister Jan Kohout und Aurelia Frick ein Abkommen, womit das Problem bereinigt erschien.

Das war es nicht! Liechtenstein sah sich von Tschechien arglistig getäuscht, wie Fürstensohn Constantin rügte: „Im Jahre 2015 entschied sich der tschechische Staat, wieder die Benesch-Dekrete gegen uns anzuwenden.“ Mehr noch: 70 Jahre nach Kriegsende ließ sich Tschechien als rechtmäßiger Eigentümer der liechtensteinischen Besitztümer in die Katasterakten eintragen. Die Liechtensteiner können jetzt nur darauf warten, dass sich Prag internationale Kritik zuzieht für sein rechtloses Vorgehen gegen den sechskleinsten Staat der Welt, der aber wirtschaftlich viele Länder hinter sich lässt.

Was bleibt? Der slowenische Philosoph Taras Kermauner (1930–2005) schrieb 1987 in seinen unvergessenen „Briefen an einen serbischen Freund“, dass die Faszination, die balkanische Völker für Territorium und Volk aufbringen, selbstschädigend ist, wie man z. B. am serbischen Vorgehen im Kosovo und in der Wojwodina erkennen kann. Serben und andere sollten sich lieber ein Beispiel an den Deutschen nehmen: Die hätten im 20. Jahrhundert ein Drittel ihres Territoriums und Volks verloren, aber ein Gemeinwesen errichtet, das weltweit Maßstäbe für Demokratie und Wohlstand setze.

Wolf Oschlies (KK)

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