Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1383.

Auch Denkmale kann man teilen

Erst so und so erst recht wird man ihrer teilhaftig: aus der Arbeit der Deutsch-Polnischen Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz

Der Barockaltar in der Zisterzienser-Klosterkirche Paradies verleitet natürlich zum Wortspiel, wäre da nicht die unübersehbar irdische Tüchtigkeit der DPS und der polnischen Partner
Bilder: der Autor

Der Aufgabe, durch Engagement im Denkmalschutz zur Stärkung der deutsch-polnischen Beziehungen beizutragen, hat sich die Deutsch-Polnische Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz (DPS) verschrieben. Die in Görlitz ansässige Stiftung feiert dieses Jahr ihr zehnjähriges Bestehen. Sie ist ein Beispiel dafür, wie sich unabhängig vom politischen Regierungsalltag deutsch-polnische Zusammenarbeit an der Basis fortentwickelt.

Der DPS ist es zuletzt gelungen, in enger Abstimmung mit den Eigentümern und Restauratoren sowie den Denkmalämtern in Stettin (Szczecin), Grünberg (Zielona Góra) und Allenstein (Olsztyn) die Restaurierung von drei besonders erhaltenswerten Denkmalen voranzubringen und in einem weiteren Fall erfolgreich abzuschließen.

So konnte mit Hilfe der Stiftung 2016 in der Katholischen Pfarrkirche St. Peter und Paul in Marienfelde (Marianka) die Restaurierung der spätgotischen Wandmalereien fortgeführt werden, über die 2012 erstmals berichtet worden ist (siehe KK 1321, „Heilige erscheinen in neuem Schein“). An der östlichen Innenwand des Chors der stattlichen Backsteinkirche kommen die vormals überfassten Darstellungen „Verkündigung“ und „Christus, Gottvater und Heilige Barbara“ nach ihrer meisterhaften Bearbeitung durch die Restauratorin Dr. Joanna Arszynska aus Thorn (Torun) jetzt wieder voll zur Geltung. Die Kosten dieser Etappe 2016 lagen bei 40 000 Euro, wovon die DPS den weitaus größten Teil getragen hat, finanziert durch eine Zuwendung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und eine private Spenderin aus Süddeutschland. Die zuständige Kirchengemeinde in Preußisch-Holland (Pasłek), das zur Woiwodschaft Ermland–Masuren gehört und unweit Elbing (Elblag) liegt, verzeichnet seit einiger Zeit durch die zunehmende Freilegung und fachmännische Restaurierung der wertvollen Wandmalereien ein stetig wachsendes Besucherinteresse, sogar eine Delegation der internationalen Denkmalorganisation ICOMOS (International Council Of Monuments And Sights) hat sich die Fresken angeschaut. Von einer Etappe der Restaurierung zur andern hat sich die Marienfelder Kirche immer mehr zu einem kunstgeschichtlichen und denkmalpflegerischen Kleinod entwickelt. Pfarrer Jan Sindrewicz, der sein bayerisch gefärbtes Deutsch aus seiner Zeit im Freistaat noch nicht verlernt hat, und seine Gemeinde sind mächtig stolz darauf.

Heilige erscheinen in neuem Schein. Bescheiden spätgotische Kostbarkeiten zu beiden Seiten des barocken Altars: „Verkündigung“ und „Christus, Gottvater und Heilige Barbara“

Nahezu 400 Kilometer westlich von Marienfelde, dessen Kirchengemeinde auch noch die nächsten Jahre auf finanzielle Hilfe zur Fortführung und Fertigstellung der Restaurierungsmaßnahmen angewiesen ist, in dem Dorf Niepölzig (Niepołcko), hat die DPS 2016/17 die Instandsetzung eines Gutshauses, eines der wenigen noch erhaltenen repräsentativen barocken Sichtfachwerkbauten in der Woiwodschaft Westpommern, mitfördern können ist. Seit 2009 kümmert sich der in Stettin ansässige Verein zur Förderung der Papiermühle Berlinchen (Barlinek) um Instandsetzung und Revitalisierung von Gutshaus und Park, die in das landschaftlich reizvolle Plöne-Tal eingebettet sind. Soeben konnten an dem Gutshaus die Aufarbeitung und Wiederherstellung von 22 Fenstern abgeschlossen werden, eine Maßnahme, die die DPS einmal mehr als Maßnahmenträger mit Mitteln der Beauftragten für Kultur und Medien gefördert hat.

Die Geschichte des ehemaligen Rittergutes Niepölzig war über Jahrhunderte mit der Geschichte der für die Neumark wichtigen Geschlechter von Waldow, von Schack, von Enckevort, von Schönig, von Papstein, von Mellentin, von Frankenberg sowie der Familien von Kehler und Tuckermann verbunden.

Heute braucht ein Gutshaus wie dieses in Niepölzig keinen Gutsherrn mehr, sondern gute Förderer und gut Geförderte, damit daraus wird, was es ausstrahlt: grund-
solides Gut

Das auf einem sandigen Hügel gelegene Gutshaus wurde 1707–1717 von der Familie von Waldow anstelle eines Vorgängerbaues in die heute Form gebracht. Bedeutende bauliche Erweiterungen ließ der vermögende und weltgewandte Hauptmann Johannes von Kehler um 1910 vornehmen. Er engagierte dazu den Architekten Paul Thiersch, der u. a. einen großen Altan an das Gutshaus anbaute und in nächster Nähe ein hochmodernes Speichergebäude schuf, das ebenfalls noch erhalten ist. Paul Thiersch war ein Neffe des bekannten Baumeisters Friedrich von Thiersch, des Erbauers des Justizpalastes in München, und Assistent von Peter Behrens in Düsseldorf wie auch von Bruno Paul in Berlin, zwei ebenfalls großen Architekten ihrer Zeit. Von Kehlers waren gut mit der künstlerisch-intellektuellen Berliner Szene vernetzt, wodurch es ihnen gelang, ihr Niepölziger Domizil in ein sommerliches Kulturzentrum zu verwandeln, das bekannte Persönlichkeiten aus dem ganzen Kaiserreich anzog. Es weilten dort vor dem Ersten Weltkrieg u. a. der Dichter, Historiker und Übersetzer Friedrich Walter, der Mathematiker Theodor Vahlen, der Schauspieler Heinrich George, der Bildhauer Paul Peterich und die Gebrüder Friderich und Wilhelm Andrae. Die ehrgeizigen Umbaupläne von Kehlers wurden abrupt zunichte gemacht, als der Hauptmann im Ersten Weltkrieg fiel.

Dem Verein zur Förderung der Papiermühle Berlinchen gelang es, das Gutshaus nach 35 Jahren Leerstand mit tatkräftiger finanzieller Unterstützung des polnischen Ministeriums zur Erhaltung des nationalen Erbes etappenweise zu sichern und instand zu setzen. Der Verein, der heute Eigentümer des Anwesens ist, plant im Gutshaus ein Museum, das über das Plöne-Tal informiert, und eine Ausstellung zur Geschichte des ehemaligen Ritterguts Niepölzig. Darüber hinaus möchte er das Gutshaus künftig unter der Bezeichnung „Musik-Gutshaus“ Künstlern und Touristen zur Verfügung stellen.

Die Förderprojekte 2016/2017 Nummer 3 und 4 der DPS sind in der Woiwodschaft Lebus (Lubuskie) verortet und infolge der guten Kontakte der Stiftung zur Leitung des Woiwodschafts-Denkmalamts in Grünberg (Zielona Góra) und lobenswert fleißiger Zuarbeit der Denkmaleigentümer zustande gekommen. Eines der Lebuser Projekte betraf den spätbarocken Hauptaltar in der ehemaligen Zisterzienser-Klosterkirche Paradies (Goscikowo-Paradyz).

Die DPS hat hier aktuell die dritte Etappe zur Freilegung des bauzeitlich polychromen, reich vergoldeten, aber im 20. Jahrhundert komplett weiß überfassten monumentalen Altars (1736–1739) fördern können. Auch wenn der Altar 2017 dem 280. Jubiläum des Beginns seiner Errichtung entgegensieht, wird die Restaurierung dieses monumentalen Kunstwerks, das die auch in der Klosterkirche im brandenburgischen Neuzelle tätige Bildhauerfamilie Hennevogel und der begnadete schlesische Maler Anton Scheffler erschaffen haben, erst in den nächsten Jahren abgeschlossen werden können. Als dringende Fortführungsmaßnahmen stehen noch die Konservierung und Restaurierung der beiden in ihrer Substanz akut gefährdeten Altargemälde von Scheffler, „Himmelfahrt der seligen Jungfrau Maria“ und „Apotheose des Hl. Martin“, an.

Last but not least verdient es die 2016/2017 mit Förderung der DPS durchgeführte Außen- und Inneninstandsetzung der Heiliggrab-Kapelle in Sagan (Zagan), besonders gewürdigt zu werden. Die Deutsch-Polnische Stiftung hat bei diesem dem über 500 Jahre alten Heiligen Grab in Görlitz nachgebildeten Bauwerk – beide Objekte sind solitär errichtet, stehen heute in Verbindung mit einer Friedhofsanlage und gehen auf das Erscheinungsbild der Heiliggrab-Kapelle in Jerusalem bis 1555 zurück – mitgeholfen, Innenraum-Feuchteschäden zu beseitigen und die Außenfassade zu reinigen und zu restaurieren einschließlich Neuverfugung der Natursteinquader. Abgeschlossen wurden die Außenarbeiten an der auf 1598 datierten Heiliggrab-Kapelle in Sagan im Juni 2017.

Steinernes Zitat aus Jerusalem, abgewandelt nach Görlitzer Vorbild in Sagan: Heiliggrab-Kapelle

Beide Projekte, an der Heiliggrab-Kapelle in Sagan und am barocken Hauptaltar in Paradies, wurden von der Arbeitsgemeinschaft Konsorcjum Monument Service Marcin Kozarzewski, Michałowice und Gorek Restauro Sp. z o.o. Spólka Komanytowa, Warschau, ausgeführt. Die Resultate der von der DPS wiederum als Maßnahmenträger mit Mitteln der Beauftragten für Kultur und Medien und von fachkundiger polnischer Restauratorenhand durchgeführten Arbeiten sind im Winter 2017 im Schloss in Sagan der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt worden. Unter den zahlreichen Teilnehmern, die Pfarrer Jaroslaw Štós und Bürgermeister Sławomir Kowal als Veranstalter im Festsaal begrüßen konnten, war auch Vizewoiwode Robert Paluch. Die Begegnungen bei der Präsentation der Restaurierungsergebnisse mit Empfang im Schloss wie auch bei dem anschließenden Festmahl, zu dem die Kirchengemeinde als Eigentümer der kostbaren Heiliggrab-Anlage in das Pfarrhaus eingeladen hatte, haben die anwesenden DPS-Vertreter als intensive deutsch-polnische Völkerverständigung erlebt.

So trägt die DPS mit ihren Denkmalinstandsetzungsprojekten in Polen, die ihr vor allem durch die Förderung der Bundesrepublik Deutschland und hier insbesondere seitens der Beauftragten für Kultur und Medien ermöglicht werden, auch in politisch schwierigeren Zeiten zur Stärkung der deutsch-polnischen Beziehungen bei. Die Denkmale mit doppelter Identität, um deren Erhaltung die DPS sich außerdem dank privater Spenden in Polen kümmern kann, sind Bestandteil des europäischen Kulturerbes, das von den Mitgliedsländern der Europäischen Union, allen voran Deutschland, im nächsten Jahr besonders gewürdigt wird. Denn 2018 wird das European Cultural Heritage Year (ECHY) mit zahlreichen Veranstaltungen unter dem Motto „Sharing Heritage – Kulturerbe miteinander teilen“ begangen.

Peter Schabe (DPS – KK)

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