Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1386.

„Auswanderungsharmonie der Kinder Gottes“

Ein Studientag zur schwäbischen Auswanderung in den Kaukasus

Die Siedler mögen sich die Zukunft in helleren Farben ausgemalt haben, als der Maler sie für seine Darstellung gewählt hat: Viktor Hurr, Beim Bau der Helenendorfer Kirche St. Johannis
Bild: Landsmannschaft der Deutschen aus Russland

Anlässlich der Auswanderung von Schwaben nach Georgien vor 200 Jahren fand im Evangelischen Oberkirchenrat in Stuttgart ein deutsch-georgischer Studientag statt. Angelehnt an das Motto des deutsch-georgischen Kulturjahres 2017/2018, „Zukunft erben“, lautete der Titel des Studientages „Vergangenheit erinnern – Zukunft erben. 200 Jahre schwäbische Auswanderung in den Kaukasus und ihre Bedeutung bis heute“. Die Evangelische Landeskirche in Württemberg unterhält seit vielen Jahren eine Partnerschaft mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Georgien. Diese geht in ihren Ursprüngen zurück auf schwäbische Einwanderer, die sich ab dem Jahr 1817 im Kaukasus ansiedelten.

Dr. h. c. Frank Otfried July, der Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, nahm in seinem Grußwort dieses Motto auf und sprach sich für ein stärkeres Geschichtsbewusstsein in Kirche und Gesellschaft aus. „Wer die Vergangenheit verdrängt, wird keine Zukunft haben“, sagte er. Die Erinnerung an die alte Heimat im Kaukasus helfe Verbindungen wiederzubeleben, die wichtig für die Gegenwart und die Zukunft seien. Der Austausch mit Christen aus Georgien bereichere die christliche Gemeinschaft auch in Württemberg. In einer globalisierten Welt sei es gut, wenn sich Christen weltweit vernetzen und eine christliche Gemeinschaft bilden.

Die Ansiedlung von etwa 2500 evangelisch-lutherischen, aber zugleich auch kirchenkritischen, pietistischen und separatistischen Schwaben im Kaukasus ab dem Jahr 1817 legte den Grundstein für die evangelisch-lutherische Kirche in der Region. Hans-Joachim Kiderlen, der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Georgien, mahnte, beim Rückblick auf die 200-jährige Geschichte solle man nicht nur auf Idyllisches wie den Aufbau von Siedlungen und die Landwirtschaft schauen. So habe es unter den Deutschen auch Abschottung gegen die örtliche Kultur und Bevölkerung gegeben, religiöse Streitigkeiten und sektiererische Umtriebe. Kiderlen dankte der württembergischen Landeskirche für die Partnerschaft, die seit Ende der 90-er Jahre besteht und mit einem Partnerschaftsvertrag im Jahr 2004 besiegelt wurde.

Im Jahre 1815 gründete der aus Schwaikheim bei Stuttgart stammende Erbauungsstundenleiter Georg Friedrich Fuchs einen Auswanderungsverein und nahm Kontakt zur russischen Gesandtschaft in Stuttgart auf. Er und seine Sympathisanten verkauften ihr Hab und Gut und beantragten die zur Auswanderung erforderlichen Papiere. Als Fuchs 1816 zusammen mit rund 40 Familien aus seiner Gemeinde in den Südkaukasus auswanderte, war er Vorreiter einer regelrechten Emigrationswelle von schwäbischen Pietisten. Fast zur gleichen Zeit erschien in Marbach am Neckar ein Aufruf zur Gründung einer „Brüderlichen Auswandererharmonie der Kinder Gottes“. Die Auswanderung aus dem vermeintlichen „Sündenbabel“ und die innere Sammlung waren Teil der Vorbereitungen auf die Wiederkunft Christi. Mit dem Ziel, die Auswanderung in den Kaukasus vorzubereiten, entstanden weitere „Harmonien“ u. a. in Esslingen, Reutlingen, Plattenhardt, Nagold, Freudenstadt und Bösingen im Schwarzwald. Darüber hinaus kamen Auswanderungswillige u. a. aus Orten auf der Schwäbischen Alb.

Bei den württembergischen Pietisten war die Vorstellung vom baldigen Ende der Welt, prognostiziert für das Jahr 1836, und der unmittelbar bevorstehenden Wiederkunft Christi bereits seit Jahrzehnten weit verbreitet. Christus werde sein Tausendjähriges Friedensreich aufbauen und die Welt vom Berg Zion aus beherrschen. Jerusalem aber war als Teil der muslimischen Welt unerreichbar, weshalb auch andere Ziele ins Blickfeld rückten. Im südwestdeutschen Raum verbreitete u. a. Juliane Barbara von Krüdener die Vorstellung von der heilsgeschichtlichen Bedeutung des Zarenreiches Russland. So wies Krüdener konkret auf den Kaukasus als Zufluchtsstätte hin.

Die Gründe der Auswanderungswelle von 1816/17 waren jedoch vielschichtiger. Religiöser Schwärmergeist, endzeitlicher Eifer und Differenzen mit der evangelischen Amtskirche gehörten ebenso dazu wie Kriege, kriegsbedingt hohe Steuerlasten, Plünderungen und Truppeneinquartierungen im Zuge der Befreiungskriege gegen Napoleon seit 1813. Die desolate Wirtschaftslage im Handwerk und im Gewerbe und eine gerade im evangelischen Württemberg um sich greifende Massenarmut waren weitere Gründe.

Der Ausbruch des Vulkans Tambora auf der östlich von Java gelegenen Insel Sumbawa (heute Indonesien) im April 1815 veränderte das globale Klima nachhaltig. Das Jahr 1816 wurde zum „Jahr ohne Sommer“, das folgende Jahrzehnt zum kältesten des 19. Jahrhunderts. Ernteausfälle, enorme Preissteigerungen und Hungersnöte waren die Folge. Die erhöhte Sterblichkeit führte zu einem starken Rückgang der Bevölkerung. Doch die ökonomische Krise traf nicht alle gleich. Profiteure der Krise waren Metzger, Bäcker, Wirte und Kaufleute. In der württembergischen Bevölkerung verschärften sich die sozialen Gegensätze. „Die Ausgewanderten gehörten meist zu den Armen“, heißt es in einem im Jahre 1869 in Tiflis erschienenen Gedenkbuch anlässlich des 50-jährigen Bestehens der deutschen Kolonien in Transkaukasien.

Das Zarenreich Russland warb damals um Siedler aus Mitteleuropa. Mehrere Tausend von ihnen wurden am Schwarzen Meer um Odessa angesiedelt, nur eine kleine Gruppe pietistischer Auswanderer aus Württemberg zog weiter in den Südkaukasus. Die hygienischen Verhältnisse dieser mehrere Wochen, ja Monate langen Reise waren verheerend. Weit mehr als 1000 Menschen starben dabei. Unter schwierigsten Bedingungen gründeten die Ankommenden im Südkaukasus eine Reihe von Siedlungen, insgesamt 23, mit so wohlklingenden Namen wie Alexandersdorf, Marienfeld, Traubenberg, Rosental, Hoffnungstal, Lindau, Helenenfeld, Freudental.

Akribisch erfasst, zartfühlend gezeichnet: Die georgische Restauratorin Nestand Tatarashvili dokumentiert Siedlerbauten
Bild: der Autor

Die georgische Architektin und Restauratorin Nestan Tatarashvili aus Tiflis erforscht seit vielen Jahren die erhalten gebliebenen Bauwerke der deutschen Siedler. In ihrem Vortrag skizzierte sie deren Architektur und Erhaltungszustand. Zurzeit seien mehr als 1200 Bauwerke erfasst. Fast alle Wohnhäuser und Wirtschaftsgebäude seien so gebaut worden, wie sie auch in Schwaben üblich waren. Erst die Siedlungen der späteren Generationen hätten auch lokale Traditionen der benachbarten, nichtdeutschen Baukunst aufgenommen. Neben den Wohnhäusern würden auch Kirchen, Friedhöfe, öffentliche Parkanlagen und Bauwerke der Infrastruktur untersucht und deren Erhaltungszustand erfasst. Bedeutsam in ihrer Anzahl seien die Wohnhäuser in den Dörfern Elisabethtal (gegründet 1818, heute Assureti), Katharinenfeld (1818, Bolnissi), Alexandershilf (1857, Trialeti), Waldheim (1911, Ipnari). Die meisten Häuser seien aber in einem beklagenswert schlechten Zustand.

Der Studientag fand seine Fortsetzung mit einem Vortrag von Professor Dr. Oliver Reisner von der Staatlichen Ilia-Universität Tiflis über „Religion und religiöse Minderheiten in Georgien heute“. Rund 83 Prozent der 3,7 Millionen Einwohner gehören Reisner zufolge der orthodoxen Kirche an. Das Land sei zwar ein säkularer Staat, räume den Orthodoxen aber eine Sonderstellung ein. Aus dem Staatsbudget flössen jährlich knapp sieben Millionen Euro an die orthodoxe Kirche, aber nur 270 000 Euro an alle anderen Religionsgemeinschaften. Außerdem hätten nur die Orthodoxen im Kommunismus konfiszierte kirchliche Gebäude zurückerhalten, andere Konfessionen dagegen nicht.

Reisner zufolge ist das Interesse der Georgisch-Orthodoxen Kirche an ökumenischer Zusammenarbeit kaum vorhanden. Die nationale Machtstellung mache „nicht offen für ökumenische Gedanken“. Die Kirche war vor zwanzig Jahren aus dem Ökumenischen Rat der Kirchen und der Konferenz Europäischer Kirchen ausgetreten.

Reisner beschrieb auch die Situation der evangelisch-lutherischen Kirche in Georgien. Ihre Wurzeln sind in der vor allem von Württemberg ausgegangenen Auswanderung in den Jahren 1817/18 zu finden. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann der Wiederaufbau der Gemeinden, zunächst in Tiflis durch die Adventistenprediger Johann und Alexander Dreiling, später durch Bischof Dr. Gert Hummel. Von 1995 bis 1997 wurde in Tiflis auf dem ehemaligen deutschen Friedhof die Versöhnungskirche mit Gemeindezentrum und Pfarrhaus gebaut. Mitte 1999 fand die erste regionale Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Georgien statt. Heute habe die ELKG etwa 800 Mitglieder.

Musik und Lebenszeugnisse aus Georgien standen weiter auf dem Programm des Studientages. Die Innenarchitektin Verena Huber aus Zürich berichtete von ihrer Forschung über eine Pfarrfamilie der Basler Mission im Südkaukasus. Christiane Hummel, ehemalige Leiterin des Diakonischen Werkes der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Georgien, sprach über die Neugründung der kleinen Kirche nach Ende der Sowjetzeit. Die in Stuttgart ansässige georgische Musikerin Russudan Meipariani gewährte Einblick in die Situation junger Menschen in Georgien nach der Unabhängigkeitsbewegung. Zudem gab sie Kostproben ihrer Eigenkompositionen nach georgischer Dichtung am Flügel und mit Gesang.

Die Besucher des Studientages kamen anschließend in Kleingruppen zusammen, um Themen wie die Vertreibung der Deutschen in der Sowjetzeit, die Situation der Evangelischen in Georgien oder Möglichkeiten des Kulturaustauschs zu besprechen. Schlusspunkt des Tages bildete der Besuch im „Theater am Faden“ mit einem Stück über den georgischen Maler Pirosmani.

Carsten Eichenberger (KK)

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